Reichtumsforschung: Buchauszug aus „Reich werden und bleiben“

Buchauszug aus „Reich werden und reich bleiben“ exklusiv im „Management-Blog“ von Rainer Zitelmann, Immobilienexperte, Ex-Redakteur der „Welt“ und Autor mehrerer Bücher. 

 

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„Reich werden und bleiben“, Rainer Zitelmann,  FinanzBuch Verlag München, Juni 2015, 256 Seiten, 21,99 Euro:  https://www.m-vg.de/finanzbuchverlag/shop/article/3660-reich-werden-und-bleiben/

 

 

Was ist überhaupt Reichtum? Wer sollte als »Reicher« bezeichnet werden? Es gibt viele Definitionen. Manche davon beziehen auch Aspekte ein, die nichts mit dem Einkommen oder dem Vermögen eines Menschen zu tun haben, so etwa »Gesundheit« oder »politischer Einfluss«. Obwohl man natürlich sagen kann, eine Person sei »einflussreich« oder »reich an Gesundheit«, trägt eine solche Ausweitung des Reichtumsbegriffs eher zur Verwirrung als zur Klarheit bei.

 

Wann ist ein Mensch reich?

Auf die Frage, was sie unter »Reichtum« verstehen, antworten die Deutschen:

 

»Sich im Alter keine Sorgen machen zu müssen.« (87 Prozent)

»Vollkommen unabhängig von staatlicher Absicherung zu sein.«(76 Prozent)

»Sich jederzeit alles leisten können, was man will.« (75 Prozent)

»Ausschließlich von Vermögenserträgen leben können, ohne arbeiten zu müssen.« (70 Prozent)

 

Einige dieser Aussagen sind sehr schwammig: Wann muss sich ein Mensch »keine Sorgen machen«? Und was heißt es, dass man sich jederzeit »alles leisten kann, was man will«? Das ist sehr subjektiv. Von Mensch zu Mensch unterscheiden sich die Antworten auf diese Fragen erheblich.

Konkreter fassbar ist die Antwort, dass reich derjenige ist, der ausschließlich von seinen Vermögenserträgen leben kann, ohne arbeiten zu müssen. Doch auch bei dieser Begriffsbestimmung bedarf es einer Konkretisierung. Es lohnt sich, einen Moment genauer darüber nachzudenken: Wird hier unterstellt, dass das einmal erworbene Vermögen nicht angetastet wird, oder aber, dass es sukzessive verbraucht wird? Im zweiten Fall ist sehr viel weniger Vermögen notwendig als im ersten.

 

Von Erträgen leben können

Und was bedeutet es genau, dass man von den Erträgen »leben kann«? Welches Einkommen wird hier zugrunde gelegt? Und welche Verzinsung des Vermögens wird angenommen, um dieses Ziel erreichen zu können? Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Bundesbürgers betrug 2014 brutto 41.000 Euro. Das entspricht nach Steuern und Sozialabgaben einem Nettoeinkommen von 24.000 Euro im Jahr bzw. 2000 Euro im Monat.

 

…mindestens 800.000 Euro auf der hohen Kante

Über wie viel Vermögen muss jemand verfügen, um jährlich nach Steuern 24.000 Euro aus Zinsen zu erzielen? Nehmen wir an, es gelingt, eine Bruttoverzinsung von 4 Prozent zu erzielen. Das ist heute schon sehr anspruchsvoll. Wem dies gelingt, der geht entweder höhere Risiken ein oder verfügt über ein weit überdurchschnittliches finanzielles Know-how. Dennoch wollen wir einmal die 4 Prozent unterstellen. Wenn diese Zinsen der Abgeltungssteuer unterliegen, dann bleiben netto davon noch etwa 3 Prozent übrig. Das heißt, man muss schon 800.000 Euro »auf der hohen Kante« haben, um wenigstens so davon leben zu können wie der Durchschnittsbürger – vorausgesetzt, man tastet das Vermögen nicht an.

