Die Start-up-Ära ist vorbei – Gastbeitrag von Internet-Ikone Willms Buhse

Das Ende der Start-up-Ära ist erreicht, glaubt Willms Buhse. Die Zeit, in der Jungunternehmen die digitale Entwicklung in der Gesellschaft vorangetrieben haben, ist vorbei ebenso wie die Goldgräberstimmung der Internetjahre mit ihren einfachen Lösungen den Mut hatten, neue Wege zu gehen.

Die Entwicklungen der nächsten Jahre kommen in Bereichen wie dem Internet of Things und der Robotik – diese Investments können etablierte Player besser stemmen. Die Gewinner können deutsche Unternehmen und gerade Mittelständler mit ihrer Historie als Innovationstreiber und Hidden Champions sein, prophezeit Willms Buhse, Gründer der d-cademy und Chef des Hamburger Beratungsunternehmens DoubleYUU. Seine Erfahrungen aus über 20 Jahren digitaler Transformation und vier Jahren Silicon Valley bringt er in die Führungsetagen von  Unternehmen wie Otto, IBM, Bosch und Microsoft – und er berät Bundeskanzlerin Angela Merkel. Buhse lehrte in Harvard, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie an mehreren deutschen Universitäten.

 

 

Willms Buhse (Foto: DoubleYUU)


Das Ende der Start-up-Ära

Wer zuletzt im Silicon Valley war oder Kontakte in die Region hat, weiß: Während in anderen Regionen der Welt die Start-ups und VCs nur so aus dem Boden zu schießen scheinen, hat das Valley die Götterdämmerung für Start-ups eingeläutet: Dort haben heute Big Player wie Amazon, Facebook und Google eine kaum noch zu brechende marktbeherrschende Stellung, die sie mit eiserner Hand verteidigen. Dort wird in erschlossenen Marktfeldern wie E-Commerce kaum mehr in Start-ups investiert. Das Silicon Valley als verlässliches Barometer für die Entwicklungen der globalen Wirtschaft zeigt an: Die Start-up-Ära ist vorbei, die nächste Generation marktdurchdringender Innovationen kommt von den Big Playern.

Start-ups sind wie Goldgräber

Das liegt nicht etwa an der fehlenden Innovationskraft junger Unternehmen. Noch immer träumen Horden von Ingenieurs- und BWL-Absolventen insgeheim davon, das nächste Facebook, Uber oder Airbnb zu entwickeln – oder zumindest das nächste SAP. Noch immer stecken Staat und Großunternehmen große Summen in die Gründung von Digitalunternehmen. Und noch immer sind Gründer davon überzeugt, nicht weniger als die Disruption eines ganzen Geschäftszweigs zu vollbringen. Die arthritischen Dinosaurier der Industrialisierung werden von kleinen, flinken Start-ups verschlungen, richtig?

Nein, zumindest nicht mehr. 1997 bis 2006, als Amazon, Facebook, Google, Salesforce und Co. groß wurden, brauchten sie weder große Mengen an Geld, noch eine große Entwicklungsabteilung oder stabile Partnerschaften. Es bedurfte nur einer Gruppe junger Männer in Garagen oder Studentenwohnheimen, die schlicht als Erste mit einer Idee mutig in ein neues Feld gingen: Internet-Technologie.

Dasselbe galt für die Zeit zwischen 2007 und 2016, die Smartphone-Generation aus Uber, Snap, Whatsapp, Instagram und Co. Diese Gründer profitierten von einer Goldgräberstimmung im Netz, durch die jeder, der nur als erster an einer Goldader aka einer cleveren Technologie schürfte, damit reich werden konnte. Die Spielregeln der traditionellen Wirtschaft waren hier so viel wert wie die des alten Englands zu Zeiten der amerikanischen Siedler.

Startups als bessere Bewerbungsmappe für Großkonzerne

Inzwischen ist das Web aber kein wilder Westen mehr und im Bereich der Smartphone-Anwendungen lässt sich auch kaum noch Grund und Boden abstecken. Digitale Technologien haben den Reifegrad der Marktkonsolidierung erreicht. In neue E-Commerce-Lösungen beispielsweise wird im Silicon Valley überhaupt nicht mehr investiert.

Zwar stecken wir noch immer mitten in der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und werden es auch noch eine Weile tun. Aber die nächste Generation der technologischen Innovationen kommt für Künstliche Intelligenz, Drohnen, Augmented und Virtual Reality, selbstfahrende Autos oder das Internet of Things. Deutlich komplexere Lösungen, teurer in der Produktentwicklung und dabei auf eine leistungsfähige Organisationsstruktur angewiesen.

Die Treiber dieser neuen Ära sind Unternehmen mit Kapital und der Fähigkeit schnell zu skalieren. Start-ups werden in dieser Phase zur besseren Bewerbungsmappe für Big Player. Wer sich abhebt und einen guten Prototypen entwickelt, wird von eben diesen aufgekauft. Traditionsunternehmen und Konzerne hingegen haben eine Chance in dieser Runde die Gewinner zu sein. Oder auch sang- und klanglos unterzugehen.

Deutsche Konzerne im Innovationsrennen

Zunächst glaube ich, dass die deutschen Traditionsunternehmen über die drei Grundlagen der nächsten Phase verfügen: Diese Unternehmen haben Entwickler- und Ingenieurs-Know-how, die Rücklagen für neue Entwicklungen und die vernetzten Strukturen, international zu skalieren.

Aber das genügt noch nicht. Wer am Ende obenauf ist, und wer nicht, hängt vor allem davon ab, wie schnell die Führungsetagen in diesen Unternehmen die richtigen Entscheidungen treffen. Denn auch wenn deutsche Großunternehmer Entwicklungsgelder bereithalten, reichen die nur für die Erprobung einiger weniger Innovationen. Da muss jeder größere Schuss sitzen.

Die Führungskräfte sind gefordert: Vernetzung, Offenheit, Partizipation

Und das erfordert von Führungskräften mehr und bewusstere Vernetzung, Offenheit, Partizipation und Agilität. Die richtigen Partnerschaften einzugehen, besonders zu den großen Playern. Einen Informationsfluss zu etablieren, der intern bestmöglich Innovation unterstützt und im Netzwerk zu gemeinsamer Wertschöpfung beiträgt. Jeden Mitarbeiter zu eigenständigem, kreativem und mutigem Arbeiten zu befähigen, sodass immer neue Impulse für die Unternehmensentwicklung entstehen.

Und zuoberst: In kleinen Schritten zu entwickeln, mit vielen Schulterblicken. Nur dann erkennt ein Manager, wann sich ein Investment nicht lohnt, und kann es rechtzeitig korrigieren oder beenden. Nur dann reicht sein Entwicklungsbudget dafür, Teil dieser neuen Ära zu werden.

Links zu vorherigen Gastbeiträgen im Management-Blog von Willms Buhse:

Gastbeitrag Willms Buhse: Das Mittelmanagement wird im digitalen Zeitalter bei Neuentwicklungen unnötig

Gastbeitrag Willms Buhse über digitale Transformation: Branchenkenner helfen nicht weiter

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