Buchauszug Frank Behrendt: „Die Winnetou-Strategie – Werde zum Häuptling Deines Lebens“

Buchauszug Frank Behrendt: „Die Winnetou-Strategie“

Frank Behrendt ist leidenschaftlicher Winnetou-Fan und hat von dem Apachen-Häuptling aus Karl Mays Büchern viel gelernt: Haltung, Klugheit und Weisheit, selbstbestimmt und selbst-entschieden zu leben, tatsächlich Häuptling des eigenen Lebens zu sein.

 

Frank Behrendt, Buchautor und Chef von Serviceplan Public Relations

 

Hör den weisen Ratgebern zu

Wer gute Entscheidungen treffen will, braucht kluge Mentoren an seiner Seite – das haben schon die alten Indianerhäuptlinge gewusst. Aber was macht einen guten Ratgeber aus? Er braucht Lebenserfahrung und Gelassenheit, damit er auch in den verzwicktesten Situationen Licht ins Dunkel bringen kann. Genauso wichtig ist aber auch ein weiteres Merkmal: Er muss uneigennützig sein.

 

Als ich mit 12 Jahren beim TSV Otterndorf auf dem Hadelner Kanal mit dem Rudern begann, kam ich noch nicht in den Genuss unseres späteren Top-Trainers. Anfänger wie ich wurden erst einmal von den älteren Ruderern angeleitet. Sie gaben ihre Erfahrungen bereitwillig an mich weiter und ich lernte eine Menge von ihnen. Irgendwann war ich bereit für meine erste Regatta. An diesem Tag startete ich gleich dreimal: im Slalom, wo ich im Einer in möglichst kurzer Zeit einen kleinen Parcours fahren musste, dann im Zweier mit Schlagmann, und zum Schluss noch einmal die 500 Meter im Einer. Im Slalom stellte ich mich nicht übel an und gewann mit einer ordentlichen Portion Glück, denn meine beiden stärksten Gegner kenterten an der Tonne und mussten klatschnass von einem Motorboot an Land gebracht werden. Meine erste Goldmedaille!

 

Der Jubel war groß. Als ich dann auch noch zusammen mit dem Schlagmann, der ebenfalls Frank hieß und der den von unseren erfahrenen Trainern erstellten Rennplan penibel einhielt, im Doppelzweier siegte, schwebte ich auf Wolke 7. Es schien, als könne mich nichts mehr bremsen. Zum Abschluss standen die 500 Meter im Einer an. Auf meinem Höhenflug glaubte ich, das Triple an Goldmedaillen schon in der Tasche zu haben. Wahnsinn! Bei meiner ersten Regatta!

 

Die alten Kämpen nahmen mich vor dem Rennen ins Gebet, ermahnten mich, bloß nicht zu schnell anzufahren. Denn das hatten sie mit unbestechlichem Auge längst gesehen: Ich war kein Sprinter, eher einer, der in der zweiten Rennhälfte seine Körpergröße mit langen Zügen ausspielen und so allen davonfahren konnte. Ich sagte »Jaja« und dachte insgeheim, dass ich selbst am besten wüsste, wie man gewinnt; schließlich hatte ich ja schon zwei goldene Medaillen am gelb-blauen Band eingesackt.

 

Ich machte also mein Ding und fuhr wie ein Verrückter los; die an der Strecke fuchtelnden Trainer übersah ich souverän. Nach den ersten 150 Metern hatte ich einen guten Vorsprung herausgeholt, dann ging mir die Luft aus. Meine Arme wurden bleischwer, mit zusammengebissenen Zähnen versuchte ich, weiter eisern durchzuziehen und verkrampfte nur noch mehr. Bei 350 Metern zogen die anderen lässig vorbei und ich schleppte mich als Letzter ins Ziel. Blamage auf ganzer Linie.

 

Nicht auf Erfahrung gehört und die Rechnung bekommen

»Frank, hast du uns nicht zugehört?«, musste ich mir im Anschluss anhören. Ich schaute zu Boden. Ich wusste ganz genau, dass die Niederlage ganz allein auf meine Rechnung ging. »Auf Erfahrung nicht gehört und dafür die Quittung bekommen«, bemerkte Thorsten, ein alter Recke, der schon Dutzende Rennen bestritten hatte.

Dann klopfte er mir auf den Rücken und meinte: »Aber du wirst daraus lernen.« Stimmt. Seit jenem Tag weiß ich, dass das Sprinten am Ende eines Rennens kommt – und dass du, wenn du es besser als die alten Hasen zu wissen meinst, schnell ins Hintertreffen gerätst.

