Sowjetische Geheimniskrämer

Das Empfangskomitee steht Spalier, als wir vor den Toren der Universität von Öskemen in Ost-Kasachstan aus dem Kleinbus steigen: Der Hochschulrektor steckt zum Gruß die Hand aus, die Dolmetscherin zieht ihre unterwürfig zurück, als ich danach greife. Hinter dem halben Dutzend Uni-Offizieller fixieren uns die Linsen von Kameramann und Fotograf gleichzeitig. Man will sich hinterher des deutschen Interesses am glorreichen Hochschulwesen von Öskemen rühmen. Na, von mir aus!

Vielleicht fühlt sich manch ein Besucher wirklich gebauchpinselt. Ich indes muss mir auf die Zunge beißen, um beim folgenden Rundgang weder pampig noch spitzzüngig zu werden, denn bestellt war das so nicht: Während des monologischen Selbstlobs erwähnt der Rektor fünfmal, dass Staatspräsident Nursultan Nasarbajew die Uni Öskemen so oft wie keine andere besucht habe und Russlands Ex-Präsident Medwedew auch schon dagewesen sei. Na und? Der Rundgang führt in die schicke Bibliothek und in frisch renovierte Vorzeige-Säle. Gebeten hatte ich bloß um ein Gespräch mit einem Geologen der Universität, auf die Selbstbeweihräucherung hätte ich gut verzichten können.

Nach Recherchen in Afrika und Asien war ich länger nicht in meinem alten Berichtsgebiet, dem postsowjetischen Raum. Und so hatte ich schon fast verdrängt: Routinierte Vorstellungen wie jene an der Universität sind Standard in den Ex-Sowjetrepubliken und folgen erprobten Choreographien. In halbwegs vorzeigbaren Universitäten und Instituten, auf prestigeträchtigen Großbaustellen rollen die Machthaber gern den roten Teppich für Gäste aller Couleur aus. Dem werden sich auch die Delegation, die im Sinne der Rohstoff-Partnerschaft nach Kasachstan reisen, nicht entziehen können. Fabriken dagegen halten gerade für Ausländer gern die Tore verschlossen.

Selten bitte ich lokale Regierungen um Unterstützung. In Öskemen in Ost-Kasachstan, wo große Verarbeiter von begehrten Metallen sitzen, schien mir dies der einzige Weg, um eine Fabrik von Innen zu sehen. Das behördliche Beiprogramm, Uni-Show inklusive, muss man dann mal hinnehmen. Mit Fotograf Nils Bröer hatte ich mich Wochen vor der Reise angemeldet, frühzeitig erhielt ich über die Behörden die Zusicherung eines Besuchs beim örtlichen Metall-Riesen Kaz-Zink. Erst am Morgen des Besuchs kommt die Absage der Zusage – und eine Routine-Recherche artet in Stress aus.

Die Sowjets machten einst aus allem ein Geheimnis: Mitten in der Moskauer Innenstadt, nicht weit von der Metro-Station Taganskaja, haben die Russen dort einen kilometerlangen Bunker gegraben, von dem aus ein Atomkrieg begonnen werden konnte – Anwohner der dicht besiedelten Gegend um das Areal wussten davon nichts. Tausende Städte waren zu Sowjet-Zeiten Sperrgebiet, für Ausländer sowieso. Bei Fabriken konnte man nie genau wissen, was sie in Wahrheit herstellen.

Vor lauter Geheimniskrämerei sind viele Sowjet-Kader paranoid geworden. Und diese Paranoia ist bis heute im ganzen postsowjetischen Raum zu spüren. Ob Manager oder Journalist – jeder Ausländer muss einen „Propusk“ einholen, den Einlassschein, um eine Fabrik oder ein öffentliches Gebäude zu besuchen. Die Beantragung kann Wochen oder Monate dauern, der Papierkram ist zuweilen schlimmer als wenn man im Grundwehrdienst der Bundeswehr den Zapfenstreich vergisst. Dabei stehen hinter den wenigsten Fabrikmauern schützenswerte Technologien, sondern meist rostige Maschinen und leere Gebäude – nichts, woraus man ein Geheimnis machen müsste. Aber die Verschlossenheit passt zum mehr oder weniger autoritären Charakter der Regime in der Region, ebenso die notorische Selbstüberschätzung.

In der Metall-Stadt Öskemen haben sie mir schlussendlich doch noch die Tore geöffnet: Das Titan- und Magnesium-Werk, ein wichtiger Zulieferer des Flugzeugbauers Airbus, habe ich mir anschauen können. Allerdings musste WiWo-Fotograf Nils Bröer trotz aller Bemühungen draußen bleiben, Fotos waren nicht erlaubt. Womit sich die Kasachen optisch keinen Gefallen tun, denn hinter den hohen Mauern des Titan-Werks stehen für postsowjetische Verhältnisse moderne Anlagen – vor dem Tor dagegen wirkt das Werk so trist und grau wie die Sowjetunion.

Öskemen, im März

Florian Willershausen

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