Übrigens: Selbst dann, wenn man das Vermögen nicht antastet, wird der Vermögensstock Jahr für Jahr kleiner, und zwar durch die Geldentwertung. Insbesondere nach längeren Zeiträumen macht sich das schmerzlich bemerkbar.

 

Ein Leben auf dem Niveau des Durchschnittsverdieners ist kaum das, was ein »Reicher« als angemessen empfindet. Realistischer ist, dass er es auskömmlich findet, wenn er dreimal so viel im Monat zur Verfügung hat wie der Durchschnittsbürger. In der Reichtumsforschung werden 300 Prozent des Durchschnittseinkommens häufig als Kriterium für »Einkommensreichtum« genannt. Dann muss man über ein Vermögen von 2,4 Millionen Euro verfügen, um monatlich einen Nettoertrag von 6000 Euro zu beziehen.

 

Allerdings wurde hierbei unterstellt, dass es gelingt, eine Bruttoverzinsung von 4 Prozent zu erzielen. Wie wir später sehen werden, gelingt dies leider den wenigsten Immobilienbesitzern, obwohl das (und auch viel mehr) an sich mit Immobilien durchaus möglich ist. Auch mit Aktien sind solche Erträge möglich, aber sie schwanken sehr stark und eignen sich daher nicht ausschließlich für jemanden, der eine stabile Einkommensquelle sucht.

Früher legten Menschen, die nach stabilen Einkommensquellen suchten, ihr Geld in Bundesanleihen an. Mit zehnjährigen Bundesanleihen erzielte man Ende Januar 2015 jedoch nur noch eine Rendite von 0,37 Prozent. Nach Abzug der Abgeltungssteuer bleiben davon noch 0,28 Prozent übrig. Das heißt, wer mit sicheren Anlagen in Bundesanleihen ein monatliches Nettoeinkommen von 2000 Euro erzielen will, muss bereits über ein Nettovermögen von 8,6 Millionen Euro verfügen. Und wer mit Bundesanleihen heute einen Nettoertrag von 6000 Euro im Monat erzielen möchte, der braucht dafür 25,7 Millionen Euro!

 

Vermeintlich große Zahlen täuschen

Diese Überlegungen zeigen, dass man sich durch vermeintlich große Zahlen nicht täuschen lassen sollte. Eine Million Euro klingt für die meisten Menschen nach sehr viel Geld, aber diese Einschätzung relativiert sich, wenn man überlegt, wie viel Einkommen aus Zinsen in sicheren Anlagen man damit erzielen kann. Wer Millionär ist und von den Zinsen leben will, der muss sich darauf einrichten, dass er so lebt wie der Durchschnittsbürger in Deutschland.

Erinnern Sie sich daran, dass drei von vier Deutschen unter »Reichtum« verstehen, dass man »sich jederzeit alles leisten kann, was man will«? Das ist mit einer Million Euro jedenfalls nicht möglich, es sei denn, man braucht das Geld rasch auf – so wie es viele Spitzensportler oder Popmusiker getan haben, über die in der Einleitung berichtet wurde.

 

Der »World Wealth Report«, der regelmäßig von dem Beratungsunternehmen Capgemini und RBC Wealth Management herausgegeben wird, unterscheidet zwischen drei Gruppen von Reichen:

 

Millionaires next Door: Das sind Personen mit einem Nettovermögen zwischen 1 und 5 Millionen Dollar. Davon gibt es weltweit 12,4 Millionen.

Mid-Tier Millionaires: Personen mit einem Nettovermögen zwischen 5 und 30 Millionen Dollar. Davon gibt es weltweit 1,2 Millionen.

Ultra-HNWIs (Ultra-High-Net-Worth-Individuals): Personen mit einem Nettovermögen, das größer als 30 Millionen Dollar ist. Davon gibt es weltweit 128.000.

