Dhaka / Bangladesch, im August
Kaum angekommen in Bangladesch – und schon sehe ich die ersten Kinder bei der Arbeit: Zwei Jungen, nicht älter als Zwölf, hämmern barfuß Backsteine zu Backstein-Brocken. Mit dem Gebrösel stopfen sie in Dhaka die vulkanartigen Schlaglöcher, die der Monsunregen in die Straßen spült. Dutzende Ziegeleien säumen die Ausfallstraße in der Einflugschneise des Flughafens, doch die Schlöte rauchen nicht. Bis vor ein paar Tagen, sagt mein Begleiter, stand die ganze Gegend völlig unter Wasser, jetzt müssen die Ziegeleien trocknen. In der Regenzeit hat das dicht besiedelte Bangladesch immer wieder mit schwersten Überflutungen zu kämpfen. Die Menschen bleiben trotzdem in ihren Blechbaracken wohnen, denn sonst haben sie ja kein Zuhause.
Es sind weder die Ziegeleien noch arbeitende Kinder, die mich nach Bangladesch ziehen – vielmehr die Produktionsstandards in der dortigen Textilindustrie. Am ärmsten bevölkerungsreichen Land der Welt kommt Deutschland nicht vorbei: Nur dort können Markenhersteller so billig fertigen lassen, dass der Preis hinterher zur deutschen „Geiz ist Geil“-Kultur passt. Ordentliche Arbeitsbedingungen setzen die geizigen Käufer zwar voraus – aber die wenigsten können oder wollen hierfür markante Preiserhöhungen in Kauf nehmen, wie Marktforscher bestätigen.
Also gehe ich rein in die Fabriken. Da sich die Produzenten vor Journalisten fürchten, spiele ich die Rolle eines potenziellen Geschäftspartners – auch wenn ich stets ein schlechtes Gewissen habe ob der Märchen, die ich den Menschen erzähle. Aber ich suche ein authentisches Bild, will wissen, was die Fabrikanten wirklich von den Sozialstandards halten, die ihnen ausländische Kunden aufdrücken wollen, für die sie aber meist bezahlen sollen. Es geht um gerechte Löhne, bezahlte Überstunden, gereinigtes Brauchwasser und das Verbot von Kinderarbeit – Forderungen, die Geld kosten und trotz PR-Blabla in Bangladesch und anderswo nicht selbstverständlich sind. Die Ergebnisse lest ihr bald in der WirtschaftsWoche.
Meine Tage verbringe ich vor allem im Auto, nicht in Fabriken. Die Hauptstadt Dhaka zählt inoffiziell mitsamt der Agglomeration 30 Millionen Bewohner – und alle Textilfabriken befinden sich im Norden. Die Straßen sind so voll, dass einem der mir wohlbekannte Moskauer Gartenring wie eine Dorfstraße vorkommt. Vor allem bahnen sich zwischen verbeulten Tata-Lastwagen, die Aldi-Klamotten zum Hafen von Chittagong kutschieren, unzählbare Rikschas und Tuk-Tuk’s ihren Weg – die einen mit Menschen, die anderen mit Garnresten beladen.
Bei solchen Manövern würde jeder zweite Otto-Normalautofahrer einen Herzkasper bekommen, die bengalischen „Driver“ entgehen minütlich einem Beinahe-Unfall, ohne jegliches Zeichen von Schreck und Aufregung von sich zu geben. Respekt! Welch ein Wunder, dass ich bislang weder einen schlimmen Unfall gesehen, noch in einen verwickelt wurde. Ich hoffe, das bleibt auch so. Ich melde mich bald Wochenende wieder, wenn die Recherche abgeschlossen ist – und ich mich auf den Weg nach Dubai mache.
Herzliche Grüße,
Florian Willershausen

Die meisten Fabriken befinden sich in Dhaka in Hochhäusern – und wenn es mal brennt, kommt keiner raus, weil die Feuertreppe fehlt, die Fenster vergittert sind und die Türen zuweilen nur nach Innen geöffnet werden können

Diese Kinder-Jogginghosen sollen zur Wintersaison bei Aldi zu kaufen sein – hergestellt werden sie in einem Dorf nahe Dhaka

Im Innern einer Textilfabrik – eine der “nicht ganz so schlechten”. Der Mitteleuropäer würde es ohne Klimaanlage dort nicht aushalten, die Näherinnen freuen sich schon über die klapprigen Deckenventilatoren.

