„Top-Manager werden sehr oft bedroht“ sagt Sicherheitsberater Christian Schaaf im Interview. Dass ein Unternehmen aber eine Belohnungen zum Ergreifen von Tätern aussetzt, ist selten.

„Innogy setzt Belohnung aus – Die Justiz hat die Ermittlung zum Säureangriff auf Bernhard Günther eingestellt“, titelte die „Rheinische Post„. Und das „Handelsblatt“: Nach dem Säureattentat auf den Finanzvorstand fehlt vom Täter jede Spur. Jetzt greift das Unternehmen zu neuen Mitteln“. Tatsächlich passiert es sehr selten, dass Unternehmen Belohnungen zur Ergreifung von Tätern aussetzen: Bis zu 80.000 Euro will Innogy nun Privatpersonen für Hinweise zur Ergreifung der  Säure-Attentäter zahlen.

Die Staatsanwaltschaft hat nämlich inzwischen aufgegeben und die Ermittlungen gestoppt. Innogy-CFO Günther leidet laut „Handelsblatt“ darunter, dass er nichts über das Motiv der Angreifer weiß. Nicht, ob er noch bedroht ist oder ob noch andere bedroht sind. Sicherheitsexperte Christian Schaaf, Chef der Beratungsfirma Corporate Trust und ehemaliger LKA-Mann ordnet die Geschehnisse im Interview ein. 

Christian Schaaf, Corporate Trust (Foto: Corporate Trust)

 

 

Herr Schaaf, Säureattentate auf Manager, wie auf den Innogy-CFO Bernhard Günther dürften sehr selten sein, richtig?

Schaaf: Zugegebenermaßen sind Säure-Attentate auf Top-Manager wie bei Innogy-CFO Günther eher selten. Allerdings sind solche Angriffe, die nur aus unmittelbarer Nähe und mit einem schwer zu beschaffenden Tatmittel, einer Säure, generell außergewöhnlich. Bei Säure will der Täter das Opfer ja bewusst und massiv für die Zukunft schädigen. Ich bezweifle, dass so etwas in Tötungsabsicht erfolgt. Hier geht es eher um dauerhafte Entstellung, damit das Opfer ein Leben lang daran denkt.

 

Müssen sich andere Manager in Deutschland auch fürchten?

Immer häufiger werden Manager jedenfalls einfach schon deshalb angegriffen, weil sie zum Establishment gehören und vermeintlich eine Führungsschicht repräsentieren. Solche Anschläge sind kaum vorherzusehen, weil die Auswahl der Opfer teilweise sehr willkürlich erfolgt.

 

Müssen sich heute Manager, die unpopuläre Entscheidungen treffen, Restrukturierungen anordnen oder Entlassungen anordnen, mehr fürchten? 

Top-Manager werden sehr oft bedroht, direkt oder indirekt. Manager haben immer das Problem, dass sie als Vertreter des Unternehmens und damit als Ursache oder Hauptverantwortlicher einer Entscheidung wie Entlassungen, Gehaltskürzungen oder Werksschließungen gesehen werden. Damit projizieren Angreifer ihren Unmut und Hass oft gegen diese Entscheider. Andere, direkt Verantwortliche sind für sie ja auch nicht erkennbar.

Meist bekommen Manager anonyme Anrufe, Zettel, Briefe, SMS oder heute sogar manchmal WhatsApp-Posts. Ich habe auch schon erlebt, dass nur ein ausgedrucktes Bild eines Angehörigen – in dem Fall die 14-jährige Tochter auf dem Weg zur Schule – im Briefkasten lag. Das sollte dem Empfänger klar machen „wir wissen wo Du wohnst“ beziehungsweise „wir beobachten Dich und deine Familie“.

Es passiert aber auch öfter, dass sich Menschen Managern gerade beim Verlassen des Arbeitsplatzes, zum Beispiel beim Herausfahren aus der Tiefgarage, in den Weg stellen, auf das Auto einschlagen oder wild gestikulieren. Solche Übergriffe nehme ich allerdings nicht zu ernst.

 

…und warum nicht?

Wer vorher lange droht und ankündigt, ist meist nicht so bedrohlich wie derjenige, der einmal was von sich gibt, also einmal einen Zettel schreibt oder per Telefonanruf droht.

 

 

Erzählen Sie mehr….

In den vergangenen zehn Jahren war ich siebenmal bei solchen Attacken gegen Top-Manager beauftragt worden. Drei mal kam es tatsächlich zu Übergriffen. Einmal, als der Manager gerade aus seiner Tiefgarage fuhr. In einem anderen Fall schmissen die Täter Fensterscheiben des Privathauses eines Vorstands ein, beschmierten die Hauswände mit Farbe und zerstachen seine Autoreifen. Oder: In einem anderen Fall wurde ein Manager von einem Stellenbewerber körperlich angegriffen, weil der mehrmals abgelehnt worden war. Der Manager hatte mit dem Vorgang niemals etwas zu tun und wusste nicht mal von den Bewerbungen

 

Was waren die Gründe?