 

Die meisten Millionäre kommen aus USA, Japan, Deutschland und China

60 Prozent der Millionäre leben in vier Ländern, und zwar in den USA (4 Millionen), in Japan (2,2 Millionen), in Deutschland (1,1 Millionen) und in China (758.000). Zwar gibt es sehr kleine Länder, wie etwa Singapur, wo die Millionärsdichte größer ist (hier kommen 100.000 Millionäre auf 5,4 Millionen Menschen), aber unter den großen Ländern ist die Millionärsdichte nur in Japan noch höher als in Deutschland. In Japan kommen auf 127 Millionen Einwohner 2,2 Millionen Millionäre. In China kommen auf 1,4 Milliarden Menschen 758.000 Millionäre, in Indien auf 1,2 Milliarden Menschen 153.000 Millionäre, in den USA auf 316 Millionen Menschen 4 Millionen Millionäre und in Deutschland auf 81 Millionen Menschen 1,1 Millionen Millionäre, in Russland auf 143 Millionen Menschen 154.000 Millionäre.

 

Natürlich ist die Zahl der Reichen und Ultrareichen nicht einfach zu ermitteln, und deshalb schwanken die Zahlenangaben. Nach dem »Wealth Report 2014« von Knight Frank33 gibt es weltweit 167.000 Personen mit einem Nettovermögen ab 30 Millionen Dollar. Davon lebt fast die Hälfte in vier Ländern, zu denen auch Deutschland gehört: 39.378 leben in den USA, 16.450 in Japan, 11.392 in Deutschland und 10.149 in Großbritannien.

 

Die meisten Milliardäre gibt es in China und Russland

Der Eindruck, den man aus den Medien gewinnt, in Russland, China oder Indien gebe es sehr viel mehr Millionäre und Multimillionäre als in Deutschland, trügt also. Die Zahl der Millionäre ist, trotz der viel kleineren Bevölkerung, in Deutschland sehr viel höher als in Ländern wie China, Indien und Russland. Und dies trifft nicht nur für die »einfachen« Millionäre zu, sondern auch für die Gruppe der sehr Reichen, die über ein Nettovermögen von mindestens 30 Millionen Dollar verfügen. Lediglich bei der Zahl der Milliardäre liegt China deutlich und Russland knapp vor Deutschland (China 179, Russland 92, Deutschland 8134).

 

Diskrete deutsche Millionäre, ungenierte Russen

Der Eindruck, es gebe beispielsweise in Russland sehr viel mehr Millionäre als in Deutschland, mag daher rühren, dass Reiche in Russland ihren Reichtum viel stärker zur Schau stellen als die Superreichen in Deutschland, die in dieser Hinsicht meist sehr zurückhaltend sind.

 

Einkommensmillionäre – Vermögensmillionäre

Neben dem Vermögen ist auch das Einkommen ein Kriterium für Reichtum. Einkommensmillionäre gibt es natürlich sehr viel weniger als Vermögensmillionäre. So kommt auf 80 Vermögensmillionäre in Deutschland nur etwa ein Einkommensmillionär. Die Zahl der Einkommensmillionäre ist in Deutschland, wo keine Vermögenssteuer erhoben wird, sehr viel einfacher zu ermitteln als die der Vermögensmillionäre. 2010 versteuerten 11.025 Deutsche ein Jahreseinkommen von mindestens einer Million Euro, 2.230 zahlten Steuern für 2,5 bis 5 Millionen Euro Einkommen, und 1.314 versteuerten 5 Millionen Euro und mehr.

 

Reich wird, wer viel spart

Neuere Zahlen gibt es nicht. Das Einkommen ist jedoch weniger aussagekräftig für »Reichtum« als das Vermögen, da es sehr viel stärkeren Schwankungen ausgesetzt ist. Und reich wird nicht automatisch derjenige, der viel verdient, sondern derjenige, der von dem, was er verdient, viel spart.

