Frauenquote DAX30: Und wenn dann Frauen im Aufsichtsrat ankommen, werden sie da ausgegrenzt

„Die gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote für Aufsichtsräte ist fast erfüllt“, sagt Christine Stimpel, Headhunterin  und Partnerin der US-Personalberatung Heidrick & Struggles aus Chicago:  Wenn die Hauptversammlungen der DAX30-Konzerne beendet sind, besetzen 74 Frauen die 260 Aufsichtsratspositionen auf der Arbeitgeberbank, recht eine Studie von Heidrick & Struggles vor. Vonovia etwa wartet mit vier Frauen im Aufsichtsrat auf, weitere 14 DAX-Konzerne kommen auf je drei Aufsichtsrätinnen. Nur ein Unternehmen – HeidelbergCement – kann nur eine einzige Frau im Kontrollgremium auf der Arbeitgeberseite vorweisen. VW kam ausgerechnet das männerdominierte Land Katar zu Hilfe beim Erfüllen der Frauenquote und besetzte einen seiner beiden Aufsichtsratssitze mit der Ingenieurin Hessa Al-Jaber

 

Von Freiwilligkeit bei den DAX30 keine Spur

Simone Kämpfer, Wirtschaftsstrafrechtlerin bei tdwe

Simone Kämpfer, Wirtschaftsstrafrechtlerin bei tdwe

Freiwillig geschah dieser Frauen-Schub ohnehin nicht: Es sei augenfällig, dass die Unternehmen nur ihrer gesetzlichen Pflicht nachkämen, so Headhunterin Stimpel, die selbst Aufsichtsräteposten vermittelt. Sie sähe „noch bei keinem Unternehmen den Willen, mehr zu tun als das vom Gesetzgeber geforderte Minimum an weiblichen Aufsichtsräten zu erfüllen.“ Geschweige denn, dass eine Frau an der Spitze eines Aufsichtsrats gelänge – einzige Ausnahme: Der Chemiekonzern Henkel mit Simone Bagel-Trah, die jedoch nicht von außen kommt, sondern gleichzeitig zum Henkel-Familienclan gehört.

 

Im Aufsichtsrat werden Frauen dann geschickt ausgegrenzt

 

„Und wenn Frauen in Aufsichtsräte kommen, werden sie in der Praxis oft außen vor gehalten, indem sie beispielsweise nicht in wichtige Ausschüsse aufgenommen werden“, so die Beobachtung von Wirtschaftstrafanwältin Simone Kämpfer aus der Düsseldorfer Top-Kanzlei Thomas Deckers Wehner Elsner tdwe, die auch selbst als Aufsichtsrätin tätig ist. Die wichtigen Entscheidungen fallen dann wieder wie gehabt ohne die Frauen.

 

Bloß kein Risiko eingehen und eine Frau selbst befördern

Stimpels Kritik an den Unternehmen: Viel zu oft schielen die Entscheider beim Besetzen der Aufsichtsräte mit Frauen nur nach denen, die schon andere Mandate oder bereits Vorstandserfahrung haben. Um möglichst kein Risiko einzugehen. Außerhalb der Industrie zu suchen, behage ihnen nicht, so die Personalexpertin. Dabei könne man qualifizierte Kandidatinnen durchaus auch in Hochschulen, Verbänden oder der Beratungsbranche finden.

 

Jedes zweite Unternehmen installiert – gesetzeswidrig – keine Aufsichtsrat

Würden die Unternehmen ihre Gesetzespflichten ordentlich erfüllen, stünden karrierewilligen Frauen doppelt so viele Aufsichtsratsposten zur Verfügung. Walter Bayer, Professor an der Universität Jena vom Institut für Rechtstatsachenforschung zum Deutschen und Europäischen Unternehmensrecht, hat errechnet: Von den GmbH´s, die gesetzlich verpflichtet sind, einen Aufsichtsrat zu installieren, kommen dieser Pflicht nicht einmal die Hälfte nach: 56 Prozent sparen sich von vorn herein den Aufsichtsrat samt Arbeitnehmermitbestimmung und Frauenbeteiligung.

 

Wer sich dagegen auflehnen könnte? „Betriebsräte oder eine Gruppe von

Kristina Klaaßen, M&A-Anwältin bei Linklaters

Kristina Klaaßen, M&A-Anwältin bei Linklaters

Arbeitnehmern können bei Gericht ein Statusverfahren auf Einrichtung oder korrekte Besetzung des Aufsichtsrats einleiten, wenn er in ihrem Unternehmen fehlt oder keine Arbeitnehmer darin sitzen, obwohl die magische Grenze von 500 Mitarbeitern überschritten ist,“ sagt Kristina Klaaßen, Gesellschaftsrechtlerin bei der Kanzlei Linklaters. Aber die scheint dieser Mißstand bislang jedenfalls auch nicht sonderlich zu stören.

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Sehr geehrte Frau Tödtmann,
    das Aufsichtsgremium sollte sich immer aus Personen zusammensetzen, die vor allem zukünftigen Hürden gewachsen sind. Dabei sollte das Geschlecht idealerweise keine Rolle spielen.
    Erwähnenswert ist die Tatsache, dass viele Unternehmen gerne unabhängige und besonders erfahrene Persönlichkeiten aus ähnlichen Unternehmen in den Aufsichtsrat wählen.
    Mittlerweile gibt es Experten und Berater, die sich beruflich auf die Besetzung eines adäquaten Aufsichtsrat spezialisiert haben: http://www.board-experts.de/aufsichtsrat-finden.html

    Das breitet den Wettbewerb natürlich deutlich aus.
    Die Reputation ist die wichtigste Grundlage für die Aufnahme in einen Aufsichtsrat. Dabei darf normalerweise nicht im Voraus nach Geschlecht sortiert werden!
    Ein sehr interessanter und gut zusammengefasster Beitrag!