Mir reicht’s! Die Apple Watch Series 2 im Test

Die Aufregung war kleiner als Apple den Nachfolger seines ersten Modells der „Watch“ vorgestellt hat. Im Autobau würde man auch eher von „Modellpflege“ sprechen. Hier was mehr, da was weniger, bisserl aufhübschen, bisserl was mehr an Technik aber nicht wirklich ein von Grund auf neu durchgeplantes Produkt.

Je nach Ihrer emotionalen Verbindung zu Apple können Sie sich also einordnen auf einer Skala von „Kälterer Kaffee als im Büro“ über „Jetzt wird’s interessant“ bis zu „Ich kaufe eh alles von Apple, solange es kein Golden Delicious ist“. Das Produkt ist dadurch kein anderes.

Im ersten Test einer Apple Watch habe ich versucht, den Spieß umzudrehen, und nicht zu fragen, was kann sie, sondern versucht zu beantworten, wie weit ich denn als Hobbysportler mit der Uhr käme, wenn ich sie eh gerne kaufen möchte. Reicht sie für meine Bedürfnisse? Und im Groben gilt das auch heute noch so für die Apple Watch Series 1.

Für die Series 2 gilt ebenfalls noch immer: Sie ist keine Sportuhr. Sie will es nicht sein. Sie will Smartwatch sein für Menschen, die einen „aktiven Lebensstil“ führen. Sie ist ausdrücklich nicht so positioniert, wie die Markengurus immer sagen, dass sie den Wettbewerb sucht mit den Uhren der Spezialisten für Hobbysportler. Gleichwohl, diese Spezialisten schicken sich an, ihre ureigenen Gefilde zu verlassen und bieten von Zwittern wie der Polar M600 bis zu getarnten aber vollumfänglichen Sportuhren alles an. Der Vorteil: Alle Mitbewerber bieten einer größeren Gruppe von Menschen etwas.

Nun ist in der Gruppe dazugekommen die Applewatch Series 2, die parallel zur ersten verkauft wird. 100 Euro Unterschied. Zur entscheidenden Frage: Ja, als Hobbysportler bei Wunsch nach der Apple Watch zur Series 2 greifen. Zwei Gründe:

  • GPS
  • Wasserdicht

Nun ließe sich über beides sogar trefflich streiten. Denn auch die Series 1 ist im weiteren Sinne ziemlich wasserdicht, ich habe mit ihr geduscht, bin geschwommen – nix passiert. Der Hersteller übernimmt aber keine Garantie. Tut er bei der Series 2 sehr wohl. Die Uhr wird ja in der Werbung nicht ganz umsonst immer so gezeigt, als tauche sie gerade aus dem Wasser auf wie ein Davidoff-Parfüm-Model.

Das GPS – wer mit Telefon Sport betreibt, braucht auch das nicht wirklich. Wer wie ich nie mit Telefon Sport betreibt, der findet es super.

Und damit zur ersten Zwischenbilanz: Die Apple Watch 2 ist eine vollwertige Sportuhr. Punkt. Es gibt bessere im Sinne von mehr Ausstattung, es gibt schlechtere. Aber sie ist – auch in jeder Version und nicht nur der Nike-Super-Druper-Variante – nun mit allem ausgestattet, was eine sehr große Gruppe an Hobbysportlern benötigt.

Kommen wir zum Detail und wieder nähere ich mich über die Frage, bis zu welchem Punkt ich die Uhr empfehlen würde.

Ziel: Fitness verbessern

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Ein Ton entfernt Wasser aus dem Lautsprecher. Kurios, zweifelsfrei.

Klingt Banane, wer will das nicht? Die eine hievt Hanteln, der nächste spint auf dem Spinningrad, die eine radelt um die Welt, der nächste kommt kaum vom Sofa runter, um sich mal zu strecken und das als Erfolg zu feiern. Nudging. Das ist ein Stichwort, das die Politik umtreibt, wie bekommt man Menschen dazu, Strom zu sparen oder Müll zu trennen, ohne sie belehren. Nudge, nudge, say no more… Fans von Monty Python’s Flying Circus kennen das. Die Szene, wo der eine Mann den anderen anstupst. Das macht Eric Idle, das macht die Kanzlerin, das macht die Apple Watch. Ihre allgemeinen Einstellungen sind so, dass sie regelmäßig daran erinnert, aufzustehen. Das soll – unabhängig vom am Tag bereits geleisteten – dazu animieren, mal kurz den Körper zu bewegen. Ich streune, wenn der Befehl kommt, tatsächlich öfter mal über den Büroflur.