 

Autor Rainer Zitelmann

Autor Rainer Zitelmann

Eine im Jahr 2012 veröffentlichte Studie, die als Dissertation an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam entstanden ist, geht der Frage nach, welche Faktoren dafür entscheidend sind, dass eine Person in Deutschland zu Wohlstand oder gar Reichtum gelangt. Basis der Untersuchung sind 472 Interviews, die im Rahmen der Studie »Vermögen in Deutschland« mit sehr gut verdienenden oder vermögenden Personen geführt wurden. Das Nettovermögen der für diese Studie Befragten betrug durchschnittlich 2,3 Millionen Euro, der mittlere Verteilungswert (Median) 1,4 Millionen Euro.

 

Millionaire next Door

Es geht also nicht um die Superreichen. Sondern es geht um den »Millionaire next Door«, wie der Titel eines bekannten Buches lautet, das sich mit der Reichtumsbildung in den USA befasst. Die Verfasserin der Dissertation beschreibt eine Pyramide des Wohlstands und des Reichtums. Die unterste Ebene – Wohlstand – bilden Haushalte, die doppelt so viel Nettoeinkommen haben wie der Durchschnitt der Bevölkerung, also mit einem Jahresnettoeinkommen von mindestens 54.320 Euro.

 

 

Fragiler und stabiler Reichtum

Danach kommt die mittlere Gruppe, die die Autorin mit »fragiler Reichtum« bezeichnet – das sind Haushalte mit einem Nettovermögen von mindestens 1,2 Millionen Euro. Die oberste Gruppe wird mit dem Begriff »stabiler Reichtum« belegt, sie verfügt über ein Haushalts-Nettovermögen von mindestens 2,4 Millionen Euro.

 

Die meisten Millionäre wurden als Unternehmer reich

Die Studie ist hochinteressant, denn sie zeigt, aus welchen Gründen Menschen in Deutschland vermögend bzw. reich werden. Das wichtigste Ergebnis: Es ist nicht leicht, als Angestellter in abhängiger Beschäftigung reich zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, sehr hohe Erwerbseinkommen zu erzielen, liegt insgesamt für Selbstständige um ein Vielfaches höher als für abhängig Beschäftigte.

Die Studie belegt, dass sich abhängig Beschäftigte schwer tun, ein Vermögen aufzubauen. Für Freiberufler ist es schon eher wahrscheinlich, dass sie zu Reichtum gelangen. Doch ist »vor allem Unternehmertum ein Garant für sehr hohe Vermögen. Die Durchschnittsvermögen steigen enorm mit der Relevanz von Unternehmertum an: Haushalte, die auf diesem Weg reich wurden, haben ein um durchschnittlich 2,5 Millionen höheres Durchschnittsvermögen als Haushalte, in denen dieser Aspekt keine Rolle spielte«.

 

Im »stabilen Reichtum« (nach der Definition der Autorin also Haushalte mit einem Mindest-Nettovermögen von 2,4 Millionen Euro) spielt Unternehmertum eine deutlich wichtigere Rolle als beim »fragilen Reichtum« (also bei Haushalten mit einem Mindest-Nettovermögen von 1,2 Millionen Euro). Die Befragung belegt, dass Haushalte, für die Unternehmertum eine ausschlaggebende Bedeutung für die Bildung von Reichtum hat, eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit haben, im höchsten anstatt im mittleren Reichtumsgrad zu leben.

 

Reichtum entsteht durch Selbständigkeit, nicht bei Angestellten

Wolfgang Lauterbach, Professor an der Universität Potsdam und einer der profiliertesten Reichtumsforscher, kommt in seinen Analysen zu ähnlichen Ergebnissen. Er untersuchte Angehörige der Mittelschicht (Vermögen im Median 160.000 Euro), Affluents (Vermögen im Median 750.000 Euro), HNWIs (Vermögen im Median 3,4 Millionen Euro), die 100 reichsten Deutschen (Vermögen im Median 1,5 Milliarden Euro) sowie die 100 reichsten Menschen der Welt (Vermögen im Median 10,5 Milliarden Euro).

