Polar Smartwatch M600 im Test. Oder Sportwatch? Oder Sportsmart? Smartsport? Spmortch. So bleibt’s.

In einer Rezension eines Gospelkonzerts eines Laienchores in der Marktkirche zu Hannover bezeichnete ich vor gut 20 Jahren den Pastor, der zwischendurch einen Quiz mit dem Publikum veranstaltete, als Pausenclown. Ferner mäkelte ich an der Intonation und der mangelnden rhythmischen Präzision des Ensembles herum. Das zog einige Leserbriefe nach sich. Wäre es nicht in Zeiten der Texterfassung per Schreibmaschine gewesen (Ich bin AK45), dann würde man das vermutlich als Shitstorm bezeichnen. Der damalige Chef des Feuilletons hingegen schmunzelte mich lediglich gelassen an, während er sagte „Jede Veranstaltung setzt ihre eigenen Maßstäbe.“ Ich habe mir diese Lektion trotz ausbleibenden Rüffels sehr gut gemerkt.

Die M600 (rund 350 Euro) von Polar ist eine eigene Veranstaltung. Auf den ersten Blick scheint sie eine weitere Uhr im Reigen der Smartwatches. Oder der Sportuhren. Und da geht es schon los. Die M600 ist zwei Uhren in einer. Sie ist sowohl Sportuhr als auch Smartwatch.

Sicher – eine Applewatch misst auch die Herzfrequenz und kann – künftig in der neuen Version gar mit integriertem GPS – das Training aufzeichnen. Aber eine echte Trainingsuhr will und soll sie nicht sein. Sicher – eine Polar V800 kann auch Smart Notifications empfangen und die wichtigsten Dinge einem auf dem Display in Schwarz/Weiß mitteilen. Aber so richtig die Features von Smartwatches bietet sie nicht. Beide Welten gleichberechtigt in einem Gehäuse unterzubringen – das versucht derzeit nur die M600.

Sie tut dies quasi mit einem Doppelherz. Auf der einen Seite die Software für die Parameter des Hobbysportlers, inklusive Messung der Herzfrequenz, für die Polar sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Ruf erarbeitet hat. Auf der anderen Seiten android wear, das Betriebssystem, dessen sich viele Unternehmen bedienen, die gerne eine Smartwatch ins Programm aufnehmen wollen, aber keine eigene Software schreiben können oder wollen. Die Webseite Wareable, listet – je nach Zählart – bis zu 24 verschiedene Modelle auf, darunter auch die M600.

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Gerät und Armband lassen sich leicht trennen.

Dieser Test unterliegt einem zentralen Mangel: Einem Smartphone mit Android-Betriebssystem. Derzeit funktioniert zwar die Kopplung mit einem iPhone – aber die ganz große Zahl an Apps, die einem Android-Nutzer zur Verfügung stehen, bleibt einem iPhone-Nutzer (von Blackberry ganz zu schweigen, das geht schon gleich gar nicht), verwehrt. Später sollen auch für iOS weitere Updates mehr Möglichkeiten bieten.

Doch selbst voll beflaggt will die M600 weder reinrassige Smartwatch, noch reinrassige Sportuhr sein. Sie will jenen Kunden etwas bieten, die aktiv sein wollen, die gerne Laufen, die sich fit halten wollen und die Vorzüge einer Smartwatch nutzen wollen, auf der sie Emails lesen und löschen, Wetterdaten schauen oder Google suchen lassen wollen, Musik abspielen – die Uhr bringt 4 GB Speicherplatz mit.

Wer allen gefallen will, läuft das Risiko, niemanden so recht zu überzeugen. Die, die einen einfachen Activity Tracker suchen, den die M600 selbstverständlich enthält, werden den Preis der M600 nicht zahlen wollen, die, die eine reine Sportuhr suchen, werden fragen, wozu sie den Smartwatch-Anteil benötigen. Diejenigen, die vor allem eine Smartwatch wollen, sich fragen, ob sie unbedingt die von Polar selbst entwickelte Technik für die Messung von Laufen, Radfahren, Gruppentraining oder Kraftsport wollen, wo es doch auch eine einfache runtastic-App tun kann. Andererseits ist wohl die Gruppe derjenigen, die eben in allen Welten ein wenig zu Hause sind die größte.

Wie auch immer die bevorzugte Anwendung am Ende ist: Sie kostet Strom. 48 Stunden Akkulaufzeit sollen es etwa sein, gekoppelt mit einem Android-Telefon, weniger mit iOS-Kopplung. Gerade zu viel, um sie stumpf jeden Tag aufzuladen wie die Applewatch, gerade zu wenig, um sie sorglos einige Tage zu tragen, ohne auf den Akkustand zu achten. Die Folge ist: Sie war häufiger dann leer, wenn ich ein Training aufzeichnen wollte. Zunächst stoppt sie die GPS-Aufzeichnung, dann geht sie komplett aus. 48 Stunden Laufzeit ist nicht zu wenig. Aber der Anwender muss drauf achten. Ich hätte mir auch gewünscht, die Batterieanzeige sei in einem der vielen zur Verfügung stehenden Zifferblätter permanent sichtbar, so braucht es immer einen Strich übers Display von oben nach unten.

