Ein Teller Hähnchenschnitzel mit Frank Behrendt über die bizarre neue Arbeitswelt – wo Menschen eigentlich nicht vorkommen sollen

„Hier bin ich Mensch, hier pass ich rein“ – Ein Plädoyer für mehr Herz und Heimat in der modernen Arbeitswelt von Frank Behrendt, neuerdings Geschäftsführer bei Serviceplan Public Relations, der auch gleich selbst aufgeschrieben hat, was er beim Teller Hähnchenschnitzel zuvor erzählt hatte. Nämlich gleich ein Bündel liebenswerter wie bedenkenswerter Beispiele von Unternehmern, die ganz andere Wege gehen bei ihrer Mitarbeiterführung und der Verbesserung des Betriebsklimas.

 

Manchmal erzählt jemand etwas so leidenschaftlich, dass er es am besten selbst aufschreibt. Mit Frank Behrendt – der ohnehin schon öfter Gastautor im Management-Blog war -, Chef bei Serviceplan Public Relations und Bestseller-Autor ist es so: Wir trafen uns in der „Brasserie“, wo früher früher das Achenbach-Restaurant Monkeys mit dem überdimensional großen Kunstwerk Foto vom Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Struth an der Wand hing. Jetzt ist dort die „Brasserie“, die zur Gastronomie-Kette „Alex“ gehört und es sieht dort aus wie in einem Restaurant in Paris.

Frank Behrendt in der „Brasserie“ beim Alex in Düsseldorf

 

Das Mantra der effizienzbesessenen Arbeitswelt: Weg mit allem Privaten

„Für einen wie mich, der – eingerahmt von Pappfiguren mit dem Abbild von Captain Kirk und Mr. Spock vom legendären Raumschiff Enterprise – am Schreibtisch sitzt und auf dessen Tisch Cowboy- und Indianerfiguren und Matchboxautos stehen, klingt das Mantra der effizienzbesessenen Arbeitswelt-von-Morgen-Gestalter bizarr: Keine privaten Dinge mehr am Arbeitsplatz, alles soll transparent, flexibel nutzbar und clean sein. Alles was relevant ist, gehört digitalisiert und schwebt in der Cloud.

 

Als sei den Mensch nie dagewesen

Und der Arbeitsfaktor Mensch, soll – solange er noch nicht von Robotern ersetzt werden kann – unabgelenkt an einem Norm-Arbeitsplatz vor sich hin werkeln und diesen am Abend so verlassen, als sei er nie dagewesen. Am nächsten Morgen stöpselt er sich wieder anderswo ein, eben da, wo gerade ein uniformer Arbeitsplatz frei ist.

Natürlich verstehe ich die Grundidee dieses Ansatzes, allein schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Und die Zeiten, in denen jeder sein Einzelbüro hatte, das er wie einen Außenposten seines Zuhauses betrachtete und das während Urlaub oder Krankheit einfach unbenutzt auf seine Rückkehr wartete, sind ohnehin definitiv vorbei.

Und sie kommen auch nicht wieder, was nicht schlimm ist. Aber ein gewisses Maß an Personality, an persönlichem Abdruck im Office, darf es aus meiner Sicht schon geben, auch in der modernen durchgetakteten Arbeitswelt.

 

Kontrapunkte in den Maschinenräumen

Bei meinen Vorträgen treffe ich oft erstaunliche junge Unternehmer, die Dinge bewusst ganz anders machen, als es die neueste Arbeitslehre eigentlich empfiehlt. Oft kommt es mir sogar so vor, als ob diese jungen Chefs, die zwar alle auf der digitalen Welle reiten, bewusst einen Kontrapunkt in ihren Maschinenräumen setzen wollen, um denen, die für den Erfolg der Unternehmung sorgen, die Arbeitswelt so zu machen, wie sie ihnen besonders gut gefällt.