Ein wichtiges Ergebnis: 64,5 Prozent der HNWIs in Deutschland sind Unternehmer. »Empirisch wird sichtbar, dass Reichtum erst durch berufliche Selbstständigkeit ermöglicht wird. Reichtum durch abhängige Beschäftigung entsteht kaum.« Bei den 100 reichsten Deutschen sind 98 Prozent Unternehmer, und bei den 100 reichsten Menschen der Welt sind 95,2 Prozent Unternehmer. »Unternehmertum«, so Lauterbach, »ist notwendig, um außerordentlich vermögend zu werden«

 

…und auch nicht unbedingt durch Erbschaften

Zwar spielen also Erbschaften in Deutschland bei der Reichtumsbildung eine nicht zu unterschätzende Rolle, aber die oben zitierte Dissertation von Böwing-Schmalenbrock zeigt, dass durch Unternehmertum mehr als doppelt so hohe Vermögen generiert werden wie durch Erbschaften oder abhängige Beschäftigung. Dies gilt jedenfalls in der Gruppe der von ihr untersuchten Reichen, die jedoch – wie erwähnt – nicht zu den Superreichen gehören.

 

Abhängige Beschäftigung, also die Arbeit als Angestellter, so das übereinstimmende Ergebnis aller Studien, erweist sich selten als »Reichtumsquelle «. Zwischen Angestellten und Unternehmern stehen die Freiberufler, also Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater usw. Eine freiberufliche Selbstständigkeit »lohnt sich also zwar sehr, um entweder von der Mittelschicht in den Wohlstand oder vom Wohlstand in den fragilen Reichtum aufzusteigen. Um den Zustand des stabilen Reichtums zu erreichen, ist sie allerdings ungeeignet«. Freiberufler haben im Vergleich zu unselbstständig Beschäftigten immerhin eine mehr als 3,5-fache, Unternehmer sogar eine 4,5-fach höhere Wahrscheinlichkeit, wohlhabend zu sein, anstatt »nur« ein überdurchschnittlich hohes Einkommen zu erzielen.

 

Erbschaften, so zeigt Böwing-Schmalenbrock, spielen ebenfalls eine Rolle, aber sie sind bei Weitem nicht so wichtig wie die Erwerbstätigkeit. In mehr als der Hälfte der reichen Haushalte dominiert die Erwerbstätigkeit als Reichtumsquelle gegenüber Erbschaften. Das heißt nicht, dass Erbschaften unwichtig wären. Immerhin ein knappes Drittel der Haushalte schätzte in der Befragung Erbschaften gegenüber der Erwerbstätigkeit als wichtiger ein, und für weitere 13 Prozent sind beide Reichtumsquellen (also Erbschaft und Erwerbstätigkeit) gleich bedeutend.

 

Firmenerben werden reicher als Erben von Geld und Sachwerten

Allerdings zeigt die Autorin auch, dass es stark darauf ankommt, was jemand erbt. Die Wahrscheinlichkeit, reich zu werden, ist viel stärker, wenn man produktives Vermögen (also einen Betrieb) erbt als wenn man Sachwerte oder Geld erbt. Sie spricht in diesem Zusammenhang von geerbter Selbstständigkeit.

 

Bei den Superreichen, also den Milliardären in Deutschland, spielt Erbschaft eine wichtigere Rolle – sowohl im Vergleich zu den »einfachen« Millionären und Multimillionären wie auch im internationalen Vergleich. Durch Arbeit und Selbstständigkeit wurden nur 36 Prozent der reichsten Deutschen reich, so zeigt Wolfgang Lauterbach, während Erbschaft bei 56 Prozent eine Rolle spielte. Weltweit spielte Erbschaft nur in 22,4 Prozent der Fälle eine Rolle, Arbeit und Selbstständigkeit dagegen bei 73 Prozent.

