Buchauszug Jens Weidner: „Optimismus – Warum manche weiter kommen als andere“

Buchauszug Jens Weidner, dem Autor der „Peperoni-Strategie“: „Optimismus – Warum manche weiter kommen als andere“

 

Jens Weidner (Foto: Campus Verlag, Michael Kottmeier)

 

Warum Sie Pessimisten schätzen sollten – ohne selbst einer zu werden

Pessimisten helfen mit ihrem kritischen Blick, denn sie legen Schwachstellen offen. Dennoch bleiben Optimisten erfolgreicher – vor allem wenn sie in ihrem Umfeld auch auf die Pessimisten hören. Sie brauchen deren finstere Sicht, um die Perspektive der rosaroten Brille zu korrigieren. Pessimisten sind also von hohem funktionalen Wert für jedes Unternehmen, denn sie richten ihren Fokus auf Gefahrenquellen, auf mögliche Compliance-Konflikte, auf Kleingedrucktes in Verträgen, in denen sich Fallstricke verstecken könnten. Sie sind misstrauisch.

 

Mürrische Geister sind gut

Sie haben die schlechteste aller Welten ständig vor Augen. Das ist gut. Deswegen wimmelt es bei der Polizei und in der Justiz nur so von diesen mürrischen Geistern. »Überall Kriminelle, hier kannst du niemandem mehr trauen. Hier gibt’s zu viele Betrüger!«, fluchte ein Gefängnisabteilungsleiter in der niedersächsischen Jugendanstalt Hameln während unserer gemeinsamen Teamkonferenz einst erbost.

 

Optimisten gehören nicht in Jobs, in denen man misstrauisch sein muss

Nicht ganz überraschend bei seinem Arbeitsplatz, dennoch realistisch. Das heißt im Umkehrschluss: Unternehmen sollten darauf verzichten, Optimisten auf Controlling-Positionen zu setzen. Oder in die Buchhaltung. Schon gar nicht in die Rechtsabteilung. Sie sollten ihnen keine Jobs geben, in denen man misstrauisch sein muss. In der deutschen Finanzverwaltung scheint das zu gelingen. Oder hatten Sie schon einmal Spaß mit Ihrem Finanzbeamten? »Die Belege brauchen Sie nicht vorzulegen, die grobe Richtung stimmt ja …« – so etwas werden Sie aus seinem Mund wohl nie zu hören bekommen. Aber warum ist das so? Weil Finanzbeamte einem einfachen pessimistischen Leitsatz folgen: Jeder Bürger ist ein potenzieller Steuerhinterzieher. Ein klares Statement, nicht immer gerecht, aber sehr erfolgreich. Und Dank der Steuer-CDs aus dem Ausland immer erfolgreicher. Pessimisten haben in dieser Branche Hochkonjunktur.

 

Pessimistisch ticken

Phasenweise habe ich selbst so pessimistisch getickt – berufsbedingt, in meiner Zeit in der Justiz. Drogen waren in meiner Abteilung im Gefängnis aufgetaucht. Zwar sehr sporadisch und nur kleine Mengen, aber doch immer wieder. Keiner wusste, wie das passieren konnte. Wir grübelten und prüften alle nur erdenklichen Möglichkeiten. Am Ende blieb nur eine sehr nette alte Dame als Verdächtige übrig. Sie war Ende siebzig, sehr gepflegt, und sie besuchte ihren gestrauchelten Enkel immer in dem Zeitfenster, in dem die Drogen auftauchten. Sie entsprach so gar nicht dem Profil eines Drogenkuriers, dennoch ordnete ich ihre Durchsuchung beim folgenden Besuch an – und schämte mich ein bisschen dafür.

Doch wider Erwarten wurde die Vollzugsbeamtin fündig: Der Büstenhalter der alten Dame war mit Drogen ausgestopft. Ihr Enkel hatte mit Selbstmord gedroht: Ganz ohne Drogen würde er es keinen Tag länger im Knast aushalten. Da wurde seine Oma schwach und schmuggelte Drogen ins Gefängnis. »Irgendwie lieb von ihr«, sagte meine wohlwollende innere Stimme. »Aber ziemlich cool, dass wir sie erwischt haben!«, rief meine misstrauische professionelle Seite. Es war ihr letzter Besuch bei uns. Ein Besuchsverbot und eine Anzeige folgten.

 

Pessimisten als Stars der Gefahrenabwehr und bei Kontrollthemen

Mit einem pessimistischen Menschenbild kann man sich auch beim nettesten Kollegen das Übelste vorstellen. Pessimisten bleiben die Stars bei Kontrollthemen und in der Gefahrenabwehr. Gott sei Dank! Oder wünschen Sie sich etwa einen Verfassungsschutz-Chef, der sich voller Optimismus mit extremistischen Salafisten abstimmen möchte? Oder einen Innenminister, der mit Mitgliedern der organisierten Kriminalität diskutiert, anstatt sie einzusperren? Konstruktiver Pessimismus ist unter optimistischer Führung ein klarer Wettbewerbsvorteil.

 

Leidenschaft zum Meckern

Was allerdings nervt, sind die Larmoyanten. Diejenigen mit der Bereitschaft, auf hohem Niveau ständig zu jammern. Sie haben eine besondere Leidenschaft zum Meckern, besonders in beruflich stabilen Zeiten, denn da kann man es sich erlauben, es läuft ja. Und sie lassen es richtig krachen! Zu dieser destruktiven Seite des Pessimismus zählen Unternehmensmuffel, Ideenzerfleischer und Nörgellawinen-Lostreter, so Eric T. Hansen. Jeder Engagierte kennt sie.

 

Optimisten machen sich angreifbar

»Wo immer der Optimismus auftritt, folgt ihm der Pessimismus mit seinen beißenden Einwänden auf dem Fuß. Immer scheinen der Pessimist und der Skeptiker Recht zu haben gegenüber der vermeintlichen Naivität des Optimisten. Mit seiner prinzipiell bejahenden vertrauensvollen Weltsicht macht er sich angreifbar. Verächter, Kritiker und Gegner können ihn deshalb leicht widerlegen. Mühelos begeben sie sich in die Rolle des abgeklärten Beobachters, der schärfer sieht, realistischer analysiert, recht behält, wenn etwas schiefgeht.«

 

Kollegen-Vorschläge zerpflücken – bis nur noch ein trauriges Häuflein Reststolz übrig ist

Diese Nörgler nennt Hansen ironisch »mutige Streiter gegen den Machbarkeitswahn«, denn sie beherrschen ihr destruktives Handwerk, auch in der Medienbranche. »Jemand legt eine neue Idee auf den Tisch und das auch noch vor versammelter Mannschaft. Die Kollegen holen tief Luft und dann, langsam zuerst, dann aber immer schneller und heftiger, pflücken sie den Vorschlag auseinander, bis am Ende nichts davon übrig bleibt als ein paar Knochen und ein trauriges Häuflein Reststolz des Ideengebers.«

 

Jens Weidner: „Optimismus – Warum manche weiter kommen als andere“ – Campus Verlag, 218 Seiten, 19,95 Euro. http://www.campus.de/buecher-campus-verlag/business/fuehrung/optimismus-14232.html

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Karrieristen würden nie unvorbereitet spontan Ideen einbringen

Karriereorientierten Optimisten würde so etwas nicht passieren. Sie kämen nie auf die verrückte Idee, unvorbereitet innovative Ideen in ein Gremium einzubringen. Entweder sind sie die Chefs, dann zählt ohnehin das, was sie sagen. In diesem Fall ist es leicht, denn die Nörgler werden mit ihren Argumenten nicht erhört oder im besonders hartnäckigen Nörgelfall auf Zwergenniveau zurechtgestutzt. Das ist nicht sensibel, funktioniert aber und spart Zeit. Oder sie sind keine Chefs, dann haben sie die Innovation mit den Entscheidern und Statushohen im Unternehmen bereits vorab informell abgestimmt. Sie sind sich damit der Zustimmung »von oben« sicher.

