EY-Studie Fehlerkultur: Wenn Mitarbeiter vertuschen, um nicht selbst Bauernopfer zu werden

Wenn  Chefs ihre Fehler unter den Teppich kehren

Knapp 80 Prozent der Führungskräfte geben es selbst zu: Sie haben in den vergangenen zwei Jahren Fehler gemacht, die den Betriebsablauf ihrer Firma gestört, Projekte verzögert, finanziellen Schaden verursacht oder dem Ansehen ihrer Abteilung geschadet haben. So weit so schlecht. Doch was die Sache erst viel schlimmer macht: Die meisten Vorgesetzten kehren die Fehler unten den großen Teppich: Nur 45 Prozent der Angestellten sagen, dass ihr Vorgesetzter seine Fehler offen legt. Das gilt sogar für die Unternehmensspitze: Nur 40 Prozent der Mitarbeiter sagen, dass ihre Top-Manager über Fehler in ihrem Zuständigkeitsbereich reden.

 

Tabus und Kommunikationsbarrieren

Ulkigerweise sieht es auf den unteren Hierarchieebenen anders aus: „Während Mitglieder eines Teams Fehler durchaus thematisieren, gibt es nach oben und unten deutliche Tabus und Kommunikationsbarrieren“, vergleicht Nelson Taapken, Partner der Beratungsgesellschaft EY (früher: Ernst & Young) und verantwortlich für die Studie, für die mehr als 1.000 Führungskräfte und Mitarbeiter aus deutschen Firmen befragt wurden. Davon waren 800 Angestellte und 218 Führungskräfte aus den Branchen Maschinenbau, Transport und Logistik, Automobilhersteller und -zulieferer sowie Banken und Versicherungen.

Nelson Taapken (Foto: EY)

 

Die Folge: Solch ein Verhalten gefährdet die Innovationsfähigkeit der Unternehmen, denn die Mitarbeiter gehen in so einem Umfeld kein Risiko mehr ein.

 

Die Hierarchie als Grenze

Das ist derzeit besonders misslich: Im Digitalzeitalter müssen neue Ideen ausprobiert,  falsche Entscheidungen erkannt und schnell korrigiert werden. Vorausgesetzt, dass über Fehler, Fehlentwicklungen und gescheiterte Projekte auch offen gesprochen wird – und nicht an Hierarchie-Grenzen endet.

 

Offene Diskussionskultur? Eher nicht

Wie es um die im Unternehmensalltag bestellt ist, darüber haben Chefs und Mitarbeiter jedoch verschiedene Ansichten: 66 Prozent der Führungskräfte glauben, dass bei ihnen eine offene Diskussionskultur herrscht – anders als die Mitarbeiter. Von denen denken nur 42 Prozent dasselbe.

 

Die Angst: Vertuschte Fehler könnten Skandale werden

Dabei: Auch 46 Prozent der Führungskräfte glauben, dass von mangelnder Fehlerkultur die größte Gefahr für ihr eigenes Unternehmen ausgeht. Dass zu wenig Innovationstätigkeit stattfindet und deshalb die Wettbewerbsfähigkeit verloren geht. Damit nicht genug: 42 Prozent der Manager fürchten, dass aus vertuschten Fehlern Skandale erwachsen. 41 Prozent der Chefs sehen die Demotivation der Mitarbeiter als eine der größten Bedrohungen an und 40 Prozent das Scheitern von Großprojekten.

Bei den Angestellten steht mit 57 Prozent die Demotivation der Mitarbeiter an erster Stelle.

 

Positive Fehlerkultur ist keine Realität – und sie will auch kaum einer

Obwohl die Führungskräfte die Lage so klar sehen, fördern sie aber keine positive Fehlerkultur in ihren Unternehmen laut EY-Studie: Die Hälfte der Angestellten sieht in ihrem eigenen Unternehmen keine konkreten Ansätze, den Umgang mit Fehlschlägen zu verbessern. Je 27 Prozent berichten von Trainings für Mitarbeiter beziehungsweise Führungskräfte. Bei elf Prozent der Befragten gibt es im Unternehmen die Möglichkeit, anonym über Fehler zu berichten.

Methoden für produktiven Umgang mit Fehlern kennen nur neun Prozent der Mitarbeiter aus der eigenen Firma. Von Innovationsprogrammen, die zum Ausprobieren und Experimentieren ermutigen, wissen nur sechs Prozent der Angestellten. Initiativen, bei denen über die Hierarchie-Ebenen hinweg offen über Fehler gesprochen wird, finden nur noch mageren vier Prozent der befragten Mitarbeiter in ihren eigenen Unternehmen.

Und weiter: Nur 35 Prozent der Angestellten fühlen sich von ihren Vorgesetzten motiviert, neue und womöglich risikoreiche Wege zu gehen. Dass die Geschäftsleitung dazu anregt, das sehen nur 15 Prozent der Mitarbeiter.

 

Vertuschen, um nicht selbst ein Bauernopfer zu werden

Ein weiteres alarmierendes Ergebnis der Studie. 57 Prozent der Angestellten glauben, dass Fehler in Unternehmen vertuscht werden, weil die Mitarbeiter fürchten, als Überbringer schlechter Nachrichten zum Bauernopfer zu werden. „In Unternehmen, die eine positive Fehlerkultur aufbauen wollen, muss sich der Einzelne sicher fühlen. Schon ein einzelnes Negativ-Beispiel kann zu einem gewaltiger Rückschlag führen“, so Taapken.

 

Manager mit Angst vor Gesichtsverlust schaden der Company

Hinzu kommt die persönliche Einstellung von Mitarbeitern und Führungskräften:  Von den Führungskräften haben 54 Prozent Angst vor Gesichtsverlust und verhindern deshalb eine positive Fehlerkultur.

 

…Vorgesetzte verhalten sich nicht vorbildlich

Von den Mitarbeitern denken 51 Prozent, dass sich alte Gewohnheiten kaum ändern lassen. Worin sich Führungskräfte und Mitarbeiter einig sind: 40 Prozent kritisieren das mangelnde vorbildliche Verhalten der Vorgesetzten.

 

Durchgeführt wurde die Umfrage EY-Online im Sommer 2018.

 

 

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