Chinas Städter leben fast alle in abgeriegelten Arealen – Stadtsoziologe Hassenpflug über Chinas Megastädte

Stadtsoziologe Dieter Hassenpflug, Professor für Soziologie und Sozialgeschichte der Stadt, hat bei der Daimler und Benz Stiftung im Kundencenter Werk Bremen eine Vortrag am 1. März 2016 gehalten zu dem Thema: „Der Körper des Drachen – Chinas Megastädte aus interkultureller Perspektive“. Patricia Piekenbrock von der Stiftung hat für die Management-Blog-Leser den Vortrag zusammengefasst: 

Dieter Hassenpflug

Dieter Hassenpflug

 

 „Eine chinesische Stadt unterscheidet sich fundamental von einer europäischen. Sie ist eine Stadt urbaner Dörfer“, sagt der Stadtsoziologe Dieter Hassenpflug. „Probleme beim Städtebau zwischen den Kontinenten entstehen aus einem Mangel an interkultureller Sensibilität.“

Der Urbanisierungsgrad in China beträgt über 50 Prozent. Problematisch sei laut Hassenpflug das enorme Wachstum: Täglich würden etwa 35 Dörfer von den wachsenden Städten geschluckt. Inzwischen gibt es über 100 chinesische Millionenstädte, davon sogar zehn mit mehr als zehn Millionen Einwohnern – einschließlich Arbeitsmigranten ohne festen Wohnsitz und den Umweltproblemen, die diese rasante Verstädterung mit sich bringt.

Hypergrotwh Arbeitsmigranten buddeln Fundierungschächte für einen modernen Wolkenkratzer.

Hypergrotwh Arbeitsmigranten buddeln Fundierungschächte für einen modernen Wolkenkratzer.

 

 

Abgeriegelte Wohnquartiere

Etwa 96 Prozent der registrierten chinesischen Stadtbewohner wohnen in geschlossenen Nachbarschaften mit mehreren Tausend Menschen. Die Wohnquartiere sind abgeriegelt, umzäunt und durch Sicherheitsdienste geschützt. Um hinein zu gelangen, muss man ein bewachtes Tor passieren – oft mit Schlagbaum, Rollgitter und Videokameras gesichert.

 

Thammes Town „Kulissenstadt“: Der Nachbau einer britischen Stadt wird in China ausschließlich für Inszenierungen im offenen Raum genutzt.

Thammes Town „Kulissenstadt“: Der Nachbau einer britischen Stadt wird in China ausschließlich für Inszenierungen im offenen Raum genutzt.

Das Bild der großen Weltmacht

Die städtischen Siedlungen in China sind grundsätzlich nach Süden ausgerichtet und haben eigene Nachbarschaftshöfe. Sie tragen eine von außen klar erkennbare, architektonische Marke und sind von Nahversorgungszeilen mit Geschäften umschlossen. Öffentlich sind in den Städten lediglich die Verkehrsinfrastruktur mit großen Straßen, kommerzielle Räume und erhabene Plätze politischen oder spirituellen Charakters. Dabei geht es – so  Hassenpflug – vor allem auch um die Vermittlung des Bildes einer großen Weltmacht.

 

In der Öffentlichkeit Wäsche aufhängen und Tanzen unter Brücken

„Wo in Europa das Modell einer offenen Stadt mit einer klaren Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum vorherrscht, ist diese Beziehung in China unklar“, erläutert Hassenpflug. So würde der geringe offene Stadtraum oft als eine Art Reservefläche genutzt: öffentliche Flächen zum Wäsche aufhängen, den Bürgersteig zum Taxifahren oder Plätze unter Brücken und vor Bürogebäuden für spontanes Tanzen.

 

Ausgeprägter Familiensinn

Dem europäischen Individualismus steht der chinesische Kollektivismus mit ausgeprägtem Familiensinn gegenüber. Die kulturellen Gegensätze zwischen den Städten Europas und Chinas ließen europäische Stadtplaner in China bereits scheitern: Es gelang ihnen nicht, das Ideal einer offenen Stadt in den 2.000 Jahre alten Kulturraum Chinas zu übertragen.

 

Als die drei größten Probleme erweisen sich dabei, dass offener und geschlossener Stadtraum nicht unterschieden sind, dass es keine Nachbarschaftshöfe gab und zu wenig Wohnungen mit Südorientierung. Hassenpflug resümierte: „Wir sollten offen sein, interkulturell voneinander zu lernen.“ Man könne viel Soziales aus der Art und Weise herauslesen, wie Menschen ihren Wohnraum gestalten.

 

 

Hintergrundinfo: Hassenpflugs Vortrag bildete die Auftaktveranstaltung zur neuen Vortragsreihe „Mensch, Umwelt, Technik“ der Daimler und Benz Stiftung im Kundencenter des Mercedes-Benz-Werks in Bremen. Zielsetzung der Stiftung ist es, neben der Förderung von Grundlagenforschung gesellschaftsrelevante wissenschaftliche Themen in den öffentlichen Diskurs zu bringen.

 Link zum Audio-Video-Podcast: https://www.youtube.com/watch?v=BHc8Dm7hxdw

Mehr von Dieter Hassenpflug: 

http://www.awhamburg.de/fileadmin/redakteure/HassenpflugBildmaterial.pdf

Copyright Fotos: Dieter Hassenpflug

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Alle Kommentare [1]

  1. Die abgeriegelten Wohnquartiere sind mir in China auch aufgefallen. Jeder, der auch nur ein bisschen Geld hat, scheint sich in China mit Mauern umgeben zu wollen. Allerdings ist die Bewachung in den meisten Fällen deutlich weniger streng als man meinen würde. Wenn man nicht gerade aussieht wie ein Bettler, wird man in der Regel durchgewunken. Bei „Langnasen“ erwarten die Wachleute meistens ohnehin nicht, dass sie eine Antwort auf die Frage „Wo willst Du hin“ bekommen …

    Bei der Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum habe ich 2 etwas gegensätzliche Beobachtungen gemacht:
    a) Chinesen nutzen öffentlichen Raum wie privaten: Wäsche und Verkaufsstände auf dem Gehsteig; Getreide, das auf dem Pannenstreifen der Autobahn trocknet usw.
    b) Öffentlicher Raum und Gemeinschaftseigentum werden zwar genutzt, aber nicht instand gehalten (außer teilweise durch den Staat). Wenn man dort eine Familie besucht, kann es sein, dass man sie zunächst bedauert, in was für einem Loch sie wohnen: Schmutzige und vergitterte Fassaden; abgelaufene, dreckige und zugestellte Treppen; Flure ohne Licht. (Wer in China das Treppenhaus putzt, wird schon mit Unverständnis angesehen.) Und dann betritt man die Wohnung: Marmorboden, Echtholz-Türrahmen, moderne Einrichtung, alles blitzblank geputzt. In Deutschland erlebt man das eher andersrum …