Ist das schon Kult? Der Triathlon Tri Islands 2016 auf Amrum, Föhr, Sylt.

Vielleicht war ich Zeuge, als „Kult“ geboren wurde. 2015, als zum ersten Mal der Triathlon Tri Islands auf Amrum, Föhr und Sylt ausgetragen wurde, sah es jedoch Wochen vor der Veranstaltung nicht so aus, als sei es ein großes Ding, als sei hier etwas im Entstehen, das man so schnell nicht vergisst. Die Startplätze gingen eher gemächlich weg, selbst die Plätze, die in letzter Minute noch verlost wurden – ich hätte sie wohl haben können, denn meines Wissens hat keiner an dem Gewinnspiel teilgenommen. Mehr als 300 Starter waren 2015 dann aber doch dabei beim Red Bull Tri Islands.

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Zielzeit? Egal. Da sein. Das zählt.

Red Bull. Das polarisiert und ich kenne einen Teilnehmer, der sich als intensiver Fußballfan vergangenes Jahr weigerte, die offizielle Badekappe zu tragen. Die Geschichte von RB Leipzig gefiel ihm so wenig, dass er sich eine andere aufsetzte.

Red Bull. Das ist eine Limo. Mein Fall ist sie sicher nicht. Wach macht sie. Fast so wach wie das Kind, das im Nachbarzelt am Wettkampftag um 5:23 wach wurde. Oder wie die letzten Finisher, die um 01:43 am nächsten Morgen grölend auf dem Zeltplatz ankamen (02:43, wie ich von den Betreffenden per Facebook erfuhr).

Red Bull. Das ist ein Konzern der Unterhaltungsindustrie. Was sie so alles treiben, hat mein Kollege Peter Steinkirchner hier in der WiWo erzählt. Inszenierungen. Emotionen. Lebensgefühl. Diese Klaviatur beherrschen sie.

Das Logo, wohin man schaut, am Partyboot...

Das Logo, wohin man schaut, am Partyboot…

Ich war dieses Jahr Zeuge eines zentralen Momentes, als eine Zutat für „Kult“ entstand. Der Moderator am Strand von Utersum auf Föhr zählte von 10 herunter, dann war um exakt 17:00 Schluss. Die Teilnehmer, die dann noch nicht am Steg angekommen waren, bekamen kein Fährticket mehr für die Überfahrt nach Sylt. Ich habe gesehen, wie meine Sportfreundin Sylvia über den Deichweg lief. Ich sah, wie sie bei gut 26 Sekunden Restzeit, die etwa 80 Meter unter dem Jubel der Touristen am Strand lief. Sie schaffte es. Hinter ihr noch zwei oder drei weitere Teilnehmer. Danach war Schluss. Und eine Teilnehmerin dürfte das Ziel nur um ein, zwei Sekunden verpasst haben. Emotionen. Mitleid. Uns allen auf dem Steg tat sie leid. Wir wollten, dass sie es schafft. Wir standen dort, hatten ein Ticket und warteten, dass es mit einem von 30 Speedbooten rübergeht nach Sylt zum abschließenden 10-Kilometer Lauf. Ein Teilnehmer sprintete oben auf dem Deich. Er hörte den Moderator im Klatschen der Zuschauer runterzählen, er war deutlich zu weit weg. Bei 0 stoppte er, ließ die Schultern sacken.

...auf Ticket und am Teilnehmerarm...

…auf Ticket und am Teilnehmerarm… (Copyright Andreas Schmitt)

Die glücklichen Steg-Steher waren sich einig. Hart, aber die Grenze muss sein. Sie ist der sportliche Kern des Triathlons, den sie beherrschen, die Meister des Events, die Begleiter jeder absurden Idee, sich irgendwo hinunterzuschmeißen. Der andere Kern ist die Natur. Ausgerechnet, möchte man sagen! Ein Konzern holt 30 Speedboote ins Naturschutzgebiet Wattenmeer, diesen so einzigartigen Lebensraum, um 400 Sportler über das an diesem Tag stille Wasser zu brettern, damit die dort eine Runde laufen können?

Ja. Das kann man kritisieren, so wie man Fernreisen mit dem Flugzeug und zig andere Dinge kritisieren kann. Doch die am Ende 500 Teilnehmer haben sicher eines gelernt in der zweiten Auflage des Tri Islands, im Dreieck von Amrum, Föhr und Sylt: Die Natur diktiert. Die Gezeiten bestimmen den Plan. Und der sieht vor, dass der Start erst um 14:30 ist. Der Start wird erreicht durch die größte Gruppen-Wattwanderung, die das Watt dort je gesehen hat. 12 Wattführer begleiteten die Teilnehmer in kleineren Gruppen über den Sandboden, hielten an, erzählten von asiatischen Austern, Schwertmuscheln, Wattwürmern und den Prielen, die das Watt durchziehen.

...und natürlich im Ziel.

…und natürlich im Ziel.