Sebastian Seiler, seines Zeichens Filmemacher, ignoriert das alles. Er setzt auf die Wirkung seiner Inhalte, denn diese haben Qualität, und auf seine fabelhafte Art zu präsentieren, denn die macht ihm so schnell keiner nach. Beim letzten Meeting half ihm jedoch weder das eine noch das andere. Das Netzwerk der Ideenzerfleischer brachte ihn zur Strecke. Es ließ ihn für seine Naivität bluten – mit einer Nörgellawine. »Zum Beispiel in einem öffentlichen Sender, wenn man den zuständigen Redakteuren einen fertigen Film zum ersten Mal vorführt. Du hast dir tagelang den Kopf zerbrochen […] und nachts durchgearbeitet, um dir einen witzigen Text aus den Fingern zu saugen.

Dann zeigst du den fertigen Film der Redaktion. Wenn der zu Ende ist, herrscht erstmal allgemeines Wohlbehagen. Die finden ihn gut. Bis sich dann einer ganz hinten meldet und sagt: ›Find ich auch gut, aber …‹ Und dann legt er los. Er kritisiert, dass das Braunkohlewerk nicht im Jahr 1975, sondern 1976 eröffnet wurde. […] Ein Zweiter meldet sich und findet noch ein Haar in der Suppe. Dann sind die anderen langsam in der Pflicht, sich auch mal als Kritik-kompetent zu zeigen, vor allem die Vorgesetzten. […] Und alles, was sie sagen, muss noch besser, härter, ausgefeilter sein als das, was vorher kam. Am Ende heißt es dann, es wäre unverantwortlich, den Film zu senden.«

 

Wenn sich Nörgler selbst erhöhen – und das Absaufen anderer genießen

Nichts demotiviert Menschen mehr als solche Meetings mit pessimistischen Nörgellawinen-Lostretern und nichts befriedigt andererseits diese Spezies mehr als ihre Kritikleidenschaft. Sie erhöhen sich durch ihr Genörgel, und sie genießen das langsame Absaufen des Kritisierten. Selbst als Optimist könnte man verzweifeln, wenn man diese notorischen Nörgler nicht präventiv ins Abseits gestellt hätte. Mithilfe der Hierarchie und des eigenen Netzwerks reduziert man sie im Vorfeld so sehr in ihrem Status, dass sich keiner mehr für ihre nörgelnden Beiträge interessiert.

Oder man bittet sie, parallel zum Meeting einen viel wichtigeren Termin wahrzunehmen. Dann sind sie wenigstens weg. Oder man nennt ihnen eine falsche Uhrzeit, einen falschen Tag oder eine falsche Adresse. Das ist zwar irgendwie unfair, geht aber am schnellsten und fördert einen konstruktiven Projektabschluss. Oder man setzt, wie Seiler, auf die Vergesslichkeit der Nörgler: »Lass sie ruhig dein Baby zerrupfen, dann sagst du, ›ist gut, ich ändere das‹. Und dann schneidest du irgendwas an dem Film um. Völlig egal, was.

Beim nächsten Termin präsentierst du ihnen dann den irgendwie veränderten Film, und da sie gar nicht mehr wissen, worüber sie beim letzten Mal genörgelt haben, jetzt aber sehen, dass du scheinbar irgendwas gemacht hast, sind sie zufrieden. Einmal habe ich einen Film sogar völlig unverändert nochmal präsentiert, weil ich so sauer war, wie grundlos der zerrupft wurde – und beim zweiten Mal kam er anstandslos durch, obwohl ich nichts daran geändert hatte! ›Viel besser jetzt‹, sagten sie, und auch noch mit diesem Unterton: War das denn jetzt so schwer?«

 

Kritiker, die nur die eigene Schwäche übertünchen – aber keine Macher sind

Man könnte diese Kollegen für diese Art hassen. Dabei geben sich die pessimistischen Bremser gerne auch noch überbesorgt. Sie sprechen von Bescheidenheit, sie lamentieren, sie jammern und sie loben sich für ihre Duldsamkeit. Sie wollen ständig diskutieren und reflektieren, damit keiner bemerkt, dass sie im Grunde nur nichts eigenständig auf die Beine stellen können. Sie sind Kritiker, die ihre Schwäche übertünchen, aber sie sind keine Macher.

 

Sie zählen damit zu den Hauptfeindbildern der Optimisten. Diese würden Nörgler und Muffel in der Geschäftswelt am Liebsten ins Nirwana schicken, sodass ihre destruktive Haltung die notwendigen Entscheidungsprozesse nicht mehr vergiften kann. Das ist bitter nötig, damit die destruktiven Pessimisten nicht im falschen Moment die falschen Weichen stellen und die Konferenz auch noch mit ihrem Distress vergiften.

 

Wenn Nörgler überfordert sind

Distress, liebe Leserinnen und Leser, signalisiert, dass man sich am falschen Platz aufhält. An einem Platz, der einen unter Druck setzt und von dem man flüchten möchte. Etwa bei der Finanzplanung, die einen überfordert, bei Fragen zur Digitalisierung, die einfach zu kompliziert sind. Das gibt natürlich niemand zu, fast niemand. »Ich bin mehr, als ich kann«, bekannte mir gegenüber ein Manager im Vier-Augen-Gespräch. Ihn überforderte die Mittelfreigabe für neue Computerprogramme, denn er konnte schlichtweg nicht einschätzen, ob die horrenden Ausgaben wirklich notwendig waren.

 

Am falschen Ort sein – oder fremdbestimmte Ziele verfolgen

Zur falschen Zeit am falschen Ort funktioniert leider auch viel alltäglicher „Sie gehen im Urlaub ahnungslos durch ein zweifelhaftes Stadtviertel, in dem Sie von den Einheimischen böse gemustert werden. Sie sind am falschen Ort. • Sie sitzen auf der Familienfeier neben ihrem zickigen Schwiegervater, der sich einen erfolgreicheren Schwiegersohn gewünscht hätte. Die Spannungen sind zum Greifen. Sie sind am falschen Ort. Egal, was Sie im Meeting präsentieren, Ihr Chef findet es ausbaufähig. Sie sind am falschen Ort.

Hier hilft keine Einstellungsveränderung gegen den Distress, sondern am besten nur ein Ortswechsel (wie im Urlaub) oder die Delegierung der komplexen Aufgaben an kompetenteres Personal (etwa bei Fragen der Digitalisierung). Wir kriegen keine Delle ins Universum gehauen, so der Kommunikationsexperten Hans-Uwe Köhler, wenn wir fremdbestimmte Ziele verfolgen oder uns an falschen Orten aufhalten.Das schreibt er Unternehmensmuffeln und Dauerkritikern ins Stammbuch.

