Business Behaviour beim Russlandgeschäft: Fehler sind Feedback mit hoher Informationsdichte

 

Wie deutsch-russische Zusammenarbeit gelingen kann

Sie möchten Kunden aus Russland gewinnen oder arbeiten in einem deutsch-russischen Joint Venture? Worauf müssen Sie sich bei der Zusammenarbeit mit russischen Kollegen oder Partnern einstellen? Gastbeitrag  von Aksana Kavalchuk, interkulturelle Trainerin und Russlandexpertin bei den gemeinnützigen Carl Duisberg Centren. Anhand von fünf aktuellen russischen Sprichworten zeigt sie, wie die Arbeitswelt im größten Land der Erde tickt.

 

Aksana Kavalchuk (Foto: Carl Duisberg Centren)

 

 

 

Habe keine 100 Rubel, habe 100 Freunde

Netzwerke und Beziehungen spielen eine große Rolle in der russischen Kultur. Was aber Fach- und Führungskräfte herausfordert, ist die praktische Anwendung: Wie schafft man sich ein Netzwerk? Wie findet man diese – sprichwörtlichen – 100 Freunde? Wegen der typischen Tugenden wie ihre Fokussierung auf Sachthemen, Bescheidenheit und Zurückhaltung sehen Russen Deutsche meist als Experten mit viel Erfahrung und Fachkompetenz an.

Man sollte sich daher ruhig auch als Experte zeigen und sein Wissen teilen – aber nicht wie ein Oberlehrer. Beziehungsaufbau hat in Russland auch mit Selbstdarstellung zu tun. Man darf sich als interessanter und kompetenter Netzwerkpartner präsentieren, mit dem es sich lohnt, in Verbindung zu stehen: Um (Fach-)Wissen weiterzugeben oder nützliche geschäftliche oder private Kontakte aus dem eigenen Netzwerk zu vermitteln.

Russen schätzen Bildung und Belesenheit, Sinn für Humor und Hilfsbereitschaft. Zeigen Sie Wertschätzung und Interesse, besonders für die russische Geschichte und kulturelle Leistungen. Erzählen Sie aber auch mehr von Ihren Hobbys oder von der Familie oder den Freunden. Man braucht nicht tiefstapeln oder zu bescheiden sein. Es ist absolut erlaubt, von eigenen Erfolgen zu berichten.

Beziehungsaufbau funktioniert übrigens nicht nur über Geschäftsessen oder mit Gastgeschenken. Viel mehr lässt sich bewirken durch gemeinsame Erlebnisse am Rande von Besuchen – sei es auf einer Schifffahrt oder beim Fußball-Schauen. Ganz wichtig: Viel zeit mitbringen.

 

Wir starten den Kampf, dann sehen wir, wie es weiter geht

Erst mal loslegen, ist die Devise. Ausgefeiltes Risikomanagement im Vorfeld und der Versuch, Unvorhersehbares zu kontrollieren, gelten in Russland als sinnlos. Wer nichts riskiert, so sagen die Russen, der wird keinen Champagner trinken. Beim Planen denken sie global und allgemein.

Für Kurskorrekturen ist immer noch Zeit in der Phase der Durchführung. Intuitives Herangehen und Improvisieren sind gefragt. Entweder Sie lassen sich grundsätzlich darauf ein — und betrachten diese Vorgehensweise als willkommene Ergänzung zur strukturierten, systematisch vorausplanenden deutschen Methode.

Oder Sie übernehmen selbst federführend alles, was Ihnen wichtig ist: Etwa die systematische Planung mit allen Zwischenschritten sowie das Risikomanagement. Aber erwarten Sie vorsichtshalber nichts von ihren russischen Partnern, denn sie könnten enttäuscht werden. Sehen Sie Ihr typisch deutsches Vorgehen als Ihre Bringschuld an, aber pochen Sie darauf nicht auf russischer Seite. Vermutlich ernsten Sie ein Schmunzeln und den Kommentar, dass Deutsche ohne Planung eben nicht auskommen.

Jedoch: Seien Sie sich aber darüber im Klaren, dass Sie Ihre Planung regelmäßig anpassen müssen und diese nicht verbindlich ist für Russen. Feste Größen wie Budgets, wichtige Fristen oder leistungsbezogene Aspekte sind jedoch auch für Russen bindend und der gemeinsame Rahmen, in dem sich alle bewegen können.