 

 

Das heißt freilich nicht, dass die reichsten Deutschen ihr Vermögen einfach nur geerbt hätten. Einer der reichsten Deutschen ist Dieter Schwarz (Lidl). Dieser übernahm zwar eine regionale Supermarktkette mit 30 Filialen von seinem Vater, aber baute diese zum größten Discounter neben Aldi aus. Die Tradition der Familienbetriebe ist in Deutschland also sehr viel bedeutsamer als in anderen Regionen der Welt. Nach der eigenen Erwerbstätigkeit und Erbschaften spielen vor allem auch Immobilien eine wichtige Rolle bei der Reichtumsbildung.

 

Reiche sind sehr viel offenere Persönlichkeiten

Böwing-Schmalenbrock untersucht in ihrer Dissertation schließlich auch, ob es einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Reichtumsbildung gibt. Was unterscheidet die Persönlichkeit der Reichen von anderen Menschen? Um diese Frage zu beantworten, werden zahlreiche Persönlichkeitsmerkmale untersucht und in Beziehung zum Vermögen der Personen gesetzt.

 

Die wichtigsten Ergebnisse: Reiche Menschen sind sehr viel offener als Personen aus der Mittelschicht. 64 Prozent der Unternehmer bzw. 68 Prozent der Freiberufler sind in besonderem Maße offen für Neues, im Vergleich zu nur 35 Prozent der Personen aus der Mittelschicht.

 

Reiche sind weniger verträglich

Die »Verträglichkeit« mit den Mitmenschen ist dagegen bei Unternehmern geringer ausgeprägt als bei der Mittelschicht. Während 69 Prozent der Personen aus der Mittelschicht als besonders verträglich gelten, sind es bei Unternehmern nur 60 Prozent. Das Umgekehrte gilt dagegen für Angestellte, die überdurchschnittlich gut verdienen: Sie sind deutlich verträglicher – nicht nur als die Unternehmer, sondern auch als die Mittelschicht.

Um Karriere als Angestellter zu machen, muss man also in höherem Maße als der Durchschnitt anpassungsfähig und sozial verträglich sein, während für Unternehmer die Konfliktfähigkeit die wichtigere Eigenschaft ist.

 

Reiche sind doppelt so risikobereit wie Angestellte

Wie nicht anders zu erwarten, haben Reiche auch eine deutlich höhere Risikobereitschaft als die Mittelschicht. Das trifft ganz besonders für Selbstständige zu. Die durchschnittliche Risikobereitschaft bei Geldanlagen ist bei ihnen fast doppelt so hoch wie bei der Mittelschicht. Das verwundert nicht, denn schließlich wird sich niemand selbstständig machen, der extrem risikoavers ist.

 

Reiche Unternehmer  brauchen nicht unbedingt Bildung

Wie wichtig ist Bildung, um reich zu werden? Von den Angestellten, die für die hier zitierte Reichtumsstudie interviewt wurden, hatte etwa jeder so hoch wie – in der gleichen Altersgruppe– für Angehörige der Mittelschicht, von denen nur jeder Fünfte (22 Prozent) studiert hat. Anders ist es bei den Unternehmern. Zwar hatten auch hier mehr Personen studiert als in der Vergleichsgruppe der Mittelschicht (38 Prozent Unternehmer gegen 22 Prozent aus der Mittelschicht), aber der Prozentsatz lag deutlich unter den Angestellten und Freiberuflern. Auch das verwundert nicht. Um Unternehmer zu werden, bedarf es keiner formalen Bildungsvoraussetzungen, für Berufe wie Rechtsanwalt, Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer muss man dagegen studiert haben.

 

Kann man durch Heirat reich werden? Auch diese Frage wurde in der Dissertation untersucht. Die Antwort: ja, als Frau durchaus. 30 Prozent der Frauen, die im Rahmen dieser Studie befragt wurden, sind durch Heirat reich geworden, aber nur 5 Prozent der Männer.