 

Überraschenderweise verträgt sich deren beruflicher Pessimismus übrigens scheinbar problemlos mit der Zuversicht im Privaten. Das ist doch erstaunlich. »Eine Umfrage der Uni Hohenheim ergab: Nur 28 Prozent der Deutschen sehen die Zukunft ihres Landes optimistisch. Aber 63 Prozent sind guten Mutes, was ihr eigenes  Los betrifft – als lebten sie woanders. Der Unterschied ist nur scheinbar widersinnig. Zum einen ist das menschliche Gehirn ein unermüdlicher Problemlöser, es kann gar nicht anders. Wer sich eine widrige Situation vorstellt, hat sofort vor Augen, wie er dagegen angeht: Die Jugend verlottert? Wir erziehen unsere Kinder besser. Der Hautkrebs nimmt zu? Wir cremen uns ein.«

Nörgler: Öffentlich Pessimisten, privat Optimisten

Die Nörgler differenzieren also zwischen privatem Optimismus und öffentlichem Pessimismus. Diese Zweigleisigkeit lässt sich gut ertragen und noch besser begründen, denn in der Geschäftswelt steigt der Optimismus erst mit der Beeinflussbarkeit der beruflichen Entwicklung, egal auf welcher Hierarchieebene. Je größer der Einfluss ist, desto optimistischer wird man. Kein Wunder also, dass Führungskräfte und Mitarbeiter, die mitbestimmen können die Dinge in der Regel positiver sehen als reine Befehlsempfänger. Im Privaten ist es aber anders, denn da haben alle einen direkten Einfluss auf ihr Leben, egal ob sie eine Wohnung einrichten, den Urlaub planen oder sich einen Teich im Garten anlegen. Hier sind sie die Macher und Bestimmer und deswegen empfinden sie, dass es ihnen ganz gut geht und anderen im Vergleich schlechter. Das gibt auch ihnen die Illusion der Überlegenheit und unterstreicht, dass viele Pessimisten bei der Beurteilung ihrer Kollegen kritisch sind und keine rosarote Brille tragen, mit sich selbst aber eher milde umgehen.

Gesamtgesellschaftlich sehen sie trotzdem schwarz. Sie bleiben eben Pessimisten, Dauernörgler oder in ihrer krassesten Ausrichtung Wutbürger. Die können einen richtig auf die Palme bringen. Je größer die Distanz zu diesen destruktiven Zeitgenossen, desto besser.

 

Konstruktive Nörgler dagegen sind herausfordernd

Man kann aber auch Glück im Unglück haben und auf einen konstruktiven Nörgler stoßen. Mit dem macht die Zusammenarbeit fast schon wieder Spaß, denn sie ist herausfordernd. Der konstruktive Nörgler stellt nämlich kluge Fragen, vielleicht als Compliance-Beauftragter oder als graue Eminenz, die vor Kostenexplosionen à la Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder Berliner Flughafen warnt.

Empfehlung: Konstruktive Nörgler erkennt man daran, dass sie ein kleines Rollenspiel favorisieren, das viel zur Kostenkontrolle beitragen kann: Was wäre aus dem Berliner Flughafen geworden, »hätte man Politiker, Architekten und Bauträger vor der Grundsteinlegung noch einmal für zehn Minuten zusammengesperrt: Schreiben Sie auf, warum die Kosten sich in wenigen Jahren verfünffacht haben.« Der Expertenfantasie wären keine Grenzen gesetzt. Das Ergebnis hätte sicherlich den Realitätsbezug der Anwesenden gefördert, ohne die Hoffnung zu zerstören und das Projekt gleich ad acta zu legen.

 

Der Trendforscher Matthias Horx begrüßt dieses Prinzip Hoffnung, und er hat darüber eine ganze Anleitung zum Zukunftsoptimismus geschrieben. Der Apokalypse der Pessimisten stellt er die Chancen gegenüber. Er widerspricht der Prognose von der bösen Globalisierung ebenso wie dem vermeintlichen Werteverfall. Er widerspricht der These von der medialen Verblödung und der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich. Und dem Problem der demografischen Entwicklung widerspricht er sowieso. Eigentlich widerspricht er so ziemlich allem im Mainstream.

 

Medien verkürzen, schneiden und verpacken die Kontexte auf pessimistische Konstrutionen

Sein Credo lautet: Das kann und muss man optimistischer sehen, denn die Medien präsentieren uns eine Realitätsmatrix, die »von Menschen produziert wird, die viel Kaffee trinken und meistens zu viel sitzen«. Dramatische Fernseh- und Internetbilder mögen »echt sein im Sinne ihrer Herkunft. Aber die Kontexte, in denen sie gesendet und geschnitten, verpackt und verkürzt werden, sind Konstruktionen«, pessimistische Konstruktionen.

Nehmen wir den demografischen Wandel als Beispiel. Ist er tatsächlich eine Bedrohung? Ist es ein Drama, wenn wir gesünder leben und dadurch auch älter werden? Wenn wir uns besser ernähren, nicht rauchen, mehr Sport treiben? Ist das alles so übel, nur weil deswegen die Altersversorgung in Gefahr gerät und neu durchdacht werden muss? Horx’ Faktencheck macht deutlich: So apokalyptisch sieht die Zukunft nicht aus.

 

Matthias Horx: „Widerstehen Sie den Oberlehrern und Apokalyse-Gurus“

»Verlassen Sie das Empire of Belief. Jenes Universum aus medial geprägten Meinungen, Vorurteilen und konventionellem Wissen, das unseren Zukunftsdiskurs bis in die letzte Hirnverästelung definiert. Glauben Sie nichts, was man sich so erzählt – über die Welt und ihre Veränderungen, die angeblich alle zum Schlechten verlaufen. Widerstehen Sie den Oberlehrern und Apokalypse-Gurus, indem Sie sie einfach ignorieren. Wagen Sie einen mentalen Reset.«

Matthias Horx’ Reset-Idee ist doch einen Versuch wert. Zumal es noch einen weiteren gewichtigen Grund gibt, nicht zum Nörgler zu werden: nämlich seine Neigung zum defensiven Pessimismus, der Idee, dass uns geringe Erwartungen vor Enttäuschungen bewahren. Diese Haltung macht nicht glücklich, sie macht nur klein. Sie zieht die Fantasie in den Dreck. Geringere Erwartungen machen ein Versagen auch nicht weniger schmerzlich, sie führen lediglich zu schlechteren Ergebnissen.

 

Sie sehen, der Pessimismus hat nicht sonderlich viel zu bieten. Daher neigen auch nur wenige Menschen zum totalen Pessimismus. Existenzialisten vielleicht oder Literatur- und Kulturkritiker. Doch diese werden für ihre finsteren Statements immerhin noch honoriert, sie können von ihrem Gejammer leben. Aber wer will das schon? So viel Schmerzensgeld könnte man mir gar nicht zahlen, dass das eine Alternative wäre! Wie ist das bei Ihnen? Neigen Sie zum Pessimismus? Wohl kaum denn dann hätten Sie dieses Buch nicht einmal mit der Kneifzange angefasst.

. • Aber schätzen Sie konstruktive Nörgler, ohne selbst einer zu werden? Das wäre klug, denn dann haben Sie ein erstklassiges Frühwarnsystem für drohenden Ärger an Ihrer Seite.

• Machen Sie das Kostenexplosionsgedankenspiel? Das wäre fantastisch, weil dann die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Sie den Worst Case noch vermeiden können.

• Vermeiden Sie Distress und den falschen Ort so häufig es eben geht? Wunderbar, denn das raubt nur Ihre Kraft, die Sie für Innovatives einsetzen sollten.

• Meiden Sie Ideenzerfleischer so weit wie möglich? Ich gratuliere Ihnen, dann sind Sie nicht nur motivierter und beruflich auf dem richtigen Weg, sondern steigern auch Ihr positives Lebensgefühl.

