WiWo-Top-Kanzleien Compliance-Anwälte: Lukrative Angst

Lukrative Angst (abgedruckt in WiWo 7/2015)

Compliance-Anwälte | Führungskräfte müssen garantieren, dass sich Mitarbeiter an Gesetze und Regeln halten – sonst haften sie. Juristen beschert die Furcht der Manager attraktive Honorare. Juristen verdienen gut an der Furcht vor Schadenersatzklagen.

Stolze 291 Millionen Euro Schadensersatz fordert ThyssenKrupp von seinem Ex-Manager Uwe Sehlbach. Der Konzern verklagte ihn durch zwei Instanzen – bisher erfolglos. Der Spartenchef der Thyssen-Tochter Gft-Gleistechnik war angeblich in das Schienenkartell verwickelt. Die verbotenen Preisabsprachen bescherten dem Konzern 191 Millionen Euro Kartellstrafe wegen verbotener Absprachen und 100 Millionen Euro Schadensersatz für die Deutsche Bahn. Ob der Fall Sehlbach noch vor den Bundesgerichtshof kommt, steht noch nicht fest. Eins signalisiert die Affäre auf jeden Fall: „Es gab eine Zeitenwende, Manager können nicht mehr mit augenzwinkernder Toleranz rechnen“, sagt Thomas Klindt, Compli­ance-Anwalt bei Noerr.

Thomas Klindt, Produktrückrufexperte von Noerr

Thomas Klindt, Produktrückrufexperte von Noerr

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger verabschiedete nach der Affäre eine interne Null-Toleranz-Richtlinie gegen Vergehen von Mitarbeitern. ThyssenKrupp kann heute knapp 400 Compliance-Beauftragte vorweisen, die darauf achten sollen, dass Gesetze und interne Regeln eingehalten werden und niemand aus der Spur läuft.

Compliance ist ein Schreckgespenst für Manager, aber eine sprudelnde Einnahmequelle für Kanzleien. „Der Markt für Compliance ist in den vergangenen zehn Jahren explodiert“, sagt Daniela Seeliger. „Damals kannte kaum einer das Wort, heute traut sich kein Vorstand mehr zu, ohne vernünftiges Compliance-System zurechtzukommen – und setzt es mindestens zweimal im Jahr auf die Tagesordnung“, so die Juristin bei der Kanzlei Linklaters.

Daniela Seeliger, Expertin für Kartellrecht und Partnerin bei Linklaters in Düsseldorf u

Daniela Seeliger, Kartellrechtlerin und Partnerin bei Linklaters

Auswahl in drei Stufen

Ihre Sozietät wurde von einer unabhängigen Jury unter die 25 Top-Compliance-Kanzleien gewählt. Das Verfahren lief in drei Schritten:

# In Datenbankrecherchen und Expertengesprächen wurden 71 Kanzleien und 240 Anwälte ausgewählt, die beim Thema Compliance bereits auf sich aufmerksam gemacht haben.

# Die Namen wurden von 27 Experten führender Kanzleien eingestuft. Ein Urteil über die eigene Kanzlei oder Person war ausgeschlossen.

# Im dritten Schritt bewertete eine Jury 42 Kanzleien, deren Anwälte überdurchschnittlich gut eingestuft wurden, nach drei Kriterien: Erfolg, Erfahrung, Spezialisierung und Stärke des Teams. Die 25 Kanzleien mit den meisten Punkten sind in der Übersicht rechts gelistet.

Compliance-Fälle dominieren aktuell die Wirtschaftsnachrichten (siehe auch Seite 66). So musste die Commerzbank ihren halben Jahresgewinn an US-Behörden überweisen – Mitarbeiter hatten gegen Wirtschaftssanktionen verstoßen. Baukonzern Bilfinger steht unter Korruptionsverdacht, seine Tochterfirma soll vor der WM 2014 brasilianische Politiker bestochen haben, um an Aufträge zu kommen. Die Deutschen-Bank-Prozesse rund um die Pleite des Medienimperiums von Leo Kirch kosteten die Bank 800 Millionen Schadensersatzzahlung – und Jürgen Fitschen, einer der beiden Vorstandschefs, steht wohl bald wegen versuchten Prozessbetrugs vor Gericht.

Geld spielt keine Rolle

Andre´ Szesny

Andre´ Szesny

„Je brenzliger die Lage, desto höher die Honorare für Anwälte, weil es dann nur wenige Spezialisten gibt, die schnell in die Bresche springen können. Für Preisverhandlungen bleibt keine Zeit, es steht zu viel auf dem Spiel“, so André-M. Szesny von Heuking Kühn. In Routinefällen liegen Stundenhonorare für Partner bei 400 bis 600 Euro, manche US-Kanzleien unterbieten die mit 350 Euro. Für angestellte Anwälte rufen die Kanzleien 250 bis 350 Euro auf. Um im Geschäft zu bleiben oder Vorzeige-Mandate zu ergattern, lassen sich Kanzleien auch auf Dumpingpreise bis 190 Euro je Partnerstunde ein, geben Rabatte und akzeptieren Pauschalvereinbarungen. In Sachen Compliance kommen Anwälte jeglicher Fachrichtung zum Einsatz: Arbeits-, Datenschutz- und Wirtschaftsstrafrechtler, aber auch Experten für Kartell-, Produkthaftungs- oder Gesellschaftsrecht. Kartell- und Wirtschaftsstrafrechtler rangieren in der Regel ganz oben.