Zwei Männer schneiden die Stoffberge mit Stichsägen zurecht; die Frauen nähen sie dann zu Klamotten für Aldi und Co. zusammen. Sorry für die schlechte Qualität – versteckt Kamera

Der gesetzliche Mindestlohn liegt in Bangladesch bei 3000 Taka für Einsteiger – und mehr verdienen die wenigsten. Mit 29,92 Euro muss man also einen Monat auskommen.












5 Kommentare zu “Geiz ist Geil und das bengalische Leben”
Schade, dass hier jemand ohne Sachkenntnis schreiben darf!
Die mit “Stichsägen zurecht geschnittenen Stoffberge” bezeichnet der Fachmann als Stofflagen. Sie werden mit Stoßmessern zugeschnitten. Der Arbeitsgang heißt “Zuschnitt”. Je höher die Lagen, desto effizienter wird gearbeitet.
Warum muss das mit versteckter Kamera fotografiert werden? Das ist nun wirklich keine Sensation. Kinder habe ich keine gesehen!
@Frank Niemüller: Besten Dank für die offenbar fachkundige Aufklärung bzgl. des Arbeitsgangs “Zuschnitt”. Ich gehe davon aus, dass es in der deutschen Textilbranche nicht üblich wäre, diesen Schneidevorgang barfuß durchzuführen, oder irre ich mich? Internationale Presse-Fotografen haben in bengalischen Fabriken keinen Zutritt – zumindest, wenn es sich wie hier um eine Zulieferer-Fabrik ohne BSCI-Audit handelt.
Wahrscheinlich wäre es in der deutschen Bekleidungsbranche auch nicht üblich Turban zu tragen…
Liegt es Ihrer Meinung nach an S.Oliver & Co., dass die Männer bei der Arbeit keine Schuhe tragen?
Man muss sehr gut zwischen landestypischen Eigenarten, Gewohnheiten und Mentalitäten und dem Einfluss der Auftraggeber unterscheiden.
Problematisch wird es immer, wenn man die Westeuropäischen Sichtweise als Maß der Dinge hernimmt. Z.B. die fehlende Klimaanlage…
Oh Reisender,
kommst du dereinst ins bengalische Spa, trage dein teutsches Okular denn ein anderes ward dir nicht inne, dass du sehest die ferne Welt zu deinem eigen Gewinne…
Dann schrübe ein Pamphlet wider deinen gierigen Landesmann und seine Gewerbe, die den Mohren bestehelen und mit Hunger peinigen, seine Brut knechten und bar sind von feiner Sitte für des Herren Geschöpf.
Und kehrest du wieder von fernen Gestaden, dann siehest du deine Schriebe, doch oh Herr ! du wardst nicht der erste vor dem Herrn, vorher berichteten deine Gewerkesbrüder von der Schande, die du sahst.
Hättest du doch das Okular getauschet und wärest der Fremden Blick gefolgt, wie viele neue Sicht hätt sich dir aufgetan, vielleicht mit Weisheit eingeflochten und mit feinem Sprachgewand ?
So bleibt nur dein tumbes Wort, klein und bar des Wissens – einer Welt die groß und weit ! Doch sprichst du was die Welt will hören und diese will des Faustens Böse – denn nichts rührt mehr des Menschen Herz, als des Teufels grimmer Schmerz !
Wahnsinn! Dieser Einblick in die Textilindustrie in Bangladesch! Über diese Zustände weiß man hier als Endverbraucher ja überhaupt nichts!
Mal schauen womit uns der Chefreporter der WiWo als nächstes überrascht? Die Lottozahlen der letzten Woche?