Ein Sport zwischen Kommerz und Können – der Ironman Klagenfurt 2016

Was haben der Champions League-Finalist Atlético Madrid, das Luxushotel Park Hyatt im chinesischen Changbai und der Ironman Klagenfurt gemein? Sie gehören in Teilen oder vollständig der Wanda Group. Gegründet wurde sie 1988 von Wang Jianlin. Ihm gehört neben dem Luxusyachten-Hersteller Sunseeker auch die amerikanische Kino-Kette AMC Entertainment. Laut der sogenannten Hurun-Liste, die das Vermögen von chinesischen Bürgern ermittelt, ist er der derzeit der reichste Chinese. In der weltweit messenden Forbes-Liste landete er 2015 mit 24 Milliarden US-Dollar Vermögen auf Platz 29.

Sonne beim Rad Check-In? Kein Problem, der persönliche Guide beschützt die teuren Kunden.

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Platz 29 – daran war Ende Juni in Klagenfurt für mich nicht zu denken. Aber auch nicht letzter Platz – den belegte in der Triathlon-Historie sinngemäß die kommerzielle „Erfinderin“ des Ironman auf Hawaii. Valerie Silk ließ sich zusammen mit Hank Grundman 1981 die Namensrechte für „Iron Man World Triathlon“Championship“ sichern. Beide verkauften 1989 für gut 3 Millionen Dollar die Rechte und die Wettbewerbe inklusive des Ironman Hawaii an einen Klinikbesitzer namens James Pitzer Gills. Für Silk folgten Rechtsstreitigkeiten mit dem inhaltlichen Miterfinder und Sieger des ersten Ironman 1975, Gordon Haller. Silk blieb nur wenig übrig, das bisschen verlor sie später durch Spekulationen auch noch.

Der Besitzer Gills benannte das Unternehmen um in World Triathlon Corporation. So heißt sie heute noch. Gills verkaufte 2008 das Unternehmen an die Investmentgesellschaft Providence. Der Kaufpreis soll zwischen 50 und 60 Millionen Dollar gelegen haben. Aus dem einstigen absurden Wettkampf von fünf Sportirren, hatte sich schon lange ein echtes Geschäft entwickelt, dem es nicht im geringsten schadete, dass es die Teilnahmegebühren binnen 5 Jahren um 40 Prozent erhöhte.

Die schwarze Teilnehmercard. Yeah!

Die schwarze Teilnehmercard. Yeah!

Ich hatte 2015 bereits mehr als 500 Euro bezahlt, um ein Jahr später an den Start gehen zu dürfen. Vorkasse nennen wir das normalerweise. Hier sind es Anmeldegebühren mit einer „Bearbeitungsgebühr“ von nochmal 8%. (Für diejenigen, die sich für einen Slot in Hawaii interessieren: Dies Jahr kostet die Teilnahme 890 Dollar plus Gebühren. Keine Barzahlung, direkt vor Ort bei der Slotverteilung zu entrichten, American Express unerwünscht – die hohen Gebühren, Sie verstehen…)

Das sind Konditionen, von denen Restaurants oder Schuhversender nur träumen können. Mir ist nicht klar, ob Providence von dem Gewinn geträumt hat, der nun schlussendlich für die Private Equity-Gesellschaft heraussprang, aber verkauft hat sie es für 650 Millionen Dollar an die Wanda-Group. Das ist nicht sooooo schlecht.

Da hat jemand sein Ziel erreicht. Mir ist das bei dem Höhepunkt meines Sportjahres nur in Teilen gelungen. Vornehmen kann man sich ja immer vieles, vor allem, wenn der Entschluss teilzunehmen, 12 Monate vor dem Startböller erfolgt. Was hat man für Pläne! Endlich besser trainieren, alle Prozesse optimieren! Besser essen, mehr schlafen, schneller schwimmen! Alles kann besser sein, vor allem, wenn die Gretchenfrage des Ironman für einen selber beantwortet ist: Bin ich überhaupt in der Lage, die Distanz  durchzuhalten oder werfe ich den Schwamm unterwegs?

Grüße vom Investor!

Grüße vom Investor!

