Dublin, im Oktober
Neulich war ich privat auf Tour: In Irland, zum Auswärtsspiel der deutschen Nationalelf. Es brauchte eine Weile, bis ich über den 6:1-Erfolg gegen das desolate Trapattoni-Team jubeln konnte. Nicht, weil die Deutschen so schlecht spielten wie Tage später in der zweiten Halbzeit gegen Schweden. Sondern, weil mir Ärger und Lauferei der vorangegangenen Stunden noch in Kopf und Knochen steckten.
Mein Hotel in Dublin war pleite. Dachte ich jedenfalls, als ich davor stand: „Hotel Leeson“ stand auf der blauen Tür des Backsteinbaus in der Lower Leeson Street. Die Tür war offen, ich trat ein. Vor mir lag ein futuristisch anmutender Rezeptionstresen, der aussah wie die Brücke eines notgelandeten Raumschiffs.
Die Belegschaft musste sich wohl vor außerirdischen Gästen in Sicherheit bringen. Der Raum war vor kurzem noch besetzt, es lagen jüngere Stadtpläne und Flyer mit Ausflugsmöglichkeiten auf dem Tisch. Allein, die Menschen fehlten: Im Hotel Leeson fand ich weder Gäste noch Hotelangestellte. Störrisch läutete ich die englische Glocke, niemand kam.
Schon die journalistische Neugier trieb mich erst in den menschenleeren Frühstückssaal, dann in den Hinterhof mit Open-Air-Bar und Tanzbühne. Plötzlich kamen vier Gestalten aus dem Keller, Männer in Hemden. Ich fand heraus, dass einer der Insolvenzverwalter war, einer der Gutachter der Immobilienfirma, die beiden Jüngeren deren Hiwis. „You have a bad luck“, sagte der Verwalter beim Blick auf meine Buchungsbestätigung. Die Hotel-Eigentümer seien vor drei Wochen aus Irland geflüchtet, der Laden insolvent.
Na super, dachte ich – und denen habe ich auch noch die Kreditkartendaten gegeben. Später rief ich bei www.booking.com an und bat, die Transaktion zu stoppen und andere Gäste zu warnen. Vorher heiterte mich aber die irische Hilfsbereitschaft auf: Der Immobilien-Gutachter kutschierte mich in seiner schwarzen Mercedes S-Klasse in ein Hotel seines Vertrauens, sein Hiwi klärte vorab per Handy, dass ich dort trotz Zimmernot ein Zimmer bekommen würde. Danke, Dublin!
Der Rest war nicht sehr nett: www.Booking.com rief zurück und forderte mich auf, unverzüglich ins Hotel zurück zu gehen: Ich habe ein Hotel Leeson Inn gebucht, das sei auch existent und dort müsse ich auch einchecken. Eine Stornierung der 159,- Euro teuren Nacht, hieß es sogleich, sei nicht möglich. Wie sich vor Ort herausstellte, gab es in demselben Haus des Leeson-Hotels ein Hotel Leeson-Inn – eine gelbe Tür, gleich nebenan.
Mein Fehler. Ich doofer Kunde. Kennt man doch aus Shanghai, Rio und New York, dass neben einem insolventen Radisson Hotel ein Radisson Blu zu finden ist. Formaljuristisch hat www.booking.com Recht: Es gibt keinen Anspruch auf Erstattung, und die Prüfung einer Kulanz-Regelung fiel negativ aus.
Beim Hotel Leeson Inn sah man meinen Punkt: Aus Kulanz werde man nur die 25 Euro Provision für www.booking.com berechnen, nicht aber die Hotelnacht im Wert von 159,- Euro. Das versprach die Dame von der Rezeption des Hotels nach Rücksprache mit ihrer Chefin. Und ja, das mit dem insolventen Hotel nebenan sei wirklich etwas verwirrend. Danke, Dublin!
Aber der Prozess war nicht mehr zu stoppen. Nach der “No-Show”-Mitteilung von www.booking.com wurde meine Kreditkarte vom Hotel mit 159 Euro belastet – für ein Hotel, in dem ich gar nicht übernachtet habe. Absprachen zwischen Kunden und Hotels sind technisch offenbar nicht integrierbar. Oder hat das Holel die Absprache gebrochen? Kulanz kannte man beim mächtigen Buchungsportal www.booking.com jedenfalls nicht. Weder Hotel noch Booking.com reagierten bisher auf Anfragen zur Klärung.
Praktisch bedeutet der Vorfall für mich: Vorsicht vor Booking.com! Ich werde Hotels künftig nur mehr direkt buchen; die Übersicht der Buchungsportale ist zwar praktisch – aber wehe, es gibt Ärger bei der Abwicklung. Nachhaltig frustriert war ich spätestens nach dem 6:1-Sieg der deutschen Mannschaft nicht mehr. Die 159 Euro schreibe ich ab. Das Buchungsportal Booking.com erst Recht – und das Hotel Leeson Inn sowieso. Auch wenn sich die Iren ansonsten als äußerst gastfreundlich erwiesen haben. (Stand: 18.10.2012)
ANMERKUNG: Inzwischen hat das genannte Hotel den Betrag zurück überwiesen. Auch Booking.com hat sich dieser Sache angenommen und eine Kulanz-Lösung angeboten, sofern sich das Hotel quer stellt. Die Reaktion folgte auf diesen Blog-Beitrag hin. (hinzugefügt am 29.10.2012)











4 Kommentare zu “Meine Hotel-Pleite und Booking.com”
Dieser Bericht kann nicht richtig sein. Booking.com zieht kein Geld über die Kreditkarte ein. Diese Kreditkartendaten dienen nur dem Zweck der “garantierten Buchung”. Will heissen, dass Zimmer wird für den Kunden auch nach 18.00 Uhr freigehalten. Wenn er dann nicht kommt, kann das Hotel die Daten manuell eingeben und das Geld anfordern. Buchungsportal sind aufgrund der hohen Provisionen sicherlich ein Greul für uns Hotels, aber deshalb sollte man trotzdem Fair bleiben. Direkter Anruf macht auch mehr Spass. Sowohl dem Gast, als auch dem Hotel.
Lieber Herr Wiegard,
da haben Sie recht – abgebucht wurde es im Namen von Leeson Inn. Allerdings in exakt derselben Minute wie die No-Show-Meldung. Die Prozesse hängen da offenbar zusammen. Das habe ich im Text eben noch klarer formuliert. Leider steht die Antwort von Hotel und Booking-Firma noch aus. Gern trage ich die nach.
Besten Dank für Ihren Kommentar.
Freundliche Grüße,
Florian Willershausen
Es ist doch einwandfrei und nachlesbar formuliert. Der Vertrag kommt immer zwischen Hotel und dem Gast direkt zustande. Der Vermittler haftet lediglich für seine Vermittlungstätigkeit – und die ist einwandfrei erbracht worden. Das gilt im übrigen nicht nur für booking, sondern für Hotelportale im Allgemeinen.
Lieber Herr Willershausen,
ich würde in Ihrem Fall meine Kreditkarten-Company bitten, den No-Show-Betrag bis auf die vom Hotel zugesagten 25,– Euro wieder auf Ihr Konto gut zu schreiben. Die mündliche Zusage einer Mitarbeiterin des Hotels ist von Ihnen dokumentiert und sollte für diese Reklamation ausreichend sein.
MfG
IWW