 

Fast alle Reichen arbeiten heute – anders als früher

Die Dissertation von Böwing-Schmalenbrock widerlegt das Vorurteil vom »reichen Müßiggänger«. Fast alle Reichen arbeiten, und die meisten sind reich geworden durch Unternehmertum, Selbstständigkeit oder durch Führungspositionen im Management. Dies gilt auch für die Superreichen im globalen Kontext, wie Chrystia Freeland in ihrer Studie zu diesem Thema zeigt. »Eines der auffälligsten Unterscheidungsmerkmale zu ihren Vorläufern aus dem 19. Jahrhundert ist, … dass es sich bei den heutigen Plutokraten weitgehend um arbeitende Reiche handelt.«

 

Selbst ein Vertreter der historischen Einkommensforschung wie Emmanuel Saez, der sich sehr kritisch über die »wachsende Ungleichheit« äußert, hält es für ein Wesensmerkmal der heutigen Geldelite, dass es sich bei ihnen um »arbeitende Reiche« handelt. Er stellte fest, dass 1916 das reichste Prozent der Amerikaner nur ein Fünftel seines Einkommens aus bezahlter Arbeit bezog; 2004 hatte sich die Zahl auf 60 Prozent verdreifacht. Erbschaften spielen selbst bei der Top-Elite der Milliardäre nicht die entscheidende Rolle.

Das Magazin Forbes verglich 2014 die 400 reichsten Amerikaner danach, wie viele davon ihr Geld geerbt hatten und wie viele »Self-made«-Milliardäre sind, die also ihr Vermögen aus eigener Kraft erarbeitet haben. 1984 hatten noch diejenigen die Liste dominiert, die ihr Geld geerbt hatten. 1994 war das Verhältnis zwischen »reichen Erben« und »Self-made« etwa ausgeglichen. 2014 schließlich war der allergrößte Teil der reichsten Amerikaner »Self-made«.

 

Amerikanische Self-made-Reiche wie Bill Gates, Larry Ellison oder Warren Buffet

Dazu gehören beispielsweise Bill Gates, Gründer von Microsoft (81 Milliarden Dollar), Warren Buffett (67 Milliarden Dollar), Larry Ellison, Gründer von Oracle (50 Milliarden Dollar), Michael Bloomberg, Gründer von Bloomberg TV (35 Milliarden Dollar), Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook (34 Milliarden Dollar), der Immobilienunternehmer Sheldon Adelson (32 Milliarden Dollar), die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin (je 31 Milliarden Dollar) und der Amazon-Gründer Jeff Bezos (30,5 Milliarden Dollar) usw.

Auch auf weiteren Rängen folgen zahlreiche Multimilliardäre, die durch ihre Firmen reich geworden sind, so etwa Phil Knight (Nike), Michael Dell (Dell Computer), Paul Allen (Microsoft) oder Rupert Murdoch (Medien).

 

Unternehmergeist als Antrieb

Sie sehen an den Namen der Unternehmen, durch die diese Männer reich geworden sind, dass es vor allem der Unternehmergeist ist, der Menschen reich macht. Neben den Unternehmensgründern, besonders aus der Computer- und Internetbranche, finden sich auf der Liste der reichsten Amerikaner vor allem Menschen, die in der Finanzindustrie ihr Vermögen gemacht haben, so etwa als Hedgefonds-Manager.

 

Inder wurden reich durch Nähe zur Regierung

Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede, wie beispielsweise Menschen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland einerseits und in Indien, China und Russland andererseits reich geworden sind. Raghuram Rajan, in Indien geboren und heute Professor an der Universität von Chicago, betont, dass es sich bei den meisten Superreichen in Indien eben nicht um Softwarepioniere oder erfinderische Fabrikanten handelt wie bei den Reichen in den USA. Vielmehr seien »zu viele Leute zu reich geworden aufgrund ihrer Nähe zur Regierung … Grundbesitz, natürliche Ressourcen sowie Regierungsaufträge oder staatliche Lizenzen sind eine vorrangige Quelle des Reichtums unserer Milliardäre, und all diese Faktoren hängen vom Staat ab«.