 

Mit dem Kopf durch die Wand 

In jungen Jahren fällt es besonders schwer, Ratschläge Älterer anzunehmen – das geht allen Generationen so. Vor allem diejenigen, die ein paar Revoluzzer-Gene mehr als andere abbekommen haben, wollen sich nichts sagen lassen. Wenn dann Eltern, Lehrer oder Trainer Recht behalten, ist das die Höchststrafe. Aber das Sich-Ausprobieren gehört zum Erwachsenwerden dazu. Kinder und Jugendliche müssen da durch, und Eltern müssen es aushalten, dass der Nachwuchs mal auf die Nase fliegt. Es wäre ja auch völlig gegen die Natur, wenn Kinder nie etwas auf eigene Faust ausprobieren würden und wie eine Marionette immer nur das täten, was die Großen ihnen sagen.

 

Es zählt das Bauchgefühl, wann der eigene Weg besser ist

Blöd wird es nur, wenn aus Kindern Erwachsene werden, die immer noch nicht zugeben können, dass sie nicht alles wissen. Denn wie immer im Leben geht es darum, eine gute Balance zu finden. In diesem Fall heißt das: ein Bauchgefühl dafür zu entwickeln, wann es besser ist, den eigenen Weg zu gehen, und wann es angesagt ist, einfach mal auf die Erfahreneren zu hören. Ich weiß, es gibt hundert Bücher, die Mut machen, auch mal die eigene Variante durchzuziehen. Allerdings hat meiner Erfahrung nach die Mehrzahl der Menschen kein Problem damit, auf Durchzug zu schalten und nach den eigenen Vorstellungen loszulaufen. Lieber kümmere ich mich in diesem Kapitel um die kniffligere Variante: auch mal auf andere hören. »Jung, nimm Lehre an!«, hat mein Schwiegervater immer in typisch kölscher Diktion gesagt – für alle Nicht-Kölner kommt hier die Übersetzung: »Junge, lass dir auch mal was sagen!«

 

Wie gesagt: Manche können das, die meisten tun sich schwer damit. Zum Beispiel ein Freund, der mit mir Tag für Tag denselben Schulweg nach Cuxhaven gefahren ist. Er sollte nach seinem Abschluss den elterlichen Betrieb übernehmen, doch der Junior hatte keinen Bock darauf. Lieber wollte er seine eigene Firma hochziehen. Sein Vater war sehr fair, er suchte sich jemand anderen für die Leitung des Familienunternehmens und unterstützte seinen Sohn mit einer Anschubfinanzierung.

 

Er sparte allerdings auch nicht mit guten Ratschlägen: »Ich glaube nicht, dass du in dem Markt, den du dir ausgesucht hast, überstehen kannst«, sagte er seinem Filius. »Es gibt zu viel Konkurrenz, als Newcomer wirst du an die heutigen Marktführer nicht herankommen.« Doch der junge Mann wusste es besser. Er gründete den Laden – und nach zwei Jahren war die Party vorbei. Er hatte sein ganzes Geld verbrannt und musste wieder zu Hause andackeln. Dem Vater lag jede Häme fern, er machte seinem Sohn auch keine Vorwürfe. Mir schien das damals eine sehr komfortable Situation für meinen Freund zu sein, andere müssen unschön zu Kreuze kriechen, wenn sie ihre Wunden leckend in den Schoß der Familie zurückkehren.

 

Doch für meinen Freund war es immer noch hart genug. Anfangs erzählte er noch tausend Geschichten, was er für Pech gehabt und an welchen unvorhersehbaren Umständen es gelegen hätte, dass sein Unternehmen am Ende chancenlos gewesen war. Als ich ihn Jahre später auf einem Klassentreffen wiedersah, erzählte er mir, dass er dann doch in die Firma des Vaters eingestiegen war. Er gab dem Unternehmen einen neuen Spin und baute sogar einen zweiten Standort aus. So hat er sich seinen Traum, etwas Eigenes zu machen, doch noch erfüllt.

 

Ein Rat fürs Leben

Mein Vater und seine beiden Brüder haben sich diesen Umweg erspart. Wenn ich an meinen Großvater Fritz Behrendt denke, Jahrgang 1900, dann sehe ich einen weisen alten Häuptling vor mir, wie er in seinem hohen Sessel sitzt und »Die Glocke« von Schiller rezitiert – alle 19 Strophen! Er war das, was es heute nur noch selten gibt: ein Patriarch, ein geborener Anführer und ein Fels in der Brandung. Seine Klugheit und seine Geradlinigkeit hatten ihn nicht nur in steiler Karriere vom Schulleiter bis hoch ins niedersächsische Kultusministerium gebracht, sondern machten ihn auch zu einem unbestechlichen Ratgeber.

