Architekturpsychologie: Wenn ein Bau das Gesundwerden fördert – oder eben nicht. Interview der Daimler und Benz Stiftung

Noch immer werden in Deutschland Krankenhäuser streng nach Prinzipien der Wirtschaftlichkeit und reiner Nützlichkeit erbaut. Dabei bleibt unbeachtet, dass der äußere Raum auf das Befinden der Patienten rückwirkt. Einen ganz neuen Weg schlägt die Architekturpsychologie mit der Forschungsrichtung der „Heilenden Architektur“ ein: Sie untersucht mit wissenschaftlichen Methoden, wie die gebaute Umgebung in positiver Weise Einfluss auf die Genesung von Menschen nehmen kann.

Tanja Vollmer hatte bis vor kurzem eine Gastprofessur an der Technischen Universität Berlin inne und leitete dort den Bereich Architekturpsychologie am Fachbereich Architecture for Health des Instituts für Architektur. Als Referentin der Bertha-Benz-Vorlesung 2018 der Daimler und Benz Stiftung erläuterte sie am 14. Juni in Heidelberg, welche nachweisbaren Zusammenhänge es zwischen Gesundheit und Gebäuden gibt. (Gast-Interview von Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung)

 

Tanja Vollmer (Foto: RommenBravenboer/Daimler und Benz Stiftung)

 

Stiftung: Frau Vollmer, ist der Gedanke einer heilenden Architektur völlig neu oder vermuteten bereits die Baumeister früherer Epochen einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Gebäude, Psyche und Wohnraum?

Vollmer: Völlig neu ist der Gedanke ganz und gar nicht. Wir können so weit zurückgreifen, dass wir auch in die Antike schauen und die Baumeister der Antike zum Beispiel mit dem Gedanken des Asklepion herbeizitieren. Damals überlegte man sich, dass der – ganz modern gesprochen – Wellness-Gedanke, also eigentlich eine wohltuende Umgebung, dem Kranken bei der Heilung helfen und ihn unterstützen kann.

 

Wie sind Sie dazu gekommen, über Architekturpsychologie zu forschen? Können Sie uns erläutern, mit welchen wissenschaftlichen Methoden Sie arbeiten?

Vollmer: Ich komme ursprünglich aus der Klinischen Psychologie und habe sehr intensiv mit Patienten selbst gearbeitet. Wenn sie betroffen sind von schweren Erkrankungen, habe ich dabei immer wieder erfahren, dass sie über eine Veränderung im Raum sprechen. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe sehr früh begonnen, Wahrnehmungsforschung zu betreiben: Was passiert eigentlich mit der Raumwahrnehmung und der Wahrnehmung zur gebauten Umgebung, wenn man krank wird? Methoden, die wir heute benutzen, sind aus der Stressforschung, physiologische Erhebungen von Stress, aber auch immer noch – ich schwöre darauf – qualitative Interviews. Es gibt nichts Reicheres, als das Gesagte der Betroffenen selbst.

 

Nennen Sie uns doch ein paar anschauliche Beispiele, was in der Vergangenheit bei der Errichtung von Gebäuden falsch gemacht oder schlicht nicht bedacht wurde.

Vollmer: „Falsch“ klingt immer gleich so bewertend. Man hatte noch nicht die Hypothesen oder die Erkenntnisse, die wir heute haben. Man hat etwa zu wenig mit Tageslicht gearbeitet, das ist ein häufiges Manko von Gebäuden gewesen. Wir wissen heute, dass Tageslicht nicht nur positiv auf die menschliche Gesundheit wirkt, sondern dass es uns auch beim Orientieren hilft. Das ist für neue Erkrankungen wie zum Beispiel Alzheimer sehr wichtig.

 

(Foto: Daimler und Benz Stiftung)

 

Stiftung: Kommen wir konkret zurück zu den Krankenhäusern: Diese werden nach den Gestaltungsprinzipien Wirtschaftlichkeit, Nutzen und Effizienz gebaut. Was gibt es daran auszusetzen?