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Eigenentwicklung von Polar bei der Messung der Herzfrequenz, solide Lösung für das Ladekabel.

Der Sprung von einer Welt zur anderen ist elegant gelöst und simpel – es gibt zwei physische Knöpfe, einen an der Seite, einen in der Mitte der Front. Drückt man den, ist man fix in der Polarwelt mit gut verständlichen Symbolen, einfacher Bedienung. Wie bei allen Polaruhren wird die eigene Software via der Webseite flow.polar.com geteuert. Selbst auf der App lassen sich via Smartphone die Sportprofile lediglich entfernen, aber nicht ändern. Das ist bei allen Polar-Uhren so, also kein Nachteil der M600 im besonderen. Für leistungsorientierte Sportler fehlen einige Funktionen, für regelmäßige Ausdauersportler ohne Wettkampfambitionen sind die wichtigen Dinge dabei.

Die andere Welt ist die von Android. Mir bleibt sie mangels Android-Telefon zum großen Teil verschlossen. Der Akku soll dann länger halten. Mit der Verbindung zu iOS stehen einem einige Funktionen zur Verfügung, die mehr oder minder sinnvoll sind. Emails lesen, SMS, etc.. Das klappt gut und die Mails lassen sich auch löschen. Das ganze in freundlichen Farben, die Tristesse von S/W-Displays gibt es hier nicht. Wetteraussichten sind ebenfalls da. Und wenn die Uhr mit einem Googlekonto verknüpft ist, dann lockt zum Beispiel die Sprachsteuerung für Suchen oder auch den Translator.

Die M600 ist – ich wiederhole mich gerne – eine eigene Veranstaltung. Sie für die mangelnden Eigenschaften im Gegensatz zur Schwester V800 – Schwimmbadbahnen zählen zum Beispiel…. – zu geißeln, führt am Kern des Produktes vorbei. Sie ist keine Triathlonuhr, ebensowenig wie eine Smartwatch. Sie ist von allem etwas.

Und irgendwie ist das bedauerlich. Hätte man mich gefragt – was wie immer keiner tut – raus mit dem Smartkram. Denn die M600 ist einigen Aspekten, die mir persönlich wichtig sind, ihren hauseigenen Wettbewerbern überlegen. Der Anschluss: Kann nicht verstopfen, ist wasserdicht, ist störunanfälliger. Das Armband: Ist sehr bequem, kann sehr leicht gewechselt werden und sollte dann für etwaige Farbvarianten nicht arm machen. Das Design: Einfach gelungen.

Zudem: Ich bin ein Fan der Herzfrequenzmessung am Arm und habe keine signifikanten Abweichungen zur Messung via Brustgurt feststellen können. Das ist allerdings schon immer so, meine Haut ist wohl so transparent wie Pergament. Ein wenig lustig bis lästig ist das Touchdisplay, das unter der Dusche schon mal wild herumspringt, wenn Wassertropfen draufprasseln. Etwas mehr in Richtung lästig als lustig schlägt die Eigenheit, dass die Uhr nachts keinen automatischen Ruhemodus hat (oder ich ihn im Androidkosmos nicht entdeckt habe). Nun möchte ich sie vielleicht gerade wegen der Schlaftaufzeichnung nachts nicht ablegen. Habe ich dann aber mehrfach, weil beim Rumwälzen das Display anging und einigermaßen flutlichtig das Schlafzimmer erhellte. (Ja, sie ist so hell, deswegen ist die Funktion „Taschenlampe“ auch einfach das weiße Display.) Bis man im Android-Dschungel dann mit halb geöffneten Lidern die Funktion „Kinomodus“ endlich erwischt hat, ist man auch wach. Ich habe sie also mehr als einmal abgelegt und aufs Display gelegt. Das alles ist mir mit Polars Modellen nie passiert.

Ich sehe mich bei den meisten Tests immer genötigt, ein Fazit zu ziehen. Hier fällt es mir nicht leicht, denn vieles an der Uhr hätte ich gerne ohne den anderen Kram mitnehmen zu müssen. So stehle ich mich aus der Affäre und sage: Das ist die beste Spmortch, die es gibt. (Mithin aber leider zeitgleich die schlechteste.)

Leserbriefe bitte nur per Post. Danke.

Bei Fragen: Immerzu. (Auch per Kommentar.)

 

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Alle Kommentare [8]

  1. @martin Diese Sprachzahnpasta wird nicht wieder in die Tube zurückgehen. Nicht zuletzt, weil – um bei Polar zu bleiben – die Auswertung in Flow ebenfalls von Herzfrequenz spricht, wenn sie mit Pulsmessung erfolgt ist. Es mag korrekter sein, aber ich mutmaße das ist ein Kampf gegen Windmühlen.