 

Auf den Vater hören

Natürlich rieben sich die drei Brüder ständig mit ihrem alten Herrn, denn der hatte sehr klare Vorstellungen vom Leben. Unter anderem auch davon, was seine Söhne einmal werden sollten. Die drei jungen Behrendts hatten jedoch eigene Pläne. Einer meiner späteren Onkel wollte Schauspieler werden – in der damaligen Zeit nicht ganz zu Unrecht der Inbegriff der brotlosen Kunst. »Eine Karriere als Luftikus finanziere ich nicht«, entschied Großvater Fritz dann auch und drehte seinem Sohn kurzerhand den Geldhahn zu. Auch bei der Berufswahl seiner beiden anderen Söhne redete er ein Wörtchen mit. Sie hörten auf ihren Vater, und aus allen drei Brüdern wurde »etwas Anständiges«.

 

Ein trauriges Beispiel dafür, wie man den Willen und die Kreativität seiner Kinder bricht? Nein, denn meinem Großvater ging es nicht darum, eigene Wünsche und Vorstellungen seinen Kindern aufzupfropfen. Er kannte seine Jungs gut genug, um genau zu erkennen, wo ihre Stärken und Schwächen lagen, und beriet sie klug. Er wusste genau, dass sein Sohn nicht nur die Schauspielerei mochte, sondern auch ein gutes Leben. Heute kann man eher mal was riskieren, so lange man keine Verantwortung für eine Familie trägt, in der Nachkriegszeit aber gab es kein nennenswertes soziales Netz für Künstler. Also schlug mein Großvater vor, dass sein Sohn in die Wirtschaft gehen sollte – das war in der Lehrerfamilie Bruch mit der Tradition genug.

 

Wenn die Ratschläge des alten Häuptlings ein Gefallen sind

Später, als alle drei Brüder ihren Platz im Leben gefunden und mehr Erfahrung gesammelt hatten, konnten sie ihre damalige Situation besser einschätzen. Einhellig kamen sie zum Schluss, dass der alte Häuptling ihnen mit seinen Ratschlägen einen großen Gefallen getan hatte. Sie waren heilfroh, auf Ihre Passion haben sie trotzdem ausgelebt. Mein Vater, der eigentlich Architekt und nicht Lehrer werden wollte, baute sich später sein Traumhaus: das Blaue Haus, die »Bärenhöhle«, ohne einen einzigen rechten Winkel – Otterndorfer Handwerker verdrehen heute noch die Augen. Sein Bruder Hans, der verhinderte Schauspieler, wurde ein großartiger Vertriebsmann, der bei jeder Tagung mit seiner Präsenz auf der Bühne alle Kunden von den Stühlen riss und ein Leben ganz nach seinem Geschmack genoss.ihn gehört zu haben.

 

Der klare Blick der alten Füchse

Heute gibt es in Familie und Berufswelt in der Regel wenig Zwang und viel wohlwollende Unterstützung. Umso wichtiger ist die Fähigkeit, auch mal aus freiem Willen auf andere zu hören. Das gilt für die Chefs, die wie die alten Indianerhäuptlinge niemals eine weitreichende Entscheidung treffen würden, ohne zuvor die Meinung von alten und weisen Stammesmitgliedern, tapferen Kriegern und angesehenen Frauen einzuholen.

 

Die Fähigkeit, die Ratschläge anderer anzunehmen

Das mit dem Zuhören gilt aber auch für den Nachwuchs, der sich erst noch bewähren muss. Die Jungen sollten jede Gelegenheit nutzen, von den Erfahrenen zu lernen, nur so werden sie einmal zum Überleben ihres Stammes beitragen und zu geehrten Stammesangehörigen werden. Das hat nichts mit Wild-West-Romantik zu tun – ich verdanke es zu einem großen Teil der Fähigkeit, die Ratschläge anderer annehmen zu können, dass mein Berufsleben (bis jetzt) doch recht erfolgreich verlaufen ist.

 

Der Mann mit dem Vornamen Direktor

Zu meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München gehörten auch Praktika, eines davon absolvierte ich in der Presseabteilung des Flugzeugbauers Dornier in Oberpfaffenhofen. Mein Chef hieß mit Nachnamen Patt, Vorname: Direktor. Direktor Patt war ein imposanter Bayer, ein Klasse-Typ und lebensfroher Pfundskerl; wenn er dir mit seiner Pranke auf die Schulter haute, gingst du in die Knie. Und gleichzeitig strahlte dieses Urgestein selbst in den bewegtesten Zeiten eine unglaubliche Ruhe aus. Er stand kurz vor der Rente und ich junger PR-Krieger hatte das Glück, ihn in seinem letzten beruflichen Sommer erleben zu dürfen. Ein Gespräch mit ihm war wertvoller als jedes Journalismus-Seminar.