Allein 7,5 Kilometer waren zurückzulegen, am Ende standen mehr als 11 Kilometer auf dem Tacho für den Weg von Föhr zum Startplatz, durch die Hitze une die knallende Sonne. Viele Menschen würden sich zurecht danach für den Rest des Tages bei Mohnkuchen und Kaffee mit Sahnhäubchen erholen. Es gab Schnittwunden zu verarzten und zu lernen: Kein Müll, kein gar nichts ist zu hinterlassen, nirgendwo außer in den Mülltonnen. In die Dünen pinkeln kurz vorm Start? Heißt Disqualifikation.

Und dann ging es doch auch endlich los. Ich wusste noch von 2015: Das wird nicht leicht. Zwar waren Wind und Wetter dieses Jahr ideal. Doch die Strömung, die sich durch die Passage zwischen Amrum und Föhr presst, bleibt die gleiche. Und die hat Kraft.

Fast eine gerade Linie...

Fast eine gerade Linie…

Und so kam es, wie es kommen musste: Nach vielleicht 200 Metern dachte ich – das wird nix, auch wenn dort die Strömung kaum spürbar war. Der Cut Off für das Fährticket lag bei 2 Stunden und 30 Minuten, vergangenes Jahr hatte ich 2:31 gebraucht. Und trotz besseren Wetters ist das Schwimmen im offenen Meer eine eigene  Angelegenheit. Hilfreich waren die Boote, die mit hohen Fahnen alle 500 Meter die Richtung markierten. Nach gut 1300 Metern laut Uhr stellte ich mich wie öfter am Tag auf die Sandbank und schaute auf die Uhr: LÄUFT! Ich bin dann auch einige Meter im brusthohen Wasser gegangen Das war zwar langsamer als die Schwimmer neben mir, aber der direkte Weg.

Euphorie. Sicherheit. Glück. Ich kann es schaffen, wenn mich die Strömung am Ende nicht zu sehr erwischt. Also: Hau rein. Gib Gas. Streng dich an. Du willst doch rüber. Der Tri Islands ist im Grunde ein Duathlon mit einem 10-Kilometer-Lauf als Belohnung. Das eigentliche Ziel ist der Steg, wo die einen 20 Minuten, die anderen mehr als 30 Minuten auf ihren Shuttle warten – und jede Sekunde zählt zur Gesamtzeit.

...im Gegensatz zu 2015. (Bitte auch die Temperaturen beachten)

…im Gegensatz zu 2015. (Bitte auch die Temperaturen beachten)

Wäre es ein klassischer Wettbewerb, dann wäre das nicht gerecht. Doch Tri Islands, das ist Event, das ist Party, das ist Erlebnis. Eine verrückte Idee, von der der diesjährige sportliche Leiter, Jan Regenfuss, nicht mal wusste, wer sie irgendwann mal hatte. Natürlich gibt es Sieger und eine Platzierung – ich habe niemanden getroffen, dem seine Zeit etwas bedeutet hätte.

Das bedeutet nur überhaupt nicht, dass man das Inselhopping per Leibeskraft nicht ernst nehmen darf. Es ist Sport und ich persönlich habe noch bei keinem Wettbewerb einen anspruchsvolleren Schwimm-Split erlebt. Das Radfahren ist dagegen geradezu familiär und bisweilen fast einsam. Die rund 500 anderen Teilnehmer um mich rum habe ich weder im Wasser und kaum auf der Radstrecke wahrgenommen. Am Deich entlang stehen keine Zuschauer, in den gesicherten Kurven nur kleine Grüppchen. Kein Vergleich zur Partyatmosphäre am Schwimmausstieg.

Und doch: Das ist für mich Teil des Reiz dieses Wettbewerbs. Eine Nordseeinsel darf und soll ihre ruhigen Ecken haben, sie erinnern daran, dass wir mit dem Triathlon-Zirkus da nur zu Gast sind. Die Schafe, die dort sonst grasen, müssen für ein paar Stunden ins Gatter, den Kühen auf den Weiden ist das alles hingegen weitgehend egal gewesen.

Schon die Anfahrt: Etwas anders. Sportgerät auf Fähre.

Schon die Anfahrt: Etwas anders. Sportgerät auf Fähre.

Von dieser ländlichen Idylle geht es nach den 40 Kilometern Rad durch die applaudierende Menge am Haus des Gastes in Utersum auf den Steg zu den Booten. Und dann auf die rund 15 Minuten lange Fahrt. Zig Schlauchboote fahren mit 15 Knoten, also rund 28km/h über die See. Einige kommen mir entgegen, einige sind hinter unserem Boot, andere vor uns. Auch wenn mir der Vergleich nicht behagt – das hat etwas von Invasion, ich bin nicht der einzige, der das im Boot so sieht. Immerhin: Invasion friedlicher Läufer, die abends wieder zurückfahren.

