CEO Wagner auf Tour im Silicon Valley (4. und letzter Teil): Der Digitalisierung auf der Spur – Sabbatical II.

Top-Manger Thomas P. Wagner war unterwegs im Silicon Valley, um sich dort, an der Quelle, das Thema Digitalisierung zu erschließen. Rund sechs Jahre war er bis dahin CEO von Dorma, dem Hidden Champion und Weltmarktführer für Schließtechnik. Zuvor stand er dem Aufzughersteller Otis vor und künftig arbeitet er als CEO bei einem Energiedienstleister, der G+E Getec Holding.

Damit endet die Karriere-Pause des Wirtschaftsingenieurs, die er nach der Fusion von Dorma mit dem Schweizer Unternehmen Kaba eingelegt hatte. Nach 20 Jahren als Führungskraft wollte Wagner ein paar Monate innehalten. Sein erster Trip war eine Pilgerreise auf der Via Francigena in der Toskana, über die er hier im Management-Blog berichtete. Sein zweiter war eine persönliche Fortbildungsreise nach USA ins Silicon Valley: Um die Digitalisierung zu verstehen und zu lernen.

 

Thomas Wagner

Hier ist Wagners vierter und letzter Gastbeitrag über seinen Silicon-Valley-Trip: 

 

Das Eco-System Silicon Valley

Meine persönliche Bilanz meines Silicon Valley-Trips ist diese: Die Reise und die Menschen haben mich verändert. Über die letzten Monate habe ich mich noch stärker mit Start-ups als Mentor, Berater und Angel Investor auseinandergesetzt. Diese Inspiration nehme ich nun auch mit in meine neue CEO-Rolle bei Deutschlands grösstem Energiedienstleister, G+E Getec.

Jeder ist fasziniert vom Silicon Valley. Nicht nur weil es die Geburtsstätte vieler neuer digitaler Global Player ist. Sondern weil es eine fast unnachahmliche Atmosphäre von Unternehmertum und Lebensfreude hat. Man spürt die Energie, den Geist, etwas zu bewegen, etwas zu schaffen. Natürlich auch mit dem Geld von Investoren, die bereit sind, mit unternehmerischem Risiko in die Zukunft einzusteigen. Aber vor allem gehören zum Erfolg die Menschen und die Art, wie diese in einem einzigartigen Eco-System miteinander arbeiten.

In diesen Wochen habe ich zahlreiche Start-ups kennen gelernt. Ihre Begeisterung, an etwas zu arbeiten, was einen großen Unterschied für Kunden und vielleicht gar für die Welt machen kann, treibt diese Menschen an. Und zwar noch viel mehr als nur das große Geld. Ich habe Gründer und Unternehmer mit viel Passion kennengelernt, die mit viel Stress und Anspannung ihr Business endlich ans Laufen bringen. Endlich ihre ersten signifikanten Umsätze realisieren – und trotzdem immer offen waren für einen Austausch. Sie nahmen sich die Zeit.

Menschen wie Thomas Arend, CEO und Mitgründer von Savvy, einer Online-Knowledge- und Coaching-Plattform für Menschen, die lernen wollen und einen Lehrer suchen, egal wo auf der Welt. Eine faszinierende Idee, aber auch die benötigt Zugang zu Kunden und vor allem Umsätze, um die Investoren bei der Stange zu halten. Arend habe ich an einem völlig verregneten Tag in San Francisco getroffen. Spontan auf einen Kaffee, das Gespräch über das Valley, seine Herausforderungen und Arends Erfolgsrezepte waren offen wie inspirierend. Er ist unglaublich gut vernetzt und – wie viele andere im Valley – immer bereit, anderen die Tür zu seinem Netzwerk zu öffnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist diese Give-and-Take-Kultur, in der man sich hilft, austauscht, zusammenarbeitet. Man beschrieb mir diese Kultur des Netzwerkens auch als Play-Forward-Kultur – eine kurze Intro per Anruf oder E-Mail genügt. Schon steht der Termin in ein bis drei Tagen. Man vertraut einander und geht davon aus, dass man auch selbst davon profitieren wird. Diese positive Offenheit ist faszinierend und hier können wir in Deutschland einen Unterschied machen, jeder und jeden Tag. Wir lesen viel über das faszinierende Silicon Valley, aber es fängt bei uns unsere Stärken etwas anders einzusetzen. Offenheit, Flexibilität, Neugier und Risikofreude gehören dazu, und es beginnt ganz simpel bei Kontakten und Ideen.

 

Alles ist vernetzt, alles ist schnell im Valley. Diese Dynamik spürt man auch auf den Pitch Events. Start-ups unter ihresgleichen suchen Investoren und Ratgeber. Sie gehen über Plattformen, um möglichst effektiv und effizient viele Menschen und Ideen kennen zu lernen, auszuwählen und dann weiter zu entwickeln.

