Älter werden, langsamer laufen – besser sein.

Ich erinnere mich noch gut an die beste Schicht in meiner Studienzeit, als ich mit dem Taxi ein recht stattliches Sümmchen verdient hatte. Es war die beste Schicht meines Lebens, nie wieder kam eine daran. So ist das auch mit absoluten Bestzeiten, wenn man älter wird – es wird eine in der Vergangenheit gewesen sein, an die man sicher oder vermutlich nie wieder rankommt.

Alt, langsam, aber zufrieden.

3:14,23 stehen als Bestzeit in den Büchern für mich auf der Marathondistanz. Es ist also nicht allein Koketterie, wenn ich sage, dass 4:32,35 auf der gleichen Entfernung für mich kein Grund sind, vor Jubel in die Luft zu springen. Das ist weit, sehr sehr weit von meiner Bestzeit weg.

Ob ich die jemals noch verbessern kann – wir werden sehen, das soll für dem Moment aber auch unwichtig sein.

Ich werde 50 Jahre alt dieses Jahr und wie mit jeder Nullung (oder eben auch Fünfung) wechselt man die Altersklasse. AK50 nun also. (Meinen ersten Marathon lief ich in AK40 in 4:01,19).

Es ist also ziemlich klar: Ich werde langsamer. Das Alter spielt dabei eine Rolle. Viel wichtiger ist natürlich das nicht ausreichende Training. Das zeitigte sich überdeutlich beim 17. LLG Kevelaer Marathon. Dort bin ich als „Trainingsmarathon“ in Vorbereitung auch schon mal 3:45 gelaufen – weil es ging.

Der Lauf in Kevelaer hat also zwei Dinge in mir ausgelöst und mich ins Grübeln gebracht.

Das erste ist Stolz. Das ist im allgemeinen nicht so meine Welt. Aber je weiter die einstigen Ergebnisse entfernt und unerreichbar scheinen, desto klarer wird mir überhaupt erst, was ich bereits erreicht habe. Kann man auch mal sagen – gar nicht so schlecht! Ich bin also mit reichlich Verzögerung sehr zufrieden mit meinem früheren Läuferselbst. Auch was wert!

Das zweite ist eine Neueinordnung. Mit dem höheren Alter wird es zwangsläufig schwerer, die Leistungen eines jüngeren Körpers abzurufen. Ich wollte eigentlich deswegen mehr auf meine Platzierungen innerhalb meiner Altersgruppe schielen – vielleicht kann ich in AK50 ja mehr reißen als in AK45. Dann wäre ich besser geworden mit schlechteren Zeiten. Davon kann nun ausgerechnet in Kevelaer keine Rede sein. Nur fünf von 40 Läufern waren in meiner Altersklasse noch langsamer als ich. Und so nett die aufmunternden Worte eines Staffelläufers gemeint waren, in denen er mir sinngemäß sagte, dass ein Marathon zu finishen doch schon toll sei – was soll ich sagen? Die Zeit ist lausig, von da, wo ich komme, ist das einfach schlecht.

Aber egal. Denn – das Jahr ist jung. Und wo stehe ich eigentlich wirklich? In Kevelaer starten eben nur die emsigsten – die sind dann auch fix. Altbekannte Gesichter – erfahrene Läufer. Und ich, der Norseman, der die zweite Hälfte 2018 den Ausflügen und der Familie widmete. Ich selber bin hingefahren und wollte eines: Durchlaufen. Für exakt das Ziel hat der Wille gereicht. Aber auch das: Muss man ja erstmal machen. Ich bin zufrieden mit mir, denn ich wollte nicht hinschmeißen, sondern ums Verrecken ankommen. Ein kleiner Sieg.

Erst heute allerdings fällt mir auf, dass ich tatsächlich auch „besser“ geworden bin. Und zwar im Vergleich zur gleichen Zeit im Vorjahr – da war ich trotz der wilden Entschlossenheit den Norseman gründlich vorzubereiten dennoch läuferisch Anfang des Jahres noch schlechter unterwegs. Überrascht mich selbst, ist aber ziemlich eindeutig. Die 42 Kilometer des Kevelaer-Marathon bin ich im Schnitt mit einer Pace von 6:27 min/km gelaufen (was wahrlich nicht schnell ist). Aber – die 30 Kilometer beim jährlichen Ultramarathon in Rodgau-Dudenhofen (Bestzeit über 50km: 4:27), die ich 2018 absolvierte im Rahmen des Formaufbaus bin ich sogar lediglich mit einer Pace von 6:44 gestolpert. Und ich kann versichern: Die letzten zehn Kilometer davon waren auch kein Vergnügen.

Und mit der Laufform von Februar 2018 habe ich mich im Rest des Jahres sogar ziemlich gut geschlagen dort, wo es drauf ankam.

Ich bin also offensichtlich schon jetzt in einer besseren Verfassung als noch vor einem Jahr. Wer hätte es gedacht. Ich sicher nicht. Da freue ich mich jetzt drüber und fortan auf Rodgau 2019, wo ich vielleicht ein wenig keck bin und mal wieder ein Zeitziel haben werde: Unter fünf Stunden wäre toll. Wird hart genug, aber es ist der Kopf, der einen leitet. Ankommen sehe ich zumindest nun als Pflicht an.

Besser werden ist das neue schnell sein.

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Danke. Beruhigend und bestätigend. Das habe ich gerade gebraucht.
    Den passenden Hashtag verkneife ich mir. 😉