Buchauszug Christian Peter Dogs und Nina Poelchau: „Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen“

Buchauszug Christian Peter Dogs und Nina Poelchau: „Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen“. Dogs ist der ärztlicher Direktor der psychosomatischen Klinik der Max Grundig Klinik Bühlerhöhe, Poelchau ist „stern“-Reporterin mit dem Fachgebiet Psychologie. 

 

 

Christian Dogs, Max-Grundig-Klinik

 

Schlafstörungen

Krankhafte Schlafstörungen beginnen schleichend. Sie setzen sich fest, können das Leben extrem beeinträchtigen und echten Krankheitswert bekommen, wenn man nicht rechtzeitig einschreitet. Schlafstörungen, das klingt für viele Menschen ja nach ein bisschen im Bett hin- und herdrehen, Schäfchen zählen und dann irgendwann doch ins Reich der Träume gleiten. Wer schon mal ernsthafte Schlafstörungen hatte, weiß, dass das ein Martyrium sein kann. Ich habe in unserer Klinik zahlreiche Patienten erlebt, die viel Geld für eine einzige durchgeschlafene Nacht bezahlt hätten.

 

Gestörter Schlaf führt zum Risiko, krank zu werden

Schlafstörungen sind das Achsensymptom der Depression – man muss sie ernst nehmen. Es gibt keine Depression, die nicht von einer Schlafstörung begleitet wird. Und keine Schlafstörung, die nicht irgendwann in einer Depression endet. Achtzig Prozent aller Deutschen klagen immer wieder über Schlafstörungen, jeder Zehnte leidet unter chronischen Problemen mit dem Schlaf. Mit gestörtem Schlaf kommt man nicht zu der Erholung, die man braucht – so besteht ein hohes Risiko, krank zu werden.

Über Probleme mit dem Schlaf kursiert eine Menge Unsinn – deshalb hier das Wichtigste zusammengefasst:

Es ist normal, bis zu zwanzigmal in der Nacht wach zu werden – nicht normal ist es allerdings, danach nicht wieder einschlafen zu können. Zu Beginn des Schlafs finden besonders viele Tiefschlafphasen statt, nach vier bis fünf Stunden hat der Körper sich vollkommen erholt (ungefähr gegen drei Uhr).

In der zweiten Hälfte der Nacht dominieren die REM-Phasen. Hierbei erholt sich die Psyche. Der Schlafende ist in dieser Zeit wie gelähmt.

Bei Menschen, die »normal« schlafen, sieht das dann in etwa so aus: Sie gehen um 23 Uhr müde ins Bett, bleiben etwa zwei bis drei Minuten wach (die Wachphase), nach ungefähr zehn Minuten trudeln sie in Phase 1, danach in Phase 5 und 3. Alle diese Phasen dienen lediglich zum Einschlafen (die Einschlafphasen).

Es folgt Phase 4, die Tiefschlafphase. Hier sind die Muskeln entspannt, Blutdruck und Puls sinken – der Körper erholt sich. Anschließend kommen wir in Phase 5, die REMPhase (REM = Rapid Eye Movement), der Puls kann bis auf 120 steigen, der Blutdruck bis auf 200 mm/hg. Wir träumen aktiv, die Träume aus der REM-Phase können oft nicht erinnert werden. In diesen Phasen wird unglaublich viel verarbeitet. Das Gehirn kaut aktuelle Konflikte durch, manchmal entwickelt es sogar Lösungen.

Was am Tag passierte, wird in der REM-Phase ins Langzeitgedächtnis übertragen. Manche Menschen bereiten ihre Schlafstörung systematisch vor, sage ich meinen Patienten gerne. Es lohnt sich, zu analysieren, was vor dem Schlafengehen passiert. Schlechte Gefühle schaden dem Schlaf. Ärger und Sorgen des Tages, ungeklärte Konflikte sind Gift.

 

Nachrichten-Gucken und Krimis sind schlecht fürs Einschlafen

Die meisten Deutschen gucken kurz vor dem Schlafengehen Nachrichten oder einen Krimi, lassen sich also mit Negativem und Gruseligem nur so bombardieren. Das reibt auf. Das nämlich ist der Stoff, mit dem sich unser Gehirn zu Beginn der Nacht beschäftigt. Es empfiehlt sich, statt sich zu ärgern und fernzusehen, bei einem Spaziergang zur Ruhe zu kommen, ein Buch mit positivem Inhalt zu lesen, zu meditieren oder angenehme Musik zu hören.

