Das hat länger gedauert als geplant. Aber Aufgeben bereut man – sagt Andreas Raelert

Das war nicht so geplant. Gefühlt war ich noch auf dem fünf Kilometer langen Rundkurs des Ultramarathons in Rodgau-Dudenhofen unterwegs, als die ersten fixen Läufer und Schreiber bereits ihre Berichte veröffentlicht hatten. Meiner kommt halt später ins Ziel. Wie ich selbst dort auch. Aber er kommt. Hier.

Ich war gesund, nicht verletzt, eigentlich auch ganz anständig vorbereitet – mein Rennen war an dem Tag dennoch von Kilometer 1 an unerquicklich und so kam es, wie es kommen musste: Spätestens ab Kilometer 30 war der Ofen ganz aus und die letzten 20 Kilometer – also vier Runden – bin ich zu guten Teilen gegangen, statt gelaufen. Durchgezogen. Fünf Stunden 33 Minuten war ich unterwegs. Warum habe ich nicht aufgegeben? Warum geht man ins Ziel, wenn es keinen sportlichen Sinn mehr hat?

Antworten darauf erhoffte ich mir von Andreas Raelert. Der Rostocker ist einer der erfolgreichsten Langdistanztriathleten Deutschlands, mit Podiumsplätzen bei der Weltmeisterschaft in Kona, Hawaii – dem Ironman-Event schlechthin. 2013 musste der Athlet wegen einer Verletzung aufgeben. 2014 erwischte ihn in aussichtsreicher Position auf Platz zwei eine Magenverstimmung. Raelert ging ins Ziel. Lange, schwere Stunden.

Und damit beginnt das Interview:

Andreas Raelert – ausnahmsweise mal nicht in Bewegung. ((c) Raelert)

Herr Raelert, Sie sind 2014 im Marathon des Ironman auf Hawaii wegen Magenproblemen gegangen und sind entsprechend viele Plätze zurückgefallen. Sie hätten aufgeben können. Warum sind Sie bis in Ziel gegangen?

Leider musste ich das Rennen auf Hawaii bereits im Jahr zuvor auf Grund einer Verletzung vorzeitig aufgeben, es war das erste Mal überhaupt in meiner Karriere, dass ich einen Wettkampf nicht bis ins Ziel bringen konnte. Dies war insbesondere bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii eine extrem schmerzvolle Erfahrung. Ich habe mir deshalb 2014 auf Hawaii geschworen, dass ich, egal, wie das Rennen verlaufen würde, es dennoch beenden würde. Denn wenn man nach einer Aufgabe später im Hotelzimmer sitzt und erst einmal froh ist, dass man das Leiden verkürzt hat, weil es dadurch zunächst einfach mal vorbei ist, dann quält man sich später dann doch. Die Unzufriedenheit ist dann größer denn jemals zuvor. 2013 musste ich aussteigen wegen der Verletzung, dazu gab es leider keine Alternative. Aber wenn nicht eine Verletzung auftritt, dann gibt es für mich keinen Grund auszusteigen. Auch wenn dies wie 2014 auf Hawaii bedeutet, dass ich die Hälfte des Marathons gehen muss.

Das klingt zunächst ganz simpel….

Wenn’s läuft, läuft’s richtig schnell für Andreas Raelert. ((c) Raelert)

….vielleicht, aber auf der anderen Seite ist ein solcher Moment eine sehr große Prüfung. Wenn man nicht mehr laufen kann und zu gehen beginnt – ich lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz zwei mit großen Ambitionen, den vor mir liegenden Sebastian Kienle, der das Rennen später ja gewann, doch noch einzuholen – dann wird man mit der Tatsache konfrontiert, dass nach sieben Stunden Renndauer alles, was man sich so extrem hart erarbeitet ha, mit einem Mal verloren ist. Ich habe ja mehr als drei Stunden Zeit für die zweite Hälfte des Marathons gebraucht – das ist sehr viel, oder besser: zu viel Zeit um nachzudenken.

Haben Sie in dieser Zeit ihren festen Willen nicht aufzugeben, in Frage gestellt?

Oh, ja! Zwischendurch kamen schon erhebliche Zweifel. Mir wurde schon bewusst, dass ich mindestens noch Stunden unterwegs sein werde. Die Enttäuschung auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Zeit, darüber nachzudenken und in sich zu kehren, das ist eine harte Prüfung. Die Träume und Wünsche, die an diesem Tag dahingeflossen sind – das geht einem alles durch den Kopf. Mit dieser Enttäuschung umzugehen bei so viel verbleibender Zeit – das war zwar sehr demotivierend für den Kopf, aber am Ende hat der Entschluss, das Ziel zu erreichen, nicht gewackelt. Als ich dann die Ziellinie überquert habe, war ich dann neben der Enttäuschung über das Rennen an sich zugleich auch froh, dass ich es geschafft habe.

Warum?

Da ist so viel Vorbereitung zu leisten auf ein solches Rennen wie den Ironman Hawaii. Es sind so viele Entbehrungen erforderlich, die ich und meine Familie aufgebracht haben. Das wollte ich nicht hergeben, in dem ich den einfacheren Weg gewählt hätte anstatt mich diesem Moment zu stellen.

Tief sitzen, schnell fahren. ((c) Raelert)

Ist also ein Teil der nötigen Verarbeitung der Enttäuschung schon im Rennen erfolgt? 

