Wer macht was mit unseren Daten? Gesundheit und Krankenkassen und Laufwege.

Im November kündigte der erste Versicherungskonzern, die Generali, an, Mitgliedern Krankenversicherungs-Tarife anzubieten, die günstiger seien, wenn die Versicherten ihre Gesundsheitsdaten mit einer App dem Versicherer mitteilen. In einem Interview mit dem Spiegel erklärte der Chef der Generali, dass noch nichts fix sei. Für den Moment und diesen Blogbeitrag nehme ich einfach mal an, dass – egal was die Generali genau tun wird – in Zukunft die Krankenkassen, ob privat oder gesetzlich diese Daten nutzen wollen, um Mitgliedern Angebote zu machen.

Das bedeutet – wer sich ausreichend bewegt, vernünftig isst, undsoweiterundsoweiter muss weniger Mitgliedsbeiträge zahlen. Wir Hobbysportler sammeln inzwischen in großer Zahl sehr große Mengen an Daten an. Wir speichern sie auf Datenbanken der Hersteller von GPS-Uhren oder Lauf-Apps. Je nach Modell oder Anbieter lassen sich noch Gemütszustände und Gewicht eingeben.

Zur Zeit gibt es in Deutschland keine sichtbaren Bestrebungen, für Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen solche Daten zu nutzen, um ihren Mitgliedsbeitrag zu beeinflussen. Bislang beschränkt sich die „Belohnung“ von vermeintlich gesundem Lebenswandel auf Bonusprogramme, bei denen der Versicherte beispielsweise Geld zurück bekommt, wenn er Mitglied in einem Verein ist. Oder einem Fitnessstudio. Ob er dann da überhaupt Sport macht wird nicht kontrolliert. Diese Bonusprogramme werden in 2015 sicherlich zusammenschnurren.

Dennoch wäre es naiv zu glauben, in Zukunft würde so etwas nicht auf breiter Basis diskutiert. Und es klingt ja zunächst auch gut – wer gesund lebt, ist (vermutlich) seltener krank, kostet also weniger, darf also sparen.

Bevor ich mir ein paar Worte erlaube zu diesem Thema, aber zunächst mal der Punkt, warum ich das hier überhaupt aufgreife: Die Sportuhren, die ich recht umfangreich teste. Diese Uhren tracken im Training alle möglichen Daten. Dauer, Intensität, Pausen, alles, alles, alles. Mit den inzwischen zusätzlich verbauten Activity-Trackern entsteht sogar ein 24-h-Bild, denn ich kann auch meinen Schlaf beobachten. Das ist nicht großartig präzise, aber wenn ich mich unruhig rumwühle, dann verzeichnet das Gerät das ebenso wie die Schlafdauer. Wenig Schlaf – ungesund, oder?

All diese Daten liegen auf Servern. Wem gehören sie und wer darf sie wie nutzen?

Diese Frage habe ich den Unternehmen Polar, Garmin, runtastic und Suunto gestellt. Da ich es selber schlicht nicht wusste. Es war mir immer klar, dass Daten ge- und missbraucht werden können. Und wer hier die Datenschutzbestimmungen gelesen hat, bevor er „Weiter“ klickte beim Installieren der Software und Anmeldung zum Webportal von Movescount über Connect bis Flow, der werfe den ersten Server.

Die von Polar stehen in Finnland. Darauf wies mich – nicht ohne sichtliche Zufriedenheit – der deutsche Geschäftsführer von Polar, Thomas Seifert, hin. Damit gelten für die Daten auf den Servern europäisches Recht. Dass die NSA meine Trainingseinheiten durchschnüffelt, ist sicher ein absurder Gedanke. Gleichwohl – an sie heranzukommen ist sicher schwieriger so. Darum geht es mir aber nicht. Es geht um die Daten über meine körperliche Verfassung, die ich entweder freiwillig teile oder eventuell in einer fernen Zukunft, aufgefordert werde mitzuteilen, wenn ich den Fit-Günstig-Supi-Krankenkassentarif haben möchte. Belege statt Mitgliedschaften.

Eine Anfrage an Runtastic und Garmin ergab das gleiche Ergebnis: Es gibt keine Kooperationen, die Daten verbleiben beim Anbieter und jeder Nutzer könne selber bestimmen, mit wem er die Daten teile. Das Unternehmen Suunto beantwortete die Frage nicht, also habe ich mich durch die Privacy Policy gewühlt. Ergebnis: Aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls keine Kooperation mit Gesundheitsanbietern durch eine Hintertür, welcher Art auch immer.