Vollmer: Prinzipiell gar nichts. Jedoch verpassen wir zwei ganz wichtige Aspekte. Das eine ist: Wenn der Mensch erkrankt, hat er mehr nötig als Effizienz, nämlich Trost und Geborgenheit. Das zweite ist: Wir verpassen, dass wir inzwischen nachweisen können, dass Architektur mehr kann, als nur vor Regen und schlechter Witterung schützen.

 

Stiftung: Im Juni 2018 öffnet das Princess Máxima Center für Kinderonkologie in Utrecht seine Pforten und der erste Spatenstich für die neue Kinder- und Jugendklinik in Freiburg erfolgt im Herbst dieses Jahres. Dies werden die ersten Kliniken sein, deren Konzept weitestgehend auf der Basis architekturpsychologischer Erkenntnisse entwickelt wurde. Welche Bedeutung messen Sie dem bei?

Vollmer: Diese beiden Krankenhäuser werden weltweit Exempel statuieren: Man kann Einfluss nehmen auf die kindliche Gesundwerdung und die elterliche Gesundheit im Bau von Kinder- und Jugendkliniken. Vor zehn Tagen war die Eröffnung des Princess Máxima Center und wir merken schon jetzt, wie groß das internationale Interesse daran ist.

 

Stiftung: Gilt Ihre Einschätzung für die wachsende Bedeutung heilender Architektur auch für andere Bereiche? Wie stehen Sie zu den Städten, den urbanen Zentren, in denen wir heute leben?

Vollmer: Der Begriff der Heilenden Architektur wird leider inzwischen inflationär gebraucht und sehr beschränkt auf diesen kurativen Aspekt, also im Sinne der Heilung von Krankheiten. Wir müssen aber viel breiter schauen. Ich unterscheide drei Bereiche: zum einen die kurative Architektur, des Weiteren die präventive Architektur. Das geht sehr in den Städtebau: Wie können wir Städte kreieren, die in Zukunft dazu beitragen, dass wir gesünder leben und motiviert sind, uns ohne Auto fortzubewegen, etwa in grüneren Städten? Der dritte Bereich ist die Rekreativ-Architektur, bei der es um folgende Frage geht: Wie können wir uns einen Ausgleich schaffen in unseren zukünftigen Welten gegen unser immer mehr gestresstes Dasein?

 

Stiftung: Wenn Sie sich als Architekturpsychologin etwas wünschen dürften, wo könnten wir in 20 Jahren stehen? Und wo sollten wir heute konkret ansetzen?

Vollmer: Wenn es nach mir ginge, dann würde ich mir mit dem Blick auf den Gesundheitsbauten-Bau wünschen, dass wir eine stärkere Auftrennung haben zwischen der Sorge und der Fürsorge für den Menschen. Fast so, wie es im Mittelalter war, wo der Begriff der Hospitalisierung herkommt, nämlich gastfreundlich zu sein anstatt zu reparierend. Demgegenüber steht die Hochleistungsmedizin, die meiner Ansicht nach dann auch in sehr geballten Hochleistungszentren stattfindet. Ich bin davon überzeugt, dass Krankenhäuser, wie wir sie heute kennen, ausgestorben sind.

 

Stiftung: Zum Schluss eine persönliche Frage: Wo auf der Welt würden Sie aus rein architektonischer Sicht leben wollen und weshalb?

Vollmer: Das ist eine sehr schöne Frage. Ich liebe die Architektur eines Oscar Niemeyer, dann müsste ich in Brasilien wohnen. Ich liebe auch die Architektur von Le Corbusier, dann müsste ich nach Frankreich gehen. Mir gefällt der neuzeitliche Gedanke des Tiny Housing, bei dem man mit seinen Häusern mobil bleibt bis ins hohe Alter. Ich könnte mich dann im Kontext vieler Architekturen weltweit noch testen und selber erleben. Ich bin ein neugieriger Mensch und das würde mir sehr gut gefallen.

Interview: Johannes Schnurr

 

 

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