Mitarbeiterzufriedenheit: Immer ungeliebtere Konzerne, geschätzte Familienunternehmen

Die Mitarbeiterzufriedenheit in den Konzernen sinkt, belegt eine Studie von der Fachhochschule Augsburg und Boris Gloger Consulting, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt

 

Konzerne verlieren als Arbeitgeber immer mehr an Strahlkraft. Jedenfalls bei denjenigen, die schon länger im Berufsleben sind. Sind in Familienunternehmen immerhin 75 Prozent der Befragten zufrieden oder sehr zufrieden, so sagen dies bei den Konzernen nur noch 65 Prozent der Fach- und Führungskräfte. „Dieser Unterschied ist signifikant, denn noch immer gelten die Großkonzerne als die beliebtesten Arbeitgeber – in der Praxis sind sie aber zu Verwaltungsburgen verkommen“, urteilt Unternehmensberater Boris Gloger aus Baden-Baden, Chef von Boris Gloger Consulting. Er hat zusammen mit dem Lehrstuhl der Wirtschaftsprofessorin Erika Regnet von der Hochschule Augsburg eine Befragung von 389 Fach- und Führungskräften über 40 Jahren – quer durch alle Branchen und in allen Unternehmensgrößen – durchgeführt, die den Konzernen diese sinkende Mitarbeiterzufriedenheit attestiert.

Gloger.Boris Gloger April 15 (4)

 

Wenn Kollegen nur als Konkurrenten gesehen werden

Zum Beispiel die Sorge um den Arbeitsplatz und das langfristige Denken ist in den Konzernen stärker gestiegen als in Familienunternehmen. 50 Prozent der Befragten bestätigen, dass sie die Arbeitsplatzsicherheit heute als viel geringer einschätzten als vor zehn Jahren. Auch die Konkurrenz der Mitarbeiter untereinander ist im selben Zeitraum erheblich gestiegen. Das eine hängt mit dem anderen zusammen: Wer die drohende Arbeitslosigkeit – zumal als über 40-Jähriger – permanent vor Augen hat, sieht in Kollegen irgendwann eher Konkurrenten als Mitstreiter.

Der Grund dürften die hohen Entlassungszahlen und ewigen Restrukturierungen der vergangenen Jahre sein, die in den meisten Unternehmen zur Daueransage geworden sind. Erholsame Routine gibt es nicht mehr.

 

Meeting-Wahn und taktische Spielchen sorgen nur für Frust und Angst

Hinzu kommt: „In Konzernen nehmen taktische Spielchen und Meeting-Wahn überhand“, beobachtet Consultant Gloger. Die üble Folge für die Großunternehmen: „Führungskräfte entfremden sich immer weiter von ihren Teams, was für bei den Mitarbeitern für Angst und Frust sorgt“, so Gloger weiter.

 

 

schuerenIn Familienunternehmen dagegen ticken die Uhren ohnehin anders. Die Eigentümer denken in 15-Jahreszeiträumen statt in Quartalen wie die Konzerne, vergleicht Andreas Schüren, Partner und Unternehmensberater bei Ebner Stolz, einem der größten Beratungshäuser in Deutschland. Familienunternehmen seien zudem weniger von Hierarchien geprägt und arbeiteten stärker ergebnisorientiert, ergänzt Managementberater Gloger: „Das führt alles in allem zu mehr Zufriedenheit bei den hochmotivierten Fach- und Führungskräften.“

 

Kollektives Schweigen zu Dummheiten – aus Angst um die eigene Karriere

Die Untersuchung im Detail: Auch Ergebnisdruck und Stress sind signifikant angestiegen, wogegen sie bei Familienunternehmen konstant geblieben sind. Gloger analysiert: Ergebnisdruck wie Stress sind subjektive Kriterien, die jeder individuell wahrnimmt und die aus Unsicherheit wie Angst entstehen. Im Unternehmensalltag läuft es dann so ab: „Statt Managern unternehmerischen Freiraum zu geben, wo auch Fehler vorkommen dürfen, werden Projekte in endlosen Meetings kollektiv totgequatscht“, beobachtet der Baden-Badener Berater. Das Schlimmste aber daran ist: Alle wissen genau, dass dies der falsche Weg ist – aber alle machen mit aus Angst um die eigene Karriere.