Dies war meine fünfte Teilnahme an einer Triathlon-Langdistanz, drei von denen dürfen sich Ironman nennen, denn schließlich möchte die WTC und ihre neuen Besitzer der Wanda Group die Markenrechte auch profitabel nutzen. Ich wusste also schon vor dem Start – grundsätzlich kann ich das packen. Und die Nervosität war auch deutlich kleiner als die Jahre zuvor. Ob das auch gleichbedeutend mit weniger Spannung und damit weniger Konzentration und damit weniger Leistung einhergeht – Sportpsychologen voran! Ich empfand die Selbstgewissheit, mit Kämpfen es sicherlich irgendwie durchzustehen als beruhigend.

Und so kam es denn auch. Noch schlechtere Vorhersagen als Ökonomen liefern derzeit eigentlich nur Wetterapps und Wetterdienste. Statt wie in der Vorhersage angekündigt, regnete es nicht erst am späten Mittag, wenn ich auf die Laufstrecke gewechselt wäre, sondern schon früher, dafür riss die Wolkendecke gegen 14 Uhr auf und ich war der prallen Sonne ausgesetzt. Deren Wirkung versuchte ich mit Schwämmen, Wasserbechern und einer weißen Mütze entgegenzuwirken.

Schön ist's am Wörthersee.

Schön ist’s am Wörthersee.

Immerhin war es nicht mehr die goldene Badekappe, die mein Haupt bedeckte. Gold = Besonders. Ich zähle zu den AWA-Athlethen. AWA für All World Athlete. Streng genommen hätte sie Bronze sein müssen, denn AWA-Athleten gibt es in den Kategorien Gold, Silber und Bronze. Wenn Sie glauben, die Regeln von Curling wären schwer, dann stellen Sie sich das Berechnungsmodell für den Einzug in eine der drei Klassen vor wie eine Mischung aus Länderpunkten aus der Sendung „Tutti Frutti“ und dem Verfahren, mit dem Boxpromoter die nächsten Kämpfe in der Weltmeisterschaft in einem von vier Verbänden ermitteln – es wird irgendwie ausgehandelt. Die Goldenen AWAs stellen das beste Prozent dar, die silbernen die besten fünf und die bronzefarbenen die besten 10 Prozent. Es geht aber mitnichten darum, wer in allen Ironmanrennen eines Kalenderjahres die beste Zeit hatte, sondern wie viel Punkte erlangt wurden in einer Altersklasse.

Oh, I'm so AWA! Take my money!

Oh, I’m so AWA! Take my money!

Und dann bemühen Sie mal den Abakus. Wer einen Wettbewerb macht, bekommt eine gewisse Zahl an Punkten. Wer schon zwei Wettbewerbe mitmacht, noch mehr. Gezählt werden am Ende maximal drei Rennen. In keinem davon war ich 2015 unter den schnellsten 10 Prozent. Suchen Sie meinen Namen eher in der Rangliste so knapp oberhalb der Mitte.

Meinen AWA-Status Bronze für 2016 habe ich dann dies Jahr in Klagenfurt sicherlich verloren. Kann sein, dass mich die Pinkelpause beim Wechsel von Fahrrad auf die Laufstrecke das gekostet hat oder der auf der zweite Runde noch steiler wirkende Rupertiberg, den ich nur allzu gerne hochgeschoben wäre. Vielleicht auch mein besinnungsloses Umherschwimmen im wunderbaren Wörthersee.

Ich kann und werde sicher den Sport auch ohne Status weiterbetreiben. Ich wäre aber natürlich total unehrlich, wenn ich nicht einräumen würde, dass ich meinen dieses Jahr umfangreicheren Bauch (weitere AWA-Punkte verloren) nicht gepinselt fühlen würde. Mit Speck fängt man Mäuse, hier mit Goodies wie metallenen Kofferanhängern und goldenen Badekappen Athleten.

Auf jeder Boje ist Platz für eine kleine Nachricht.

Auf jeder Boje ist Platz für eine kleine Nachricht.

Triathlon, das ist in den Landesligen und der Bundesliga sicher ein Sport, wie alle anderen auch. Bei den kommerziellen Rennen aber, bei denen die Idole des Sports starten, wie Jan Frodeno, Mirinda Carefrae, Sebastian Kienle oder Daniela Ryf – da ist selbst der Amateur ein ökonomischer Faktor. Er wird geködert, verführt und verlockt. Und ein Blick rund um den „Irondome“, wie das große Veranstaltungszelt genannt wird, zeigt: Die Menschen geben gerne. Kein Gegenstand, der nicht mit einem Logo zu versehen wäre, das mitteilt: Ich bin Ironman. Oder Freund einer Ironwoman. Oder Besitzer eines Irondogs. Oder Inhaber eines Ironcoffee-Bechers, Kuhglocke, Babylätzchen.

