Kiew, im Juni
Ihren Blitzbesuch in der Ukraine hatten sich Rebecca Harms und Werner Schulz anders vorgestellt: Erst traf der Blitz den Lufthansa-Flug 1490, der Airbus musste nach Frankfurt umkehren. Verspätet trafen die grünen Europa-Abgeordneten am Mittwoch zum Fußballspiel Deutschland-Holland ein, wo sie auf der VIP-Tribüne ein Plakat für die inhaftierte Oppositionschefin Julia Timoschenko schwenkten. Tags darauf holte das schwere Unwetter die Deutschen auf dem Weg nach Kiew ein, wo sie Blitz und Donner am Abends auch noch aus der Fan-Zone vertrieben.
Ob da wohl der lange Arm des Viktor Janukowitsch im Spiel war? Der Ex-Knacki, den die Ukrainer vor zwei Jahren ins Präsidentenamt gewählt hatte, ließ seine Opponentin Timoschenko im vorigen Herbst einsperren – vordergründig, weil sie sich in ihrer Zeit als Regierungschefin von Russlands Putin bei Gaspreisverhandlungen über den Tisch ziehen ließ. Seither gilt Janukowitsch im Westen als Diktator, die Ukraine als lupenreine Diktatur. Nicht wenige profilneurotische Politiker wie Ex-Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) und die um Bedeutung ringende EU-Kommission bliesen zum Boykott – was vor Ort übrigens kaum wen interessiert.
Politische Attacken gegen die Ukraine, stets medial flankiert, prägten das Bild des EM-Gastgebers in den Wochen vor dem Anpfiff. Nun, da die EM läuft und deutsche Elf siegt, spricht die Heimat nur mehr über Fußball – und kaum jemand nimmt zur Kenntnis, dass die Grünen in der Ukraine dezent und erfolgreich Politik machen: Statt plump zu boykottieren, flogen sie hin und zeigten Flagge. Sie trafen Premier Asarow und schafften es gar, Timoschenko im Gefängnisknast zu besuchen. Deren Anhänger zelten derweil munter direkt neben der Fan-Zone in Kiew, ohne dass die Polizei das Zeltlager räumt oder Anhänger verhaftet.
Klingt nicht nach Diktatur, oder? Klar ist Viktor Janukowitsch ein autoritärer Präsident, der das Land nicht wirklich voran bringt, aber Timoschenko war es auch nicht. Klar ist die Ukraine kein Rechtsstaat und der Fall Timoschenko ein politischer, was auch der Wirtschaft nicht gefällt. Aber anders als Russlands Präsident Putin zögern die Ukrainer bisher, Demonstranten zu vermöbeln. Wer die gastfreundliche Ukraine indes als Diktatur bezeichnet und damit in einem Atemzug mit Weißrussland nennt, ist begriffsstutzig.
Die Tür nach Europa ist noch nicht verschlossen: Für ein Land, dessen Einwohnern der Mief des Sozialismus noch in den Kleidern steckt, ist die Fußball-EM eine erfrischende Erfahrung: Die vielen Zehntausend Holländer und Deutsche, die am Mittwoch durch die Straßen zum Stadion liefen und den Spalier stehenden Ukrainern ihre Farben auf die Wangen malten, werden zur Öffnung des Landes beitragen. In Europa, so die Botschaft, leben fröhliche und weltoffene Menschen, mit denen man gerne zu tun haben will. Die EU-Annäherung wird für viele Ukrainer zu einem Traum, den zu träumen es sich lohnt – und den die Politik eines Tages in die Realität umsetzen muss.
Ich selbst bin übrigens wieder in Kiew, am Samstag geht es zurück nach Lemberg zum dritten Spiel der deutschen Elf. Ich rechne mit einem 3-0, auch weil sich die fairen und freundlichen Holländer die Hilfe der Deutschen über das Torverhältnis verdient haben.
Viele Grüße,
Florian Willershausen