Lassen Sie uns nun einen Blick auf den spezifischen Optimismus im deutschsprachigen Raum werfen, den »Sekundären Optimismus«. Er ist ein zentrales Ergebnis der Forschungsstudie des Wirtschaftsclubs der Optimisten und beschreibt sehr gut – wie ich finde – die Befindlichkeit vieler Menschen, die bereit sind, Wirtschaft und Gesellschaft wohlwollend positiv, aber nicht zu rosarot zu betrachten.

 

Warum manche weiter kommen als andere – der Sekundäre Optimismus

Das Geschäftsleben im deutschsprachigen Raum ist optimistischer als seine Außendarstellung. Fragt man Manager, Unternehmer und Aufstiegsorientierte öffentlich, wie es läuft, sind sie zurückhaltend, man gibt sich skeptisch. Nur nicht zu viel öffentliche Euphorie! Selbst wenn es sehr gut läuft, garantiert das ja nicht, dass es nächstes Jahr so weitergehen wird. Fragt man sie privat, sprudelt häufig die Begeisterung. Familie und Freundschaften geben Halt, die Einkommen sind stabil oder steigen. Die meisten können ihr normales oder komfortables Leben genießen, und manche können es luxuriös ausbauen. Man kann sich materielle Träume erfüllen, eine schicke Uhr oder den computergesteuerten Rasenmäher. Man kann die Vibration eines Boliden ab 300 PS genießen oder eine kostspielige Handtasche spazieren tragen. Nicht dass das Materielle überbewertet werden sollte, doch diese Gratifikationen machen vielen Menschen Freude. Vor allem Vorfreude – Optimisten lieben Vorfreude!

Stellen Sie sich deshalb einmal vor, bittet die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot, Sie dürften Ihren Lieblingsstar intensiv küssen, und er wird Ihren Kuss garantiert und voller Leidenschaft erwidern! Sie brauchen also keine Angst davor zu haben, einen Korb zu erhalten. Sie dürfen sich nun sogar aussuchen, wann dieses legendäre Ereignis stattfinden soll: sofort, in 24 Stunden, in drei Tagen, in einem halben Jahr oder in 10 Jahren?

Die meisten von Tali Sharots Befragten wählten nicht die sofortige Erfüllung ihres Traums, das wäre zu überraschend – so ihre Begründung –, zu plötzlich und außerdem viel zu schnell vorbei. Eine Ausnahme bildet meine Kollegin Lea Gritmann, denn die will sofort küssen, als ich ihr von dem Beispiel berichte. Ihre Nordseeküsten-Mentalität folgt der Logik: »Was ich hab, das hab ich.« Die meisten von Tali Sharots Befragten denken aber nicht so. Ebenso wenig wählten sie die 10-Jahres-Option, denn das ist ja noch ewig hin! Wer will sich schon gerne heute darauf festlegen, zukünftig einen alternden Star zu küssen?

 

Optimisten lieben Vorfreude – sie garantiert Tagträume, Fantasien, Nervenkitzel

Der absolute Favorit war die 3-Tages-Option: Sie verspricht Vorfreude, die man noch gut aushalten und dann um so mehr genießen kann, denn drei Tage sind absehbar. Sie garantieren Tagträume, Fantasien, Nervenkitzel, Endorphine überschwemmen den Körper und dann endlich: der Kuss. Schöner geht’s kaum! Vorfreude multipliziert optimistische Gefühle.

 

Berufstätige lieben den Freitag – der Vorfreude wegen

Deswegen lieben Berufstätige auch den Freitag, nicht den Sonntag. Obwohl man am Freitag noch schuften muss und obwohl der Sonntag frei ist und man im Pyjama leckere Croissants im Bett frühstücken kann. Doch der Sonntag hat keine Vorfreude, er ist lediglich das Tor zum düsteren Montag. Der Freitag hingegen verspricht ein spannendes Wochenende, zum Beispiel mit Freunden und Partys, oder schöne entspannte Stunden. Optimisten lieben das, sie erwarten – im übertragenen Sinne – schlichtweg mehr Freitage, auch mehr Küsse in der Zukunft, und das verbessert ihr Wohlbefinden ganz erheblich.

Vorfreude hebt die Stimmung, das wissen die Wirtschaft und vor allem auch der Handel ganz genau. Deshalb gibt es auch so oft Wartezeiten bei hochpreisigen Produkten, wie beispielsweise der Kelly Bag. Wartezeit ist Vorfreudenzeit, die bei dieser Handtasche deutlich über drei Tagen liegt. Gleiches gilt beim neuen Flitzer mit Sonderausstattung oder beim Maßanzug. Dessen Anfertigung kann dauern, folgt aber einer bestechenden Logik.

Ein Mann lässt beim Schneider eine Hose anfertigen. Die Fertigstellung soll innerhalb von 14 Tagen erfolgen. Zum verabredeten Termin ist die Hose aber leider doch nicht fertig. Der Schneider nennt zwei neue Termine, die er jedoch ebenfalls nicht einhält. Beim nächsten Termin klappt es endlich. Der Kunde zieht die Hose in einer Mischung aus Verärgerung und Erleichterung an und meint: »Sie passt, aber warum in aller Welt haben sie vier Monate für die Fertigstellung benötigt, wo Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat?«Der Schneider erwidert: »Mein Herr, schauen Sie sich diese Hose genau an und werfen Sie dann einen Blick auf unsere Welt: welch ein enormer Qualitätsunterschied!«

 

Argwohn vor dem Neuen ist klug

Vorfreude ist das eine, Sekundärer Optimismus das andere. Er ist auf den ersten Blick paradox, denn seine Basis ist der Argwohn vor dem Neuen, so die Optimismus-Studie. Das Innovative wird zwar als notwendig erachtet, aber auch als Zerstörer alter Traditionen gefürchtet, denn Bewährtes wird infrage gestellt und das verunsichert. Das sei ein anomischer und damit unangenehmer Zustand, so der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton, denn das Alte gelte nicht mehr und das Neue sei noch nicht erworben. Der Argwohn des Sekundären Optimismus hat also eine seriöse Grundlage und ist berechtigt. Im Wettbewerb ist alles eine Frage der Perspektive, denn nicht alles, was im Berufsleben hoffnungsvoll stimmt, begeistert auch die Mitbewerber – und umgekehrt. Die erfolgreiche Expansion ist natürlich ein Grund zum Feiern, nur nicht für den, der verdrängt wurde. Insofern sind Argwohn und die kritische Prüfung des Neuen eine kluge Strategie.

Auch für Optimisten. Deswegen wird bei innovativen Projekten – wie bereits am Anfang des Buches beschrieben – kein spontanes Handeln, sondern das Abwägen in vier Schritten empfohlen:

1. Nachdenken, um die Chancen und Risiken zu realisieren,

2. entscheiden,

3. das Projekt bei positiver Entscheidung durchziehen,

4. mögliche Kritik abperlen lassen.

Erst auf den Realitätscheck folgt das Zünden des Turboladers. Mein britischer Kollege aus Birmingham korrigierte augenzwinkernd: »It’s not the German turbo. It’s the German panzer.« Sie können es nicht lassen, die Briten, Humor ist aber, wenn man trotzdem lacht. Nachdenken, Zögern und Abwägen werden international gerne als »German Angst« diskreditiert. Dabei ist das weder ängstlich noch innovationsfeindlich.

