Jedes zweite Emoji wird missverstanden – und sie infantilisieren. Schriften-Experte Florian Coulma über die beste Schrift der Welt.

Welche ist die beste Schrift der Welt?

Weltweit gibt es heute mehrere Hundert Schriften. Die Schrift ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften. Sie ist so prägend, dass wir uns eine Gesellschaft ohne Schrift gar nicht vorstellen können. Doch: Wie ist es zu dieser Vielfalt gekommen?

Worin unterscheiden sich Schriften? Und: Sind manche besser als andere? Um diese Fragen zu beantworten, kehren wir zu den ersten Schreibübungen der Menschheit zurück. Wie und weshalb haben sich die ursprünglichen Schriftsysteme verändert? Das führt zum Zusammenhang von Schrift und Sprache.

Die Maxime, die Kinder in der Schule lernen: „Schreib, wie du sprichst“, suggeriert die klare Richtung, erst Sprache, dann Schrift – die allerdings in die Irre führt. Die Schrift ist sowohl Abbild als auch Vorbild der Sprache – und gestaltet in oft überraschender Weise unsere Sicht auf die Welt wie auf uns selbst. Florian Coulmas, Professor für Japanische Gesellschaft und Soziolinguistik am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen sprach hierüber im Mercedes-Benz Museum in seinem Vortrag „Die beste Schrift der Welt“.

Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung hat sie in einem Gastbeitrag für den Management-Blog zusamen gefasst. 

Florian Coulmas, Professor für Japanische Gesellschaft und Soziolinguistik am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen (Foto: Daimler und Benz Stiftung)

 

Rund 800 Schriftsysteme sind weltweit in Gebrauch. Einige von ihnen umfassen mehrere Tausend Schriftzeichen, andere – wie unser mageres lateinisches Alphabet – oft nur wenige Dutzend Buchstaben. Manche Schriftsysteme zeichnen sich durch ihre leichte Erlernbarkeit im Vordergrund aus, andere, wie das arabische, betonen die schwungvoll-malerische Anordnung ihrer Zeichen. Manche werden von rechts nach links, andere in der genau entgegengesetzten Richtung geschrieben und gelesen, einige verlaufen von oben nach unten, manche bringen Sprachlaute zum Ausdruck, andere bleiben völlig abstrakt.

Doch wie ist diese ungeheure Vielfalt überhaupt entstanden? Worin unterscheiden sich die einzelnen Schriftsysteme? Was leisten einige vielleicht besser als andere?

Sämtliche heute vorkommenden Schriften lassen sich auf eine Handvoll  ursprüngliche Schriftsysteme zurückführen, die zwischen 3500 und 100 v. Chr. entstanden sind. „Die Schrift wurde vier oder fünfmal unabhängig voneinander erfunden. Alle anderen Formen sind nur Ableitungen aus dieser ursprünglichen Gruppe“, sagt Wissenschaftler Florian Coulmas. Wichtig sei es, zunächst den grundlegenden Unterschied zwischen Sprache und Schrift zu erkennen.

 

Das Kennzeichnende der Schrift: Die Dauerhaftigeit

Während Sprache flüchtig, intuitiv, oft unbewusst und natürlich sei, kennzeichne die Schrift ihre Dauerhaftigkeit, dass sie künstlich und eben nicht intuitiv erworben sei. „Jedes Kind lernt durch seine Eltern das Sprechen. Dies ist ein völlig natürlicher Vorgang. Schrift hingegen steht im Zusammenhang mit dem Denken und muss in einem – oft langwierigen – Prozess erlernt werden.“ Coulmas weiter: Die Schrift ist die wichtigste Erfindung, die dem Menschen je gelungen ist. Denn sie entbindet ihn von den Zwängen des „Hier und Jetzt“ und ermöglicht damit erst das Entstehen einer Zivilisation.

 

Das Macht-Instrument

Die Schrift als „Technologie des Geistes“ bleibe eng mit zwei anderen Erfindungen verknüpft: dem Kalender und den Zahlen. Die Erfassung des Sonnenjahres sei bereits vor rund 3500 Jahren in beeindruckender Exaktheit gelungen. Wer zählen und schreiben könne, wer den Kalender beherrsche und über den Zeitpunkt der Aussaat bestimme, der bestimme auch andere gesellschaftliche Abläufe, lautete Coulmas’ Einschätzung. „Wir sehen hier ein effektives Instrument der Macht, das ebenso festlegt, wann gearbeitet und wann gefeiert wird, wie, wann und zu wem gebetet wird.“

Unter den konkurrierenden Zahlensystemen habe sich das arabische gegen das weit verbreitete römische wie auch gegen das chinesische durchgesetzt. „Dass dies folgerichtig war, erkennen wir beispielsweise an einfachen Multiplikationsaufgaben, wie sie heute etwa in der 4. Klasse üblich sind. Da kommen die beiden letztgenannten bereits ganz erheblich ins Schleudern.“ Auch bei den Kalendern lasse sich ein „Verdrängungswettbewerb“ erkennen. Es habe hier zwar einige Jahrhunderte länger gedauert, aber letztlich habe der genaueste Kalender, der gregorianische, sich weltweit durchgesetzt.

