„Sind Sie noch Tourist oder reisen Sie schon?“ fragt CNN-Kultmoderator Richard Quest in seinem Gastbeitrag

Für echtes Reisen braucht es einen Reisenden, findet Wirtschaftsmoderator Richard Quest von CNN International. Sein Gastbeitrag exklusiv für den Management-Blog.

 

Richard Quest (Foto: CNN International)

 

Sind Sie Tourist oder reisen Sie schon? Nichts gegen Touristen, denn seien wir mal ehrlich: Wir alle haben schon staunend unter dem Eiffelturm oder einem ähnlich imposanten Bauwerk gestanden und für die Kamera posiert. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man genügend Orte angesteuert hat und man hört auf, Tourist zu sein und verändert sich.

 

Vom Touristen zum Reisenden

Darüber mache ich mir in letzter Zeit viele Gedanken, etwa im Rahmen meiner Arbeit für die neue CNN-Serie „Quest’s World of Wonder“. Ich bin vermutlich in fast jedem Land gewesen, das ich besuchen wollte. Doch manchmal bin ich die Sache falsch angegangen. Ich war Tourist. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass man einem Reiseziel den gebührenden Respekt entgegenbringen muss, um das, was es bietet, voll und ganz würdigen zu können.

Ich spreche nicht von der Suche nach dem obskuren Restaurant, von dem nur die Einheimischen wissen – gemeint ist etwas, das auch auf die bekanntesten Orte zutreffen kann.

Ein Beispiel ist das Opernhaus von Sydney. Jeder, der in Sydney – eine meiner absoluten Lieblingsstädte der Welt – gewesen ist, hat vor ihrem berühmtesten Gebäude gestanden und wahrscheinlich ein paar Fotos gemacht (Heutzutage postet man solche Schnappschüsse auf Instagram). Dann ist man womöglich weiter gezogen, um die Harbour Bridge zu besichtigen oder mit der Fähre nach Manly zu fahren.

 

Eine andere Denkweise: Gebäude verstehen, ihre Geschichte

Ja, Sie haben das Opernhaus gesehen. Ja, Sie haben das Trophäenfoto. Aber haben Sie das Gebäude wirklich verstanden? Haben Sie sich die Zeit genommen, seine surreale, unmögliche Schönheit zu schätzen, die ihrer Zeit so weit voraus, so gewagt und doch so untrennbar ist von der Stadt und dem Land, in dem es liegt? Haben Sie sich die Zeit genommen, die Geschichte des Architekten Jørn Utzon und die Schwierigkeiten beim Bau dieses wunderbaren Bauwerks zu erfahren? Was ist mit Ihrer Beziehung und Interaktion mit der Stadt, ihren Menschen und ihrer Identität? Das erfordert einen anderen Ansatzpunkt, eine andere Denkweise.

Vielleicht entwickelt man diese Einstellung erst mit den Jahren. Zweifellos ändern sich die Ansichten über das Reisen mit zunehmendem Alter. Es gibt Dinge, die ich vor zwanzig Jahren akzeptiert und sogar genossen hätte, die heutzutage entweder unzumutbar oder einfach nur langweilig wären.

 

Der zweite Blick, wenn man mehr über Menschen und Orte weiß

Aber ich spreche nicht davon, wie viel man für ein Hotel ausgibt – obwohl meine Hostel-Tage schon längst vorbei sind, bin ich auch heute mit einem sauberen und funktionalen Zimmer immer noch vollkommen zufrieden. Oder ob ich in einem Michelin-Stern-Restaurant kulinarisch verwöhnt werde. Hier geht es vielmehr darum, wie sich die Neugierde wandelt und der Verstand andere Verknüpfungen und Zusammenhänge herstellt. Plötzlich fallen mir Dinge auf, die ich als unerfahrener Jugendlicher vielleicht übersehen habe – vielleicht die Art, wie die untergehende Sonne ein vertrautes altes Gebäude auf eine bestimmte Weise erhellt. Oder wie einem das Neonlicht eines Wolkenkratzers ins Auge fällt, während man in einem Taxi eine Brücke überquert. Vielleicht ist es ein Gefühl der Romantik, das man erst entdeckt, wenn man mehr über einen Ort und seine Menschen erfahren hat.