Danach wartet die Natur von Sylt mit einigen spektakulären Bildern. Ich nehme mir die Zeit, sie wahrzunehmen. Muss ich auch, denn die Düne direkt hinterm Hafen ist ausreichend steil und hoch. Nach meinem Platz in der dortigen Bergwertung schaue ich lieber gar nicht erst.

Der Party-SUV. Noch ein wenig ruhig am Tag vorm Wettkampf.

Der Party-SUV. Noch ein wenig ruhig am Tag vorm Wettkampf.

Nach einer Wende folgt dann das wohl quälendste Highlight des Tages – gut 3 Kilometer am Sandstrand von Sylt. Eine Atmosphäre, wie sie Werbefilmchen nutzen würden – Weitläufigkeit, Freiheit und glückliche Menschen, die Hand in Hand leichtfüßig über den weichen Sand hüpfen. Das Gros der Teilnehmer dürfte eher stampfend, schwitzend und ausgelaugt in den vollgesandeten Laufschuhen gekämpft haben. Hart und großartig zu gleich – das ist Stoff für Geschichten, für Gefühle. Das, was diesen Wettbewerb abhebt.

Vielleicht auch, dass im Ziel jeder froh ist. Ich habe keinen Teilnehmer gesehen oder gehört, der sich nicht einfach gefreut hätte über das Erlebte. Das gilt zumindest für die, die es nach Sylt schafften. Kein Gemecker über verfehlte Bestzeiten, kein Hadern mit der persönlichen Leistung. Stattdessen Begeisterung und Austausch über das Erlebte. Der Weg ist das Ziel. Das galt auch dieses Jahr.

Dass ausgerechnet eine Show des Sports, ein inszeniertes Event eines kommerziellen Anbieters die Gelegenheit gibt, Demut vor der Natur zu erfahren, Gemeinschaftssinn zu erleben, sich mit anderen mit zu freuen – das ist durchaus bemerkenswert.

Ja, der Hauptsponsor ist omnipräsent. Von Plakatierung, über temporäre Tattoos, Fahnen und natürlich der Getränkeversorgung („Dort gibt es Red Bull, Red Bull Cola, Red Bull Schorle und Gerolsteiner“) bis ins Ziel verfolgen einen die Bullen. Das Video des Wettbewerbs zeigt mit einer Lupe die Emotionen, verdichtet die Ereignisse, vergrößert die Dynamik, wenn es so wirkt, als kraulten alle Starter wie Olympiateilnehmer.

Der Wettbewerb endete mit Sonnenuntergang und Blick auf eine Sandbank voller Robben.

Der Wettbewerb endete mit Sonnenuntergang und Blick auf eine Sandbank voller Robben.

Die Zeit wird zeigen, ob aus der absurden Idee, einen Triathlon auf drei Inseln zu verteilen, ein Wettbewerb wird, der den Zusatz „Kult“ verdient. Wenn dabei die Teilnehmer ein Stück Respekt vor der Natur, ein wenig Aufmerksamkeit für diese großartige Bühne Wattenmeer mitnehmen, die Zeit genießen, dann hätten sie mehr gewonnen als nur einen Wettbewerb gegen sich selbst. So wie ich.

P.S. Nochmals Dank an alle Helfer vor Ort, die ehrenamtlich Kurven sicherten und Becher reichten und, und, und. Das Projekt ist auf der Insel sicher nicht unumstritten – dennoch habe ich mich erneut willkommen gefühlt. Auch dafür Dank an die Bewohner.

 

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Alle Kommentare [5]

  1. Lieber Thorsten,
    einen sehr schönen Bericht hast du hier zu dem Event geschrieben!
    Ich war allerdings ein wenig überrascht, hier zwei der Bilder wiederzufinden, die ich zuvor im privaten Kreis auf Facebook gepostet hatte…
    Ich habe zwar nichts gegen die weitere Verwendung, allerdings gehört dann mindestens eine Quellenangabe dazu und noch besser wäre es, wenn man vorher fragt, bevor man sich bedient 😉
    Freundliche Grüße,
    Lars

  2. @Lars – in der Tat. Mein Fehler bei der Speicherung. In der Galerie sollten offizielle Bilder von RB Content Pool rein – deine hätten da nicht reingedurft. Ich habe sie gelöscht. Sorry.

  3. Hallo Thorsten, der Bericht ist Spitze und trifft den Nagel auf den Kopf. Es war der Hammer was RedBull und vorallem Jan und das Team auf die Beine gestellt haben… Danke dafür!

    Die Rückfahrt mit der MS KOI war lang, aber ein Entschleuniger. Das Bier mit Dir habe ich sehr genossen!

    Ich glaube im übrigen fest an den „Kult“-Status der Veranstaltung.

    Auf bald, Sven

  4. Toller Bericht, sehr zutreffend!
    Die Wattwanderung hat bestimmt einigen Teilnehmer doch etwas von der Schönheit der Natur, die es zu bewahren gilt, vermittelt. In so fern kann es allem Kommerz zum Trotz einen positiven Effekt bewirken.