Flucht ins Paradies der Armen
Bamako, im Januar
Mit allem hatte ich gerechnet vor der Abreise nach Mali – aber nicht damit: Regen. Völlig außerhalb der Regenzeit, die im Juni beginnt. Erst nieselt es nur, dann plumpsen über Stunden dicke Tropfen auf den roten Boden und binden den Staub, der mir gestern die Klamotten versaut hat. In den Gesichtern der Malier lese ich Verwunderung. Aber Regen kommt in Subsahara-Afrika nie ungelegen. Viele waschen sich mit Regenwasser auf der Straße, denn in den Baracken von Bamako gibt es selten fließend Wasser.
Mich überrascht die Wetterlage nicht minder als der Gesamteindruck der Stadt: Bamako hält stoisch den Normalbetrieb des Friedensfalls aufrecht. An Tag Zwei der Recherche habe ich immer noch kein Militär-Fahrzeug gesehen, die Polizei versteckt sich trotz Terror-Warnung in ihren Kasernen, vom Krieg ist weit und breit nichts zu sehen. Friedlich kommt die niedrig gebaute Zwei-Millionen-Stadt daher, durch deren Mitte behäbig der Niger fließt.
Bamako begrüßt mich mit demselben vertrauten Bild wie andere afrikanische Städte: Die Gehsteige säumen Händler, die Früchte, Autoteile, Schrauben oder Holzpaneele feilbieten. Die Straßen verstopfen zerbeulte Lastwagen, die in Europa einst verschrottet wurden – und in Bamako das Leben nach dem Tod finden. Darin fahren die Großhändler Plunder aus China und Recycling-Klamotten zu den Straßenhändlern. Nie wird einer aus dem Westen durchschauen, wie diese Händler ihr Geld verdienen.
Die Folgen des Krieges finde ich nur hinter den Kulissen – etwa am Markt. Dort lerne ich Adama Koni kennen. Er ist 33 Jahre alt und lebt mit seinen beiden Brüdern in Bamako, seit die Islamisten vor einem knappen Jahr den Norden Malis überfallen haben. Adamas Heimat ist die Stadt Mopti, dort lebt seine Frau mit seiner Tochter, die Eltern und der ganze Rest der Familie. Ein Schreck fuhr ihm in die Knochen, als die Rebellen vor ein paar Wochen in Mopti einfielen. Dankbar ist er den Franzosen, dass sie die Stadt südlich des Nigerbogens sogleich zurückerobert haben.
Adama ist nur widerwillig in Bamako – aber zuhause in Mopti kann er seine Gürtel nicht verkaufen, die seine Familie seit Jahrzehnten dort fertigt. „Früher kamen die Touristen aus Europa, Amerika, Australien“, erzählt er, „aber heute ist die Stadt wie ausgestorben.“ Die Menschen in Mopti könnten sich die edlen Riemen aus echtem Krokodil-Leder nicht leisten. „Ich bin hier, damit meine Familie überleben kann“, sagt er, aber er will nicht klagen: „Das gilt für alle anderen hier auch.“
Tatsächlich geht es dem jungen Händler besser als anderen, denn seine Familie hat noch ein Gewerbe. Das können die Flüchtlinge nicht behaupten, die aus dem Norden geflüchtet sind, wo die Radikalen die Scharia eingeführt haben und anarchische Tuareg-Rebellen die Städte und Dörfer plünderten. Terror und Krieg treiben rund 700.000 Menschen aus dem Norden in die Nachbarregionen, schätzt die UNO. Viele fliehen nach Mauretanien geflohen, andere nach Niger – aber das Gros strandet in Bamako.
Selbst die Flüchtlinge muss man suchen. Es gibt kaum Auffanglager in Bamako, aber Tausende sind aus dem Norden geflohen – und haben in der Hauptstadt bei Bekannten und Verwandten Zuflucht gesucht. Ich trete bloß in einen kleinen Park und spreche mit den Menschen auf den Bänken. Plötzlich fängt einer an, seinen Verband am Fuß abzuwickeln: „Sie haben mir die Ferse zerschlagen“, ruft er beim Abwickeln. „Hör auf“, erwidere ich, „ich glaube dir ja.“ Der junge Suleiman Akhmodique wird in ein paar Tagen 29 Jahre alt, hat einen Wodka-Atem und holt aus, mir sein persönliches Lebensdrama zu erzählen. Die anderen Leute aus dem Park kommen herüber und hören zu. Mir ist klar, dass jeder Zweite auf den Straßen von Bamako aus dem Norden geflohen ist – und es hinter der demokratischen Fassade von Mali ziemlich gärt.
Fortsetzung folgt. Und hier noch ein paar Bilder:
- …der 33-Jährige verkauft für seine Familie Gürtel aus Krokodil-Leder. Seit sich nach Mopti keine Touristen mehr verirren, bietet er seine Waren im fernen Bamako feil.
- Diese Frau freut sich über Besuch aus dem Ausland – auch wenn sie selbst in ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf südlich von Bamako lebt.
- Diese Frau verkauft mit Filius am Rücken Mangos am Markt. Erst wollte sie sich nicht fotografieren lassen – aber dann sah sieh das Lächeln ihres Sohnes und war einverstanden.













