Mein schönstes Radrennen – die Eroica Britannia 2015

Nachfolgend eine klassische Ich-Reportage, die ich nach der Teilnahme an der Eroica Britannia 2015 schrieb, also kein klassischer Blogeintrag. 

Nach 123 Kilometern geht nichts mehr am Berg. Die Muskeln krampfen. Die 14 Kilo Gewicht des Fahrrades entfalten ihre gravitätische Wirkung. Der Schotter unter den schmalen Pneus staubt. Ich steige ab und schiebe – abwärts. Das Gefälle hat mehr als acht Prozent und ich fürchte mich. Die Stahlrohre des Carlton Kermesse wurden vor 29 Jahren in die Muffen zu einem klassisch geformten Diamantrahmen gesteckt. In den fast drei Jahrzehnten hat die originale Bremse ihren Geist aufgegeben. Die nachträglich montierte Seitenzugbremse weckt noch weniger Vertrauen. Und nach Minuten des ununterbrochenen Ziehens der Bremse geht den Fingern die Kraft aus. Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Nur die Mutigeren trotzen dem Warnschild zu Beginn des Gefälles. Sie rollen mehr oder minder ungebremst hinab. Der Streckenplan ordnet an, dass alle Fahrer absteigen. Ich bin froh, als es wieder aufwärts geht. Nun schmerzen zwar die Oberschenkel und der Schweiß tropft unterhalb der Rennradmütze auf den hellblauen Rahmen – aber Angst um mein Leben habe ich nicht mehr.

Das Sportgerät.

Das Sportgerät.

Eroica Britannia – Helden, Hasardeure, Historie, diese Begriffe rumpeln im Kopf mit auf jedem der 160 Kilometer der britischen Ausgabe des Straßenrennens für Rennräder aus der Zeit vor 1986. Räder mit denen ich groß wurde. Ich habe mir eines geliehen, um ein mal wenigstens zu ahnen, was die Fahrer von einst leisteten. In einer Ära als Bremskabel oben aus den Griffen kamen, Schalthebel am Rahmen verschraubt waren und Körbe statt Klickpedalen den Füßen festen Halt garantieren sollten. Einer Ära der Legenden wie Fausto Coppi oder Jacques Anquetil, die Ersatzreifen über der Schulter trugen, weil kein Materialwagen hinter ihnen her fuhr. Männer kämpften gegen Berge, Hitze und Schmerzen – wenn auch früh mit Hilfe von Arsen über Kokain bis Strychnin.

Allen geht es gut an den Verpflegungsstopps

Allen geht es gut an den Verpflegungsstopps

Tee, Kaffee, Früchtebrot und Brötchen mit Speck sind die weit willkommenere Verpflegung. Gereicht wird sie im Schatten der St. John Baptist Church in Tideswell. Es sind noch keine 16 Kilometer zurückgelegt seit dem Start um 6:30 in der bunt beflaggten Water Lane in Bakewell, dem Zentrum des dreitägigen Festivals Eroica Britannia. Geschafft haben wir noch nichts. Hier versammeln sich die Frühstarter mit dem Ziel, die 100 Miles zu absolvieren. Nicht jeder ist vergnügt, Mona, 14 Jahre alt, ist der Missmut anzusehen, dass sie ihre Eltern auf dem Trip begleiten soll. Der Zauber der Landschaft entlang des Monsal Trails, einer ehemaligen Bahnstrecke, durch enge Täler und vier klamme Tunnel scheint sie so wenig zu beeindrucken, wie die Begeisterung, mit der die Helferinnen die Rashers in den Pfannen für das Frühstück braten.

Lunchbreak. Im Hintergrund lauert die nächste Steigung

Lunchbreak. Im Hintergrund lauert die nächste Steigung

Die Stärkungen sind strategisch platziert. Nach jeder Pause lauert eine Steigung, nach dem Bacon folgt die Qual. Der Anstieg Mam Nick lässt mich rasch zweifeln, ob es so eine gute Idee war, aus Sentimentalität die zwei Kilometer und 200 Höhenmeter mit einem Rad hoch zu ächzen, das lange vor der Entwicklung von Kompaktkurbel oder dreiblättrigen Kurbeln montiert wurde. Heldenkurbel heißt im Jargon die Übersetzung der Vergangenheit, vorne zwei Blätter, hinten fünf Ritzel. Mam Nick hat im Schnitt 10 Prozent Steigung und bei Strava damit die Kategorie 3 von fünf möglichen erhalten. Bei Strava liegt der Rekord für dieses Segment bei 6 Minuten und 16 Sekunden. Ich benötige mehr als die doppelte Zeit. Als Held mag ich mich nicht fühlen. Immerhin ich steige nicht ab. Da ist der Stolz vor. Obwohl mein geliehenes Carlton Kermesse gut gepflegt ist, erst unter der Last am Berg zeigt sich, dass ausgerechnet der kleinste Gang rausspringt. Dabei sein ist alles, heißt es, „Oben ankommen“ möchte ich dazusetzen. Probleme mit der Schaltung, Probleme mit der Bremse ­– für einen Moment wünsche ich, ich könnte sie eintauschen gegen einen oder zwei Plattfüße, die im Laufe des Tages nicht die Ausnahme sondern regelmäßiger Anblick sind.