Oft nahm er mich mit in die Kantine und gab mir bei Leberkäs und Brez‘n die Erkenntnisse seines Berufslebens mit auf den Weg. Und damit meine ich nicht nur das normale beruflich-fachliche Sparring, sondern wirkliche Ratschläge. Jede einzelne seiner Weisheiten habe ich verinnerlicht, eine davon leider erst mit zehn Jahren Verspätung.

»Seien Sie immer professionell, junger Mann«, hatte er mir gesagt, »und liefern Sie immer perfekte Arbeit ab.« Und dann hatte er mir zugezwinkert: »Aber machen Sie nie den Fehler, Ihre Arbeit als zu bedeutend anzusehen. Das ist sie nämlich nicht. Gehen Sie in den Biergarten, haben Sie abends Spaß und denken Sie bloß nicht ans Büro.«

 

Je mehr Du Dich in Deiner Arbeit verlierst, umso mehr verlierst Du Überblick und Gelassenheit

Der erste Teil leuchtete mir gleich ein, bis heute ist Professionalität meine persönliche Leitlinie. Der Sache mit dem »seine Arbeit nicht zu wichtig nehmen« konnte ich aber nicht viel abgewinnen. Denn wie die meisten anderen jungen Kerle dachte ich damals, dass man nur mit Ranklotzen Karriere machen kann. Darüber ist dann meine erste Ehe kaputtgegangen. Erst nach diesem Schock ging auch diese Saat von Direktor Patt in mir auf. Endlich checkte ich, dass der Sinn des Lebens nicht darin bestehen kann, pausenlos zu ackern. Ganz im Gegenteil: Je mehr du dich in deiner Arbeit verlierst, desto mehr verlierst du auch den Überblick und die Gelassenheit. Damit geht nicht nur dein Privatleben in den Keller, auch im Beruf steigst du eher zu den Wühlmäusen ab, statt dein Unternehmen mit wertvollen Ideen voranzubringen.

 

Mein erstes Buch, »Liebe dein Leben und nicht deinen Job«, hat also seinen Ursprung in der Werkskantine von Dornier. Auch von anderen erfahrenen Häuptlingen habe ich viel gelernt. Manfred, der Leiter des Werksarchivs bei Henkel, war mir ein väterlicher Freund und half mir als Novizen, die komplizierten Zusammenhänge in großen Firmen besser zu verstehen und viele unternehmenspolitische Fehler zu vermeiden. Wolf Gramatke, der legendäre Präsident des Medienkonzerns PolyGram, war ein Meister des Networkings und zeigte mir, wie man mit echten und Möchtegern-Stars umgeht. Klaus Wendler, das grandiose Finanzgenie der Werbe- und Marketingagentur BBDO lehrte mich, wie ein Plan aussehen muss, der in Amerika jeden happy macht. Und Martin Heel, den ich bei meinen Talk-Shows im Altersheim traf (für alle, die mein erstes Buch gelesen haben: Das ist der mit dem Bügeleisen), erinnerte mich daran, was Liebe wirklich bedeutet.

 

Nur einem alten Häuptling bin ich nicht gefolgt, sein Name tut hier nichts zur Sache. Als er mir nach der Jahrtausendwende sagte: »Das Internet wird überschätzt«, streichelte ich nur kurz über den Blackberry in meiner Hosentasche und kündigte bei nächster Gelegenheit.

 

 

Frank Behrendt: „Die Winnetou-Strategie“ – Güterloher Verlagshaus, 224 Seiten, 17,99 Euro  https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Winnetou-Strategie/Frank-Behrendt/Guetersloher-Verlagshaus/e522800.rhd

 

 

Der Mix macht‘s

»Nach einigem Suchen sah ich ihn. Er saß mit vier Indianern beisammen, von denen allerdings keiner das Abzeichen der Häuptlingswürde trug. Das war aber nicht nötig, denn nach den Gebräuchen der Roten musste der älteste dieser vier der Anführer sein.« Wenn Karl May beschreibt, wie Old Shatterhand sich an den Ober-Bösewicht Santer und einige feindliche Indianer anschleicht und dabei Ausschau nach dem Wortführer der Kiowas hält, ist für ihn ganz klar: Die weisen Ratgeber sind die Ältesten, denn sie haben das meiste Wissen angesammelt.

