Wagner pilgert in der Toskana (3): Aufmerksamkeit will gelernt sein. Ein Top-Manager im Sabbatical. Exklusiv im Management-Blog

Wagner pilgert in der Toskana (3. und letzte Folge) –  Aufmerksamkeit will gelernt sein – und geübt

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Top-Manger Thomas P. Wagner war rund sechs Jahre CEO von Dorma, einem Hidden Champion und dem Weltmarktführer für Schließtechnik. Das Familienunternehmen sitzt in Ennepetal am Rand des Ruhrgebiets, mitten im Grünen. Vorher war Wagner Chef des Aufzugherstellers Otis in Berlin und Moskau. Doch jetzt macht der Wirtschaftsingenieur eine Karriere-Pause. Anlass war die Fusion von Dorma mit Kaba, einer Schweizer Unternehmensgruppe aus der Sicherheitsindustrie – denn die bedeutete auch für ihn persönlich eine Zäsur: Nach 20 Jahren als Manager will er ein paar Monate innehalten. Sein erster Trip war eine Pilgerreise auf der Via Francigena in Italien in der Toskana.

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Exklusiv für den Management-Blog führte Thomas P. Wagner ein Tagebuch: 

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Langsamkeit will gelernt sein … um am Ende anzukommen

Langsam sein, um anzukommen? Wie geht das denn? Hat das Sinn? Wir alle sind im Alltag dauernd so schnell unterwegs. Die Digitale Transformation scheint dieses Tempo immer weiter zu beschleunigen. Pilgern dagegen ist das absolute Gegenteil, eine bewusste Entschleunigung.

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Mich ins Gras zu setzen und den vorbeiziehenden Wolken zuzusehen – wann habe ich das zuletzt gemacht? Ich kann mich nicht einmal erinnern.

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Die pure Wohltat: Das kühle Fußbad im Dorfbrunnen 

Das Wunderbare am Via Francigena hier in Italien ist definitiv diese wundervolle Landschaft, die einsamen Wege, die tollen Begegnungen.

Nicht ganz so wunderbar sind die Beschilderungen an so manchen Orten. Sie waren, sagen wir mal, missverständlich angebracht. Manchmal fehlten sie auch ganz. Oder ihre letzte Kontrolle und Instandsetzung war schon länger her. Aber vielleicht gehört j auch das dazu. Schließlich ist alles, was wir an Italien so lieben, die Lockerheit und das nicht so Perfekte, auch auf meiner Pilgerroute anzutreffen.

 

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Es ist wie im Leben, wie immer und überall. Es ist nicht immer alles so perfekt und genau damit müssen wir lernen, umzugehen. Auch das hat mich der Pilgerweg gelehrt.

Auf dem Weg in Richtung Sienna habe ich mich total verlaufen. Ich war völlig in Gedanken versunken, unterwegs auf einem tollen Weg, der fast schon einem Dschungel ähnelte. Keine Menschenseele war mir in den vergangenen zwei Stunden begegnet und ich genoss es, eins zu sein mit der Natur. Nur, dass sich mein Weg irgendwann zu einem kleinen Trampelpfad entwickelte und ich erst nach langer Zeit wieder auf eine kleine Straße kam.

Ich hatte lange nicht mehr an die Zeichen gedacht, die mir den Weg weisen sollten. Genau genommen war ich ziemlich unaufmerksam unterwegs. Irgendwann stellte ich fest – es tauchte kein einziges Zeichen mehr auf. Irgendwann musste ich mich aber entscheiden, links oder rechts – und siehe da nach ungefähr einem Kilometer stiess ich endlich wieder auf einen Hinweis auf die Pilgerroute. Nur sah das Zeichen völlig anders aus als die vorherigen. Aber ich war froh, überhaupt eins gefunden zu haben und wanderte weiter.

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Nach drei bis vier Kilometern kam mir das Ganze dann doch merkwürdig vor. Ich nahm mein Smartphone mit der Karten-App und stellte fest, dass ich schon weit weg von meiner Pilgerroute war. Da war ich dankbar für die Technologie und wie sehr sie mir geholfen hatte. Nun ging es schnellen Schrittes zurück zur Route. Runtastic zeigte dunkelgrün, das bedeutete eine hohe Laufgeschwindigkeit. Irgendwann kam zurück auf meine Route mit den vertrauten Hinweisschildern. Meine Entspannung kam zurück und ich überlegte, wie mir das passieren konnte.

Insoweit war dies eins meiner ersten nachhaltigen Erlebnisse zum Thema Geschwindigkeit. Meine Runtastic-App war ja eigentlich dazu bestimmt, mich als Sportler anzuspornen. Zu immer neuen Höchstleistungen. Sie diente mir ja zunächst nur als Höchstgeschwindigkeitskontrolle. Doch wie phantastisch die digitale Technologie doch ist, wurde mir nun klar: die Technik dieser Navigationsapp hatte mich sozusagen gerettet, weil ich darauf erkennen konnte, wie sehr und wohin ich mich auf dem Weg nach Sienna wirklich verlaufen hatte. Dass Technik Fluch wie Segen sein kann, je nachdem wie sie eingesetzt wird, wurde mir an dieser App in dieser vertrackten Lage so richtig klar.

 

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Heute war ich einfach wieder zu schnell, und vor allem zu unaufmerksam. Zeit zum Nachdenken hatte ich ja genug. Und mir wurde klar: Aufmerksamkeit will gelernt und geübt sein. Dass ich dafür zum Pilgern gehen musste? Offenbar. Auf jeden Fall bin ich dankbar für diese kleine Lektion des Lebens.