Für Menschen mit Depressionen ist es besonders wichtig, vor dem Schlaf nicht in die altbekannte Negativspirale der Gedanken zu geraten, sondern Erinnerungen hervorzuholen, die positiv sind, und sei es nur eine kleine Begebenheit des Tages, denn gerade in der ersten REM-Phase wird der Gedanken- und Gefühlsstoff vor dem Einschlafen in das Langzeitgedächtnis eingelagert.

Grundsätzlich gilt diese Formel: Wer am Tag viel erlebt, durchläuft nachts viele REM-Phasen. Wer sich tagsüber viel bewegt, dem werden nachts viele Tiefschlafphasen beschert. Wenn man daran denkt, wie viele Deutsche sich zu wenig bewegen oder auch zu wenig erleben, dann ist es kein Wunder, dass es so viele Menschen mit Schlafstörungen gibt.

 

Zwei Schlaftypen: Lerchen und Eulen- was sind Sie?

Wissen Sie übrigens, welcher Schlaftyp Sie sind? Und auch, dass es nicht einfach nur mit Ihrer Faulheit zusammenhängen muss, wenn Sie morgens nicht aus dem Bett kommen? Es gibt Lerchen und Eulen. Das ist in den Genen festgeschrieben, kaum zu verändern und wissenschaftlich bewiesen. Lerchen gehen früh ins Bett und stehen problemlos morgens früh auf. Eulen hingegen werden erst sehr spät müde, sie kommen vor 11 Uhr nicht aus dem Bett.

 

Wer zu früh schlafen geht, glaubt, er hat Schlafstörungen

Männer sind vermehrt Eulen, Frauen Lerchen. Viele Eulen machen den Fehler, zu früh ins Bett zu gehen, weil sie morgens ja früh aufstehen müssen. Sie liegen dann herum und können nicht einschlafen. Schlafstörungsalarm!

Die Lösung: Sie müssten einfach wach bleiben, bis sie wirklich müde sind. Lieber weniger schlafen und dafür richtig, als sich stundenlang herumwälzen. Nach vier bis sechs Stunden Wachzeit (wenn sie um 11 Uhr aufgestanden sind, also nachmittags), kommen diese Menschen erst richtig in Gang. Zehn bis zwölf Stunden nach dem Aufwachen (also ab 21 Uhr) erreichen sie das Maximum ihrer Leistungsfähigkeit.  Es gibt auch noch die Mischform. »Leulen«, Leute, die spät ins Bett gehen und früh aufstehen.

Man kann seinen Schlaftyp nicht ändern. Um herauszufinden, welcher Schlaftyp man ist, sollte man auf das Schlafverhalten im Urlaub achten: Lerchen sind auch im Urlaub zwischen 22 und 23 Uhr müde, Eulen können bis um 4 oder 5 Uhr aufbleiben. Gegen seinen Schlaf-wach-Rhythmus zu verstoßen, bedeutet Stress. Eulen-Kinder beispielsweise haben es in einem Schulsystem sehr schwer, in dem um 7.30 Uhr der Gong ins Klassenzimmer befiehlt. Schade, dass unsere Politiker sich so wenig von wissenschaftlichen Erkenntnissen beeinflussen lassen.


 

Christian Dogs und Nina Poelchau: „Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen“ : 20 Euro, 240 Seiten, Ullstein Verlag

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/gefuehle-sind-keine-krankheit-9783550081958.html

 

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Der viel zu hohe Anspruch – oder warum Glückssuche Stress bedeutet

Perfekt sein zu wollen, toll sein zu wollen, möglichst keinen »Scheiß« zu bauen, sondern immer zu funktionieren – ich habe viele erlebt, die von diesem Anspruch an sich selbst in die Knie gedrückt wurden, Bedrückung und Beklemmung waren irgendwann ihr bestimmendes Lebensgefühl. Ich blicke, wie gesagt, auf die Erfahrung mit etwa dreißigtausend Patientinnen und Patienten zurück. Da entsteht ein deutliches Bild. »Alles gut?«, ist heute eine geläufige Floskel – und Ausdruck erschreckender Oberflächlichkeit in unserem täglichen Umgang miteinander. Es ist eine Frage, die ich gar nicht mag. »Wie geht es dir?« Diese Frage ist ehrlicher. Zumindest, wenn sie verbunden ist mit echtem Interesse an der Antwort. Es ist nämlich tatsächlich eigentlich nie alles gut.

