Sprachpapst Wolf Schneider – exklusiv: Auszug aus der Biografie „Hottentottenstottertrottel“ – Das Haifischbecken „Stern“ unter Henri Nannen

Wolf Schneider, Gründer der Henri-Nannen-Schule von Gruner + Jahr und der „Zeit“, hat zu seinem 90. Geburtstag seine Autobiografie „Hottentottenstottertrottel – Mein langes wunderliches Leben“ vorgelegt.

Ein Interview mit Wolf Schneider zu seiner Autobiographie steht auf http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wolf-schneider-interview-ueber-autobiografie-a-1030521.html.

Hier im Management-Blog auf wiwo.de der Buchauszug über Wolf Schneiders Zeit beim „Stern“ als Textchef bei der Journalistenlegende Henri Nannen:

 

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Henri Nannen –  Beim «Wirtschaftswunder-Siegfried»

Herbert Wehner hatte ihn so genannt: den Kraftprotz, Zirkusdirektor, fröhlichen Leuteschinder und Baum von einem Mann! Der Stern-Redaktion stellte er mich mit den Worten vor: ≪Das ist Herr Schneider von der Süddeutschen Zeitung. Er hat noch nie eine Illustrierte von innen gesehen und soll euch allen jetzt endlich mal Ordnung beibringen.≫

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Das Haifischbecken Stern

Das war sein Stil: Den Neuen werfe ich ins ≪Haifischbecken≫. Überlebt er, dann passt er zu uns – wenn nicht, ist es um ihn nicht schade. ≪Sozialdarwinismus≫, nannte das Gerhard Grundler, Ressortleiter Innenpolitik (später Chefredakteur des sozialdemokratischen Vorwärts, dann Leiter des Funkhauses Hamburg des NDR). Ich bekam gleich am ersten Tag den Spruch zu hören: ≪Schon mancher, der hier als Adler angefangen hat, ist als Suppenhuhn geendet.≫ Dann beginne ich eben mit dem Suppenhuhn, dachte ich mir. Es half nicht viel: In meinen 50 Jahren als Angestellter habe ich nie eine so schwierige Zeit erlebt wie mein erstes halbes Jahr im Stern.

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Leichenteile, die aus Nannens Zimmer flogen

In der Hierarchie war ich, als Chef vom Dienst und Textchef, die Nummer 3 – nach Victor Schuller, dem stellvertretenden Chefredakteur und Nannens Gegenpol: einem Menschen von Bildung, Geschmack und Manieren; Nannen dagegen zwar von höchster Intelligenz, aber völlig unbelesen und rabiat dazu. Als der Verlag Schullers 75. Geburtstag feierte, sagte ich in meiner Rede auf ihn: ≪Die Leichenteile, die in lockerer Folge aus Nannens Zimmer flogen, setzte Victor Schuller wieder zu lebendigen Menschen zusammen.≫

Hatte der Darwinismus beim Kampf um den Platz im Heft durchaus seine Meriten (darauf komme ich gleich) – im Umgang mit den Redakteuren war er überflüssig und zuweilen abstoßend.

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Öffentliche Hinrichtungen auf Konferenzen

Als in der täglichen Konferenz ein Neuer auf den ersten Auftrag, den Nannen ihm erteilte, ungeschickt und etwas bockig reagierte, sagte ein Ressortleiter ziemlich laut: ≪Herr Nannen, Sie sehen doch: Herr X passt nicht zu uns.≫ Nannen grinste – und schwieg. Eine öffentliche Hinrichtung. Der Neue ging und kam nie wieder.

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Nannen – ein zu großer Mann, um ein angenehmer Mensch zu sein

Oder der Fall des Hilmar Pabel. Der war einer der bedeutendsten deutschen Fotografen und im Stern der älteste. Den ungeliebten Auftrag, eine Fotoreportage aus dem Vietnam-Fiasko zu liefern, hatte schließlich er übernommen; mit großartigen Bildern wurde er gedruckt und gewann damit ≪internationale Bekanntheit≫. Nun kam er zurück, wohlbehalten, aber ausgezehrt – und natürlich in der Erwartung, mit Dank und Hallo begrüßt zu werden.