Bakewell am Morgen

Bakewell am Morgen

Die Landschaft des Peak Districts mit seinen malerischen Hügeln versöhnt immer wieder, seien es die kargen Kuppen nahe dem Goyt Valley oder die Rosamunde-Pilcher-Begrünung der britischen Vorgärten. Sie lenkt auch ab von den Begleiterscheinungen meiner Kleidung. Nicht allein die Räder sollen historisch sein, auch die Ausstattung des Fahrers. Bei der Eroica Britannia ist alles zu sehen, von Knaben als kleine Sherlock-Holmes mit Deerstalker-Hut bis zu quietschfidelen Matronen in knallengen Jeans-Latzhosen bei Konfektionsgröße 50. Rund um den Verkauf historischer Rennräder hat sich ein Markt für historisierende Hosen und Jerseys gebildet. Wolle soll es sein, das Material der Wahl vor den Zeiten von Polyester und Lycra. Und die kratzt. Und saugt sich voll bei Regen. Und trocknet langsam im Vergleich zu moderner Funktionswäsche. Sie hat nur einen Vorteil – sie sieht ungleich eleganter aus. Die Merinowolle passt sich der Figur an. Und bei dieser rollenden musealen Modenschau ist Liebe zum Detail wichtiger als dem Testosteron mit Kampfansagen wie „Kette rechts“ freien Lauf zu lassen.

Als sich gegen Mittag die Wolken verziehen und Sonnenstrahlen auf die Fasern treffen, wird es mollig. Zehn Meter Reißverschluss von Halskrause bis Beginn des Brustbeins sind das Maximum an Lüftung. Immerhin ­­– unter der traditionellen Rennradmütze mit kurzem Sonnenschirmchen bleibt es angenehmer als unter jedem Helm.

Vertrauen ist gut. Und alles, was man hat.

Vertrauen ist gut. Und alles, was man hat.

So rollt der Tag voran. Eine Reise in die eigene Jugend und die Vergangenheit. Wer sich Zeit nimmt, begegnet immer wieder anderen Fahrern. Gerald ist aus London angereist. Ein prachtvoll erhaltenes  Pinarello treibt er die  zahllosen Steinmauern entlang, vorbei an Wiesen, Steinhäusern und Höfen. „Sheep and shit“ kommentiert ­Gerald den Duft der Lämmer. Dave wiederum, in weißem Outfit mit Pilotenbrille mit gelben Gläsern pflegt britischen Spleen mit seinem Rad. Am Vorderrad ist ein Tennisschläger montiert. Wieso, das weiß auch Dave nicht. Er hat seinen Renner so gekauft als er noch als Wohnzimmerschmuck bei seinem Vorbesitzer an der Wand hing.

Wir Langdistanzler kommen in den Genuss von luxuriösen Foodstops, die nicht an den beiden kürzeren Routen mit 45 und 80 Kilometer liegen. Statt der rund 3000 Fahrer, die sich an den gemeinsamen Stationen über Pfirsicheis, Pies und Session-Ale hermachen, sind es keine 600. Sie rasten im Laufe des Nachmittags auf dem Grün von Ilam Hall aus dem 16. Jahrhundert. Es ist die vierte von sechs Pausen auf der Long Route. Hostessen reichen 100 Kilometer nach dem Start feuchte Handtücher, um das verkrustete Salz aus dem Gesicht und die Ölschmiere von den Händen zu waschen.

Die höchsten Hügel sind überwunden, der Himmel ist blau, die Wiesen Grün, das letzte Drittel scheint für die Galerie. Mit dem krönenden Food Stop in Chatsworth, dem Sitz des Duke of Devonshire, an dem im Sonnenschein Cava ausgeschenkt wird, 3000 Sandwiches mit „Potted Power“ von Granny Mary bestrichen wurden und die Eroica-Radler sich unter die Tagesbesucher des 400 Hektar großen Anwesens mischens. Die 150 Kilometer stecken in den Knochen und doch spüre ich in der heiteren Atmosphäre Trauer, dass die Reise keine neun Stunden nach dem Start vor dem Ende steht.

Ohne Abstriche freut sich die Guv’nor’s Assembly auf ihren Rädern, wie sie in den 1930er-Jahren in England gebaut wurden. Die zwölf Fahrer schwitzen auf den letzten 10 Kilometer noch mal kräftig. Die Fahrer mit dem Trinkflaschen am eigenwillig gebogenen Lenker sammeln sich am Fuße der letzten Abfahrt. Sie warten auf das letzte ihrer Mitglieder, bevor sie unter Jubel auf den Bakewell Festival Ground biegen, mit warmen Worten vom Moderator begrüßt.

So endet der Tag in einem Festival bei Pale Ale und Raddler Gin Fizz im Sonnenuntergang. Es ist Zeit, das Carlton Kermesse dem Vermieter zurückzubringen. William wartet am Zelt von Glorydays und will wissen, wie es war. Splendid. Großartig. Overwhelming. Beeindruckend. Bis auf die Bremsen an den Abfahrten mit Geschwindigkeiten mit bis zu 60 Stundenkilometer in der Spitze. Ich habe dem Kermesse mein Leben anvertraut. Und es ist mir im Laufe des Tages ans Herz gewachsen. William lächelt wissend. Er hatte nichts anderes erwartet. Technisch sei alles ok. Die Bremsen seien nicht zum stoppen, schließlich sei es ein Rennrad: „The brakes just slow you down, don’t they?”

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