Pitch-Event für Start-ups auf der Suche nach Investoren

Ideen sind das eine, Geld das andere. Das Silicon Valley auf Software zu reduzieren, wäre falsch, es ist viel mehr. Hier wird ebenso intensiv an physischen Produkten und Lösungen geforscht und entwickelt. Beispielsweise an Robotern, der Augmented und Virtual Reality, den Self driving cars undsoweiter. Wenn ein Start-up eine technische Idee hervor bringt, muss diese auch irgendwann mal umgesetzt, produziert werden.

Ebenso hat mich der Besuch bei TechShop in seinen Bann gezogen, denn dort kann man einfach Mitglied in einer Art Werkstattkette für Start-ups werden. TechShop bietet unter einem Dach alles an, was man als Start-up für einen Prototyp braucht: Maschinen, Werkzeuge, Werkstattplätze zum Schweißen, Löten, Sägen, Fräsen, Drehen … einfach alles. Als Mitglied hat man 24/7-Zugang – also sieben Tage die Woche rund um die Uhr – und bekommt vor allem von den TechShop-Profis Know How für das Entwickeln und Produzieren.

 

TechShop: wo die Prototypen entstehen

 

Der TechShop hat sich zu einer Kette entwickelt und ist auch zu einem Networking Space geworden, sein Slogan: ,Build your dreams’. Die Gründung von Square vor acht Jahren startete mit der Entwicklung eines mobilen Kreditkartenlesers, entwickelt und gebaut im TechShop – eins der höchst bewerteten Start-ups – zuletzt mit knapp sieben Milliarden Dollar. Diese Geschichten inspirierte viele Start-ups und macht auch den Ruf des Silicon Valleys aus.

TechShop zum Ideen-Entwickeln und Bauen

 

Neben den TechShops findet man viele Arten von sogenannten Co-Working Spaces. Im Prinzip teilt man sich günstige Büroflächen. Auch daraus wurde wieder mal ein Geschäftsmodell. Firmen wie Galvanize bieten in ihren Gebäuden eine große Bandbreite. Vom Fix Desk und Flex Desk bis hin zur Suite. Größere, aber auch kleinste Meetingräume, ein offenes Café zum Chatten gibt es immer. Alles ist sehr cool und anregend gestaltet. Und weil diese Spots so beliebt sind und so viele High-Caliber-Talente dort arbeiten, findet man inzwischen auch Ableger der großen Firmen und Beratungshäuser mit eigenen kleinen Büros auf der Suche nach neuen Talenten. Der ‚War of Talents’ ist im Silicon Valley omnipräsent.

 

Co-Working-Space Galvanize: wo man fast alles teilt

 

Wächst ein Start-up dann, so braucht es mehr als einen Co-Working-Space oder einen TechShops. Es braucht richtige Industriehallen. Aber: alles muss günstig, cool und vernetzt sein. Das 3D-Printing Start-up ‚Type A Machines’ hat sich in einem neu eingerichteten alten Industriepark angesiedelt. Das Ökosystem Silicon Valley ist mehr als nur das berühmte Venture Capital.

 

Ecosystem Silicon Valley: Preisgünstige Industriehallen

 

Aber Venture Capital spielt eine große Rolle – Dinge zu beschleunigen, groß zu machen und dies parallel mit vielen Start-ups. Immer das Ziel vor Augen ein Unicorn zu entwickeln – ein Start-up mit über eine Milliarde Dollar Bewertung. Dafür bedarf es rund 1.000 Start-ups und ihre Ideen. Das vergießt man leicht wenn man dann am Ende über die super-erfolgreichen Start-ups wie Google, Facebook, Snapchat, Amazon redet. Es bedarf vieler Ideen, vieler Versuche um am Ende Großes zu entwickeln. Das eine oder andere mal habe ich mich gefragt, wie stringent wir diese Pipeline entwickeln?

 

Plugandplay: An der Wall of fame entstehen Erfolge

 

Und um dies zu realisieren, bedarf es vieler Inkubatoren und Akzeleratoren. Ich habe mir einige angesehen und erkannt, dass ihr Erfolg auf einem sehr strukturierten Start-up-Entwicklungsprozess beruht. An Orten wie bei PlugAndPlay lernen die Start-ups von erfahrenen Gründern und Executives, wie man ein Unternehmen erfolgreich entwickelt, wie man Investoren findet, wie man das Produkt-Market-Fit optimiert, wie man Produkte launcht und vieles mehr. Start-ups entstehen oft aus einer technischen Vision und es bedarf dann des Commercial Guys, der hilft, aus der tollen Idee ein Business zu entwickeln. Plug AndPlay hat einen beeindruckenden Track Record mit Start-ups wie Soundhound, Dropbox oder PayPal.