 

Die vielen Kriterien für Schriften

Bei Schriften gebe es hingegen ganz unterschiedliche Qualitätsmerkmale: Etwa dass sie gut für das menschliche Auge zu erfassen oder leicht verständlich seien. Aber auch die ästhetische Wirkung und ihre kognitive Verarbeitung seien wichtige Kriterien. Daraus folge, dass eine Schrift hinsichtlich einiger dieser Kriterien sehr gut sein könne, hinsichtlich anderen aber gerade nicht.

 

Die ersten Schreiber: Buchhalter

„Zunächst müssen wir feststellen, dass keine Schrift erfunden wurde, um bestimmte sprachliche Inhalte festzuhalten – sondern die ersten Schreiber waren Buchhalter. Sie legten Listen an, notierten Schulden oder schrieben Rechnungen“, sagte Coulmas. Es lasse sich in nahezu allen Schriftsystemen jedoch ein Prinzip der Sparsamkeit erkennen. So reduzierte die altpersische Keilschrift innerhalb von 1500 Jahren die Zahl ihrer Wortzeichen von rund 1000 auf 50. Einen vergleichbaren Vereinfachungsprozess durchliefen die chinesischen Schriftzeichen bei ihrer Anpassung an das Japanische.

 

Kein Interesse am Vereinfachen – und selbst arbeitslos zu werden

Viel stärker als bei Zahlen sei bei Schriftsystemen aber eine Pfadabhängigkeit gegeben. „Sprachzeichen sind immer auch Symbole und stehen damit für eine bestimmte Weltanschauung, religiöse oder nationale Haltungen. Hinzu kommt, dass Schriftgelehrte in der Vergangenheit oft schlicht kein Interesse daran hatten, selbst zehn Jahre eine Schrift zu büffeln und diese dann am Ende so zu vereinfachen, dass sie von der Mehrheit der Bevölkerung gelesen werden konnte und sie arbeitslos wurden“, erläuterte Coulmas.

 

Hangul als beste Schrift der Welt

Lege man jedoch alle der oben genannten Kriterien an, so sei seiner Einschätzung nach „Hangul“ die beste Schrift der Welt. Doch selbst in Korea, wo diese Schrift 1443 entwickelt worden war, habe sie sich lange nicht durchsetzen können. Erst im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Japan habe sich Korea auf dieses Schriftsystem besonnen, dies aber mehr aus politischen und identitätsstiftenden Gründen denn aus rein rationaler Einsicht. „Hangul ist einfach, schön und elegant – und für alle Sprachen geeignet. Vielleicht lohnt sich auch für uns in Zukunft mal ein längerer Blick auf dieses ganz wunderbare Schriftsystem“, empfiehlt Coulmas.

 

Die Schrift kann die Intention des gesprochenen Worts nur unvollkommen wiedergeben

Wie Coulmas als internationaler Sprachwissenschaftler über das Erlernen von Schrift in der Schule denkt? „Die Empfehlung ‚Schreibe, wie du sprichst‘ ist schlichtweg grober Unfug. Sprache und Schrift sind unterschiedliche Medien, die sich wie ein dreidimensionaler Körper zu einer zweidimensionalen Landkarte verhalten. Ähnlich wie eine Landkarte die tatsächliche physische Gestalt nur unvollkommen abbildet, kann auch die Schrift die Intention des gesprochenen Wortes nicht vollumfänglich darstellen. Die wichtigsten Faktoren fürs erfolgreiche Schreiben-Lernen bei Kindern sind gut ausgestattete Schulen und ordentlich bezahlte Lehrer, deren Engagement auch persönlich anerkannt wird.“

 

Emojis tragen zur Infantilisierung der Gesellschaft bei

Oder: Ob durch den – mittlerweile gängigen – Einsatz von Emojis bei Textnachrichten nicht eine ganz neue Art von Schrift, überdies versehen mit einer besonderen Gefühlsebene entsteht? „Leider zeigen Untersuchungen“, so Coulmas, „dass bis zu 50 Prozent der Emojis von ihren Empfängern missverstanden werden, was leider keinen verheißungsvollen Start für ein aufstrebendes Schriftsystem bedeutet. Ich will es nicht zu negativ darstellen, aber der Beitrag von Emojis zur Infantilisierung der Gesellschaft muss anerkannt werden.“

 

Audio-Video-Podcast: www.youtube.com/watch?v=af70LBtRMDY

Zu Florian Coulmas: Er ist Senior-Professor für Japanische Gesellschaft und Soziolinguistik am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Er forschte und lehrte an verschiedenen Universitäten in Japan, USA und Deutschland und war von 2004 bis 2014 Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. 2016 wurde Coulmas mit dem Meyer-Struckmann-Preis ausgezeichnet. Er ist Mitherausgeber des International Journal of the Sociology of Language. Zu seinen wichtigsten Werken gehört die von ihm geschriebene Blackwell Encyclopedia of Writing Systems.

 

 

 

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