» 11.06.2012, 10:55

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Kühe vor Kiew und ängstliche Ultras

Kiew, im Juni

Eigentlich sollte ich jetzt Angst haben. Ebenso wie mehr als 10.000 deutsche Fans, die unserer Nationalmannschaft zur Euro 2012 in die Ukraine gefolgt sind. Im Internet waren jedenfalls vom Schlimmsten die Rede: Trickdiebe, die die Reifen deutscher Karossen aufschlitzen, um sie zum Stoppen zu bringen und dann auszurauben. Korrupte Polizisten, die Verkehrssünder einsperren, damit sie sich in Freiheit schmieren müssen. Und eine schlaglöchrige Infrastruktur, derentwegen hinter jeder Kuppe der Achsenbruch droht. Auf der Hinfahrt nach Lemberg saß ein “Ultra”-Fan aus Niedersachsen und erzählte mir, wie ihn seine Mutter bekniete, doch bitte nicht in die gefährliche Ukraine zu reisen.

Jetzt bin ich hier. Von Düsseldorf über Berlin und Breslau bin ich nach Lemberg gefahren, wo die deutsche Nationalelf mit ganz viel Bayern-Dusel Portugal Eins-zu-Null geschlagen hat. Inzwischen bin ich in Kiew gelandet – ohne Achsbruch. Laut Tacho hat mein alter VW Polo 9N inzwischen 2224 Kilometer zurückgelegt und neben mir vier Mitfahrer befördert, von denen einer in Breslau abhanden gekommen ist. Am Abend steht in Kiew das Spiel der Ukraine gegen Schweden an, am Dienstag geht’s nach Charkiw, wo die Sowjetunion noch von den Häusern bröckelt und die deutsche Elf gegen die Elftal aus den Niederlanden antritt.

Die Ukraine gibt sich Mühe: Bisher sind die meisten Straßen vierspurig ausgebaut, die berüchtigten Achsenbrecher habe ich bislang noch nicht entdeckt. Die Polizei mag korrupt sein, aber irgendjemand von ganz oben scheint die Ordnungshüter zur Zurückhaltung aufgefordert haben. An den Autobahnen ist kaum Polizei zu sehen, an der Grenze ging die Einreise dank einer grünen Spur für Fußballfans in weniger als einer halben Stunde über die Bühne. Unterm Strich hat die Regierung elf Milliarden Euro in die EM-Vorbereitung gesteckt – und das sieht man auch. Trotz schlimmster Befürchtungen sind die Straßen zwischen Lemberg und Kiew in besserem Zustand als jene in Polens Südosten. Allerdings ist in Polen das Risiko geringer, auf der Autobahn mit Kühen zu kollidieren, denn die grasen in der Ukraine sogar noch kurz vor Kiew.

Schade nur, dass sich in der Ukraine kein Sommermärchen entwickeln will – jedenfalls nicht für die 46 Millionen Einwohner. Die nehmen die Euro 2012 trotz der vielen Ausländer recht teilnahmslos hin, obwohl das Land mit europaweit bekannten Klubs wie Schachtjor Donezk und Dynamo Kiew durchaus eine ansehnliche Fußballkultur aufweisen kann. Dagegen mosert Taxifahrer Sascha in Kiew, dass sich die Ukraine ob der vielen Staus und schlechten Straßen blamieren werde, während die Stadt im Stau versinke. Der Lemberger Bauunternehmer Andrej, der mal in Magdeburg bei der Armee war und von Fußball rein gar nichts versteht, schimpft über Baumängel am tristen Stadion seiner Heimatstadt. Das habe dreimal so viel gekostet wie die Allianz-Arena in München, aber letztlich habe sich damit die korrupte Führung des Landes die Taschen voll gemacht.

Die Ukrainer schämen sich für die politische Führung in Kiew, der sie überhaupt nichts zutrauen. Zufrieden sind nur Gäste aus Deutschland, so wie ich. Die Erwartungen waren so niedrig, dass sie nur übertroffen werden konnten. Mal schauen, wie es in Charkiw weitergeht. Von dort melde ich mich wieder.

Do skorovo, bis bald,

Florian Willershausen

 

» 11.06.2012, 10:55

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