Hähnchenbrustfilet vom Grill mit Reis und Wok-Gemüse in der „Brasserie“

 

Ein Unternehmen mit einer „Mutter der Kompanie“

In Münster berichtete mir kürzlich eine ältere Dame, dass sie als Mini-Jobberin in einer Spedition als „Mutter der Kompanie“ tätig ist. Ihr Job: Inmitten von High Tech und jungen dynamischen Machern: Mit Herz für gute Stimmung sorgen und dazu gehört, auch schon mal Teilchen mitzubringen. Mit den Kollegen sprechen. Das macht sie. Für den Chef ist es eine Win-Win-Situation. Die rüstige Rentnerin hat eine Aufgabe, die Mitarbeiter lieben sie wie ein Maskottchen und die Stimmung ist gut wie nie.

 

Menschen, die sich wohl fühlen, arbeiten besser

Die Zahlen sind es auch. Ich behaupte mal keck, da gibt es durchaus einen Zusammenhang. Menschen die sich wohl fühlen, arbeiten besser. Die Idee kam dem cleveren Inhaber übrigens im Kino. „Besser geht´s nicht“ heißt der Streifen, mit dem wunderbaren Robert de Niro als Seniorpraktikant Ben in der Hauptrolle. Was zunächst als CSR-Aktion, als gesellschaftliche Verantwortung, gedacht war, wurde später zu einem absoluten Glücksgriff. Denn Ben konnte anfangs zwar nicht einmal eine E-Mail schreiben, aber er hatte etwas, was alle anderen in dem quirligen Fashion-start-up nicht hatten: Lebenserfahrung. Und die setzte er ein. Zum Wohl der Company.

 

„Wenn es der Firma gut geht, soll es allen gut gehen“ – wider den Partikularinteressen

Ein anderer junger Chef berichtete mir, dass er damit aufgehört hat, individuelle Boni für Teilziele einzelner Mitarbeiter zu zahlen. Das würde nur zum Durchsetzen von Partikularinteressen führen – und ein echtes Miteinander gar nicht zulassen. Stattdessen gibt es – je nach Erfolg des Geschäftsjahrs – ein oder zwei Gehälter für jeden, on Top. Vom Prokuristen bis zum Hausmeister. „Wenn es der Firma gut geht, soll es allen gut gehen“, sagt der Chef und fährt extrem gut damit.

 

Barbie und Ken im Konferenzraum – ein Setzkasten als Spiegelbild der Crew

Besonders viel Freude hatte ich als altes Spielkind kürzlich an einer Unternehmerin, die mir ein Foto präsentierte. Es zeigte einen Schrank im Konferenzraum ihrer Firma, der an einen übergroßen Setzkasten erinnerte. In jedes Fach hat ein Mitarbeiter etwas aus seinem persönlichen Kosmos gepackt, das mit ihm zu tun hat. Von früheren persönlichen Kinderspielzeugen, über Lieblingsbücher und Bierkrüge bis hin zu Autogrammkarten von Fußballspielern ist alles dabei. „Der Konfi ist das Spiegelbild unserer Crew“, sagt die Chefin. Und Bewerber bekommen beim Gespräch direkt einen Eindruck, mit wem sie es möglicherweise zu tun haben könnten. Einer hat kürzlich gefragt, zu welcher Mitarbeiterin denn die Barbie und Ken-Puppen im Schrank gehörten: „Der Chefin selbst“, wie sie mir laut lachend gestand.

 

Frank Behrendts Schreibtisch

 

Bei Clean-Desk-Policy gibt’s auch keine netten Kollegen-Zettelchen mehr

Meinen – mit Spielzeug aus meiner Kindheit und Jugend verschönerten – Schreibtisch darf übrigens jeder nutzen wenn ich nicht da bin. So lassen sich effiziente Arbeitsplatznutzung und Individualität sehr gut miteinander verbinden. Als ich letzte Woche nach einer Dienstreise wieder an meinen neuen Schreibtisch im Kölner Haus der Kommunikation kam, lag auf meinem Tisch ein Duplo-Riegel mit einem Post-it-Zettel. „Lieber Frank, es war herrlich, bei dir im Wilden Westen zu arbeiten, ich reite bald wieder vorbei“. Am leeren Standard-Arbeitsplatz wird man so einen netten Zettel von Kollegen wohl nicht vorfinden. Aber der wäre ohnehin verboten im Zuge einer strikten Clean-Desk-Policy…

 

 

 

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