Vielleicht. Das ist eine sehr extreme Erfahrung. Es ergibt sich eine große Sinnfrage, warum das alles zerplatzt. Man muss schließlich noch mal ein Jahr warten, um genau wieder an dieser Stelle zu stehen. Alle diese Gedanken in diesem Moment zu verarbeiten, wäre dann doch schwer. In der Rückschau ist es aber wohl doch so, dass die Verarbeitung bereits während des Rennens beginnt, denn auf den letzten Metern vor der Ziellinie war für mich der klare Entschluss gefallen, es im Jahr darauf wieder auf Hawaii zu versuchen. Ich habe akzeptiert, dass die Situation so ist, wie sie ist. Ich wollte mich nicht mit einem negativen Gefühl verabschieden von der Insel. Ich hatte im Ziel schon wieder die Motivation getankt, das Abenteuer Hawaii wieder anzugehen.

Was dann 2015 mit einem zweiten Platz und dem fünften Mal auf dem Treppchen des Ironman auf Hawaii ja auch hervorragend lief. Das Elend zweier unglücklicher Rennverläufe erfolgreich überwunden. 

Ja, aber ich habe, ganz unabhängig von Hawaii, für mich die Erkenntnis gewonnen, dass die Hürde im Kopf, wenn man ein Rennen nicht zu Ende bringt, noch höher wird. Wenn man mehrfach aussteigt, dann verselbstständigt sich der Effekt und man gibt beim nächsten Mal noch schneller auf. Deswegen würde ich jedem raten – egal ob im Sport oder in den klassischen Bereichen des Lebens – das, was man sich zum Ziel gesetzt hat, auch durchzuziehen, selbst wenn das Ergebnis nicht das ist, das man sich vorgenommen hatte. Es ist besser, die Dinge abzuschließen. Später grämt man sich sonst immer. Auf diese Weise findet man viel eher zu seinem Seelenfrieden.

Es gibt – leider sehr lustige – Videos von frustierten Profisportlern, die bei einem schlechten Rennverlauf ihre Aggression am Sportgerät auslassen. Sowas kam Ihnen nie in den Sinn?

Nein, gar nicht. Ich habe schon einige emotional anspruchsvolle Szenen auf Hawaii erlebt. Selbst 2015 gab es das, als ich Zweiter wurde, da ich wegen eines Plattens beim Radfahren den Kontakt zur Spitze verloren hatte. Das sind Gegebenheiten, die passieren können. Und ich war da sehr glücklich, dass ich meine Emotionen unter Kontrolle hatte. Ich habe erkannt, dass ich meine Situation nicht mehr ändern, nur noch verschlechtern kann. Eine gewisse Coolness und Ruhe zu bewahren, hat mir immer geholfen.

Im Wasser sind alle Triathleten gleich. Gleich schlecht zu erkennen. Aber es ist Andreas Raelert. ((c) Raelert)

Ein negativer Rennverlauf ist im Kopf also gar nicht so viel anders als ein positiver?

Ganz genau. Am schlimmsten ist einfach der Kontrollverlust, das wünscht sich keiner. Deshalb ist es wichtig, sich auf sich selbst zu konzentrieren und die Dinge, die passieren zu akzeptieren. Krisenmanagement heißt dann, in dem problematischen Moment eine Lösung für dich zu finden. Es hilft ja nichts, wenn man mit dem Frust noch mehr Energie verschwendet. Wenn ich an meine Magenprobleme auf Hawaii zurückdenke, die musste ich selbst verantworten, da konnte ich eh niemanden beschimpfen. Ich hatte zuvor eben bestimmte Warnsignale ignoriert. Das war dann auch ein frustierender Moment, dass ich es akzeptieren musste, dass ich mir die Probleme selbst eingebrockt habe, weil ich von meinem vorher gesteckten Fahrplan abgekommen bin. In dem Moment ist es deine Schuld. Andererseits ist es auch gut, wenn es keinen anderen Schuldigen gibt außer einen selbst.

Als Profi sind Rennen natürlich Teil ihrer Arbeit, anzukommen, gut zu platzieren hat für Sie eine andere Bedeutung als uns Amateure. Wir müssen nichts derartiges tun, es ist unser Hobby. Würden Sie dennoch auch Amateuren raten, ein Rennen, das schief läuft zu Ende zu bringen? Vorausgesetzt es liegen keine Verletzungen vor? Was geben Sie uns Normalsterblichen mit?

Haha! Ich bin doch ganz genauso ein Normalsterblicher. Unbedingt und absolut. Wichtig ist natürlich, dass die Gesundheit nicht auf dem Spiel steht und ein Risiko entsteht. Aber nicht aufzugeben im Rennen, diese Haltung würde ich auf alle möglichen Situationen im Leben übertragen. Da sind Ironman-Wettkämpfe oder andere Ausdauerwettbewerbe stellvertretend fürs Leben. Es gibt dieses eine große Ziel – man erreicht es nicht hundertprozentig, aber man opfert alles dafür und gibt deshalb auch nicht auf. Diese Zufriedenheit, es trotz Problemen zu Ende gebracht zu haben, ist eine viel größere Genugtuung als die vergleichsweise kleine und nur kurze Erleichterung in den schweren Momenten, aufhören zu können.

Vita: Andreas Raelert ist einer der erfolgreichsten Triathleten der Welt. Er wurde 1976 in Rostock geboren. Er wurde 2012 Triathlon-Europameister auf der Mitteldistanz, ist zweifacher Olympionike (2000, 2004), mehrfacher Ironman-Sieger sowie dreimal Zweiter bei der Ironman World Championship auf Hawaii (2010, 2012 und 2015).

 

 

 

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Andy Raelert wie man ihn kennt und schätzt. Stark, fair, menschlich und Vorbild. Sehr gutes Interview.