  2. Ich bewundere all die Leute, die diese ganze Technik mit dem ganzen Gedöns verstehen. Meine Sportuhr inclusive Aufzeichnungsvarianten – /Auswertungen nutze ich vielleicht zu 25 Prozent, wenn überhaupt.
    In 2018 gehe ich in die Altersteilzeit und habe massig Zeit (nicht nur zum Trainieren). Wo kann man sich für Kurse anmelden, die einem dieses ganze Spektrum an technischen Finessen an diesen kleinen Uhren verständlich vermittelt. ….
    Manchmal wünsche ich mir, vor der Haustür auf die Kirchturmuhr zu schauen, loszulaufen, und am Ende wieder auf die große Uhr zu gucken. „ungefähr 70 Minuten gejoggt, reicht, bin zufrieden.. müssen ungefähr 14 Kilometer sein“ 🙂 (und wenn es dann nur 13 waren, auch egal..)

  3. Spmortch ist tatsächlich eine treffende Bezeichnung für dieses neue ‚Ding‘, das nicht Fleisch und nicht Fisch ist. Ich warte mal ab, was Polar sich als Nachfolger für den V800 einfallen lässt und bleibe ihm bis dahin treu. Mindestens.

  4. Top geschriebenes Review, lieber Thorsten! Spmortch ist wirklich die beste Bezeichnung für das Ding, das ich jemals gelesen habe 😀
    Ich teile prinzipiell deine Meinung, aber gehe trotzdem nicht so hart mit der Uhr ins Gericht. Das hat mehrere Gründe: Zum einen steckt das Fitnessarmband noch in Kinderschuhen – Polar wird da noch einiges weiterentwickeln, es ist ja der erste wirklich professionelle Versuch, mehrere Uhrtypen unter einen Hut zu bringen. Dafür ist es meiner Meinung nach wiederum ganz gut gelungen.
    Zum anderen darf man sich auch keine eierlegende Wollmilchsau erwarten. Dies ist eben der Stand der Technik, den Polar guten Gewissens in einer Uhr verbauen konnte.

  5. Sehr guter Bericht.
    Ich hab mir die Spmortch auch geholt, da mein Garmin Forerunner nach 8 Jahren seinen Geist aufgegeben hat.
    Als Statistikfreak bin ich natürlich nicht nur an einer Sportwatch, sondern auch an einer 24/7-Lösung interessiert gewesen. Auch auf die Pulsmessung am Handgelenk war ich sehr gespannt.
    Hier meine Pros- und Contras für das Teil :
    Pro :
    – Pulsmessung am Handgelenk für mich völlig in Ordnung (im direkten Vergleich mit dem H7 nur ein paar Schläge abweichung)
    – Gut gelöste Verbindung 2er Welten (Polar und Android Wear)
    – das Abdunkeln in der Nacht geht bei mir automatisch und stellt überhaupt kein Problem dar und wenn man den Kinomodus kennt, kann man den ja vor dem Schalfengehen einschalten)
    – diverse Erweiterungsmöglichkeiten über Android-Apps (siehe Tipp unten)

    Contra :
    – 2 Tage Akkulaufzeit
    – Armband zieht Fussel extrem an und auch die Laschen, die das Armband halten gehen bei mir immer raus
    – Stecker zum Akku-Laden ist ziemlich wackelig
    – Die Apps werden teilweise doppelt aufgeführt

    MEGACONTRA :
    Auf der Polar-Homepage wird geschrieben, daß der Akku ca. 300 Ladezyklen durchhält. Dies bedeutet, dass der Akku nach 1-2 Jahren ausgetauscht wird und dies lässt sich Polar bestimmt wieder schön bezahlen.

    Tipp :
    – Bei einer Amazonrezession habe ich gelesen, daß man googleFit deaktivieren kann und dadurch der Akku länger hält (bis zu 4 Tage). Da bin ich gerade am Testen
    – mit der Android App „Heart Trace Monitor“ lässt sich auch eine Pulsmessung 24/7 bewerkstelligen. Dort kann auch eingestellt werden, in welchem Abstand diese erfolgt.
    – die fehlenden vo2max-Ermittlungen und diverse andere Werte und Tipps, kann man auch über die App Polar Beat ermitteln lassen (gegen ein paar Euro Aufpreis)

    Mein aktuelles Fazit :
    Wer normaler bzw. auch ein wenig mehr ambitionierter Läufer ist und einen Mix zwischen Sportwatch und Smartwatch haben möchte, hat im Moment keine Alternative. (Stand 12/2016)
    Was mich im Moment ein wenig ärgerlich stimmt, ist das Thema Ladezyklus 300 mal 🙁

  6. Hier übrigens die Antwort von Polar zum Thema 300 Ladezyklen :

    Der Akku der Polar M600 hält ohne weiteres 300 komplette (0 % – 100 %) Ladezyklen, bevor er schwächer wird. Dies bedeutet aber nicht, dass der Akku dann sofort getauscht werden muss, sondern nur, dass die Kapazität nachlassen kann.
    Sollte ein Austausch außerhalb der Garantie notwendig werden, kann dieser von unseren Technikern zum Preis von ca. 59,95€ durchgeführt werden.

  7. @dirk Na, das ist doch eine Antwort, mit der man was anfangen kann. Zumindest, weiß man, woran man ist.