 

Wissen erzeugt Gelassenheit

Natürlich gibt es heute genauso wie zu Karl Mays Zeiten 60-Jährige, die ihr Leben lang nichts dazugelernt haben. Und es gibt 25-Jährige, die dank ihrer unbändigen Neugier in Lichtgeschwindigkeit Erfahrungen sammeln konnten. Sie sind aber die Ausnahmen von der Regel. An dem prinzipiellen Zusammenhang zwischen Lebensdauer und Lebenserfahrung haben auch die drei, vier digitalen Revolutionen der letzten Jahrzehnte nicht viel geändert. Auf dem Feld der Lebenserfahrung stecken die Älteren die Jüngeren immer noch in die Tasche. Und genau das macht sie zu weisen Ratgebern. Denn Wissen erzeugt Gelassenheit.

 

Alte Kämpen gehen besser mit Konflikten um

Wie oft habe ich in Krisensituationen von den Senioren gehört: »Da musst du dich nicht aufregen, so etwas hab ich schon ein Dutzend Mal erlebt.« Und schon war die Herzfrequenz wieder auf Normalniveau und Raum zum Nachdenken da – und damit auch ein Ausweg in Reichweite. Denn Probleme werden dann gelöst, wenn auf Katastrophenmeldungen nicht im Panikmodus reagiert wird. Die alten Kämpen gehen auch besser mit Konflikten um als die Jungen. Ich habe schon oft erlebt, dass es die älteren Teammitglieder sind, die Warnsignale für entstehende Streitigkeiten früher erkennen und Querschüsse sicherer einordnen.

 

Ältere Mitarbeiter sind aufmerksamer gegenüber ihren Kollegen

Ältere Mitarbeiter sind auch aufmerksamer ihren Kollegen gegenüber, merken schneller, wenn etwas im Busch ist. Das liegt nicht nur an ihrer Lebenserfahrung. Ich weiß, es ist ein Klischee, dass die Jüngeren sich zu oft von ihren Smartphone-Bildschirmen ablenken lassen. Aber es stimmt einfach.

Dass die älteren Semester es besser drauf haben, ist wissenschaftlich belegt. An der University von Michigan interviewte ein Psychologen-Team unter der Leitung von Igor Grossmann 247 Versuchspersonen unterschiedlichen Alters.4 Die Aufgabe der Probanden war, zum Inhalt fiktiver Zeitungsartikel Stellung zu beziehen und abzuschätzen, wie sich die beschriebenen Konflikte weiter entwickeln. In den Artikeln ging es um komplexe gesellschaftliche Fragestellungen, zum Beispiel, wie weit sich Migranten an die Gepflogenheiten in ihrem neuen Heimatland anpassen müssen. Aber auch Familien- und Beziehungsthemen lagen auf dem Tisch.

 

Der klarere Blick der Älteren

Die Rentenfraktion der Probanden (65 Jahre plus) zeichnete sich gegenüber den Jüngeren (unter 45 Jahren) in drei Punkten aus.

Erstens: Sie versetzten sich in die Lage aller am Konflikt beteiligten Parteien, die jüngeren Probanden dagegen konnten ihre eigene Perspektive kaum verlassen.

Zweitens: Sie suchten verstärkt nach Kompromissen.

Und drittens: Sie erkannten häufiger, dass sie über zu wenig Information verfügten, um zu einem abschließenden Urteil kommen zu können.

Mit anderen Worten: Ihre Lebenserfahrung ermöglichte den Älteren einen klareren Blick auf Problemstellungen und eine ausgewogenere Einschätzung von Konflikten. Genau das macht sie zu perfekten Ratgebern. Es gibt also einen guten Grund dafür, warum Yoda, Gandalf und Co. ältere Herrschaften sind.

Mein Loblied auf die klugen Alten könnte den Eindruck erwecken, dass hier ein Dinosaurier all den anderen Dinosauriern sagt, wie toll sie sind, während längst die kleinen, wendigen Säugetiere die Herrschaft über die Welt übernommen haben. Ich will auf etwas anderes hinaus: Ohne die Old-School-Boys und -Girls geht es nicht. Aber die Geronto-Fraktion allein ist auch keine Lösung. Denn auch das hat der Versuch von Igor Grossmann gezeigt: Mit zunehmendem Alter rostet die geistige Beweglichkeit ein. Man kann sich nicht mehr so viel merken und hat auch nicht viel Lust darauf, sich in neue Themen einzuarbeiten. Es ist so wie seit Jahrtausenden:

 

Erfahrung und Gelassenheit treffen auf Einsatzfreude und Flexibilität

Der Erfolg der Mannschaft liegt im Mix von Jung und Alt. Die Alten bringen ihre Gelassenheit und strategischen Fähigkeiten ins Spiel, die Jungen sorgen für frischen Wind und dafür, dass die Bude nicht verknöchert. Erfahrung und Gelassenheit treffen auf Einsatzfreude und Flexibilität. Dieses Modell funktioniert in der Familie genauso wie im Beruf – und auch auf dem Fußballplatz: Der Rechtsaußen mit ein paar Dutzend Länderspielen auf dem Buckel umdribbelt lässig die Verteidigung und schießt die perfekte Flanke auf den gerade von der Schulbank kommenden, wieselflinken Neuzugang – Tor!

