Sklave der Technik – Informatik-Professor Frank Kirchner über Künstliche Intelligenz

Frank Kirchner, Informatik-Professor an der Universität Bremen hat am 3. April 2017 einen Vortrag bei der Daimler und Benz Stiftung im Kundencenter Werk Bremen gehalten zum Thema: „Was ist Science Fiction, was Fakt? Robotik und künstliche Intelligenz“. Patricia Piekenbrock von der Stiftung hat für die Management-Blog-Leser den Vortrag zusammengefasst:

 

Frank Kirchner, Professor an der Universität Bremen Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI)

 

„Manche Dinge sind bechenbar, andere prinzipiell nicht“, sagt der Informatiker Frank Kirchner, Professor an der Universität Bremen. „Ob der Mensch letztlich berechenbar ist oder nicht, ist eine zutiefst philosophische Frage.“ Kirchner leitet den Bremer Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) und arbeitet an der Zukunft von Robotik und künstlicher Intelligenz.

Bei Robotern handle es sich um die physische Existenz künstlicher intelligenter Systeme in Körpern, die sich in realen Umgebungen bewegen können. „Heute beginnen wir zu verstehen“, so Kirchner, „dass der Roboter selbst integraler Bestandteil der künstlichen Intelligenz ist und bei ihrer Erforschung berücksichtigt werden sollte.“

 

Avatar AILA ist ein Leichtbau-Robotersystem des DFKI, das für die interdisziplinäre Erforschung der mobilen Manipulation entwickelt wurde (Copyright: Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (Foto: DFKI)/David Schikora).

 

So seien bei einem humanoiden Roboter mit Exoskelett, der etwa fremde Planeten autonom erkunden soll, unterschiedliche Formen der Intelligenz miteinander verknüpft: Die algorithmische Intelligenz sorge unter anderem durch Lernen für die Umgebungsdarstellung, Lokalisierung und Bewegungsplanung. Gleichzeitig besitze der Roboter strukturelle Intelligenz, also Intelligenz im Hardware-Design – beispielsweise durch Aktuatoren mit eingebauter Elektronik in den Gelenken, Sensoren für die taktile Wahrnehmung, komplexe Strukturen und neue Materialien.

 

„Wir müssen Mind plus Body betrachten“, sagte Kirchner. Dies erkläre auch, weshalb das Forschungsfeld der künstlichen Intelligenz im Kontext unterschiedlicher Wissenschaften anzusiedeln sei: Computer- und Ingenieurwissenschaften, Biologie, Linguistik, Neurowissenschaften und Psychologie. Laut Kirchner habe dies bereits Alan Turing (1912 – 1954) gewusst. Der britische Informatiker gelte als Vater der künstlichen Intelligenz und wies im Jahr 1948 insbesondere auf die Notwendigkeit hin, lernfähige Algorithmen zu entwickeln und in Maschinen einzusetzen, die mit ihrer Umwelt interagieren können. Leider seien seine Ausführungen erst posthum in den 1970-er Jahren veröffentlicht worden.

 

Aber Wissenschaft lohne sich immer, sagt Kirchner. Zu den maschinellen Lernverfahren gehöre das sogenannte Deep Learning. Mithilfe vielschichtiger, künstlicher neuronaler Netze könnten Probleme mathematisch in einer anderen Dimension betrachtet werden. Soll ein System beispielsweise lernen, Gesichter zu erkennen, werden Daten durch das Netzwerk propagiert und der Output schließlich mit dem gewünschten Zielwert verglichen. Bei Abweichungen erfolge eine weitere Trainingsrunde des künstlichen neuronalen Netzwerks. Die für Deep Learning notwendige große Datenbasis liefere das Internet.

 

In den kommenden zehn Jahren könnten, so sagt Kirchner, insbesondere Anwendungen bei Industrie 4.0 und beim autonomen Fahren verwirklicht werden – auch bei steigender Komplexität. In extremen oder gesundheitsgefährdenden Umgebungen beziehungsweise in sozialen Teams mit dem Menschen würden Roboter ihr Potenzial entfalten. Dennoch gebe es derzeit physikalische Grenzen bei Rechnern, etwa in Bezug auf die Packungsdichte von Transistoren auf einer Chipfläche. Der Einsatz paralleler Systeme in Robotern könne ein leichtes Verschieben dieser Grenzen bewirken, eine Art Verzögerung. Zudem seien andere Entwicklungen wie Quantencomputer abzuwarten.

 

Die künstliche Intelligenz selbst sei hingegen nicht per Naturgesetz begrenzt; eine höher entwickelte als die des Menschen könne in fernerer Zukunft möglicherweise erreicht werden. „Gefährlich ist in diesem Zusammenhang aber vor allem der Mensch, falls er verlernt, künstliche Intelligenz zu verstehen und zu bequem und zu nachlässig damit umgeht“, resümiert Kirchner. Bildung und Ausbildung sei der gesellschaftliche Schlüssel, um nicht zum Sklaven der Technik zu werden.

 

Der Vortrag von Kirchner fand im Rahmen der Vortragsreihe „Mensch, Umwelt, Technik“ der Daimler und Benz Stiftung im Kundencenter des Mercedes-Benz-Werks Bremen statt. Aufgabe der Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung – und gesellschaftsrelevante Themen in den öffentlichen Diskurs zu bringen.

Link zum Audio-Video-Podcast: https://www.youtube.com/watch?v=N7eaKQoHpA4

 

 

 

 

 

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