Es verhindert lediglich spontane, nicht konsequent durchdachte Erstreaktionen, die zwar gut gemeint, aber nicht gut gemacht sind. Das Zögerliche wird in der Schweiz, in Österreich und Deutschland gerne in Kauf genommen, wenn das Projekt am Ende erfolgreich abgeschlossen werden kann, weil es von Anfang an ordentlich durchdacht war. Auf diese Erkenntnis haben die Macher des Berliner Flughafens offensichtlich verzichtet. Fehlplanungen waren die Folge, sodass der Schwarze Peter beim Thema Brandschutz zwischen Bauherr, Bauunternehmen und Architekturbüro hin und her geschoben wurde. Einigkeit bestand nur in der notwendigen Kostenexplosion im Milliardenbereich.

Typisch sind derartige Fehlentwicklungen allerdings nicht, auch wenn sie bei einigen Großprojekten ins Auge stechen. Charakteristisch ist für Optimisten eher die erfreuliche Tendenz, in Krisensituationen anzupacken. Bürokratie wird dann durch Improvisation ersetzt, etwa bei Flutkatastrophen. In vielen Menschen steckt hierzulande eine Krisenmanagementbereitschaft à la Helmut Schmidt. Sie hat den optimistischen Anspruch, aus Krisen gestärkt hervorzugehen.

Die Spareinlagen, trotz Bankenkrise gesichert? Die Wiedervereinigung geschafft? Die österreichischen Grenzen gen Süden im Griff? Die schweizerische Neutralität bewahrt? Gesellschaftliche Konflikte durch Volksabstimmungen gelöst? All das unterstreicht die Bereitschaft zum Krisenmanagement: Nachdenken, entscheiden, durchziehen, Kritik abperlen lassen! Das wird auch von anderen Nationen gewürdigt: »Ja, ihr Deutschen habt das hier drauf. Im Autobau, in der Wirtschaft, im Austarieren mit Gewerkschaften. Nur bei Großprojekten schwächelt ihr, aber das kommt wieder«, so ein indischer IT-Compliance-Chef während eines gemeinsamen Abendessens in Berlin.

 

Positive Fokussierung hilft

Auf der Optimismusskala des Rheingold-Instituts sollten sich alle Interviewpartner selbst einschätzen zwischen 1 (nicht optimistisch) und 10 (sehr optimistisch). Die durchschnittliche Selbsteinschätzung der Befragten lag bei stolzen 8 bis 9. Das kollegiale Umfeld wurde dagegen kritischer mit 5 bis 6 bewertet. Spitzenwerte gab es in Bezug auf Kinder, Familie, Ehe – und Skepsis, was denjenigen betrifft, der im Büro oder im Kino neben uns sitzt. Zweifler und Spaßbremsen sind wegen der positiven Fokussierung die anderen; man selbst sticht dagegen hoffnungsvoll hervor, so zumindest die Selbstwahrnehmung. Die anderen sieht man kritischer, denn die können fünf nicht gerade sein lassen, die suchen immer das Haar in der Suppe, die pflegen eine Vollkaskomentalität und behaupten, ihr Pessimismus sei nicht demotivierend, sondern mahnend und Ergebnis einer kritischen Reflexion.

»Nichts ist sicher! Ich bin davon überzeugt, dass ich keine Pension vom Staat erhalten werde, obwohl sie mir zusteht«, klagt eine verbeamtete 63-jährige Regierungsdirektorin in Dresden. Eine Vollkaskobeamtin mit Pensionsängsten? Mit Ansprüchen auf eine Pension, für die der Staat bürgt? Die Sorge ist unbegründet, doch die Regierungsdirektorin zweifelt weiter. Das nervt einen Optimisten wie mich. Ich habe ihr deswegen eine Wette angeboten: Wenn sie tatsächlich keine Pension erhalten sollte, zahle ich die ersten zwei Monate ihr Pensionsgeld aus meiner privaten Tasche. Wenn Sie aber ihre Pension erhält, schenkt sie mir ihre ersten beiden Überweisungen. Sie hat sich Bedenkzeit erbeten, ihre Antwort steht noch aus.

Die positive Fokussierung führt häufig zu Optimierungswünschen, manchmal sogar zum Optimierungswahn: noch besser werden, noch glücklicher, noch schlanker, noch athletischer, sich vergleichen, zu anderen hinüberschielen, um sich von ihnen eine Scheibe abzuschneiden. Gerne auch über Ländergrenzen hinweg. Von den Franzosen, die erscheinen so kulinarisch-kultiviert. Die Mallorciner so mediteran. Die Amerikaner mit ihrem »You name it, we have it« so positiv-pragmatisch. Die Italiener leidenschaftlich und spitzenmäßig gekleidet. Die Japaner diszipliniert und angenehm distanziert. Und die Dänen gelten ohnehin als eines der glücklichsten Völker.

Der Optimierungsbedarf erscheint grenzenlos. Er kann den Ehrgeiz wecken, besser werden zu wollen, doch glücklicher macht er nicht. Optimierungswünsche sind die Schattenseite der positiven Fokussierung und hindern eher auf dem Weg, ein optimistischer Mensch zu werden oder zu bleiben.

Ganz im Gegensatz zur Konzentration auf die Positivtrends, die ebenfalls zum Sekundären Optimismus zählen, wie sie etwa in der Studie der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen beschrieben werden. Ihr Gestern-Heute-Vergleich ist nicht blauäugig, sondern gibt Anlass zur Hoffnung und damit zum Zukunftsoptimismus. So ist die weltweite extreme Armut von 1990 bis heute reduziert worden; sie betrifft nicht mehr 1,9 Milliarden Menschen, sondern »nur« noch 0,7 Milliarden. Die Armutsquote sank von 47 Prozent (1990) auf 10 Prozent (heute), die Kindersterblichkeit sank im selben Zeitraum weltweit von 90 von 1 000 Kindern auf 42 von 1 000 Kindern.

 

Hoffnung machen auch Entwicklungen wie die des Chinesen Yuan Longping, einem der renommiertesten Reisforscher der Welt. Er ist der Vater des Hybridreises. Mit seinem Superreis werden die Erträge drastisch gesteigert werden können. In Regionen, in denen es bisher kaum möglich war. Hunger könnte damit zum Fremdwort werden. Optimisten sind Meister derart positiver Fokussierungen. Wie ein Suchscheinwerfer orten sie Hoffnungsvolles, weil es sie ermutigt, auch in die eigenen Projekte hoffnungsvoll einzusteigen.

Diese Fokussierung betrifft natürlich auch die Stärken des eigenen Landes: Ingenieurskunst, Export- und Fußballweltmeister, Erfolge der Wirtschaft in der Schweiz und in Österreich sowie historische soziale Errungenschaften seit der Bismarkschen Sozialgesetzgebung begründen dies. Sie bieten einen stabilen Rahmen für die eigene Erfolgsgeschichte, die sich unter anderem auch in der eigenen Arbeitsplatzzufriedenheit ausdrückt. Neun von zehn Berufstätigen sind damit heute zufrieden, wie die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen hervorhebt. Auch die Anzahl der Beschäftigten ist gestiegen, die Anzahl der Arbeitslosen gesunken. Dennoch führen diese guten Entwicklungen hierzulande zu keinem Hurra-und-Hopplaalles- super-Hype, und das hat gute Gründe, denn der Optimismus in Deutschland bleibt im Vergleich zu Österreich und der Schweiz immer ein wenig verhaltener. Es ist ein Tribut an die deutsche Geschichte, es bremst die historische Angst vor der blinden Begeisterung in der Nazizeit.

