CNN-Correspondent Nick Paton Walsh über Plastikverschwendung – auch von Unternehmen. Exklusiv im Management-Blog

„Unsere Plastik-Herausforderung“

Nick Paton Walsh, Senior International Correspondent bei CNN, berichtet normalerweise über Entwicklungen aus dem Nahen Osten, der ehemaligen Sowjetunion, Afghanistan oder den angrenzenden Gebieten. Ein persönliches Schlüsselerlebnis während eines Aufenthalts im Libanon führte jedoch dazu, dass er auch die Aufklärung in Bezug auf die Plastikverschwendung zur Herzensangelegenheit machte. Im Rahmen einer aktuellen Aufklärungskampagne, in der CNN weltweit Schülerinnen und Schüler für dieses Thema sensibilisiert, geht Nick Walsh auf die Plastik-Herausforderung ein und schildert seine eigenen Erfahrungen. Der Beitrag wurde dem Management-Blog exklusiv im deutschsprachigen Raum zur Verfügung gestellt.

Nick Paton Walsh, Senior International Correspondent bei CNN (Foto: CNN International)

 

Nur wenige Unternehmenslenker machen dem Einwegplastik eine Kampfansage

Die Prognosen sind alarmierend: Laut einer Studie der UN wird es in etwa 30 Jahren mehr Plastik als Fische in den Meeren geben. Ein Umdenken und schnelles Handeln sind also zwingend notwendig, wenn wir nicht auf eine Umweltkatastrophe zusteuern wollen – der Wandel fängt beim Einzelnen im Alltag an, betrifft jedoch auch Unternehmen. So haben manche Unternehmenslenker dem Einwegplastik den Kampf angesagt –  zuletzt hat beispielsweise ein schwedischer Autohersteller angekündigt, bis Ende kommenden Jahres komplett auf Plastik-Einwegartikel in seinen Büros, Kantinen und Veranstaltungen zu verzichten.

Zu oft schenkt jedoch das Management dem Plastikverbrauch im Unternehmen nur zu wenig oder gar keine Beachtung. Dabei genügt buchstäblich ein Blick in die Gebiete, die besonders von der Plastikverschmutzung betroffen sind, um sich über das gesamte Ausmaß bewusst zu werden.

 

Schaufensterpuppenköpfe und Wasserflaschen bis hin zu den Midwayinseln

Vor ungefähr zwei Jahren machte ich mich auf den Weg zu den Midwayinseln, um die Auswirkungen von Plastikmüll auf die entferntesten Regionen des Pazifiks zu filmen. An den Ufern der Midwayinseln steht man mit den Füßen im Plastikmüll. Dabei soll es sich doch um einen unberührten Zufluchtsort mitten im Pazifischen Ozean handeln. Hier können Sie Sonnenaufgänge und -untergänge erleben, die so unberührt sind, dass sie einst die Hawaiianer in ihrem Glauben bekräftigten, der Himmel sei ein Ort, von dem wir gekommen sind und zu dem wir wieder zurückkehren. Es gibt hier jedoch auch Symbole für eine andere Unsterblichkeit: von der Wasserflasche bis hin zum Schaufensterpuppenkopf, dessen Polymerstrukturen sich dem Verfall widersetzen.

 

Beirut: Für einen einzigen Salat sieben Mal Plastik

Angefangen hat alles mit einem Salat in Beirut. Damals war ich CNNs Beirut-Korrespondent und berichtete über den Aufstieg des IS. Das Mittagessen war stets eine eilige Angelegenheit, also haben wir es uns regelmäßig liefern lassen. Die Mahlzeiten wurden in einer Plastiktüte überreicht. Diese Plastiktüte enthielt eine Plastikbox, die den Salat beinhaltete. Darin wiederum befand sich ein kleinerer Plastikbehälter, in dem wir das Dressing vorfanden. Dazu wurden noch ein Plastikmesser und eine Plastikgabel geliefert, die selbst auch wieder in einer Plastiktüte verpackt waren. Alles für etwa 40 Salatblätter und ein paar Hähnchenstreifen.