Die beruhigende Erkenntnis und damit Falsifizierung meiner Annahme: Die Gesundheitsdaten sind bis heute NICHT Gegenstand der Geschäftsmodelle der genannten Unternehmen. Die Datenschutzrichtline des mittlerweile recht beliebten Portals Strava ist da ein wenig diffuser. Hier das Zitat, das nahelegt, dass anonymisierte Daten gegebenenfalls an Dritte weitergegeben werden dürfen:

„Informationen zu deiner Person oder deiner Nutzung der Website können mit anderen auf der Website erfassten Informationen zusammengefasst werden oder in anderer Weise verwendet werden, solange du dadurch nicht persönlich identifiziert werden kannst oder diese keine persönlichen Informationen darstellen. Wir können solche zusammengefassten oder statistischen Informationen zur Verbesserung der Qualität der Website oder für andere von uns als angemessen betrachtete Zwecke verwenden.“

Nun bedeutet das eben gerade nicht, dass meine individuellen Daten weitergegeben werden. Aber – wir malen mal den Teufel an die Wand – schon Erkenntnisse darüber, wie „gesund“ sich die Mitglieder nun genau benehmen.

Meine persönlichen Sorgen sind also soweit aus dem Weg geräumt für den Moment. Ich gehe davon aus, dass meine Laufstrecken, mein Pulsschlag dabei oder auch meine Schlafaktivität dort bleibt, wo sie sind: Den Servern meines Anbieters.

Dem Grundsatz nach sollte ich vielleicht sogar dafür sein, dass Gesundheitsdaten genutzt werden, um meinen Tarif bei der Krankenkasse zu beeinflussen. Ich lebe vergleichsweise sehr sportlich, mithin „gesund“.

Bin ich jedoch ganz entschieden nicht.

Gesundheit ist etwas anderes als Verhalten im Straßenverkehr. Wenn also KFZ-Versicherungen per Blackbox mein Fahrverhalten tracken und mir bei stetem Einhalten der Geschwindigkeitsgebote einen günstigen Tarif anbieten – fein. Denn es gibt Verkehrsregeln, an die ich mich halten kann. Dafür gibt es Gesetze.

Gibt es für Gesundheit nicht. Aus guten Gründen. Nur ein kleiner Ausflug: Früher galten fünf kleine Mahlzeiten am Tag als gesund. Mittlerweile wieder drei eher größere. Die Vorgaben ändern sich STÄNDIG. Denn es gibt keine absolut sicheren Erkenntnisse. Grenzen für Cholesterinwerte, die als ungesund gelten, werden revidiert. Es gibt sportliches Verhalten und Sportsucht. Wo sind die Grenzen, wo hören sie auf? Ist es gut, wenn ich wöchentlich zwei Mal zum Fussballtraining gehe? Bestimmt. Nicht aber, wenn mir mein Gegenspieler dabei die Knochen bricht. Dann bin ich ein Kostenfaktor. Ski fahren. Kann sehr gefährlich sein. Rennrad fahren ebenso. Laufen – nicht so, oder? Vielleicht aber doch, wenn es mir meinen Meniskus ruiniert und langwierige OPs folgen.

Gesundheit ist ein Geschenk. Wer gesund ist, sollte froh sein. Es ist nicht selbstverständlich. Es gibt ausreichend kranke Menschen, die gar nicht den Sport betreiben dürften, den ich mache. Sie würden sich gefährden. Sollten sie per App bestraft werden? Der Fußballer etwas mehr zahlen als der Volleyballer, der keinen Kontakt zum Gegner hat? Die Schwimmer am wenigsten, weil es doch soooo gesund ist – und gelenkschonend? Schadet ein Marathon-Teilnehmer nicht sogar seiner Gesundheit mehr als er ihr gutes tut?

Die Krankenkasse ist ein Solidarprinzip. Wenn wir beginnen, jedes individuelle Verhalten zu beurteilen ohne eine solide und abgesicherte Erkenntnis, was gesund und nicht ist, dann verraten wir diese Idee. Apps, die unsere Sportdaten nutzen würden, um „gesundes“ Verhalten zu belohnen, torpedieren das Solidarprinzip und höhlen es aus.