»Der Optimismus der Deutschen ist damit untrennbar von der deutschen Identität zu begreifen. So wie der individuelle Optimismus sich aus dem Vergleich mit anderen und aus der Lebenserfahrung speist – so speist sich der nationale Optimismus aus dem Vergleich mit anderen Nationen und aus historischen Ereignissen.« »Hurra-Optimismus« wird daher eher kritisch beäugt, selbst wenn es sich nur um fahnenschwingende Fans während einer Fußballeuropameisterschaft handelt. Zu patriotisch? Die Wortwahl in den Interviews unserer Studie belegen diese Distanz zur nationalen Identität: Die Befragten sprechen über »die Deutschen« und meinen sich selbst eigentlich nicht damit. Die ehemals schuldige Nation, so Grünewald in seiner Präsentation beim Clubvorstand der Optimisten, will damit nationaler Euphorie und zu viel Pathos vorbeugen.

Daher wird der Sekundäre Optimismus als angemessen empfunden. Er ist keine Bremse, sondern ein Garant für Ernsthaftigkeit und die Voraussetzung für eine zupackende Gesellschaft, deren Erfolge sich sehen lassen können. Dieses selbstkritische Verständnis bezieht sich allerdings nur auf das gesellschaftspolitische. Bei privaten Zukunftsentscheidungen ist der optimistische Blick dagegen ungetrübt.

Werfen wir einmal einen Blick auf die Eheschließung. Sicher ist sie eine der folgenreichsten und verbindlichsten Entscheidungen im Leben von Paaren, die mit großem Mut angegangen werden muss, denn die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung liegt heute bei zirka 40 Prozent. Das heißt, viele Paare werden sich trennen und dann um das Sorgerecht, den gemeinsamen Besitz und das Vermögen streiten. Das ist bekannt und unerfreulich. Fragt man aber Frischverheiratete, wie es bei ihnen aussehen wird, antworten die meistens, die Wahrscheinlichkeit für eine Scheidung läge bei ihnen bei 0 Prozent.

Das ist nun wirklich nicht realistisch, oder? Vielleicht sollte man deswegen lieber heiratswillige Scheidungsanwälte nach ihrer Einschätzung fragen – die sollten es ja wissen. Immerhin haben sie tagtäglich mit den Folgen von Trennungen zu tun. Laut ihrer Selbsteinschätzung liegt ihre persönliche Scheidungswahrscheinlichkeit bei: 0 Prozent! Das ist absurd, unbegründet, aber wahnsinnig romantisch. Die Scheidungswahrscheinlichkeit von Optimisten entspricht übrigens im Durchschnitt ebenfalls der 40-Prozent-Marke. Doch die Wahrscheinlichkeit, sich erneut zu verheiraten, liegt in ihrem Selbstverständnis deutlich höher – wegen des Above-Average-Effekts. Sie halten sich selbst für attraktiver als andere und meinen deshalb bessere Karten zu haben, ein weiteres Mal erwählt zu werden. Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot nennt daher die Eheschließung mit einem Augenzwinkern den Triumph der Hoffnung über die Erfahrung.

 

Ist diese Hoffnung falsch? Sollten wir uns ganz nüchtern die 40-prozentige Scheidungsquote vor Augen halten und gar nicht erst heiraten? Sollten wir dann auch keine Unternehmen gründen, nur weil die meisten Neugründungen die ersten drei Jahre nicht überleben? Auf gar keinen Fall! Wir sollten nicht den Mut verlieren, und das ist dank einer optimistischen Einstellung kein großes Problem, denn sie schützt unser Gehirn wie eine Art Regenmantel. Sie behütet das irrational positive Denken, das sogenannte Irrational Positive Brain.40 Allzu negative Gedanken prallen daran ab, zum Selbstschutz. So kann man sich auf das Machbare, das Hoffnungsvolle und auf die Problemlösung konzentrieren.

 

Sobald wir eine Entscheidung getroffen haben, finden wir sie richtig

Letzteres ist das Spezialgebiet unseres Gehirns. »Blendet die Sonne, verlangt es nach einer Sonnenbrille, ist ein Weg versperrt, fahndet es nach einer Umleitung, ist es draußen zu heiß, fährt es die körpereigenen Kühlsysteme hoch. So erklärt sich, warum auf die Warnung vor dem Waldsterben statt des Waldsterbens der Klimaschutz folgte […] Das Hirn ist aber nicht nur intelligent, es ist auch pragmatisch: Sobald wir eine Entscheidung getroffen haben, finden wir sie richtig.«

Warum macht unser Gehirn das? Weil es evolutionär programmiert ist, die beste Lösung zu finden. Im deutschsprachigen Raum wird diese Programmierung immer von einem selbstkritischen Unterton begleitet, der zu immer besseren Leistungen anstachelt: »Da geht doch noch was!« Das leistungsorientierte Selbstverständnis des Wirtschaftsclubs der Optimisten entspricht dieser Logik: Das Leben könnte schön sein!

Aber jeder muss sich dafür einsetzen, dass es schön bleibt oder besser wird! Ob wir noch die Länder der Dichter sind, kann ich schwer beurteilen. Die Länder der ökonomischen Denker sind wir allemal. Das ist das Gen, das in vielen Unternehmensgründern steckt: »Sie sind quasi die Märtyrer des Optimismus. Obwohl sie wissen, dass gerade mal ein Drittel der Existenzgründungen die ersten drei Jahre überlebt, gründen Menschen immer wieder neue Unternehmen. Sie glauben einfach daran, zu diesem Drittel zu gehören.

Erfolgreiche Gründer zeigen: Jene, die sich auf diese Mühen einlassen, werden auf Dauer auch belohnt […] So führt der Optimismus einzelner am Ende zur Verbesserung ganzer Gesellschaften.« Und die Verbesserungen sind sichtbar. Sie sind keine rosarote Naivität, das Niveau der Zivilisation hat sich gehoben. Gesellschaftliche Toleranz wird verteidigt, Schulpflicht, Bildungschancen, Krankenversorgung sind im deutschsprachigen Raum Basics. Unsere demokratischen Umgangsformen und der Wohlstand weisen im Rückblick der Jahrhunderte in eine positive Richtung. Aber diesen Fortschritt gibt es nicht zum Nulltarif, er verlangt großes Engagement, wie beim nachhaltigen Ringen um den richtigen Weg.

»Optimismus strengt an und er gelingt nicht immer. Selbst den entschlossensten Optimisten verlässt manchmal der Mut. Gerade in Krisenzeiten sind Optimisten besonders gefordert […] Es zählt zu den Aufgaben des Optimismus, zu hohe Erwartungen zu dämpfen, Wege aus der Krise zu finden.«

 

Und das geschieht täglich. Optimismus kann schlummernde Ressourcen wecken, denn er lehrt, das Vorhandene wertzuschätzen und weiterzuentwickeln. »Auf diese Weise wirkt er effizient, nachhaltig und stabilisiert das mentale Ökosystem.« Erst wer Gutes denken kann, kann auch Gutes tun. Dieses »gute Denken« fällt Optimisten leichter, aber sie übertreiben es eben auch nicht. Daher fällt der kurzfristige Stolz nach einem Erfolg, schnell wieder in den Zweifel zurück: Hat sich wirklich alles so toll entwickelt? Ist da nicht doch noch Luft nach oben? Stimmt die Work-Life-Balance?

Tausend mögliche Fragen tun sich auf und der Kreislauf des Sekundären Optimismus kann erneut beginnen. Mit dem Ziel, es doch noch ein wenig besser zu machen. Allein dafür muss man Optimisten lieben.

Quelle: Studie des Clubs der Optimisten/Rheingold-Institut

Sekundärer Optimismus

Selbstkritische Zweifel

Engagement in Krisen

Sekundärer Optimismus wegen des Erfolgs

• Zweifeln

• Problemanalyse

• Sich fragen, ob die innovative Idee sinnvoll ist

• Anpassend in Krisen/Katastrophen

• Wir schaffen das, gerade weil es schwierig ist

• Resultiert aus Lob, Respekt und Neid anderer

• Produziert vorübergehend Stolz

Zurück in den Zweifel-Modus: Geht das nicht noch besser?