 

 

Plugandplay: Alles nach Themenbereichen geordnet

 

Inzwischen fragen sich auch die großen und etablierten Unternehmer, wie sie ihre Unternehmen auf die Digitalisierung besser vorbereiten können, bevor ein Dritter daher kommt und ihr Geschäftsmodell disruptiert. Dafür haben sie einige sogenannte Outposts eingerichtet. Ich hatte die Gelegenheit eine Art ‚Outpost’ von der Deutschen Telekom zu besuchen. Ein junges Team voller Energie und Passion will seinen Konzern an die Spitze der Bewegung bringen. Das war sehr beeindruckend.

Nur eine Frage blieb für mich unbeantwortet: Wie wollen es die Jungs schaffen, diese komplett andere Dynamik und andere Kultur ins beschauliche Bonn zu bringen. Dennoch: Deutsche Unternehmen sind im Valley aktiver als wir hierzulande ahnen – ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass Deutschland diese Wende meistern wird.

 

Das Team der Deutschen Telekom

 

Dass Erfolg kein Zufall ist, zeigt auch das Engagement von German Innovator und German Accelerator. Letzteres unterstützt deutsche Start-ups um in den USA Know-how weiterzuentwickeln und dort auch Fuß zu fassen. Der German Innovator berät und unterstützt deutsche Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung. Immer geht es darum, die richtigen Menschen mit dem relevanten Wissen zusammenzubringen.

 

Wo all diese Talente herkommen? Unter anderem entstehen viele junge Unternehmen oft an den Top-Universitäten in Stanford, Berkley oder an der neuen wie revolutionären Singularity University. Viele Top-Talente aus aller Welt finden hier eine offene und innovative Kultur. Sie forschen und lernen bei den teilweise besten Professoren der Welt. In Palo Alto habe ich einige dieser Talente getroffen. Etwa Robert Ruhlandt aus Deutschland, der im Silicon Valley seine Doktorarbeit absolviert und eigentlich gleich dort bleiben und am liebsten direkt ein Unternehmen gründen will.

In Deutschland ist so ein Interesse leider selten. Die Digitalisierung braucht noch mehr Menschen, die aus ihren Ideen in ein erfolgreiches Business entwickeln wollen.

Stanford University

 

Sicher leben wir nicht in Kalifornien, wo Sonne, Wärme und das Meer für gute Laune und Vitalität sorgen. Wo die besten Köpfe aus allen Teilen der Welt leben. Wo Diversity für Inspiration, Kreativität, Toleranz und Neugier sorgt. Aber ich meine, wir sollten alle Faktoren sehen, wenn wir den Erfolg des Silicon Valley betrachten und uns überlegen, wie wir die besten Talente gewinnen und ihnen ein Umfeld bieten können, in dem sie sich wohl fühlen und erfolgreich sein können. Wir benötigen ein noch effektiveres, digitales Ökosystem für Gründer und Unternehmer.

 

Google: Der Start-up, der zum Konzern wurde. Und sich die Kultur bewahrte.

Die Menschen im Silicon Valley  haben mich konfrontiert mit ihren Glaubenssätzen. Über jeden von diesen könnte und sollte man sich auseinandersetzen, weil es soviel erzählt wie man im Valley denkt und handelt: ‚We are five years ahead of Technology’, ‚Play Forward to bring the relevant people together’, ‚Design Thinking to accelerate product development’, ‚Solving a Customer Problem is the priority, not technology’, ‚Exponential Growth will change traditional business models almost over night’, ‚Take a Risk to develop something great’, ‚give & take collaboration & networking’, ‚Privacy is an illusion – everything will be in the cloud’, ‚We are Dematerializing the world’, und vieles mehr. Es ist die Art, zu denken, an den großen Themen zu arbeiten und dies mit hohem Tempo und mit den besten Köpfen der Welt. Dieses faszinierende Ökosystem im Silicon Valley macht den eigentlichen Unterschied: Alles ist darauf ausgerichtet, das nächste große Business zu entwickeln, eine weitere Industrie zu disruptieren.

 

Diese Reise und die Menschen haben mich verändert.In den vergangenen Monaten habe ich mich noch stärker mit Start-ups auseinandergesetzt als Mentor, Berater und Angel Investor. Diese Inspiration nehme ich nun auch mit in meine neue CEO-Rolle bei Deutschlands grösstem Energiedienstleister.

 

CEO Wagner auf Tour im Silicon Valley (3): Der Digitalisierung auf der Spur – Sabbatical II.

 

CEO Wagner auf Tour im Silicon Valley (2): Der Digitalisierung auf der Spur – Sabbatical II.

 

CEO Wagner auf Tour im Silicon Valley (1): Der Digitalisierung auf der Spur – Sabbatical II.

 

 

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