 

Zwei Kilometer lange Schlange aus riesigen weißen Säcken

Der Libanon hat kein Recyclingprogramm. Tatsächlich gibt es dort nicht einmal ein richtiges Konzept zur Abfallbeseitigung – auch heute noch nicht- , was zu einer Abfallkrise führte. Plastikmüll, der in unberührten Tälern oder im Ozean entsorgt wird und einen schrecklichen Gestank von Sickerwasser – das Zeug, das aus dem Müll sickert – abgibt, sammelt sich an und verwandelt sich schließlich in eine knapp zwei Kilometer lange Schlange aus riesigen weißen Säcken. Es hat mich umgehauen und mir den Magen umgedreht.

 

Leichtfertige Müll-Entsorgung

Menschen neigen dazu, den Umgang mit Müll mit der gleichen Leichtfertigkeit abzulehnen, mit der sie ihn entsorgen. Es handelt sich ja um das Problem eines anderen. Aber auf den Midwayinseln ist das Ergebnis dieser Wegwerfkultur überall zu sehen. Dort fand ich Plastik vor, das die Mägen der seltenen Albatrosküken füllte. Ihre Eltern pflücken es aus dem Ozean und denken, es sei Nahrung. Also geben sie es ihnen. Es lässt sie denken, dass sie satt sind, weil sie es nicht verdauen können. Sie sterben. Ihre Körper verrotten, aber die Flaschenverschlüsse nicht. Sie säumen folglich die Ufer. Ohne es zu wissen, töten Eltern ihre Jungen mit unserem beiläufig entsorgten Abfall.

 

Latte Macchiato bitte ohne Deckel

In den letzten zwei Jahren haben sich die Menschen zunehmend mit Plastikmüll beschäftigt. Es ist in etwa vergleichbar mit dem Papierrecycling in den 80-er Jahren, als uns gesagt wurde, wir müssten Bäume retten – was wir übrigens immer noch im großen Stil tun. Zeitungen haben Supermärkte davon überzeugt, ihre Abfälle zu reduzieren. Kenia und Ruanda gehören zu den Ländern, die Plastiktüten verboten haben – genauso wie die Stadt San Francisco. Wenn Sie in einigen Cafés einen Latte Macchiato ohne Deckel bestellen, dann werden Sie ihn auch so bekommen.

 

Alles Plastik eines Büro-Tages auf dem Schreibtisch sammeln

Diese Schritte des Bewusstseins und Handelns sind ein Fortschritt. Es gibt jedoch einen einfachen Weg, um herauszufinden, wie weit wir noch gehen müssen. Stellen Sie sich einer Herausforderung: Sammeln Sie das ganze Plastik, das Sie an einem Tag benutzen, auf Ihrem Schreibtisch. Wenn Sie es nicht können, weil es zu ekelhaft ist, haben Sie Ihre Antwort schon. Es wird Ihnen Angst bereiten. Und das alles, bevor Sie darüber nachdenken, was wir noch nicht über die Auswirkungen von Plastikmüll wissen.

 

Wir wissen beispielsweise nicht, was Plastik mit der menschlichen Biologie auf der Nano-Ebene macht – bis hinunter zu den Zellmembranen, die es möglicherweise durchdringt. Es wurde in einigen Studien bereits gezeigt, dass es die Paarung und das sensorische Verhalten von Fischen beeinflusst. Wir wissen nicht, was es mit unserer eigenen reproduktiven Gesundheit anstellt. Oder welche Auswirkungen seine Mikropartikel auf uns haben. Mittlerweile ist es bereits in unsere Trinkwasserversorgung eingedrungen – und das in einem alarmierenden Ausmaß.

 

Bequemlichkeit als erste Priorität

Vielleicht wollen wir es einfach nicht wissen. Plastik ist innerhalb von Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden. Wir lieben die Bequemlichkeit unserer Wasserflaschen, die Schutzschichten für verderbliche Lebensmittel, die Deckel, die verhindern, dass unsere Latte Macchiatos unsere Finger verbrühen. Plastik ist schwer zu vermeiden, auch wenn wir es versuchen – oft wird es uns regelrecht aufgezwungen. Ignoranz und Untätigkeit sind jetzt jedoch keine Option mehr.

 

CNN hat Schülerinnen und Schüler weltweit eingeladen, an einem #ZeroPlasticLunch-Wettbewerb zum Weltozeantag am 8. Juni teilzunehmen.  Erfahren Sie mehr unter cnn.com/zeroplasticlunch

 

 

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