Digitalexperte Wolf Ingomar Faecks über Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt: Warum es in zehn Jahren keine Wirtschaftsprüfer mehr geben wird (Gastbeitrag)

Über Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt und warum es in zehn Jahren keine Wirtschaftsprüfer mehr geben wird, schreibt Gastautor Wolf Ingomar Faecks. Er ist Spezialist für die digitale Business Transformation bei der Unternehmensberatung Publicis.Sapient und betreut weltweit Unternehmen aus den Automobil-, Healthcare- und produzierenden Industrien bei der Digitalisierung.

 

Wolf Ingomar Faecks (Foto: Presse)

Um keine Innovation ranken sich so viele Mythen wie um die künstliche Intelligenz (KI). War die Technologie bisher für die Menschen noch weit von ihrem Alltag entfernt, rückt sie heute immer stärker in unser Bewusstsein. Und verändert bereits unser Arbeitsleben: Nicht nur manuelle Arbeitsschritte und Berufsbilder – wie bei der Fließbandmontage – verschwinden. Auch klassische Büro- und Management-Jobs geht es nun an den Kragen. Sie werden sich in den kommenden Jahren verändern – und mitunter sogar komplett verdrängt.

 

Glauben Sie nicht? Hier ein Beispiel. Ich prophezeie, dass es den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer so wie heute in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Wie ich darauf komme? Die typischen, gleichförmigen Arbeitsschritte und Aufgaben eines Wirtschaftsprüfers sowie das ständige Analysieren von großen Datenmengen sind wie dafür geschaffen, durch KI-Systeme übernommen zu werden. Die Maschine ist in der Lage, wesentlich schneller und genauer zu arbeiten und dem Menschen die Routine abzunehmen und mit bisherigen Erfahrungswerten zu vergleichen. Am Ende der Prüfung nimmt dann nur noch ein erfahrener Wirtschaftsprüfer die Ergebnisse ab und erteilt das Testat. Klingt auf den ersten Blick nicht schlecht.

Dumm nur, dass sich ein ‚erfahrener’ Wirtschaftsprüfer das Know-how für das Erteilen eines Testats über viele Jahre erarbeiten musste – und zwar mit genau den Routine-Tätigkeiten, die künftig die KI übernehmen wird. Für junge Berufseinsteiger, denen die Chance zu lernen durch Maschinen genommen wird, wird dieser Schluss-Check mangels Erfahrung zur unlösbaren Aufgabe. Im Ergebnis fehlt dann also eine ganze Generation junger Prüfer, da diese ihren Job ohne Fachwissen nicht mehr erfüllen können – und entsprechend nicht mehr gebraucht werden. Irgendwann geht aber auch der letzte zugelassene ‚End-Prüfer’ altersbedingt in Rente. Den Beruf des Wirtschaftsprüfers wird es dann nicht mehr geben.

 

KI raubt dem Menschen die Chance zu lernen

Das Dilemma an der ganzen Situation: Die künstliche Intelligenz soll den Menschen von lästigen, eintönigen Arbeiten befreien und ihm die Zeit schenken, sich mit den wichtigen Dingen seines Jobs oder Lebens zu beschäftigen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass die KI den Menschen erdrückt, ihn seiner Möglichkeiten und seines Potenzials beraubt. Denn: Notwendige Erfahrung zu sammeln, gelingt nur durch kontinuierliches Lernen. Der Journalist und Unternehmensberater Malcolm Gladwell prägte in seinem Buch „Überflieger“ die These, dass es mindestens 10.000 Übungsstunden braucht, um Experte auf einem beliebigen Fachgebiet zu werden – gleich, ob als Speerwerfer, Raumdesigner oder eben Wirtschaftsprüfer. Bei letzterem ist es das langwierige Durcharbeiten von Aktenbergen in den Jahren als Berufsanfänger, die durch die KI ersetzt wird.

Dieses Szenario macht auch vor anderen Disziplinen nicht halt. Für Ärzte etwa ist die Erfahrung der Maßstab für Diagnostik und Therapie. Algorithmen stoßen in die Medizin vor und können heute schon auf Basis gespeicherter Forschungs- und Patientendaten sogar die Behandlung übernehmen. Die langjährige Erfahrung und das fachliche Wissen eines Arztes sind aber unabdingbar, um die Entscheidungen des maschinellen Kollegen zu validieren. Es stellt sich also die Frage, wie zukünftige Generationen ihren Experten-Status erlangen, um in Folge noch Herr über die Maschine zu sein.