Atmen! Wer tut es nicht? Wie lieben es. Die Apple Watch nudgt mich auch dazu. Zum bewussten tiefen Einatmen. Eine Minute. Ein wachsender und schrumpfender Kreis und eine intensiver werdende Vibration führen einen geradezu durchs Atmen. Wer sich drauf einlässt, findet zum einen tatsächlich kurz einen Moment der Ruhe und zum anderen, dass eine Minute ganz schön lang sein kann.

Diese Kleinigkeiten, bevor ich überhaupt nur den Schrittzähler betrachtet habe, bringen winzige Veränderungen in mein Leben. Die drei typischen Kreise, mit denen die Uhr darstellt, wie viel ich von meinen Zielen bezüglich Bewegung und Stehen erreicht habe, tun das übrige.

Ziel: Sport machen

Wandern, Laufen, Schwimmen, Radeln, Fitnessstudio. Am Ende sind es doch diese Dinge, die das Gros der Bewegung ausmachen, wenn Menschen sich sportlich betätigen wollen. Und die Workout-App der Applewatch zeichnet von Stepper über Indoor-Radfahren oder gar Rudergerät eine erstaunliche Anzahl an Sportarten auf. Der wohl größte Gewinn gegenüber dem Vorgänger: Sie ist wasserdicht und zählt sogar Bahnen im Schwimmbecken. UND misst dabei den Puls, etwas, das weit spezifischere Uhren nicht tun. Sie tat das im Wasser mit respektabler Präzision an meinem Arm, drauf verlassen, oder gar mein Training darauf abstimmen würde ich nicht machen. Aber für die meisten Gelegenheitsschwimmer tut die HF-Messung es. (Und für mich tun es auch die Daten, denn ich trainiere Schwimmen eh ohne HF-Messung.)

Ziel: Laufen beginnen

Kein Thema, die Apple Watch belohnt mit Badges, zeichnet auf, nimmt Rundenzeiten jeden Kilometer, so wie es zahlreiche andere Sportuhren auch tun. Dank des GPS weiß sie wo sie ist und das für mich erstaunliche ist: Sie scheint IMMER zu wissen, wo sie ist. Eine klassische Suche der Satelliten, wie sie bei eigentlich allen Sportuhren üblich ist, passiert nicht. Zumindest nicht sichtbar. Während meine Garmin 910xt schon noch eine Gedenkminute braucht, bis sie weiß, wo sie ist, scheint die Apple Watch von Beginn an zu wissen, wo sie ist. Ob es daran liegt, dass sie ja doch oft in den Nähe des Telefons getragen wird, ob sie permanent die GPS-Signale empfängt – muss ich passen. Letzteres würde zumindest erklären, warum sie noch immer kein Akkuausdauerwunder ist. Das bekommen andere Modelle anderer Hersteller weit besser hin in kleineren Gehäusen.

Ziel: 10km überstehen oder in unter einer Stunde

Da gilt das gleiche wie oben: Alle Funktionen, die es benötigt sind dafür da, um mit oder ohne Trainingsplan diesem Ziel näher zu kommen.

Ziel: Marathon

Wenn es darum geht, einen Marathon zu beenden – dann reichen noch immer die Daten, die die Uhr ermittelt.

...der vermeintlich sportliche Athlet...

Der Tester beim Testen. 10km-Stadtlauf Mülheim Styrum.