 

Die entscheidende Zutat: die Menschen

In der Tat ist dieser letzte Aspekt vermutlich der wichtigste. Die entscheidende Zutat für jedes Erlebnis sind Menschen. Einer der schwierigsten Aspekte des Alleinreisens ist es, niemanden zu haben, mit dem man die Erlebnisse teilen und sich austauschen kann. Das bedeutet nicht, dass man eine Reise oder einen Ort nicht alleine genießen oder würdigen kann. Es macht durchaus viel Spaß, den Einheimischen bei ihren täglichen Aufgaben zuzusehen. Aber ohne jeden Zweifel sind die denkwürdigsten Momente, die ich in der großen weiten Welt genossen habe, diejenigen gewesen, die ich mit anderen geteilt habe.

Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich mit meiner Mutter zum prachtvollen Machu Picchu reiste, wo ich eines der wahren Wunder der Welt erblickte und dieses Privileg mit jemandem teilte, der genauso sehr davon verzaubert war wie ich. Oder an meine erste Reise nach Paris, mit einer Gruppe von Freunden, und wie wir – gemeinsam – kopfüber in das Beste, was die Stadt zu bieten hatte, eintauchten.

Selbst wenn ich beruflich unterwegs bin, gibt es Momente, in denen ich einen Ort mit dem frischen Blick eines Kollegen betrachten kann, der ihn zum ersten Mal sieht – auch wenn ich selbst schon viele Male dort war. Gott weiß, ich war schon öfter in Davos als ich zugeben mag. Aber zeige mir den Gesichtsausdruck von jemandem, der zum ersten Mal mit dem Zug die Pracht der Schweizer Alpen erklimmt, und es wird niemals alt.

 

Was eine Stadt einzigartig macht

Auch geht es hier nicht nur um die atemberaubenden Sehenswürdigkeiten. Die Wertschätzung der verschiedenen Elemente, die einen Ort zu dem machen, was er ist – und zwar das Historische, Kulturelle, Politische, Religiöse oder Künstlerische – bereichert die Erfahrung.

Nehmen wir mal als Beispiel Berlin, das wir für die zweite Folge unserer Serie besucht haben: Dort gibt es die dynamische Tech-Szene der Stadt und ihre tiefe und lebendige künstlerische Kultur, die sich über Geschichtliches wie den Kalten Krieg legt – all die verschiedenen Elemente, die die Stadt als Ganzes einzigartig machen. Dann sind da noch die verschiedenen Persönlichkeiten, die die Stadt beheimaten. Was gewinnt eine Burlesque-Tänzerin oder ein Grafiker einer Stadt wie Berlin ab – und was gibt ihnen Berlin zurück? Das sind Fragen, die man sich nur stellt, wenn man sich in die Gesinnung eines Reisenden versetzt.

In der Tat bieten einige Orte, die ich schon oft besucht habe, immer neue Entdeckungen – wenn ich bereit bin, sie zu suchen. In Berlin hatte ich das Privileg, Margot Friedlander, eine Holocaust-Überlebende, zu treffen. Ich erfuhr, wie sie sich im Berlin der Nazis verstecken und überleben konnte. Wenn man ihre Geschichte gehört hat, wird die Vergangenheit der Stadt lebendig und die Holocaust-Gedenkstätte nimmt eine tiefere, persönliche Bedeutung an.

 

Der Fokus auf Reisende statt Touristen

Die Tourismusbranche ist eine der größten Wirtschaftszweige der Welt und wird auch in Zukunft weiter wachsen. Jetzt, da Länder wie China einen größeren Appetit auf den Rest der Welt zeigen, und größere Teile der Welt ihre Neugier auf Länder wie China stillen wollen, werden jene Ziele, die die richtigen Erfahrungen bieten können, reichlich belohnt. Der Kniff wird meines Erachtens zunehmend darin bestehen, dafür zu sorgen, dass diese Erfahrungen auf den Reisenden und nicht auf Touristen zugeschnitten sind.

Natürlich werden die Leute immer dem Alltag entfliehen oder das berühmte Denkmal einmal gesehen haben wollen, und das ist auch in Ordnung. Auch dafür ist Platz – und manchmal ist das tatsächlich alles, was man im Rahmen eines Besuches schaffen kann. Aber es gibt immer mehr Menschen, die sich zusätzlich nach Authentizität sehnen, sie wollen tief in einen Ort eintauchen und erleben, was ihn und seine Bewohner bewegt. Das ist das Reich des Reisenden, in dem die wahren Wunder der Welt zu finden sind.

„Quest’s World of Wonder“ wird auf CNN International ausgestrahlt. Die nächste Folge, aus Berlin, ist am Samstag, den 18. August um 13:30 Uhr zu sehen.

Weitere Informationen unter:
https://edition.cnn.com/travel/specials/quests-world-of-wonder

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