 

Ganz fern und doch so nah

Alter und Lebenserfahrung können einen Menschen zu einem guten Ratgeber machen. Es gibt aber noch ein weiteres wichtiges Kriterium: In welcher Beziehung stehen du und dein Mentor? Man könnte meinen: Je näher ihr euch seid, desto besser – so wie bei Großvater Behrendt und seinen Söhnen. Meistens ist es aber genau anders herum.

 

Wen Sachfremde die richtigen Fragen stellen

In großen Unternehmen, zunehmend aber auch in mittelständischen Betrieben, gibt es Beiräte. Sie haben die Aufgabe, die Geschäftsführung bei strategischen Entscheidungen und wichtigen Personalentscheidungen zu unterstützen. Was auffällt: Viele dieser Beiräte sind gar nicht aus der Branche, sie haben keine Ahnung von der Materie. Und genau das erweist sich als besonders wertvoll. Weil sie fachfremd sind, stellen sie Fragen, die ein Insider niemals stellen würde. So bringen sie ganz neue Impulse ins Spiel. Diesem Muster folgen zum Beispiel auch die Think Tanks. Hier treffen interessante Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft, Kunst und sozialen Bereichen aufeinander und erörtern gemeinsam komplexe Fragestellungen.

 

Mentoren ohne Interessenskonflikte

Gut, dass viele Beiräte keine Ahnung von der Materie haben. Diese Beispiele zeigen, dass du die wertvollsten Impulse von Außenstehenden bekommst. Ein weiterer Vorteil von Mentoren, die mit deinem Business nichts zu tun haben: Sie stehen nicht in einem Interessenskonflikt – weder bewusst noch unbewusst. Zum Beispiel macht es nicht viel Sinn, bei Beziehungsproblemen im gemeinsamen Freundeskreis oder in der Familie um Rat zu fragen. Da hat jeder seine ganz persönlichen Motive, die den Wert seiner Meinung nur einschränken. Vielleicht fürchtet ja deine Schwester, dass du ein paar Wochen bei ihr wohnen wirst, wenn du dich von deiner Freundin trennst und aus der gemeinsamen Wohnung ausziehst. Oder dein Cousin hat einen Groll gegen dich und freut sich klammheimlich, wenn dein Privatleben in die Brüche geht.

 

Außenstehende mit dem entscheidenden Dreh

Wenn du vor wirklich wichtigen Lebensentscheidungen stehst, kann ein Außenstehender den entscheidenden Dreh bringen. Er muss nicht politisch korrekt sein wie diejenigen, die Tag für Tag mit dir zusammen sind. Er spricht die Wahrheit und beschönigt nichts. Genau an den Stellen, an denen du dir und deinen Freunden etwas vormachst, hakt er nach. Nur eine einzige Sache muss euch verbinden: Vertrauen. Dann schafft ihr es gemeinsam, die richtigen Fragen zu stellen: Wo will ich hin? Was treibt mich an? Was will ich wirklich?

Ein Mitarbeiter hatte sich bei uns in der Agentur beworben und wurde eingestellt. Ein spannender Typ, dessen Leidenschaft das Reenactment mittelalterlicher Szenen war. Fast an jedem Wochenende tourte er mit Gleichgesinnten in selbstgewebter Kleidung durch die Gegend. Witzige Sache, doch seine Neigungen hatten mit dem Tagesgeschäft in unserem Job nicht viel zu tun. Es stellte sich heraus, dass er nicht in unsere Agentur passte: Das Team war nicht begeistert von ihm, und beim Mittagessen saß der junge Mann als Trauerkloß stumm am Tisch. Als seine Teamchefin ihm klar gemacht hatte, dass er seine Probezeit nicht überstehen würde, sah ich ihn ziemlich geknickt durch die Flure laufen.