 

Die klaffende Lücke zwischen Managern und Belegschaft 

Zwischen der Manager-Ebene und der Belegschaft klafft – so die Untersuchung – eine riesige Lücke. Bestes Indiz: Im wahren Leben gibt es kaum Berührungspunkte zwischen Managern und Teams. „Aus Angst, menschlich und mit allen Unzulänglichkeiten wahrgenommen zu werden, meiden Führungskräfte den Kontakt mit ihren Mitarbeitern außerhalb der beruflichen Sphäre“, kritisiert Gloger.

 

Junge, eingebildete Leute mit Vorurteilen und unwissend

Das Betriebsklima und die Motivation weiter schädigen dürfte eine neue Sichtweise auf Jüngere im Vergleich zu erfahreneren Mitarbeitern. Ein Generationenkonflikt sei absehbar. Der Jugendwahn, den die Unternehmen schon lange Jahre bei ihrem Einstellungsverhalten pflegen, hat nun dafür gesorgt, dass sich die Jungen überschätzen und für besonders ehrgeizig motiviert und innovativ halten.

Sie sehen die Erfahrenen unter den Kollegen nicht mehr als Vorbild an, sondern belegen sie mit Klischees wie „unnachgiebig, beharrend und konservativ“, so die Untersuchung. Das aber, weil sie auf Vorurteile hereinfallen und tatsächlich nicht wissen, wie die ältere Generation arbeitet, glaubt Managementberater Gloger.

 

Mehr Mitarbeiterzufriedenheit, mehr Arbeitsfähigkeit

Würden die Unternehmen mehr Wert auf die Mitarbeiterzufriedenheit legen, würden sie mit signifikant höherer Arbeitsfähigkeit belohnt, so die Studie. Denn 80 Prozent der befragten Führungskräfte schätzen ihre Arbeitsfähigkeit als sehr gut bis gut ein – egal ob sie eher 40 oder eher 60 Jahre alt sind.

 

Die hochmotivierten Alten

Mit dieser Erkenntnis stehen Gloger und die Hochschule Augsburg auch nicht alleine da. Die internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (zuvor Ernst & Young) hat erst vor kurzem einer Umfrage mit Valid Research unter 2212 Arbeitnehmern durchgeführt und festgestellt: 40 Prozent der Mitarbeiter ab 61 Jahren sind mit Feuereifer dabei und hoch motiviert. Zufrieden mit ihrem Job und unmotiviert seien dagegen die Jüngeren unter 30 Jahren. http://blog.wiwo.de/management/2015/09/14/ey-umfrage-altere-sind-motivierter-als-jungere-und-frauen-sind-motivierter-als-manner-auch-wenn-sie-weniger-verdienen/

 

Der Wunschzettel der Manager an die Unternehmen

Welche unerfüllten Wünsche die Manager haben? Mehr Freiraum, mehr Verantwortung sowie eine Mentorenfunktion, besagt die Studie von Gloger und der Hochschule Augsburg. Und hier wird die Absurdität endgültig erkennbar: Denn eigentlich sollte sich genau das doch jedes Unternehmen auch von seinen Führungskräften wünschen.

 

Lesehinweise:

GPRA-Vertrauensindex zum Mißtrauen der Mitarbeiter gegenüber ihren Unternehmen:

http://blog.wiwo.de/management/2015/07/14/exklusiv-auswertung-gpra-vertrauensindex-wer-hat-angst-vor-dem-eigenen-unternehmen-die-grose-mehrheit/

 

 

Gallup-Umfrage 2015 zum Arbeitshaltung der allermeisten Mitarbeiter: Nur pünktlich sein und niemandem schaden

http://blog.wiwo.de/management/2015/03/11/gallup-studie-zu-mitarbeiter-engagement-die-meisten-schieben-nur-dienst-nach-vorschrift-hinter-ihrem-unternehmen-stehen-sie-nicht/

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Alle Kommentare [2]

  1. Der Artikel stimmt leider mit meiner Erfahrung in Industriekonzernen überein. Verwaltete Konzerne haben nur wenig mit Unternehmertum gemeinsam. Das managen von Risiken und die strikte Konzentration auf Meetings, Status und Fehler verhindert wirkungsvoll jegliche Chancenverwertung. Ohnehin verlassen gute Business Professionals klassische Industriekonzerne derzeitig in Scharen in Richtung modern geführter Firmen der New-Economy. Zum Glück haben wir die freie Wahl unseres Arbeitgebers.

  2. Ihren Artikel kann ich bestätigen. Unsinnige Meetings, halb durchdachte Projekte unter extremen Zeitdruck und viel zu knapp kalkuliert. Es ist einfach nur noch Wahnsinn und das setzt der Gesundheit zu.