 

Licht am Ende des Tunnels: Ohne menschliche Aufsicht geht es nicht

Nun zurück aus dieser sicher überzeichneten Dystopie. Ich selbst glaube nicht an Horrorszenarien, in denen der Mensch in naher Zukunft vollkommen von künstlichen Intelligenzen ersetzt wird. Das Thema bedarf einer differenzierteren Betrachtung: In absehbarer Zeit werden KIs nicht in der Lage sein, ohne menschliche Aufsicht autonom zu handeln, da die Methoden für maschinelles Lernen auf Basis künstlicher neuronaler Netze noch nicht weit genug entwickelt sind – KIs sind immer noch dümmer als man allgemein glaubt. Forscher der Universität von Washington zeigten erst kürzlich, wie einfach es ist, die KI auf eine falsche Fährte zu locken, in dem sie Verkehrsschilder mit einfachen Aufklebern versahen und autonome Fahrzeuge diese in der Konsequenz komplett anders interpretierten. Zudem dauert der Lernprozess einer Maschine sehr lange und ist nur für eng eingegrenzte Anwendungsfälle überhaupt realisierbar. So kann die KI definierte Elemente auf Bildern nur erkennen, wenn vorher riesige Trainingsdatenmengen händisch korrekt kategorisiert wurden – von Menschen wohlgemerkt.

Es geht beim Thema KI nicht darum, den Menschen zu ersetzen, sondern ihm aufzuzeigen, wie er vom Einsatz innovativer Algorithmen profitieren und dabei sogar völlig neue Chancen und Potenziale kreieren kann. Das Stichwort lautet: Intelligente Augmentierung (IA). Dies bezeichnet die Verknüpfung von menschlichen Fähigkeiten mit Algorithmen und Maschinen, wodurch neues Know-how entstehen kann. Dies kann nur gelingen, wenn bereits in der Ausbildung der Umgang mit neuen Technologien im Arbeitsalltag erlernt wird. Gleichzeitig müssen Unternehmen das Potenzial und die Anwendungsbereiche der neu erworbenen Skills verstehen und ihre Prozesslandschaft entsprechend anpassen. Sofern der Mensch Technologie als selbstverständlicher Partner begreift, wird er die Kontrolle behalten und mit seiner Kreativität und Empathie die Vorteile der Maschinen in den Bereichen Analyse und Geschwindigkeit auch in Zukunft beherrschen.

 

 

Ü. Seit November 2017 bringt sich Faecks aktiv im Branchenverband Bitkom ein und ist kooptiertes Mitglied des Hauptvorstandes. Dort treibt er insbesondere das Thema digitale Transformation voran.

Vor seinem Wechsel zu Sapient im Jahr 2005 gehörte Faecks der Geschäftsleitung von Capgemini an. Insgesamt verfügt der Wirtschaftsingenieur über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Berater und Vordenker im Bereich Digitalisierung.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*



Alle Kommentare [1]

  1. Lieber Herr Faeks,
    ohne Zweifel wird sich der Beruf des Wirtschaftsprüfers durch den zunehmenden Einsatz von Massendatenanalysen und KI erheblich weiterentwickeln. Prüfungstools werden immer dann eingesetzt, wenn sie qualitativ bessere Aussagen erbringen als Stichprobenprüfungen und auch noch effizient eingesetzt werden können. Eine Weiterentwicklung bedeutet aber nicht das Aussterben des Berufs des Wirtschaftsprüfers auf den sich die Teilnehmer im Kapitalmarkt verlassen. Zum einen müssen die Datenvoraussetzungen in den Unternehmen erst einmal auf breiter Ebene mit homogenen Datenlandschaften und Systemen gegeben sein. Darüber hinaus muss jemand die Kompetenz haben die Auswertungen richtig zu lesen und zu interpretieren. Es geht bei der Wirtschaftsprüfung auch nicht nur um die Prüfung von Massendaten, sondern auch um die Überprüfung von aufgesetzten Prozessen, der Einrichtung von internen Kontrollen, aber auch der Plausibilität der Ergebnisse. Diese Kompetenz ist allein mit IT Wissen nicht erfüllt. Eine Maschine kann auch neue Standards der Bilanzierung oder auch Bewertungsfragen (wie beim Werthaltigkeitstests oder der Rückstellungsermittlung) nicht beurteilen, genauso wie der Anhang und der Lagebericht auf Übereinstimmung mit dem Jahresabschluss nicht mit KI geprüft werden kann.
    Zusammengefasst: Das Arbeiten mit digitalen Daten ist bereits heute tägliches Brot des Wirtschaftsprüfers und wird die Arbeit in der Zukunft noch weiter prägen. Alleine mit Datenanalysen, wie mit KI, kann aber kein Jahresabschluss geprüft werden.