 

Den richtigen Platz im Leben finden

Als Oberhäuptling des Vereins war ich nicht direkt für ihn zuständig, hatte ihn bis dahin nur am Rande mitbekommen. Von der Entscheidung, dass er nicht mehr Teil des Teams sein würde, wusste ich aber. Jetzt konnte ich ganz offen mit ihm über seine berufliche Zukunft reden. Sofort hatten wir einen Draht zueinander, denn auch ich habe ja ein Faible für Fantasiewelten. Es zeigte sich, dass er kommunikativ sehr gut aufgestellt war, aber Pressemitteilungen über Lifestyle-Produkte zu schreiben war nicht seine Kragenweite. »Wärst du in der Kommunikationsabteilung eines Theaters nicht besser aufgehoben?«, fragte ich ihn. Er fiel aus allen Wolken. Niemand war zuvor auf die Idee gekommen, dass die Bereiche »Fantasiewelten« und »Kommunikation« eine Schnittmenge haben. Er bekam tatsächlich einen Job bei einem kleinen Theater, wo er für die Pressearbeit verantwortlich war, als Mädchen für alles aber auch mal Masken und Kostüme entwerfen durfte. Er war total happy, hatte seinen Platz gefunden.

Der Erfolgsfaktor der weisen Ratgeber Wenn ein Ratgeber keine eigenen Interessen verfolgt, dient das nicht nur der Qualität seiner Ratschläge. Sein Engagement zeichnet sich noch durch einen weiteren Vorteil aus. Ein Personalberater, der sich auf besondere Fälle spezialisiert hat, erzählte mir einmal bei einem Mittagessen die Geschichte einer ungewöhnlichen Stellenbesetzung. In einer Company lief es nicht schlecht, es gab auch keine offensichtlichen Baustellen Trotzdem war der Aufsichtsrat des Unternehmens unzufrieden. Er spürte, dass da noch Luft nach oben war. Normal wäre es nun gewesen, dem Vorstand Druck zu machen, bessere Zahlen zu liefern und/oder eine Unternehmensberatung zwecks Detailanalyse einzuschalten.

 

Stattdessen suchte der Aufsichtsratsvorsitzende nach einem erfahrenen Controller im Ruhestand, der sich mal ganz zwanglos im Unternehmen umschauen sollte. Hier kam mein Gegenüber ins Spiel. Der wunderte sich zuerst über den ungewöhnlichen Auftrag, fand dann aber die perfekte Besetzung: einen erfahrenen alten Fuchs, der viele Firmen gesehen und zahlreiche Schlachten geschlagen hatte.

 

Der Neue machte sich an die Arbeit. Statt sich nur an die Tastatur zu setzen und Tabellen zu vergleichen, zog er den Blaumann an, tauchte in die Produktionsprozesse ein und ließ sich alle Abläufe im Detail erklären. Ein halbes Jahr lang tat er nichts anderes, als nur zuzuhören.

 

Alter Fuchs? Interessierter Betriebsrentner? 

Für die Belegschaft war er ein freundlicher älterer Herr mit wachen Augen, manche hielten ihn für einen interessierten Betriebsrentner. Als er jede Ecke des Betriebes in- und auswendig kannte, tauchte er aus den Tiefen des Unternehmens wieder auf und wies auf ein paar Fehler im System hin, die sich durch Umstellungen ganz einfach ändern ließen. Das Unternehmen sparte nicht nur Kosten ein, die reibungsloseren Abläufe sorgten auch für bessere Stimmung.

 

Warum so erfolgreich? Weil er den Leuten keine Angst macht

Eine schöne kleine Geschichte – aber der Clou kommt noch. Der Personalberater beugte sich ein wenig zu mir über den Tisch, als er mir sagte: »Franky, weißt du, warum der Mann so großen Erfolg hatte?« Mit einem sicheren Gespür dafür, wie man Spannung aufbaut, lehnte er sich noch einmal zurück und nahm einen Schluck aus seinem Weinglas. Dann sagte er: »Er machte den Leuten keine Angst!«

 

Genau so ist es. Man kann sich vorstellen, welche Unruhe ein Trupp  Unternehmensberater in der Firma hervorgerufen hätte! Ein weiser Ratgeber dagegen macht niemandem Angst. Seine Rolle ist das genaue Gegenteil: Er nimmt dir die Angst. Denn die Angst steht zwischen dir und einer guten Entscheidung. Ich bin Jahrgang 1963, für uns hieß es von klein auf: Mach bloß keine Dummheiten! Mach bloß keinen Fehler! Nicht auffallen, nicht hinfallen, nicht rausfliegen

 