Ein Bonus für die Mitgliedschaft in einem Verein oder in einem Fitnessstudio ist etwas anderes: Schließlich kontrolliert das niemand, ob ich hingehe. Wenn jedoch harte Fakten auf dem Tisch liegen, beginnen wir aufzurechnen, BMX-Fahrer gegen Raucher, Veganer gegen Vegetarier, Hühnchenesser gegen Schweinebauchliebhaber, Trainingsfleißige gegen Wettkampfschwänzer. Es wird kein Ende nehmen. Wer lebt gesünder – der Faule oder der Hochrisikosportler?

Insofern hoffe ich, dass die Daten, die wir in Zukunft alle messen können auch weiterhin nur für meine Information sind.

 

 

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Alle Kommentare [6]

  1. Hallo Thorsten…wo soll das enden? Das beißt sich die Katze in den Schwanz. Ich z.B. laufe gerne…somit lebe ich „gesund“ und profitiere von einem günstigen Tarif. Dann eine komplizierte Knie-OP! Kommentar der Krankenkasse: „Ja, Herr Rennmops, das tut uns leid aber wieso laufen sie auch soviel. Die Daten haben wir ja hier schwarz auf weiß. Mehr als die „normale“ Leistung können wir leider nicht erbringen.“ Benötige ich dann noch eine Zusatz-Günstiger-Versicherten-Versicherung?

  2. Danke für diesen Beitrag. Die ständigen Diskussionen über die Bestrafung dieser Gruppe und die Erleichterung jener Gruppe ist beliebt … leider viel zu oft am Stammtisch.
    Viele Durchschnittsbürger vergessen, dass sie selbst wohl eher vom Solidarprinzip profitieren als ausgebeutet zu sein. Keiner denkt weiter an die Prozesskosten die durch Rechtsstreitigkeiten mit der Krankenkasse entstehen können, wenn man gewisse Verhaltensregeln des Tarifs übertritt. Noch schlimmer ist die Sippenhaft in der man genommen wird, sollte man tatsächlich mal einen Sinneswandel haben und eben doch lieber etwas anderes.

    Ein Thema das mich schon lange bewegt. Ich selbst sammle meine Daten gerne, habe sie auch mit unguten Gefühl bei mehreren Anbietern verteilt – allerdings eher mit dem Bedenken, dass sie (wie bei Facebook) nicht gelöscht werden würden, wenn ich das möchte. Strava bestätigt dies ja z.B. – Problematisch ist das Thema allemal – wer bspw. sein Smartphone als Aktivity Tracker nutzt sendet das ganze direkt an Apple/Google – die dann Werbung zielgerichtet dann schaltet wenn man garantiert am Rechner sitzt o.ä. … Dinge die eigentlich keiner von uns will, aber aktuell auch keiner – der am modernen Leben teilnehmen möchte – verhindern kann.

  3. Hallo Thorsten,

    ein schöner Beitrag, dessen Thema mich auch erst letztens beschäftigt hat. Bei unabhängigen Apps und Plattformen habe ich auch die starke Befürchtung, dass deren Daten einmal weiter verarbeitet werden (können). Bei Hardware-Anbieter wie Garmin, Polar und Co. setze ich einfach auf ein bisher gut funktionierendes Geschäftsmodell, bei dem der Verkauf von Daten nicht notwendig wird.
    Die Versicherungsthematik finde ich auch interessant, wird es aber aufgrund gesetzlicher Bestimmungen in Österreich nicht geben – zum Glück, ich möchte nicht vor die komplizierte Wahl gestellt werden.

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag,
    Markus

  4. Vielen Dank für den Beitrag. Ich überlege bspw. seit einigen Wochen, ob ich mit einem „Umzug“ meiner Trainingsdaten vom polarprotrainer ins flow doch nicht irgendwem Tür und Tor öffne. Da Polar in Finnland beheimatet ist, ist eine Unsicherheit eh schon genommen – hoffen wir, daß die Krankenkassen keine Deals abschließen. Bei der Menge an professionellen Sportlern, die sich da aber nicht ins laufende Training reinschauen lassen wollen wohl auch eher unwahrscheinlich. Dies wäre dann vermutlich auch ein Totschlagargument für Polar.