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Profitable Prävention

Profitabel ist für Kanzleien das Geschäft mit Prävention: Wenn sie, wie Freshfields nach dem Fälschungsskandal beim ADAC Hinweisgebersysteme installieren, wenn sie Mitarbeiterschulungen und Probe-Durchsuchungen veranstalten oder E-Learning-Module für bis zu 60 000 Euro verkaufen. Top-Manager zahlen gut, um wirksame Compliance nachweisen zu können und zum Beispiel keinen Vorwurf von Organisationsverschulden zu riskieren. Die eigene Karriere ist dann, wenn doch mal etwas schiefläuft, meist abgesichert: Der Vorstand hat ja alles in seiner Macht Stehende getan.

 

25 Top-Kanzleien für Compliance
Sozietäten und spezialisierte Anwälte, die sich im Auswahlprozess gut behaupteten
Kanzlei Namen (Spezialgebiete)
AGS Legal Helmut Görling (Compliance-Beratung, Compliance-Strukturen, Schulungen); Jan Kappel (Wirtschaftskriminalität, Organhaftung); Dirk Seiler (Wirtschaftskriminalität, Prävention)
Allen & Overy Hans-Christoph Ihrig (Corporate Governance, Compliance)
Baum Reiter Julius Reiter (Compliance/Datensicherheit, Risikoprävention )
Clifford Chance Marc Besen (Compliance); Heiner Hugger (Wettbewerbsrecht/Compliance)
CMS Hasche Sigle Gerlind Wisskirchen (Arbeitsrecht)
Debevoise & Plimpton Thomas Schürrle (Internationale Ermittlungen)
Dierlamm Alfred Dierlamm (Wirtschaftsstrafrecht, Steuerstrafrecht)
DLA Piper Jürgen Taschke (Wirtschaftskriminalität)
Fieldfisher Christian Bahr (Kartellrecht, Compliance-Beratung)
Freshfields Bruckhaus Deringer Helmut Bergmann (Kartellrecht, Außenhandel, Regulierung); Christian Duve (Compliance-relevante Aspekte bei M&A, interne und behördliche Untersuchungen); Tobias Larisch (Konfliktlösung)
Glade Michel Wirtz Achim Glade (Compliance); Markus Wirtz (Kartellrecht)
Gleiss Lutz Wolfgang Bosch (Gesellschaftsrecht, M&A, Kartellrecht); Martin Raible (Kartellrecht, Energie)
Hengeler Mueller Gerd Krieger (Gesellschaftsrecht); Jochen Vetter (Gesellschaftsrecht, M&A, Compliance)
Heuking Kühn Lüer Wojtek André-M. Szesny (Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, Compliance)
Hogan Lovells Marc Schweda (Kartellrecht, Vergaberecht); Tim Wybitul (Datenschutz bei Compliance-Maßnahmen)
Knierim & Kollegen Thomas C. Knierim (Unternehmensverteidigung, Internal Investigations, Strafrecht)
Linklaters Georg Annuß (Arbeitsrecht, Vorstands- und Geschäftsführerangelegenheiten); Daniela Seeliger, (Kartellrechts-Compliance); Hans-Ulrich Wilsing (M&A)
Luther Robert von Steinau-Steinrück (Arbeitsrecht)
Noerr Thomas Klindt (Produkt-Compliance, Compliance-Management, Risikoprävention, Schadensersatzklagen);  Christian Pelz (Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, Compliance, Internal Investigations)
Oppenhoff & Partner Jürgen Hartung (Risikoanalysen und Strukturierung von internen Compliance-Organisationen, Datenschutz); Günter Seulen (Gesellschaftsrecht, Organhaftung, Compliance-Struktur)
PwC Legal Christoph Hauschka (Gesellschaftsrecht, M&A, Compliance)
Salditt Franz Salditt (Wirtschaftsstrafrecht)
SZA Schilling, Zutt & Anschütz Jochem Reichert (Gesellschafts- und Konzernrecht)
tdwe Thomas, Deckers, Wehnert & Elsner Sven Thomas (Wirtschafts-Steuerstrafrecht, Compliance-Prävention); Anne Wehnert (Strafrecht)
Wessing & Partner Matthias Dann (Strafrecht, Präventions-Krisenberatung); Jürgen Wessing (Korruptions- und Wettbewerbsstrafverfahren, Criminal-Compliance-Beratung)

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Alle Kommentare [2]

  1. Ich danke Ihnen für diesen interessanten Artikel. Je brenzliger die Lage um so höher das Honorar für den Anwalt. Das kann man auch auf kleiner Ebene bestätigen.

  2. Hallo und vielen Dank für den informativen Artikel. Compliance ist ein Schreckgespenst für Manager? Der Anwalt freut sich jedoch darüber. Datenschutz ist und bleibt wichtig. VG Doris