Aber Nannen sah nur kurz vom Schreibtisch auf und sagte: ≪Tag, Herr Pabel.≫ Das war’s. Pabel kam zu mir und hatte Tränen in den Augen. Ja: Nannen war ein zu großer Mann, um auch noch ein angenehmer Mensch zu sein. Die ganz Grossen sind das nie: ≪Wer im Lexikon verzeichnet ist, war mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Scheusal, als wer nicht im Lexikon verzeichnet ist≫ –so das Fazit in meiner Weltgeschichte des Ruhmes (≪Die Sieger≫, 1992).

Und woraus speiste sich Nannens bombastischer Erfolg? Zunächst aus seiner erstaunlichen Witterung. Erstens dafür, was die Leute wirklich lesen wollten, und wie sie es lesen wollten.

Zweitens dafür, wie man es schafft, dass sie etwas lesen, was sie vielleicht nicht hatten lesen wollen. Drittens dafür, was sie übermorgen gern lesen wurden. Davon nämlich haben sie selber keine Ahnung, Umfragen sind hoffnungslos – anbieten muss man es ihnen! (Eingedenk der klassischen Allensbach-Erhebung von 1955, im dritten Jahr nach Einführung des Fernsehens in Deutschland: ≪Haben Sie die Absicht, sich irgendwann einen Fernsehapparat zu kaufen?≫ Nein!, antwortete ein Drittel.) So also betrieb Nannen ab 1961 die Politisierung des Sterns, um die kein einziger Leser ihn gebeten hatte.

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Nannens berserkerhafte Entschlossenheit

Zu solchem Erschnuppern und Erahnen kam brillantes Handwerk (da habe ich von ihm so viel gelernt wie von keinem sonst) und die berserkerhafte Entschlossenheit, dies permanent von allen Redakteuren zu erzwingen (das übernahm ich später in meine Journalistenschule). Wie da um den Leser gerungen wurde, wie engagiert und mit welchem Raffinement der Mittel: Das war für den Neuling von der Süddeutschen Zeitung die grösste Überraschung – und gelegentlich ein Anlass, den Hochmut, mit dem er aus München verabschiedet worden war, gegen die Hochmutigen zu kehren.

Gerungen zum Beispiel darum, dass Bilder, Überschrift und Vorspann alles tun, um den flüchtigen Blätterer zu animieren, er möge zu lesen beginnen; und dass der erste Satz des Textes vor allem die Einladung ausspricht: Lies auch den zweiten! Und der zweite: Lies auch den dritten! Wer nur blättert und nicht liest, ist in einer Viertelstunde fertig und kauft den Stern nie wieder.

Wolf Schneider

Wolf Schneider, Gründer der Henri-Nannen-Schule

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Abkanzelungen unter Zeugen

Ein drastisches Lehrstück über dieses Lebenselixier der Zeitschrift führte Nannen in meiner Gegenwart mit einem Redakteur auf, der ihn für die Vorab-Lektüre eines zehnseitigen Manuskripts gewonnen hatte. Er hörte nach einer Minute auf, rief den Redakteur zurück und sagte barsch: ≪Ihr Manuskript taugt nichts.≫ Der Redakteur, entgeistert: ≪Aber Sie können doch die zehn Seiten unmöglich schon gelesen haben!≫ Nannen: ≪Nein, ich habe im dritten Absatz aufgehört.≫ Der Redakteur: ≪Aber ich musste doch im dritten Absatz …≫ Darauf Nannen mit Donnerstimme: ≪Das erzählen Sie mal unseren zehn Millionen Lesern, was Sie im dritten Absatz mussten! Gehen Sie raus.≫

Wer diese Abkanzelung unter Zeugen widerlich fände, dem wäre schwer zu widersprechen. Nur dass die brutale Form dazu diente, dem Autor eine Lehre zu erteilen, die er zum Segen des Sterns nie mehr vergessen sollte, so wenig wie ich, der Ohrenzeuge: Für einen dritten Absatz, der den Leser aus dem Text wirft, weil er ihn langweilt oder irritiert, gilt keine Entschuldigung der Welt; der vierte Absatz und alle folgenden, ob drei oder dreißig, waren ja dann umsonst geschrieben.

