» 31.10.2012, 20:12

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Okkulte Wahlkämpfe und saftige Krokodile

Accra/Ghana, im Oktober

Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Sache mit dem Wahlkampf in Ghana von Anfang an nicht ganz Ernst genommen. Ich wusste zwar vor meiner Reise in die ghanaische Hauptstadt Accra, dass denen im Sommer der Präsident gestorben ist und im Dezember ein neuer gewählt werden soll. Aber dass es seinen handfesten Wahlkampf geben würde? Also wirklich – Ghana ist immer noch Afrika! Wenn es da um Politik geht, hauen die sich die Köpfe ein statt zu debattieren. 

Wieder einmal haben meine eigenen Stereotype Lügen gestraft, indem sie sich rasch nach der Ankunft in Luft auflösten: Die Stadt ist nicht nur zugepflastert mit Wahlkampf-Plakaten; auch auf den Radiosendern laufen am laufenden Band Streitgespräche der Kandidaten. Und dies derart intensiv, dass der deutsche Wirtschaftsdelegierte Mühe hatte, zu peripheren Zeiten einen Sendeplatz zu bekommen, um für die größte je in Ghana organisierte Messe für erneuerbare Energien zu werben (eine deutsche Idee).

Besonders merkwürdig: Die Ghanaer hören den Wahlkampf-Demagogen freiwillig zu, die da im Radio mit fesselnder Verbalrhetorik ihre Thesen predigen und dabei jovial zwischen ghanaischer und englischer Sprache wechseln. Geradezu okkult kommen mir die Auseinandersetzungen um den Ausbau des Schulsystems vor, zuweilen schreien die Wahlkämpfer ins Mikrofon wie ein Voodoo-Priester bei einer Opferung. In den vielen Stunden, die ich dieser Tage in den Staus von Accra verbringe, hört mein Fahrer durchweg Wahlkampf-Werbung statt Musik. Mir bluten die Ohren.

Dass die Ghanaer offenbar politisiert sind, lässt indes im Umkehrschluss nicht auf eine funktionierendes politisches Herrschaftssystem schließen. Zwar bemüht sich die Regierung, das Geld aus dem Gasexport nicht nur in die eigenen Taschen, sondern auch in die Diversifizierung der Wirtschaft zu lenken. Dennoch ist das Land hochkorrupt.

Ein ums andere Mal höre ich bei Gesprächen von perfiden Fällen der Korruption: Die Regierung blockiert den Ausbau des Hafens, da die Hafenverwaltung die knapp bemessenen Anlegeplätze per Schmiergeld verkauft. Die Chinesen schürfen in den Fördergebieten südafrikanischer Minenkonzerne nach Rohstoffen, nachdem sie die Lokalregierung geschmiert haben.

Ich bereise derzeit beide Länder, weil sie in unserem WiWo-Ranking als „Märkte von Morgen“ hervorragend abgeschnitten haben. Darin haben wir Fundamentaldaten analysiert, aber auch die politische Stabilität einschließlich der Korruptionsindices. Auch wenn Ghana und Nigeria hochkorrupt sind – mit einem Wachstum von 13,5 Prozent wie in Ghana oder 170 Millionen Einwohnern in Nigeria handelt es sich um Wachstumsmärkte, die deutsche Investoren nicht einfach ignorieren können.

In Accra indes muss man deutsche Investoren mit der Lupe suchen. Ghanas Hauptstadt mit ihren drei Millionen Einwohnern ist eine Ansammlung zusammengewachsener Dörfer, deren Straßenzüge sich verblüffend gleichen. In den meist zweistöckigen Häusern finden sich wenige deutsche Firmen – selbst Großkonzerne arbeiten aus Angst vor zu vielen Schwierigkeiten meist mit lokalen Importeuren, die ihre Waren nach Afrika schaffen.

Viele Deutsche haben sich in Ghana blutige Nasen geholt. Aber es gibt auch Beispiele sehr erfolgreicher deutscher Investments, die ich in Kürze in der WirtschaftsWoche vorstellen werde. Mit den Unternehmern saß ich gestern im Restaurant Monsoon beisammen. Es gab Sahnegulasch mit Fleisch vom Krokodil, dazu Pommes mit Majo. Mein letztes Krokodil, das vor vielen Jahren im hessischen Wetzlar auf meinem Teller lag, war fürchterlich zäh – das ghanaische Reptil dagegen herrlich saftig. Insofern konnte ich in Ghana auch ein kulinarisches Vorurteil schlachten.

Bei nächster Gelegenheit schreibe ich noch auf, was die Afrikaner von den chinesischen Investoren halten und wie die Recherche in Nigeria verläuft.

Bis dahin viele Grüße,

Florian Willershausen

» 31.10.2012, 20:12

    Ein Kommentar zu “Okkulte Wahlkämpfe und saftige Krokodile”


  1. Torsten sagt:

    Das ist eine sehr schöne Momentaufnahme! Meine ghanaischen Kolleginnen und Kollegen diskutieren mit großem Interesse die Positionen der einzelnen Präsidentschaftskandidaten. Und jeder meint, dass ich wohl den präferiere, der Hassan Ayariga aufgrund seiner vielen Berufsjahre in Deutschland.

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