 

Am späten Abend kam ich dann endlich doch noch in Sienna an. Ich hatte tolle Streckenabschnitte erlebt und das sehr bewusst.  Mein Bier am Abend habe ich wahrlich genossen.

 

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Nicht ganz so genussvoll, sehr spärlich gradezu war der frühe Morgen danach in meiner Pilgerherberge das Frühstück um sechs Uhr: Mit Keksen, Kaffee und einem großen Glas Wasser. Aber ich fand es herrlich, dieses einfache und bewusste Leben.

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In den nächsten Tagen führte mich mein Pilgerweg über einen sehr alten Streckenabschnitt. Ein alter Römerweg. Ich war unglaublich beeindruckt und ich überlegte, was unsere Generation wohl dieser Welt hinterlassen würde.

Den Rest des Tages dachte ich darüber nach und stellte mir die härtesten Fragen: was ist der eigentliche Zweck meines Lebens? Was hinterlasse ich persönlich als Mensch? Es begann eine lange Auseinandersetzung mit mir selbst und sie hält noch heute an.

Das Pilgern als bewusste Auszeit vom Managerdasein war ein wesentliches Element meines Sabbaticals, das ich nicht mehr missen möchte.

 

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Am 24.Tag hatte ich es nach 550 Kilometer Pilgern dann an einem Donnerstag geschafft: Ich erreichte Rom und bekam meinen letzten Stempel, den des Vatikans. Das Pilgern als bewusste Auszeit vom Managerdasein war ein wesentliches Element meines Sabbaticals, das ich nicht mehr missen möchte. Ich erreichte nach einer langen und sehr anstrengenden Tagesroute Rom. Die bisher überwiegend wundervollen, oft romantischen Pilgerrouten waren auf den letzten Kilometern nicht mehr schöne Alleen und Feldwege. Stattdessen stark befahrene Autostraßen mit Lärm, Gestank und Stress.

Willkommen zurück in der Zivilisation. Es war, als hätte man mich auf einem wunderbaren Traum rüde geweckt. Da nutzte ich nach dreieinhalb Wochen wieder mal mein iPhone, packte die Kopfhörer aus und hörte italienische Balladen. Trotz der vielen Autos um mich herum fand ich nun wieder diese Ruhe des Pilgern, dieses Innehalten. Ich reflektierte auf den letzten Kilometern, was ich erlebt hatte und was es mit mir gemacht hatte.

 

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Vermutlich hatte ich wieder dieses Strahlen im Gesicht, was ich bis zum Petersplatz wohl nicht mehr abgelegt hatte. Aber dann ist man plötzlich da, auf dem heiligen Platz, bei herrlichem Sonnenschein. Kann das Leben schöner sein?

Eigentlich wollte ich nur diesen besonderen Ort genießen, aber es fehlte noch der letzte Stempel in meinem Pilgerausweis, der schon richtig bunt mit den vielen Stempeln der Herbergen. Dieses Papier wird auch noch in vielen Jahre eine große Geschichte erzählen können. Mein Pilger-Reiseführer schrieb, dass man diesen letzten Stempel im Vatikan erhalten kann. Mit dem Ausweis und diesem letzten Stempel bekäme man dort auch die Pilgerurkunde. Ich ging zum Dom, fragte die Zivilbediensteten, doch niemand wusste davon. Alle schickten mich weg zur nahe gelegenen Pilgerverwaltung.

Doch das wollte ich jetzt wirklich genau wissen. Hatte mein Pilgerführer recht, der den Vatikan angibt oder ist es nur dieses belanglose Verwaltungsgebäude? Ich fragte mich im Dom durch und immer wieder sagte mir ‚wissen wir nicht, aber fragen Sie mal bei den Kollegen da vorne‘. Bis ich plötzlich in der Sakristei des Vatikan stand, tief beeindruckt. Nach etlichen Kontrollen war ich im tiefsten Inneren des Vatikans angekommen und war der einzige Pilger – umgeben von Kirchendienern, Priestern und sogar einem Bischof, der sich gerade auf seine Predigt vorbereitete. Auch ich konnte mich dieser Wirkung nicht entziehen, der Vatikan ist ein ganz besonderer Ort. Und jetzt endlich bekam ich hier auch meinen letzten Stempel, den vom Vatikans. Und habe auch diese wunderschöne Pilgerurkunde. Ich war stolz, glücklich, es geschafft zu haben – und konnte es kaum abwarten, die Erlebnisse mit meiner Familie und meinen Freunden zu teilen. Und jetzt auch ein paar Tage später mit Ihnen, liebe Leser.

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Hier die ersten beiden Folgen:

Wagner pilgert in der Toskana (1) – Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein Top-Manager legt ein Sabbatical ein. Exklusiv im Management-Blog

Wagner pilgert in der Toskana (2): Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein Top-Manager legt ein Sabbatical ein. Exklusiv im Management-Blog

 

 

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Alle Kommentare [2]

  1. Vielen Dank, lieber Herr Wagner, dass Sie die Via Francigena für sich entdeckt und einen so motivierenden Reisebericht darüber verfasst haben. Ihre Beschreibungen haben mich jedenfalls dazu veranlasst, meinen Plan zu ändern und nicht den Jakobsweg zu begehen. Stattdessen werde ich demnächst von Lausanne aus nach Rom pilgern, um Abstand von meinem bisherigen Job zu gewinnen und den Kopf frei zu bekommen für das, was das Leben sonst noch für mich bereithalten könnte. Die Via Francigena scheint genau der richtige Weg für mein Vorhaben zu sein.

  2. Das ist toll zu hören – Sie werden den Pilgerweg Via Francigena genießen, Zeit für sich selbst zu haben, Zeit für Reflektionen und Zeit zum Auftanken. …. und natürlich zwei wundervolle Länder durchqueren.