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Die Redaktion als Hochdruckkessel – lustvoll beheizt

So war die Redaktion ein Hochdruckkessel, den Nannen lustvoll beheizte – geliebt, gefürchtet und gehasst, in jäher Folge oder zur gleichen Zeit; eitel, unberechenbar, ungerecht und großartig.

Für Verstöße oder Schlampereien konnte man öffentlich von ihm angeschrien werden, und das geschah oft und mit vernichtender Wirkung: Die Allmacht hatte er, das Recht setzte er, und noch im Gebrüll verwendete er mit klangvoller Stimme korrekte Konjunktive.

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Über 200 Redakteure – gelockt mit doppeltem Gehalt

Zum stürmischen Erfolg des Sterns trug schließlich bei, dass Nannen aus dem Vollen schöpfen konnte wie kein anderer Chefredakteur in Deutschland: mehr als 200 Redakteure, von ihm nach Gusto zusammengekauft und mit doppeltem Gehalt gelockt.

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Vorgaben wie Planstellen-Zahlen? Nicht mit Henri Nannen

Planstellen? Die wagte keiner der drei Verleger von Gruner+Jahr ihrem Goldesel vorzuschreiben. Und so wurde Woche für Woche das Dreifache dessen produziert, was im Stern erscheinen konnte. ≪Aus dem, was wir wegschmeißen≫, brüstete sich die Redaktion, ≪konnten wir leicht Deutschlands zweitbeste Illustrierte machen.≫

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Überproduktion der Heftmischung zuliebe – eine Kette von Überraschungen

Die schiere Verschwendung jedoch war die Überproduktion nicht. Vor allem diente sie der Mischung, und das war das Zauberwort. Jedes Heft brauchte männliche und weibliche Themen, Politik und Klatsch, Schwarzbrot und Vanille, große Optik und süffige Lesestücke – und dies in mutwilligem Wechsel, um den zunächst vielleicht gelangweilten Blätterer durch eine Kette von Überraschungen zu faszinieren. Ein Schlachtschiff wollen wir sein, das aus allen Rohren feuert – aber doch bitte so, dass die Leser ihren Stern als den vertrauten Musikdampfer genießen können!

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Die Stern-Redaktion zwischen Übereifer und Desorganisation

Ein Quantum Überproduktion also war bei solchen Grundsatzen unerlässlich (wenn auch weniger davon, als die Redaktion zwischen Übereifer und Desorganisation hervorbrachte): Denn aus jeder der sieben Kisten, in die Nannen greifen wollte, musste er mehrere erstklassige Stücke zaubern können, und das jeweils schwächere Stuck wurde eben nicht gedruckt.

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Die Ressortleiter waren wie Fischmarktverkäufer

Seine Entscheidungen fällte er in der allwöchentlichen ≪Strukturkonferenz≫. Die war sein Freudenfest und Darwins große Stunde. Die Ressortleiter hatten ihre fertigen oder fast fertigen Geschichten vorzustellen. Um den knappen Platz kämpften sie mit Feuer, mit List und nicht selten mit den Mitteln eines Fischmarktverkäufers.

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Wut und Ohnmachtsgefühle

Hart gearbeitet haben und trotzdem nichts ins Heft bringen – das gab Wut und Ohnmachtsgefühle; noch schlimmer, wenn ein Ressort von Nannen getadelt wurde, weil es drei Wochen lang nicht im Stern vertreten gewesen war (obwohl doch zu erheblichen Teilen eben Nannen für die Nichtvertretung haftete).

Egon Vacek, Ressortleiter Außenpolitik, geriet über seine Niederlage bei einer dieser Schlachten so in Wut, dass er aus dem Konferenzzimmer stampfte und die Tür hinter sich zudonnerte – nicht ohne dem versammelten Gremium zugeschrien zu haben: ≪Für mich seid ihr alle Arschlöcher!≫ Nannen also auch. Der grinste und beschied den Chefgraphiker: ≪Na ja, tun Sie’s rein, er hat gut gekämpft.≫

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Nero Nannen war durch nichts zu beleidigen

Gut gekämpft! Als hätte Nero im Zirkus dem Kampf zwischen Christen und Löwen zugesehen – wer immer wen fraß, der Kaiser amüsierte sich. Zugunsten Nannens lässt sich immerhin sagen: Er hatte Sportsgeist und war durch nichts zu beleidigen; er spürte, dass ihm da vielleicht doch eine ziemlich gute Geschichte durch die Lappen gehen konnte, wenn einer derart rabiat für sie focht; und in Vaceks Wutausbruch würdigte er im Übrigen jenes Engagement, von dem der Stern schließlich lebte.