Und das Schlechteste ist obendrein, wenn man das von sich erwartet. Wie will einer dann aushalten, was im Leben, in so gut wie jedem einzelnen Leben, an Schwierigem und Traurigem passiert? Die Geschichte des Fußballtorwarts Robert Enke, der sich im November 2009 das Leben nahm, hat für mich eine große Symbolkraft. Ich habe ihn persönlich nicht kennengelernt. Aber man kann sagen, er hat in Deutschland die Sicht auf Depressionen verändert. Es war damals wie ein Donnerschlag. Ich erinnere mich an die stern-Titelgeschichte kurz darauf: »Ich war depressiv« hieß sie. In ihr »outeten« sich verschiedene Sportler, zum Beispiel auch der Skispringer Sven Hannawald.

 

Wer immer nur funktionieren will – wie Robert Enke

Sehr vielen Menschen wurde in dieser Zeit bewusst, was sich hinter einer fast schon titanenhaft starken Fassade verbergen kann. Depressionen, Leid und Elend. Die Geschichte von Robert Enke ist, jedenfalls nach außen, die Geschichte eines verzweifelten Mannes, der versucht hat, sich ein Leben lang zusammenzureißen und »negative« Gefühle wie Angst, Traurigkeit und auch Wut über Kränkungen nicht zuzulassen. Der sich auferlegte, dagegen anzukämpfen, weil er immer wieder funktionieren wollte, und dem es nicht gelang, diese Gefühle zu integrieren.

Da ich mir von diesem sehr sympathisch wirkenden Mann keinen persönlichen Eindruck machen konnte, wäre es vermessen, seine Geschichte, die so tragisch endete, aus der Ferne zu beurteilen. Ich habe mir als Psychiater aus dem, was ich über ihn gelesen habe, natürlich dennoch ein Bild gemacht. Und ich muss sagen, dass dieser Mann mich an so viele Patienten erinnert, die ich im Laufe meines Berufslebens gesehen habe. Starke Menschen waren das, gefühlvolle, sympathische, die immer gegen das vermeintlich Negative in sich selbst angekämpft haben. Und die das Schwere, Bedrohliche dadurch verstärkt haben, dass sie sich selbst dafür geradezu hassten.

In der ganzen Psychosomatik gilt: Je mehr du gegen ein Symptom ankämpfst, desto stärker wird es. Das Ziel in der Behandlung ist die Integration, nicht das Niederkämpfen von vermeintlich schlechten Gefühlen. Alle Gefühle sind in Ordnung, sind willkommen: gute und schlechte, helle und freudige, düstere und traurige. Es ist so wichtig, zu akzeptieren, dass nicht immer alles gut ist und sich kein Mensch schämen muss, weil in ihm alles schreit: Alles schlecht, bleib mir vom Hals mit deiner dummen Frage! Aber das ist schwer in einer Gesellschaft, die dazu neigt, diesen Teil der Gefühlswelt wie eine Krankheit zu betrachten und wie aussätzig zu behandeln.

 

Autorin Nina Poelchau (Foto: privat)

 

Glückssuche ist Stress – Zufriedenheit reicht

Es wäre übrigens viel gewonnen, wenn wir uns von einem inzwischen ziemlich verbreiteten Glücksanspruch befreien würden. Glückssuche ist Stress. Zufriedenheit als Grundstimmung reicht. Von dieser Ebene aus, einem grundsätzlichen, etwas stilleren Einverständnis mit dem Leben, lassen sich auch schwierige Zeiten besser in den Alltag integrieren. Der Mechanismus, sich selbst immer mit hohen Zielen zu drangsalieren, führt zu permanenter Entwertung, weil man nie so gut ist, wie man es von sich selbst und wie es vielleicht auch die Umwelt von einem erwartet.

Ich habe einen Patienten vor Augen, einen begabten, sympathischen Rechtsanwalt Anfang vierzig, er war von geradezu bestürzender Freundlichkeit, man sah ihn nie ohne Lächeln, keine Fahrstuhlfahrt mit ihm, ohne dass er irgendetwas Nettes, Höfliches, Aufmunterndes gesagt hätte. Nur war er ja nicht in die Klinik gekommen, weil es ihm so ausgesprochen gut ging. Das war nichts weiter als ein – für ihn und seine Mitmenschen – ziemlich anstrengendes Muster, das er sich sehr früh antrainiert hatte.