Auch meine Eltern waren vor dieser Sichtweise nicht gefeit. Als ich meinen ersten Job bei Henkel antrat, fiel ihnen ein Stein vom Herzen: »In dem Job bist du sicher, jetzt müssen wir uns nie mehr Sorgen um dich machen.« Dass ich nicht vorhatte, ein Leben lang n Düsseldorf-Holthausen zu bleiben, konnten sie nicht verstehen. Das hat wohl damit zu tun, dass es für ihre Generation noch überlebenswichtig war, auf Nummer sicher zu gehen. Meine Geschwister und ich mussten mit diesem Nachklappeffekt des Krieges erst mal fertig werden. Meine Kinder haben mit so einer Grundangst nichts mehr am Hut; ich bin froh, dass sie Erwartungen statt Ängste haben. Und jeden Morgen geht die Sonne auf …

 

Zurück zu den weisen Ratgebern. Sie drängen sich nichtauf und müssen niemandem etwas beweisen. Sie wollen weder deinen Job noch dir auf die Füße treten. Ob im beruflichen oder im privaten Bereich – sie stehen außerhalb der Hierarchie und sind operativ nicht in das Geschehen eingebunden. Sie sind oft genug im Leben mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert gewesen, um zu wissen, dass einiges passieren muss, bis der Dom umkippt. All dies nimmt Druck und Angst von dir. Mit einem weisen Ratgeber an deiner Seite wird aus einem Weltuntergangsszenario eine Aufgabe, die sich lösen lässt. Er weist dir den Weg, der dich aus dem Nebel ins Licht führt.

 

Meine größte private Krise war die Trennung von meiner ersten Frau. Natürlich war mir klar, dass das Scheitern meiner Ehe kein Einzelfall war. Aber wenn du mitten im Scheidungsprozess steckst und jeder Gang zum Briefkasten mit Magenschmerzen verbunden ist, hockst du einfach nur in einem tiefen Loch. Horror!

In dieser schlimmen Zeit fuhr ich mit meiner Tochter in den Urlaub. Vorfreude? Nicht vorhanden. Denn ich war so mies drauf, dass ich mich schon mit finsterer Miene am Alleinreisenden-Tisch sitzen sah, während meine Tochter mit den anderen Kindern Spaß hatte. Erleichtert stellte ich am Ferienort fest, dass ich nicht der einzige Solo-Vater im Club war. Thilo, ein graumelierter Münchner und ebenfalls Vater einer kleinen Tochter, teilte mein Schicksal. Er selbst war nicht unschuldig gewesen, zu viel Arbeit, falscher Fokus, immer unterwegs, erzählte er mir – das kam mir alles ziemlich bekannt vor. Am Ende war seine Frau mit einem Musiker durchgebrannt. Thilo hatte aus seinen Fehlern gelernt. Er arbeitete weniger, allein schon, damit er mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen konnte.

Es tat mir gut, mit jemandem zu reden, den es genauso wie mich aus der Kurve getragen hatte. Thilo war mir allerdings ein paar Monate voraus. Er hatte sich schon weitgehend wieder sortiert und konnte recht abgeklärt auf seine Situation schauen. Ich dagegen war noch weit entfernt von einem neuen Anfang und lief noch im Zerschmettert-Modus herum.

 

Skeptisch sein – und trotzdem drauf einlassen

Gleich am zweiten Tag schlug Thilo vor, dass ich ihn am nächsten Morgen zum Yoga am Strand begleiten sollte. Ich war skeptisch. Vor dem Frühstück irgendwelche Verrenkungen machen? Nichts für mich. Aber mein neuer Kumpel ließ nicht locker: »Komm, ich will dir was zeigen!« In aller Herrgottsfrühe stand ich also in Sporthose und Hard-Rock-Café-T-Shirt am Meer. Vierzehn Frauen und zwei Männer – und die Yogalehrerin Sanna, die zu leiser Musik mit sanfter Stimme ihre Anweisungen gab. Anfangs fühlte mich etwas fehl am Platz, aber ich ließ mich darauf ein.

 

Und dann ging die Sonne auf. Ein wunderbarer Augenblick. Während Sanna uns den Sonnengruß beibrachte, fühlte ich zum ersten Mal seit Monaten, dass es immer noch mächtigere Dinge auf der Welt gibt als das elende Trio »meine Scheidung – mein Versagen – mein Schmerz«. Thilo wusste, was in mir vorging, denn als ich die Arme in den Himmel hob, schaute er mich an und sagte: »Siehst du, Franky, egal was kommt, beruhigend ist doch, dass jeden Morgen die Sonne wieder aufgeht.«

Fragebogen „Nahaufnahme“ mit Frank Behrendt, der auf Parties gerne „Hello again“ vorsingt

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*



Alle Kommentare [1]