Die neuen Besitzer waren auch da. Nein, nicht Wan Jianlin himself, aber doch eine Abordnung. Von Kopf bis Fuß in Triathlonuniform, professionelle Videokamera und größter Unterstützung der hiesigen Mitarbeiter der WTC. Die jubeln auch schon mal am Schwimmausstieg lautstark den chinesischen Athleten zu. Bevor sie sich wieder ihrem Gespräch zuwenden und nicht drum kümmern, wer da noch alles an zahlenden Kunden nach 3800 Metern (in meinem Falle eher 4100 Metern) dem Wasser entsteigt.

Und auf jeder Serviette Platz für ein wenig Werbung.

Und auf jeder Serviette Platz für ein wenig Werbung.

Es ist eine Show, und ich bin Teil davon. Das Stadion im Ziel verwandelt sich nachts in eine veritable Unterhaltungsshow mit Feuerwerk, Discomucke und Moderatoren, die so elegant wie die Cheerleaderinnen ihre goldenen Pompoms in die Tanzchoreographie die Werbebotschaften der Sponsoren einbinden.

Und doch – vieles ist hier echt. Die Emotionen, die Begeisterung. Hier laufen Menschen ein, die in vielen Monaten und Wochen sich darauf vorbereiten, hier überhaupt innerhalb der vorgegebenen Zeit von maximal 17 Stunden einzulaufen. Das sind gut 9 Stunden mehr als der Sieger des Rennens. Und selbst viele Agegrouper, wie die Hobbysportler hier heißen, sind schon längst geduscht und umgezogen, satt gegessen. Sie stehen hier und jubeln denen zu, die sich noch viel länger quälen, in den dunklen Abendstunden, wenn kaum noch ein Mensch am Straßenrand jubelt und auch keine weiteren Athleten mehr zu sehen sind. Einsame Stunden müssen das sein, aber sie quälen sich und das wird honoriert. Diese Menschen kann ein Unternehmen locken, es verführen, das vermeintlich Unmögliche zu schaffen. Kaufen kann es sie nicht.

Show, Werbeveranstaltung und Sportarena - und dank der Teilnehmer ein Erlebnis.

Show, Werbeveranstaltung und Sportarena – und dank der Teilnehmer ein Erlebnis.

So wenig, wie ich mir dieses Gefühl, etwas geschafft zu haben. Dieses Jahr war es sicher nicht die Gesamtzeit, die klar oberhalb der der Vorjahre lag. Es war die Gewissheit, dieses Mal gebissen zu haben, wenn mir nach Aufgabe war. Eine Bestzeit zu erzielen fällt viel leichter. Denn offensichtlich ist an so einem Tag der Körper in Top-Form. Meiner war es nicht. Das spürt man dann. Dann ist alles anstrengender und die Zeit auch noch schlechter. Dann nicht aufzugeben, dann weiter dran zu bleiben – das rechne ich mir selber an.

Erfolg hat viele Gesichter und wer sich sein Leben leicht machen will, der schaut auf die Dinge, die gut laufen, sieht (auch) die positiven Aspekte in vermeintlich schlechten Momenten. Ich weiß nun besser als die Jahre zuvor, dass ich dran bleiben kann, wenn es mal sein muss. Gegen die Lust, gegen die Laune.

Und selbstverständlich bin ich auch 2017 wieder dabei, trotz Preiserhöhung, keinem Rückgaberecht und der Unkenntnis, was in 12 Monaten alles passieren kann, das meinen Start verhindert. Gegen Vorkasse, selbstredend.

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Alle Kommentare [3]

  1. Du sollest endlich mal in Roth starten. Billiger und nicht so weit zu reisen. Stimmung gibt es noch kostenlos obendrauf.

  2. @alexander du wärst der erste, der über zwei starts binnen 4 Wochen schimpft!

  3. Soo viel billiger ist Roth ja nun auch nicht :-(,… und die Stimmung am Solarer Berg natürlich einzigartig, aber leider nicht für „normale“ Agegrouper auf der zweiten Radrunde. Und Stimmung auf der Laufstrecke – am Main Donau Kanal? eher bescheiden.