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Der Stern hatte doppelt so viel Auflage wie der Spiegel – der Trost im schlimmen ersten halben Jahr

Ja, es war aufregend, beim Stern zu sein, seine Auflage war doppelt so hoch wie die des Spiegels, 16-Jährige lauerten jeden Donnerstag auf ihn, er war das heißeste Medium deutscher Sprache, und an internationaler Geltung hatte er Paris Match und Life überholt. Das war mein Trost in diesem schlimmen ersten halben Jahr.

Ein anderer: die Freunde, die wir bald gewannen; darunter Egon Vacek und seine weltläufige amerikanische Frau. Herzlich ging es zu bei einer Weihnachtsfeier im Familienkreis: Der Verleger John Jahr lud uns 1967 ein in sein reetgedecktes Haus an der Alsterkrugchaussee. Die Gastgeberin, Grande Dame, begrüsste uns wie alte Freunde, und beeindruckt waren wir von der Unbefangenheit, mit der ihre 26-jährige Tochter Angelika ein altes Weihnachtsgedicht vortrug.

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Die entscheidungsfreudige und gradlinige Angelika Jahr

Als diese Angelika 1972 die von ihr entwickelte Gruner+Jahr- Zeitschrift Essen und Trinken als Chefredakteurin übernahm, wurde natürlich getuschelt in den Büros über die Karrieren von Verlegertochtern, und wie lange sie es wohl machen wurde. Nun, sie machte es bis 1991, sie machte es gut, und dann fiel sie die Treppe hinauf: Chefredakteurin auch noch von Schöner Wohnen wurde sie und 1994 die Herausgeberin aller acht sogenannten Lifestyle-Zeitschriften des Verlags. Wie sie das schaffe, mit zwei Kindern noch dazu, wurde sie gefragt. Sie sei diszipliniert, entscheidungsfreudig und geradeheraus, sagte sie. Ich erlebte sie stets ansprechbar und immer gut gelaunt.

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Die Redakteure trauerten den Jahrs viel Redakteure nach

Im Jahr 2000 ruckte Angelika Jahr in den Gruner+Jahr-Vorstand auf; 2008 wechselte sie in den Aufsichtsrat. Bis zuletzt hielt sie die Fahne des Journalismus hoch gegen den Mehrheitseigner, den Riesen Bertelsmann, und als die Familie Jahr 2014 ihre bis dahin gehaltene Sperrminorität an eben jenen Riesen verkaufte, trauerten viele Redakteure den Jahrs nach; der Angelika am meisten.

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Die großen Reportagen im Stern

Wie man große Politik macht mit schönen Bildern und einer grandiosen Idee, das hatte der Stern 1967 mit seiner Reportage aus dem alten Städtchen Grünberg in Niederschlesien bewiesen, das nun Zielona Gora hieß. Nichts, das lässt sich behaupten, hat der Ostpolitik der späteren Regierung Brandt/Scheel so nachhaltig den Boden bereiten helfen wie diese Reportage. Was war ausgerechnet an Grünberg so aufregend? Dass die Deutschen, die dort an der Hauptstraße gewohnt hatten, und die Polen, die nun in den alten deutschen Hausern wohnten, vorgestellt wurden in Wort und Bild, mit ihren Freuden und ihren Sorgen.

Politik machen mit Menschen – statt mit Leitartikeln

Und siehe: Alle waren mehr oder weniger zufrieden, auch die alten Grünberger in Bremen, Mönchengladbach oder Rüdesheim, und zurück wollten sie höchstens als Besucher. Und waren das nicht nette Leute, diese Polen, die meisten einst von Deutschen geschunden und dann von Russen verjagt, und nun lachten sie in die Kamera mit ihren vielen Kindern! Fast die Halfte aller Bewohner von Zielona Gora war schon hier geboren. Und was genoss mindestens diese Halfte selbstverständlich? Heimatrecht – nach der Definition der deutschen Vertriebenenverbände! So macht man Politik, predigte Nannen: nicht mit Leitartikeln, sondern mit Menschen und Geschichten; und recht hatte er.