Ziel: Marathon in unter vier Stunden

So langsam nähern wir uns dem Zeitbereich, wo es vielleicht eines Tricks bedarf, um die Ziele zu erreichen und auch den Willen, auf die ein oder andere Komfortfunktion zu verzichten, die eine Laufuhr mittlerweile als Standard hat. Die Messung der Herzfrequenz. Die eigene App der Apple Watch ermittelt nur den Durchschnittswert. In meinem Fall auch kaum andere Werte als die stets parallel getragene Garmin 910xt mit dem neuesten Brustgurt. Nur den Verlauf der Herzfrequenz, den verschweigt sie mir. Und ich frage mich warum. Auf twitter machte mich @wunderbayer auf seine kleine App aufmerksam, die Running Diary heißt. Für 99 Cent ist sie werbefrei. Und die liest aus der Apple Watch sowohl den Verlauf der Herzfrequenz heraus als auch die Schrittfrequenz. Das erste ist in meinen Augen eine ziemlich hilfreiche Funktion, das zweite ein nettes Feature. Auch hier haben meine Testläufe ergeben: Im Grunde identische Werte mit der Garmin. Es gibt Nutzer, die mit der Herzfrequenz-Messung am Arm absurde Abweichungen haben. Von bis zu 30 Schlägen wird berichtet. Ausschließen kann ich das nicht, mehr als mehrfach probieren geht nicht. Meine Haut, mein Arm scheinen dem Messverfahren zu liegen.

Bliebe nur ein Problem: Ich kann keine Intervalle programmieren. Intervalltraining ist der schmerzhafte und unschöne Bestandteil jedes Trainingsplan. Mehrfach den Körper strapazieren, der letzte Intervall macht nie Spaß. Da flucht man laut vor sich hin. Bei den reinen Sportuhren lassen sich die Entfernung und die Pausenlänge programmieren, das hilft ungemein, auch später in der Auswertung. Diese Funktion gibt es bei Apple nicht.

Jeder Schritt zählt. Auch hier beim Strandspaziergang. Eigentlich ist das Foto aber nur da, weil's hübsch aussieht.

Jeder Schritt zählt. Auch hier beim Strandspaziergang. Eigentlich ist das Foto aber nur da, weil’s hübsch aussieht.

Und es nützt mir auch nichts, wenn Runtastic als App es könnte – denn ohne das Telefon mag Runtastic auf der Apple Watch gar nicht erst starten. Und wenn ich einen zentralen Vorteil der Series 2 gegenüber dem Vorgänger benennen müsste, wäre es unter anderem die Unabhängigkeit vom Telefon für die Aufzeichnung der Sporteinheiten. Lange Rede, kurzer Sinn: Es geht, aber geküsst ist anders

Ziel: Marathon in deutlich unter vier Stunden

Geht, weil das früher auch ganz ohne Uhren ging, aber die Einschränkungen für die nötigen Intervalleinheiten sind meines Erachtens einfach zu groß. Diese Hilfestellungen sind da, ich nutze sie. Für diese Zielgruppe ist die Uhr nicht gemacht. Deswegen ist das auch eigentlich nur das Bestätigen des Offensichtlichen. Es fehlt auch die Datenbank, wie sie Polar, Suunto oder Garmin oder TomTom führen, wo die Fortschritte zu sehen sind. Lässt sich alles übertragen – das sind aber Behelfsbrücken, die ich persönlich nicht nutzen möchte, wenn ich schon mehr als 10 Stunden die Woche trainiere für ein ambitioniertes sportliches Ziel.

Fazit:

Für Hobbysportler mit den Schwerpunkten, Radfahren, Laufen, Schwimmen, Fitnessstudio bringt die Series 2 die entscheidenden Vorteile mit. Das, was sie kann und bietet, wäre vor wenigen Jahren noch als die fortschrittlichste Technologie bei Laufuhren durchgegangen. Und sie nähert sich dem Punkt, an dem jede weitere Funktion kaum noch Nutzen bringt, so wie ein Rechtschreibprogramm heutzutage soweit ausgereizt ist, dass jede Funktion mehr, mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Sie ist wasserdicht in allen Lebenslagen. Lustig ist es, die verbleibenden Wasserreste nach dem Schwimmen mit einem speziellen Sound aus der Uhr zu entfernen. Eigentlich absurd, aber wohl der Preis, der dafür zu bezahlen ist, dass ein Lautsprecher enthalten ist und die Uhr wasserdicht ist.