 

Russen profitierten von Nähe zum politischen Machtzentrum

In Russland sind viele Multimillionäre und Multimilliardäre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion reich geworden. Sie waren Gewinner bei der sogenannten Privatisierung, rissen sich dabei riesige Ölgesellschaften und Industriebetriebe unter den Nagel. Anders als in den USA sind es in Russland nicht Erfinder wie Gründer von Google, Microsoft, Amazon, Facebook, Oracle, Starbucks und anderen Unternehmen, die es zu unermesslichem Reichtum gebracht haben, sondern jene, die nahe an den politischen Machtzentren waren und sind.

 

Auch Chinesen wurden reich durch Nähe zur Regierung

Das gilt gleichfalls für China. 2011 hatten die obersten 70 Mitglieder des Nationalen Volkskongresses in China ein Gesamtvermögen von 89,8 Milliarden Dollar.»In einem staatskapitalistischen System wie China ist das Geldverdienen durch Nähe zur Regierung keine Ausnahme von den Regeln oder ihre Verletzung: Es ist die Art, wie das System in Wirklichkeit funktioniert.«

 

In Ländern wie Russland oder China ist es leider schwierig, reich zu werden, wenn man absolut ehrlich ist und alle Steuergesetze einhält. Was in westlichen Ländern ein verbreitetes, aber nicht zutreffendes Vorurteil ist, dass man nämlich Reichtum durch Korruption, Umgehung oder Bruch der Gesetze erlange, ist leider in Ländern wie China oder Russland oftmals zutreffend. In Schauprozessen wurden und werden in diesen Ländern immer wieder sehr reiche Menschen verschiedener Steuervergehen oder der Korruption beschuldigt. In China wurden allein zwischen 2003 und 2011 mindestens 14 chinesische Milliardäre hingerichtet. »Wo alles Eigentum, wenn schon nicht Diebstahl, so doch zumindest die Umgehung von Vorschriften und ein bisschen Bestechung erfordert, ist jeder verwundbar.«

 

Der Schlüssel zum Reichtum in Rechtsstaaten

Seien Sie also froh, dass Sie in einem Land leben, in dem es alles in allem nach den Normen eines Rechtsstaates zugeht und in dem Sie auf ehrliche Weise reich werden können, ohne Gesetze zu brechen, Beamte zu bestechen oder Steuern zu hinterziehen. Zwar gibt es natürlich auch in demokratischen Ländern Menschen, die all dies tun. Und natürlich gibt es auch hier Menschen, die durch kriminelle Machenschaften zu Reichtum gelangt sind. Aber das sind in freien Gesellschaften glücklicherweise die Ausnahmen.

Die Regel ist, dass pfiffige Ideen, harte Arbeit, unternehmerisches Denken und das Erkennen von neuen Kundenbedürfnissen oder die Nutzung von neuen technologischen Möglichkeiten die Basis dafür sind, um in einem Land wie Deutschland oder den Vereinigten Staaten reich zu werden.

 

Sie haben gesehen, eines der Ergebnisse der Reichtumsforschung ist: Die meisten Menschen werden durch Unternehmertum oder durch freiberufliche Selbstständigkeit reich. Wenn das so ist, dann stellt sich für Sie die Frage, ob Sie diesen Schritt wagen sollen.

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Nachtrag Lesetipp: Susanne Klatten, die vermögendste Frau Deutschlands, sagt auf Spiegel.online, Vermögen ist vor allem eine große Aufgabe. „Wenn man Mittel in dieser Höhe hat, muss man sich auch darum kümmern. Das ist ja nichts, was man ausgeben kann“, sagte die BMW-Großaktionärin in einem „Stern“-Gespräch mit dem Buchautor Rüdiger Jungbluth. „Irgendwann hat man ein schönes Haus und ein Ferienhaus, man kann sich gut ernähren und Urlaub machen.“ http://www.spiegel.de/panorama/leute/susanne-klatten-bmw-grossaktionaerin-ueber-ihr-vermoegen-a-1052148.html

http://www.spiegel.de/panorama/leute/susanne-klatten-bmw-grossaktionaerin-ueber-ihr-vermoegen-a-1052148.html

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