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Redaktionsalltag beim Stern: schwierig und undurchschaubar

Der Redaktionsalltag blieb bei alldem schwierig und schwer durchschaubar – nicht nur für Neuankömmlinge. Keine zentrale Planung und Erfassung, bis ich sie mühsam erkämpfte. Viele Manuskripte durchlöchert von der Verifikationsabteilung mit ihren 25 000 Büchern, umgeschrieben vom Ressortleiter, vom Textchef (also mir) kritisiert, manchmal von Nannen in schöpferischem Wahnsinn durch den Wolf gedreht.

Dazu die quälenden Zeitabläufe: Dicke Hefte wurden in drei oder vier Produkten von verschiedenem Aktualitätsgrad hergestellt, über zwei, ja drei Wochen verteilt, häufig mit der Wirkung, dass der Redakteur die Folge einer Serie früher liefern musste als die zweite Folge – und dass das fertige Heft ziemlich spät eintrudelte, wahrend wir längst an den beiden nächsten bastelten.

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Keine Karriere für Heimgeher

Dazu der versaute Feierabend: um 19 Uhr nach Hause gehen, wie bei der Zeitung, weil die Fernausgabe fertig ist? Nicht doch! Theaterkarten? Auf eigenes Risiko! Man blieb, weil eine Überschrift noch nicht dreifach abgesegnet war. Weil bei Sekt Ideen sprudelten, die der Stern durchaus brauchen konnte. Und weil die Heimgeher wenig Chancen hatten, in den engeren Zirkel aufzusteigen.

Das größte Problem für alte Zeitungshasen aber blieb die Aktualität. Zur Hälfte knüpfte der Stern an aktuelle Ereignisse an – immer zwei Tage nach den Tageszeitungen, drei nach dem Fernsehen; günstigenfalls, wenn nämlich das Ereignis am Montag stattfand, dem letzten Tag der Redaktionsarbeit am nächsten Heft. Also konnte der Stern nur bestehen, indem er anders war und auf irgendeinem Feld auch besser: weil er die einzigen Fotos hatte oder die besten, weil ihm die verblüffende Perspektive eingefallen war, weil er die bohrende Recherche, die brillante Reportage bot oder das feurige Resümee. Einfach zu reagieren auf Reden, Verlautbarungen, Debatten, Premieren, Meisterschaften, Katastrophen – wovon die Tageszeitung vollständig leben kann:

Das hält eine Zeitschrift niemals über Wasser. Eine so ungewohnte Art zu denken, ein so zahes Ringen um die perfekte Form, ein so phantasievolles Anarbeiten gegen die Entbehrlichkeit des Produkts: das hat mancher namhafte Zeitungsjournalist nicht gemocht oder nicht verstanden; Herbert Riehl-Heyse, Starautor der Süddeutschen Zeitung, zerbrach später daran nach vier Monaten als Ko-Chefredakteur.

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Wolf Schneider als berechenbarer Textchef – das nützliche Gegenteil von Nannen

Als ich die Strukturen endlich durchschaut und die Organisation ein wenig gestrafft hatte, begannen etliche der Haifische mich zu respektieren: Nun ja, ein bisschen Ordnung schadet nicht, und in einem Punkt ist dieser Schneider ein nützliches Gegenteil von Nannen: Er ist berechenbar.

Auch feixten die Konferenzteilnehmer, dass da einer war, der es dem Nannen rhetorisch heimzahlte. Themenvorschlag Nannen: ≪Wir müssen endlich mal was machen über die Verlogenheit, die da in Bonn ausgebrochen ist!≫ Kommentar Schneider: ≪Herr Nannen, die Verlogenheit ist so alt wie die Demokratie – mindestens 2500 Jahre. In Bonn ist überhaupt nichts ausgebrochen. Sie haben nur was gemerkt. Und nun wollen Sie Ihr privates Aha-Erlebnis als Zäsur der Weltgeschichte unter die Leute bringen.≫

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Wer arrogant ist, kann nicht gekränkt werden