Optisch finde ich sie, klingt zunächst albern, wo sie schließlich genau so aussieht, etwas weniger gelungen als den Vorgänger. Die Bauhöhe wurde vergrößert, das sieht man am Arm. Es ist weniger elegant als vorher in meinen Augen.

Die Testuhr wurde mit einem Nylon-Armband geliefert. Kann ich nicht zu raten, aus Sicht des Hobbysportlers. Das ist Gewebe, da hängt die Nässe, also auch der Schweiß drin – die einfachen Bänder oder natürlich auch die teuren Metallbänder sind da besser. Abwischen, gut ist. Mein Testarm müffelte hin und wieder. Liegt an mir, klar. Sorry, für die Clickbaiting-Überschrift. Aber mit bestem Gewissen sage ich zur sportlichen Leistungsfähigkeit der Apple Watch: Mir reicht’s! (Wenn ich nicht Triathlet wäre…)

 

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Alle Kommentare [13]

  1. Ich finde solche smartwatches wie die Applewatch 2 sehr faszinierend, weil sie zeigen, was mit der heutigen Technik bereits möglich ist und wie viel Technik in ein winziges Gehäuse passt. Was mich persönlich aber noch stört sind 2 Dinge: 1.) Der Preis muss noch runter, damit sich ein Normalverdiener sowas leisten kann. 2.) Die Fläche des Display ist mir zu klein. Ich würde mir eher wünschen, dass ein leichtes, flexibles display sich auf den Unterarm legen könnte. Dann wären sogar problemlos Texteingaben oder Spiele möglich.

  2. Danke für den aussagekräftigen Bericht. Ich würde sie genauso nutzen. Ich habe nur noch bedenken hinsichtlich der Akkulaufzeit. Nehmen wir an 8Uhr aufstehen und 22Uhr ins Bett mit einem 2Stunden Lauf nachmittags. Schafft sie das?

  3. @Tobias – ja, nach meiner Erfahrung schafft sie das gut. Habe das nicht wissenschaftlich untersucht, war aber auch nach langen Läufen am Wochenende überrascht, dass Abends noch genug Saft drauf war. Nutze sie aber auch nicht wild für anderes als Uhr schauen und eben die Sporteinheiten. Also selten die anderen Smartwatchfunktionen, die ja auch Akku kosten.

  4. Hallo Tobias, danke für das ausführliche Review. Ich meine Watch Nike Edition gestern gekauft und heute einen ersten Testlauf gemacht. Nutze die Strava App, das sie seit dem Update letzte Woche Stand heute die einzige ist, welche das GPS der Uhr nutzt. Die letzten 3 Jahre lief ich mit der Garmin Forerunner 620. Werde diese Woche auch noch beide gleichzeitig aufzeichnen lassen um etwaige Abweichungen bei Pace & Distanz herauszufinden. Mir kam heute die Pace pro KM etwas zu schnell vor. Man verzichtet natürlich auch auf einige Funktionen z.B. Virtueller Laufpartner mit Vorsprung oder Rückstand zur geplanten Pace, letzte Rundenzeit, Geschwindigkeit in Km/h um nur einige zu nennen. Hast du/habt ihr noch Tipps für sinnvolle Apps? Und was sind generell eure Must Have Apps für die Watch?

    Akkulaufzeit finde ich bisher ok. Heute 6 Uhr mit 100% gestartet. Geringe Nutzung über den Tag und ein Lauf über 45min. Immer noch 72% Akku.

    Mfg
    René

  5. @rene Wenn du aktuelle Pace meinst – da kenne ich keine Uhr, die das wirklich gutdraif hat. Rundenzeiten hingegen alle ziemlich gut. Running Diary ist eine schicke App, die die hf kurve anzeigt aus der apple
    watch. das macht die native app ja nicht.

  6. ein toll geschriebener Bericht…genau so etwas habe ich gesucht. ich fühle mich bestätigt bei meiner 920xt zu bleiben.