 

Der erste Pfannkuchen ist immer verbrannt

Russen haben eine gewisse Unbekümmertheit in ihrer Vorgehensweise und die ist oft gepaart mit der starken Überzeugung, die Fähigkeiten und Ressourcen zu besitzen, um jede Krise zu meistern und jedes Problem zu lösen. Trial and Error – also Versuch und Irrtum – nach diesem Prinzip handelt der Russe und nimmt ein Scheitern beim ersten Versuch in Kauf.

Meine Empfehlung: Rechnen Sie bei der Zusammenarbeit mit Fehlern, nehmen sie die gelassen hin und betrachten Sie sie als Feedback mit hoher Informationsdichte. Man wird von Ihnen weder die Suche nach dem Schuldigen noch eine detaillierte Fehleranalyse verlangen – und dafür auch wenig Kooperationsbereitschaft zeigen, denn Russen erwarten Fehler.

Beachten Sie jedoch: Wichtig ist, die Fehler schnell zu beseitigen und umgehend gemeinsam und pragmatisch eine Kurskorrektur vorzunehmen. Kommunizieren Sie Fehler lösungsorientiert und machen Sie sie dabei nicht kleiner, als sie sind. Russen wissen um die deutsche Direktheit und würden sie sonst nicht ernst nehmen.

Wichtig ist: Denken Sie unbedingt an die richtige Verpackung. Heben Sie zunächst die guten Erfolge oder Kompetenzen Ihres Gegenübers in der Vergangenheit hervor und vermitteln Sie Wertschätzung. So kann der andere über die Beziehungsebene auch den Hinweis darauf verkraften, dass diesmal etwas schief gelaufen ist.

 

Schlechter Frieden ist besser als guter Streit

In Russland herrscht eine andere Streitkultur als in Deutschland: Zustimmung und Gehorsam gelten als Merkmale der Loyalität, es überwiegen gruppenkonforme Meinungsäußerungen. Vermeiden Sie offene Konfrontation. Bekommen Russen kritisches Feedback, fällt es vielen schwer, sachliche und persönliche Ebenen zu trennen. Sowohl Mitarbeiter und Kollegen, aber besonders Vorgesetzte reagieren sehr empfindlich auf kritische Bemerkungen, sind schnell beleidigt, gekränkt und demotiviert.

Loben Sie daher, vor allem öffentlichkeitswirksam. Dabei kann das Lob nach deutschen Maßstäben durchaus übertrieben sein. Sachliche Kritik ist möglich, denken Sie aber immer an den richtigen Rahmen und die adäquate Einbettung in einen positiven Gesprächskontext. Äußern Sie negative Kritik unter vier Augen und stärken Sie dabei zuerst die persönliche Ebene, bevor Sie zur kritischen Botschaft kommen. Heben Sie dafür zum Beispiel die Bedeutung im Team hervor oder loben Sie persönliche Erfolge des Gesprächspartners.

 

In ein anderes Kloster gehe nicht mit den eigenen Statuten

Wie viel Anpassung und Entgegenkommen nötig sind, um erfolgreiche Geschäftsbeziehungen in Russland aufzubauen? Eine komplette Übernahme russischer Vorgehensweisen verlangt keiner von Ihnen und ist auch nicht möglich. Die Deutschen werden vor Ort letztlich besonders wegen ihrer typisch deutschen Tugenden wie Ordnung und Zuverlässigkeit geschätzt. Und das entsprechende Verhalten erwarten Russen auch. Aber Sie sollten deren Regeln, Werte und Verhaltensweisen kennen, akzeptieren und flexibel einordnen können. So vermeiden Sie Stress und Enttäuschung und widersprechen dem in Russland verbreiten Bild der unflexiblen Deutschen.

Am besten nehmen Sie Ihr Deutsch-Sein nicht zu ernst und erwarten Sie von Ihren russischen Partnern nicht, nach Ihren Regeln zu arbeiten. Erklären Sie gegebenenfalls die eigene kulturell bedingte Arbeitsweise mit einem Augenzwinkern und zeigen Sie Aufgeschlossenheit für die andere. Nur so können Sie ein Entgegenkommen erwarten. Schließlich führen auch in Deutschland viele Wege ans Ziel.

 

 

Zur Autorin: Aksana Kavalchuk hat russisch-ukrainische Wurzeln und kam 1993 mit einem DAAD-Forschungsstipendium nach Deutschland. Nach der Promotion an der Ludwig-Maximilian-Universität in München am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie arbeitet sie als Trainerin und Beraterin mit den Schwerpunkten interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Seit 25 Jahren begleitet sie namhafte deutsche und internationale Unternehmen bei ihren Russland-Aktivitäten.

 

 

 

 

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