 

Besitzstandwahrung tut gut

Der Zweifel, ob das Optimum erreicht ist, führt demnach weder zu Furcht noch zu Erstarrung, sondern zu Denkanstrengungen, zu einem kritischen Hinterfragen, das dem Sekundären Optimismus vorgeschaltet ist: Lohnt sich der geplante Einsatz wirklich? Das ist ein Selbstschutzmechanismus, der uns vor Fehlentscheidungen bewahrt und davor, Energie in Projektideen zu verpulvern, die sich bei näherer Betrachtung nicht lohnen. Dieser Selbstschutzmechanismus ist wichtig, denn er behütet uns davor, den Optimismus zu idealisieren, denn der ist kein fester Charakterzug, dem alles zufällt. Er garantiert nicht automatisch Tatkraft und Erfolg, er ist keine feste Größe.

Eine permanente 24-Stunden-Optimismusstabilität gibt es leider nicht in unserer Psyche, denn sie ist auch Schwankungen in der Tagesform unterworfen, vor allem bei privaten Schicksalsschlägen. Das heißt auch, nur weil etwas beruflich sehr vielversprechend beginnt, muss es nicht gelingen. Dafür sind die gesellschaftlichen, persönlichen und wirtschaftlichen Einflüsse, denen wir ausgesetzt sind, zu vielfältig. Die Welt ändert sich ständig, ohne dass ein entscheidender individueller Einfluss durch uns möglich ist. Daraus kann im schlechtesten Fall ein Zukunftspessimismus wachsen, weil die globalen Entwicklungen uns überfordern.

 

Viele optimistische Menschen entkommen diesem Zukunftspessimismus durch eine Trick, indem sie sich auf das Nationale und Regionale konzentrieren, sie suchen Halt vor Ort und beim Gewohnten. Und dabei spielt der Gedanke an die Besitzstandswahrung eine wichtige stabilisierende Rolle. Besitzstandwahrung ist das Minimalziel, das sich die meisten Bürger in der Silvesternacht für das kommende Jahr setzen, denn am besten sollte alles noch besser werden, aber so lange man wenigstens seinen Lebensstandard halten kann, ist auch noch alles in Ordnung.

Solange das gelingt, bleibt die gute Stimmung – auch im Politischen – stabil. Ist der Besitzstand gesichert, fühlt man sich sicher. Diese Haltung ist typisch für den deutschsprachigen Raum. Das ist Heimat, da hat man alles im Griff. Gigantische Themen ängstigen dagegen: Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel et cetera. Sie sind zu groß, zu allumfassend, in ihren Konsequenzen unberechenbar. Die sich daraus ergebenden Krisen und Herausforderungen fördern eine kippelige Ausgangslage, die uns ins Wanken bringen kann.

Computertechnologie neu erlernen? Elektroautos kaufen oder lieber nicht?  Internationale Konferenzen rund um den Globus? In perfektem Englisch? Verhandlungen mit Indern, Chinesen, Südamerikanern? Per Skype oder Face-to-Face, auf halber Strecke in Dubai? Diese Herausforderungen können zu dramatisch empfundenen Momenten der Entscheidungsunklarheit führen. Ständig diese Frage: »Entscheidet man richtig oder falsch?« Diese konkurrierenden Handlungsimpulse werden von vielen in unseren Interviews als ein dramatischer Moment der Unentschiedenheit empfunden, so ein Ergebnis unserer Studie.

Bevor diese Herausforderungen gelöst oder ertragen werden, gibt es einen Zeitraum des Abwägens: Zwischen Hoffnungen, Chancen, Perspektiven und Befürchtungen, Grenzen und Problemen. Auch Optimisten wechseln in diesem Zeitraum aus Unsicherheit mehrfach zwischen den Perspektiven hin und her. Und erleben dies als eine große Phase der Anspannung – bis letztlich eine Handlungsentscheidung getroffen ist, der man folgt. Dieser Abwägungsprozess ist charakteristisch für den Sekundären Optimismus. Er ist das Vorspiel. Erst danach wird Gas gegeben, dann aber richtig!

Diese konkurrierenden Handlungsimpulse und die Vielfalt an Wahlmöglichkeiten nimmt überhand, mahnt David Bosshart, CEO des Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Wirtschaftsinstituts. Er empfiehlt, weniger wäre mehr. Seine neue Wohlstandsformel der westlichen Welt ist das so genannte Age of Less: ein Zeitalter des »Immer-weniger«, das gleichzeitig Raum für ein neues, robusteres Wachstum bietet. Auch weil es uns erlaubt, den Überblick zu behalten: Think global, act regional, live local.

Die Konzentration auf das Wesentliche schützt nach David Bosshart vor den Verwirrungen der Dissynchronisation – wieder so ein schönes Wort –, bei der alles Mögliche gleichzeitig auf uns einzustürzen scheint und uns schier erschlägt. Hilfreich ist das nicht – schon gar nicht für den Glauben an eine positive Zukunft. Die Formel »Überblick = Stabilität = Optimismus« wäre damit gefährdet. David Bosshart empfiehlt daher zum »Lessnesser« zu werden, also zum »Wenigbraucher« – und dabei immer auf der zutiefst optimistischen Suche nach dem Schlüssel für eine bessere Welt zu bleiben:

»Entgegen den abschottenden Zynismus der Eliten von oben und den abschottenden Populismen von unten, weiß die Glücksforschung, dass die richtige Haltung wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken kann […] Solche Menschen mögen ein dickes Bankkonto haben, doch sie sind weder von alten Statussymbolen noch von neuen (wie dem Hybridauto) zu locken. Es ist dem wertesuchenden Lessnesser daran gelegen, dass sich die Gesamtgesellschaft positiv verändert.«

Diese gesamtgesellschaftliche Verantwortung ist Optimisten wichtig, denn sie wissen, dass ihre persönliche optimistische Lebenseinstellung stabiler ist, wenn es auch der Gesamtgesellschaft immer besser geht, weil es mehr Arbeit, weniger Armut und weniger Krankheit gibt. Auch aus diesem egoistischen Grund engagieren sie sich dafür, dass es zukünftig immer besser wird.

Dieses positive Engagement muss nicht auf Anhieb klappen, und das macht Optimisten auch wenig aus. Denn sie haben Geduld und die Begabung, nicht unter Misserfolgen zu leiden. Fehlentwicklungen liegen – nach ihrem Selbstverständnis – ja hauptsächlich nicht an ihnen, sondern an Fehlentscheidungen ihrer Vorgänger, an falschen Strukturen oder anderen externen Einflüssen, die sie kaum zu verantworten haben.

Diese schuldverschiebende Einstellung muss nicht jedem gefallen, sie erlaubt aber dem Optimisten, sein Leben auf die etwas leichtere Schulter zu nehmen. Diese Einstellung mindert die Last des Lebens und ist schon deshalb unbedingt empfehlenswert. Misserfolge bleiben in dieser Logik nur kleine Baustein in einer Kette von zukünftigen Erfolgen.

