Was ist Freizeit und was Job? Nicht-messbare Einsätze in der Freizeit: weder bezahlt noch auf Anweisung

Chef-Mails Sonntags nach dem „Tatort“ und Arbeitsattacken auf Mallorca

Was ist noch Freizeit? Was schon Arbeit? Wenn der Chef regelmäßig Freitagsabends um 22 Uhr noch E-Mails schickt – und Antworten erwartet. Oder mehr noch: Arbeitseinsätze, sofort oder Samstags. Von ähnlichen Arbeitsattacken im Urlaub mal ganz abgesehen. Ist doch selbstverständlich, nicht der Rede wert. Die Familie mault, der Angestellte macht die Faust in der Tasche. Will er dann die verlorenen Urlaubstage wieder gut geschrieben haben, kommen dummdreiste Antworten wie: „Warum?“ Oder man möge doch ml seine Arbeitshaltung überdenken – mit einer unverhohlenen Drohung im Subtext. Dunkeldeutschland? Nein, stinknormal.

 

Die Globalisierung hält auf Trab

Noch mehr gefällig? Die vielen E-Mails abends oder nachts, wenn die Kollegen auf der anderen Erdhalbkugel mit seiner Arbeit beginnt. Globalisierung sei dank.

Knapp  63 Prozent der Angestellten sind in ihrer Freizeit auch mit Arbeit beschäftigt. Von denjenigen Befragten, die auch Mitglieder des Berufenetzwerks Xing sind, tun das sogar knapp 88 Prozent.

Fast jeder zweite verbringt über zwei Stunden jede Woche mit Zusatzarbeit nach Dienstschluss, zeigt eine repäsentative Umfrage des Arbeitsforschungsinsituts IZA. Je nachdem, wer befragt wird, werden‘ s auch deutlich mehr – so wie die Nutzer des Berufenetzwerks Xing (gut 58 Prozent), also digitalaffinere Menschen. Befragt wurden 3.000 Arbeitnehmer sowie 6.000 Xing-Mitglieder.

Was dann so gearbeitet wird? Die E-Mails vom Dienstaccount abarbeiten, aber auch das Sichten und Lesen von Fachliteratur und Informationsmaterial. Erst kürzlich berichtete mir eine Juristin, wie sauer ihr Mann immer reagiert, wenn er sie beim Durchackern von Fachliteratur in der Freizeit erwischt. „Nur, wann soll ich es sonst schaffen?“, fragte mich die verzweifelte Dame.

 

Außerhalb der Dienstzeit, ohne Direktionsrecht = keine Arbeit

Das Absurdest an dieser Entwicklung dank der Digitalisierung skizziert IZA-Chef Hilmar Schneider: Derlei Tätigkeiten für den Job geschehen freiwillig und außerhalb der Dienstzeit und ohne Direktionsrecht – und ist damit auch keine Arbeit.

 

Fremdbestimmt – aber ohne Lohn

Klar wird dadurch jedenfalls eine bittere Erkenntnis: Messen lässt sich die Arbeit für die Company, die letztlich fremdbestimmt ist und vor allem unbezahlt, nicht mehr. Das Arbeitszeitgesetz, das dem Schutz der abhängig Beschäftigten gilt, wird als Spiesserveranstaltung weggewischt.

 

Bemerkenswert ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern. Arbeiten 67 Prozent der Männer in ihrer Freizeit, so tun das nur 50 Prozent der Frauen. Warum? Weil die Frauen überproportional belastet sind mit der Hausarbeit und für diese unbezahlten Überstunden gar keine Zeit haben.

 

 

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  1. sehr gute treffende beschreibung der problematik. es ist rechtlich als überstundenproblematik einzustufen. allerdings darf der arbeitgeber die arbeitszeit nicht dokumentiert (also im wesentlichen elektronisch) annehmen. ansonsten hat er mit dem „guten alten“ arbeitszeitgesetzt seine probleme

  2. Ich denke eins muss man differenzieren: Wenn Mitarbeiter selbstständig entscheiden, dass Sie arbeiten und motiviert sind muss es ohne Kritik bleiben – solange es nicht zu viel wird. Da sollten Verantwortliche regulieren.

    Gleichzeitig ist nicht jede berufliche angehauchte Aktivität eine Reduzierung der Lebensqualität. Wenn z.B. den Mitarbeitern Home Office ermöglicht wird, dann sparen manche bis zu 2 Stunden am Tag. Dann kann man auch mal 30 Minuten ein Magazin lesen.