 

Ständig alles geben, nur um Anerkennung zu bekommen

Er stammte aus einer Familie, in der Leistung alles bedeutete und jede Art von Schwäche bestraft wurde. Sogar für einen Sprachfehler, den er in den frühen Lebensjahren hatte – er konnte das »sch« nicht richtig aussprechen und sagte stattdessen »ch« –, wurde er von seiner Mutter geschüttelt und nachgeäfft. Also gab er von klein an alles, um Anerkennung zu bekommen. Er riss sich ständig zusammen. Er war einer, der auf die Frage »Alles gut?« immer antwortete: »Alles super!«

Er hatte Jura studiert, war bald Unternehmensberater geworden – und dann, ausgelöst durch Beziehungsprobleme, kam plötzlich, mit Ende dreißig, der Zusammenbruch. Er konnte nicht mehr schlafen, er kam morgens nicht mehr aus dem Bett, sein Magen rebellierte, er hatte ständig Durchfall. Er hatte schon Panik, wenn er nur daran dachte, das Haus zu verlassen. Es dauerte lange, bis er sich entschloss, psychisch Hilfe zu suchen, das war für ihn das Eingeständnis, versagt zu haben. Vorübergehend verordnete ich ihm Medikamente, die seine Angst lösten und die ihm aus der akuten Krise halfen.

 

Lernen, man selbst zu sein

Vor allem musste er dann aber lernen, er selbst zu sein. Ein Mensch, der nicht immer nett und perfekt sein und das Beste vom Besten erreichen will, sondern einer, der sich ärgern und schlecht gelaunt sein darf, der manchmal jemanden im Aufzug so blöd findet, dass er einfach nicht mit ihm spricht.

Eine wichtige Übung, die ich ihm aufgebrummt hatte, war, richtig, richtig unfreundlich zu sein. Zwei Tage lang sollte er auf jedes freundliche Angebot mit »nein«reagieren. Ohne Lächeln! Einfach mal am Tisch sitzen und zuhören, mittelmäßig, ach, mehr noch: ein Unsympath, ein Spielverderber sein. Und was sollte er dabei lernen, und was lernte er auch dabei? Dass die Welt nicht untergeht. Dass ihn dafür niemand bestraft.

 

Die Menschen haben mehr Respekt, wenn jemand nicht immer nett ist

Im Gegenteil, es ist ja so: Die Menschen haben mehr Respekt, wenn jemand nicht immer nett ist, sondern Kontur zeigt. Er stellte erstaunt fest, dass sich ein paar Mitpatienten so richtig ins Zeug legten, um ihn freundlicher zu stimmen. Es waren genau diejenigen, die selbst lernen mussten, sich abzugrenzen und nicht auf Zurückweisung mit verstärkter Anstrengung zu reagieren.

 

Autoren von Glücksbüchern setzen ihre Leser nur unter Druck

Ich sehe die vielen Glücksexperten kritisch, die sich immer wieder zu Wort melden und suggerieren, man müsse nur den Trick kennen, dann sei dauerhaftes Glück möglich. Bleibt mir weg damit! Die Verfasser solcher Bücher verdienen eine Menge Geld, indem sie unsere Sehnsüchte befeuern. Das wird zumindest ihnen selbst vorübergehende Glücksgefühle bescheren. Ihre Leser setzen sie damit aber unter Druck.

 

Ich mag es nicht, zu erfahren, in welchen Städten angeblich Deutschlands glücklichste Menschen leben. Solche Umfragen werden den Einzelnen sowieso nicht gerecht, so etwas beschwört eine unrealistische Erwartung herauf: Reines, pures Glück ist möglich, man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, dann fällt es einem in den Schoß.

Jeder weiß doch, wie es in Wirklichkeit aussieht: Man ist am schönsten Ort – und kann sich sehr schlecht fühlen. Und manchmal sitzt man in einem hässlichen Büro, die Kaffeemaschine ist kaputt, der Kollege schustert einem seine Arbeit zu – und man fühlt sich trotzdem prächtig. Das hat mit den Botenstoffen an den Rezeptoren zu tun.

Links:

http://blog.wiwo.de/management/tag/christian-dogs/

http://www.stern.de/gesundheit/psychotherapeut-christian-peter-dogs–es-gibt-einen-ausweg-aus-angst-und-depressionen-7070418.html

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Gratuliere, meine Empfehlung ist, an den Haaren anzufangen, die werden Kindern schon trotz Protest geschnitten und zwar so, wie es die Mode der Gesellschaft erwartet.