Die Ursachen sind einerseits geplante Erpressungen und Bedrohungen, um die Manager einzuschüchtern. Andererseits sind die Motive Rache und Verärgerung vorherrschend. Mal sind die Täter vorher enttäuscht worden, etwa als entlassener Mitarbeiter mal sind es verärgerte Kunden. Es kann sogar ein Ex-Mitarbeiter sein, den die Firma schon lange nicht mehr auf dem Schirm hat. Der im Zuge von Outsourcing-Maßnahmen zunächst mal in eine andere Firma wechselte. In einem konkreten Fall verlor ein IT-Experte dann später seinen Job, als seine neue Firma den Auftrag der alten Firma verlor. Der Mann machte sofort seinen Ex-Arbeitgeber als Feindbild aus, als er keinen neuen Job fand und wollte sich dann rächen.

 

Fordern Manager bereits mehr Schutz?

Die Politik und deutsche Sicherheitsbehörden bewerten die Sicherheitslage für Manager oder vermögende Personen als unkritisch. Berufswaffenträger haben damit zunehmend Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Waffenschein für die Ausübung ihres Auftrags zu bekommen.Für die Sicht der Polizei, ob ein Vorstand oder eine vermögende Familie gefährdet sind, gibt es jedoch deutschlandweit sehr unterschiedliche Bewertungen. Manchmal ist es reine Willkür. Viele Unternehmen kämpfen dann „gefühlt gegen Windmühlen“ und verzichten dann angesichts der Schwierigkeiten, die ihnen die Behörden machen, lieber ganz auf entsprechenden Schutz. Für das Sicherheitsniveau in Deutschland ist das sicher kein Vorteil!

 

Kann man sich schon im Vorfeld schützen?

Nicht wirklich. Bei einem entlassenen Mitarbeiter oder verärgerten Kunden kann man sowas ja vielleicht noch im Vorfeld erkennen. Etwa wenn sich jemand irgendwie äußert, dass er sich rächen will. Oder wenn es schon Beschwerden zu einem Produkt beziehungsweise einer Leistung gibt, die über das übliche Maß hinausgehen.

In einem Fall ging es um eine Werksschließung mit 240 Mitarbeitern mit überwiegend ausländischem Hintergrund. Die Mitarbeiter sollten durch den versammelten Vorstand auf einer Mitarbeiterversammlung informiert werden. Seit die ersten Vermutungen in der Belegschaft kursierten, gab es mehrfach Gerüchte, dass sich einzelne Mitarbeiter an den Top-Managern rächen wollten. Da musste man direkt Maßnahmen zum Schutz einleiten. 

Anders bei normalen Kriminellen. Die lassen sich kaum im Vorfeld erkennen. Die identifizieren ja typischerweise ein Unternehmen, einen Firmeninhaber oder Vorstand als lukratives Opfer. Viele von denen versuchen ohnehin, nicht visibel zu sein: sie fahren zum Beispiel mit anderen Ortskennzeichen am Auto herum. Der Versuch, der  Presse zu untersagen, jemand auf eine der Listen mit den Reichsten eines Landes zu setzen, ist jedenfalls vor Gericht schon gescheitert.

 

Welche Attacken sind typisch?

Schriftliche oder mündliche Drohungen per Brief oder  E-Mail, Telefonanrufe, WhatsApp-Nachrichten, SMSe, Zettel hinter den Scheibenwischer geklemmt oder sogar mal ein Schweineohr per Post-Paket. Das hat aber sofort massive Personenschutzmaßnahmen zur Folge gehabt und ein bevorstehender Übergriff wurde verhindert.

 

Bedrohungen von Managern im Ausland ,in Indien etwa oder auch in Frankreich berichten die Medien. Auf Utz Claassen wurde in Spanien als früherer Seat-Manager in seinem Auto geschossen. Sind das Ausnahmen oder haben Auslandsmanager ein höheres Risiko, attackiert zu werden? 

In manchen Ländern ganz sicher. Also dort, wo man sowieso mit schnelleren Emotionsausbrüchen rechnen muss, weil die Mitarbeiter zum Beispiel südländisches Temperament haben oder wegen ihrer Religion oder ethnischen Anschauung gewisse Dinge als sehr viel gravierender ansehen. Oder wo Ehrenmorde als legitimes Mittel angesehen werden. In all diesen Fällen müssen Manager mit drastischen Maßnahmen rechnen. Hinzukommt, dass Manager ausländischer Arbeitgeber – eben eine Firma aus Deutschland – sicher schneller als Feindbild angesehen werden als einheimische Firmen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit von Aggressionen oder Gewalttätigkeit.

 

Links zu Innogy:

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/angriff-auf-innogy-finanzvorstand-guenther-80-000-euro-um-das-saeure-attentat-aufzuklaeren/23652202.html?ticket=ST-6612620-kcc6IsFqLwgLguyMravw-ap3

https://rp-online.de/nrw/staedte/haan/haan-innogy-setzt-belohnung-fuer-hinweise-auf-saeure-angreifer-aus_aid-34577487

 

 

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