Wagner pilgert in der Toskana (2): Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein Top-Manager legt ein Sabbatical ein. Exklusiv im Management-Blog

Wagner pilgert in der Toskana (2) –  Warum der Weg doch das Ziel ist

Top-Manger Thomas P. Wagner war rund sechs Jahre CEO von Dorma, einem Hidden Champion und dem Weltmarktführer für Schließtechnik. Das Familienunternehmen sitzt in Ennepetal am Rand des Ruhrgebiets, mitten im Grünen. Vorher war Wagner Chef des Aufzugherstellers Otis in Berlin und Moskau. Doch jetzt macht der Wirtschaftsingenieur eine Karriere-Pause. Anlass war die Fusion von Dorma mit Kaba, einer Schweizer Unternehmensgruppe aus der Sicherheitsindustrie – denn die bedeutete auch für ihn persönlich eine Zäsur: Nach 20 Jahren als Manager will er ein paar Monate innehalten. Sein erster Trip war eine Pilgerreise auf der Via Francigena in Italien in der Toskana.

Exklusiv für den Management-Blog führte Thomas P. Wagner ein Tagebuch: 
.

wagneri-4

Wie viele Kilometer kann man an einem Tag zurücklegen mit zwölf Kilo Gepäck auf dem Rücken, der einen oder anderen Blase am Fuß und das ganze bei 30 Grad Celsius? Bei – herrlichem, aber schweißtreibenden – Sonnenschein? 15, 20, 25, 30, 35 oder gar 40 Kilometer? Sicher, können tu ich das alles. Von 15 bis 40 Kilometern. Aber die Frage ist: Was will ich eigentlich? Über diese Frage grübelte ich seit meinem ersten Pilgertag als ich in Pisa gelandet war.

.

Gibt man das bei Google Maps ein, beträgt die Strecke nur 323 Kilometer, aber die Pilgerroute führt kreuz und quer durch diese wunderbare Landschaft und die Orte, deren namen wie Musik in den Ohren von Italien-Liebhabern klingen. Lucca, Pisa, San Miniato, Gambassi Terme, Pancole, San Gimignano, Monteriggione, Cole di Val. D Elsa, Buonconvento, an Montalcino vorbei, Siena, Bagno Vignoni, Radicofani, Bolsena, Viterbo, Formello, Monte Mario und dann am Ende zum Ziel, nach Rom.

.

So eine Strecke lässt sich in 15 oder auch 30 Tagen absolvieren. Ich habe am Ende dreieinhalb Wochen gebraucht. Ich war glücklich, dass ich während der Pilgerwanderung bald meine Geschwindigkeit reduziert habe. ‚Schnellste Route’ wie in meinem Firmenwagen gespeichert, ersetze ich durch ‚Schönste Route’ – so eine Funktion suche ich noch vergebens in den Navigationssystemen der Moderne.

.

wagner-pilgern-d

 

 

Als Manager musste ich immer schnell, möglichst produktiv und effizient zu sein. Und mit dieser Haltung war ich auch gestartet in Pisa  – mit meiner Sportapp Runtastic, die mir ständig mein Tempo ansagte. In Rot, Gelb und Grün signalisierte sie meine Performance. Ich könnte mich auch mit anderen Pilgern messen, die schöne neue digitale Welt.

 

Immer wieder identifizierte meine App Reserven, es geht immer noch schneller. Das war mein gewohnter Manager-Rhythmus, meine Art, zu Denken und zu Handeln.

 

wagner-pilgern4

 

An einem Tag war ich so schnell an meiner angestrebten nächsten Pilgerstation, dass ich erst mal überlegen musste. Und nun? Ich habe mich schließlich mit einem kühlen Bier belohnt. Das war schön, aber trotzdem fragte ich mich: Was will ich? Weiter so schnell? Warum sollte ich das eigentlich tun, dämmerte es mir.

 

 

 

 

wagner-bierfoto2-neu

Nein, ab diesem Tag hatte ich beschlossen, meine App anders zu nutzen. Nicht mehr immer schneller, immer schneller. Ich wollte eine Maximalgeschwindigkwit von fünf Stundenkilometern einhalten.

Mir wurde einiges klar: Ich brauchte eine andere Perspektive das Pilgern. Den Blick für den Weg, das intensive Erleben meiner Umwelt und vor allem Zeit für Selbstgespräche. Eine neue Welt eröffnete sich mir – nur eine kleine Veränderung hat manchmal eine große Wirkung. In der Theorie ist das alles klar, aber in der Tat und im Erleben machte es den großen Unterschied.

Diese wundervollen Wege, manchmal waren sie fast zugewachsene Pfade. Sie führten durch frische Wälder, ich vernahm das Zwitschern der Vögel, hörte das Rauschen der Bäche, den Wind durch die Felder. Ich sah fleißige Ameisen am Wegesrand, andere Pilger vor mir, die ihre Wegmarkierungen hinterlassen haben. Ein kleines Kloster am Wegrand war allzu einladend, ebenso wie der Weinbauer, dessen Hinweisschild zur Einkehr unübersehbar war. So langsam schärften sich meine Sinne – an das frühere Tempo dachte ich gar nicht mehr. Der köstliche Cappuccino im Café, die Stimmen der spielenden Kinder vor ihrer Schule, an der ich vorüber pilgerte.

 

wagner-pilgern-6

 

Alles nahm ich inzwischen intensiv wahr, was ich früher übersehen hätte. Und überhört.

wagner-pfad-foto2-neu

 

Mir wurde klar: Diese neue Wahrnehmung fühlte sich gut an. Vermutlich dachte sich der eine oder andere, der mir begegnete: Was ist das für ein merkwürdiger Pilger, der so oft vor sich hingrinst?

 

 

wagner-pilgern-8

 

 

Das Ankommen war ab jetzt anders. Plötzlich konnte ich auch die Pilgerrituale genießen, die mir zu Beginn etwas zu religiös erschienen. Eine Fußwaschung nach einem Tagesmarsch war auf einmal etwas ganz besonderes.
wagner-emblem-folge2

 

Ich entwickelte Demut für all die Menschen, die sich dem Dienst an der Sache, den Mitmenschen, der Kirche verschrieben haben. Mein großer Respekt und Anerkennung gilt diesen aufopferungsvollen Menschen. Ab jetzt war der Weg selbst das Ziel.

 

wagner-pilgern9

 

….mit vielen Stationen. Wann immer ich meine Tagesetappe geschafft, mein nächstes Ziel erreicht hatte, musste ich mir erst mal einen Schlafplatz, ein Bett sichern.

 

wagner-herbergenbett

 

Manche Abende mit anderen Pilgern werde ich nie vergessen: wir aßen und tranken zusammen – und vor allem haben wir zusammen gesungen. Es war wunderbar.

 

wagnerfolge2feierrunde

 

 

 

 

K%c3%b6nige%20der%20Blogosph%c3%a4re

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*



Alle Kommentare [2]

  1. Respekt, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Dann kann der Jakobsweg ja kommen. Auf nach Santiago de Compostela.