 

Ein Hoch auf die positive Verzerrung

Warum das so ist, erklärt die Neurologie: Unser Gehirn hat sich grundsätzlich dazu entwickelt, immer zu viel Glück und zu viel Erfolg zu erwarten, weil genau diese Erwartungen Gesundheit und Karriere wahrscheinlicher machen. Positive Verzerrungen produzieren das  Gefühl, eine komplexe Aufgabe mit Erfolg bewältigen zu können. Kahneman betrachtet diese Verzerrungen daher als zwingende Voraussetzung, wenn man etwas Schwieriges in Angriff nehmen will, denn man hat den Mut, Neues auszuprobieren. Trial and error, Versuch und Irrtum. Fehlentscheider sind für ihn deswegen auch keine Versager, sondern Märtyrer des Optimismus.

Weil »sie glauben, für sie gelten die Statistiken nicht. In den USA sind nach einer Studie 81 Prozent der Unternehmensgründer überzeugt, ihre Aussichten seien gut; ein knappes Drittel glaubt sogar, das Risiko eines Scheiterns sei gleich null. Dabei überleben hier nur 35 Prozent der kleinen Firmen die ersten fünf Jahre. Dass so viele Gründungen scheitern, muss ja fürs Ganze nicht unbedingt schlecht sein. An ihnen können Sie lernen, welche Fehler Sie vermeiden sollten.« Ein schwacher Trost für die Gescheiterten, aber eine extrem wichtige Lernerfahrung für potenzielle Nachahmer und deren erfolgreiche Zukunft.

Die Stabilität unseres Optimismus hängt immer von persönlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen ab. Diese Trias kann jedem im Berufs- und Privatleben Rückenwind geben oder ihm die Stimmung verhageln: Die unerwartet hohe Steuernachzahlungsforderung; der Wirtschaftsboykott gegen Russland, der auch die eigene Firma einschränkt; die überraschende Scheidung; erste Burnout- Symptome – all das lässt Optimisten pessimistischer werden, ohne dass der Pessimismus die Oberhand gewinnen muss. Doch die Delle ist deutlich spürbar, auch wenn die negativen Konsequenzen schon nach kurzer Zeit abgeschüttelt werden können, dank der Fähigkeit zur Positivfokussierung, dieser wichtigen Eigenart des Sekundären Optimismus. »Das wird besser. Schauen wir mal, was das Leben noch Gutes zu bieten hat!«

 

Optimismus als versteckter Champion

Optimismus kommt im deutschsprachigen Raum nach unserer Studie dezent daher und wird als Hidden Champion verstanden. Wobei das Wort »Hidden« kein Zufall ist, denn die Bevölkerung will das eigene Land bewusst nicht zu attraktiv reden, man versucht es so vor den Begehrlichkeiten anderer Nationen zu schützen. Diese Schutzhaltung hat sich bei mir bis in die private Urlaubsplanung geschlichen. Wenn ich von Hamburgern gefragt werde, wie mein Nordsee-Urlaub auf der autofreien Insel Langeoog war, antworte ich: »War okay, aber nichts los, Wetter ging so.« Der normale Hamburger wendet sich jetzt gelangweilt ab und bucht seine nächste Reise wieder nach Sylt. Wunderbar, denn so bleibt mir die unberührte, fantastische Natur kilometerlanger einsamer Strände auf Langeoog, die im Hochsommer an die Karibik erinnern. Wirklich, an die Karibik! Als Hidden Champion würde ich sagen: Ich schütze diese unberührte Insel vor den Begehrlichkeiten eines Edel-Tourismus á la Sylt.

Viele Bürger in Deutschland, Österreich und der Schweiz wollen ihre Länder, in einer Zeit globaler Wanderungsbewegungen ebenfalls vor den Begehrlichkeiten anderer Nationen schützen. Sie wollen sich nicht abschotten, wie von manchem rechten Rattenfänger propagiert, aber sie wollen sich schützen. Die Frage ist also nicht, ob wir etwas schaffen, wie die Bewältigung der Flüchtlingsströme. Das darf gelassen bejaht werden. Die entscheidende Frage ist, ob wir das überhaupt schaffen wollen. Denn die Besitzstandswahrungslogik betrachtet Veränderungen mehrheitlich nur so lange positiv, wie die eigene rosige Zukunftsperspektive unberührt bleibt.

Eine wichtige Erkenntnis, gerade für die politischen Akteure in unseren Ländern. Es geht – so die Empfehlung unserer Studie – um das vernünftige Ausbalancieren zwischen Zweckoptimismus (»Wir schaffen das!«) und Zweckpessimismus (»Zu viele, zu schnell, zu fremd.«). Diese Suche nach dem richtigen Weg aus der Krise mag anstrengend sein, verhindert aber sowohl ein Überdrehen in blinden Optimismus als auch eine pessimistische Überdramatisierung der Lage. In unseren Interviews klingt es dazu so: »Die Leute sind eher pessimistisch. Das Mitgefühl ist verloren gegangen. Flüchtlinge werden mit Terroristen gleichgesetzt. Es fällt schwer, anderes zu sehen. Man kriegt wenig mit von den Leuten, die was tun. Die Frage ist, behalten die die Oberhand?«

 

Eine weitere Stimme fordert: »Man kann nicht nur sagen: ›Wir schaffen das‹. Man muss auch sagen, wer und wie.« Um dann hoffnungsvoll zu resümieren: »Deutschland hat immer viel rausgeholt aus Krisen, da gibt es immer Gewinner und Verlierer, und Deutschland profitiert oft davon.«

Kein Wunder also, wenn sich der Sekundäre Optimismus im deutschsprachigen Raum weder der eigenen Bevölkerung noch den internationalen Gästen auf Anhieb erschließt. Es liegt am skeptischen Abwägen, das unbedingt beibehalten werden sollte, weil das abwägende Nachdenken eine erstklassige Fehlervermeidung ist. Entsprechend werden in den Interviews nur behutsame gesellschaftliche Veränderungen begrüßt. Schnelle Veränderungen in Unternehmen, um sich neuen Marktgesetzen anzupassen, werden ebenso weniger geschätzt.

Turboveränderungen können verunsichern und bringen nicht nur den Optimismus ins Wanken, sondern der Ärger über sie kann sich zur Wut steigern. Vom Besitzstandwahrer zum Wutbürger ist es dann nur noch ein kurzer, emotionaler Schritt. Der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie, Martin Schulz, hat das erkannt: »Aus fehlendem Vertrauen wird Ungewissheit, aus Ungewissheit wird Angst und aus Angst wird immer häufiger Hass.« Der Mensch ist voller Temperament, und der Weg zur Instabilität und zur Wut ist kurz. Der Weg zurück ist es allerdings auch. Er wird gegangen, wenn sich Verbesserungen eingestellt haben, also wenn man zu einer optimistischen Risikoeinschätzung zurückgefunden hat und dadurch wieder zur Besinnung gekommen ist.

Zu dieser Besinnung ermutigte der Bundestagspräsident Lammert am Tag der deutschen Einheit 2016 in seiner Rede im Bundestag. Das Paradies auf Erden sei hier nicht, so Norbert Lammert, aber viele Menschen, die es verzweifelt suchen, vermuten es nirgendwo häufiger als hier bei uns. Wir dürften durchaus etwas mehr Selbstbewusstsein und Optimismus zeigen und uns eine kleine Dosis Zufriedenheit erlauben, wenn nicht sogar ein Glücksgefühl. Denn wir leben in Verhältnissen, um die uns fast die ganze Welt beneidet, so sein Resümee.

Optimisten stimmen ihm uneingeschränkt zu, ohne dabei aber Verbesserungswürdiges aus den Augen zu verlieren. Wer allerdings – auch gegen Widerstände – etwas verbessern will, kann eine ordentliche Portion Glauben an die eigene Überdurchschnittlichkeit gut gebrauchen.

 

 

 

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