So was steckte Nannen lachend weg. Das ist ja das Schöne an Menschen mit gewachsener, solider Arroganz: Sie zu kränken ist unmöglich. Der Status, den ich auf solche Weise erworben hatte, machte mich freilich zur Hassfigur der linken Meinungsführer in der Redaktion. Sie sympathisierten mit der Studentenbewegung, die 1966 in Westberlin entstanden war, der Außerparlamentarischen Opposition, wie sie sich nannte. Die kämpfte gegen die USA und ihren Krieg in Vietnam, gegen die Bullen, die Professoren, die Bildzeitung und das ganze verrottete Establishment – für Karl Marx, Herbert Marcuse, Che Guevara und Ho Chi Minh, für sexuelle Befreiung und eine schlechthin bessere Welt. Sie randalierte und schrie ≪Enteignet Springer≫. Das deutsche Bürgertum war entsetzt. Es war die Zeit, in der der holländische Knabe Heintje die deutschen Schlagerparaden eroberte.

Zum Wortführer der APO machte sich im Stern Heiner Bremer (1986 einer der vielen Stern-Chefredakteure nach Nannen – 1989 kurioserweise Axel Springers Pressesprecher). Auf sein Betreiben lud Nannen Rudi Dutschke ein, den Vormann der APO; er dozierte über ≪den repressiven und manipulativen Charakter≫ der parlamentarischen Demokratie und erhob bittere Vorwürfe gegen Grafin Dönhoff, weil sie in der Zeit die ersten Steinwürfe gegen die Schaufenster von Springer-Filialen in Berlin als Terror eingestuft und ihren Leitartikel mit der Überschrift ≪Die gesteinigte Demokratie≫ versehen hatte.

Für einen unvermuteten Gedanken war Dutschke nicht erreichbar; auf mein geheucheltes Bedenken, dass Lenin den großen Marx in sein Gegenteil verkehrt, nämlich die Diktatur des Proletariats durch die Diktatur einer Kaderpartei über das Proletariat ersetzt habe, reagierte er mit einem Wortschwall von der Art, dass jedenfalls ≪der städtische Guerrillero als Organisator schlechthinniger Irregularitat zur Destruktion des Systems der repressiven Institutionen berufen≫ sei. (Wahrlich, er hatte studiert.)

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Die Notbremse: Schreien

Als Rudi Dutschke am 11. April 1968 von einem Wirrkopf niedergeschossen worden war, kam es in Berlin, Hamburg, München zu Straßenschlachten, Randalierer drangen gewaltsam ins Foyer des Springer-Hochhauses an der Berliner Mauer ein, andere setzten Springers Fuhrpark mit Brandfackeln in Flammen. ≪Steine ließen die Hochburg der Verdummung und Verhetzung zerklirren!≫, jubelte der Spiegel. Auch die APO-Fraktion im Stern war begeistert. Als sie darüber aber nicht nur berichten, sondern die Krawalle auch noch bejubeln wollten, zog ich, als rechtschaffener Bürger und Textchef des Sterns, die Notbremse. Schreien konnte auch ich.

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Christian Barnards Lieblingsschlager: „Marmor, Stein und Eisen bricht“

Einen großen Empfang gab der Stern für Christian Barnard, den Chirurgen aus Kapstadt, der im Dezember 1967 mit der ersten erfolgreichen Herztransplantation Aufsehen erregt hatte – und sogleich den Weltruhm einkassierte: Der Papst, der Schah von Persien, der amerikanische Präsident Johnson empfingen ihn, rasche Affären mit Weltstars wurden ihm nachgesagt, uns Journalisten zeigte er pausenlos das Lächeln des Siegers.

Ich selbst fand seine Pose wie auch die Einschätzung seiner Tat ein bisschen übertrieben: Mit 30 Assistenten hatte er operiert, nach 18 Tagen war sein berühmter Patient an etwas anderem gestorben, und bis heute habe ich meine Zweifel, ob es wirklich ein Fortschritt ist, dass Chirurgen darüber entscheiden können, welches Herz in welchem Körper schlagen soll. Herzlich aber lachten wir alle, als Barnard seinen Lieblingsschlager zu hören begehrte: Drafi Deutschers ≪Marmor, Stein und Eisen bricht≫.

Es geschah am 21. Oktober 1968, dass mich eine total überraschende Einladung erreichte: Der Chefredakteur von Springers Welt, Herbert Kremp, wollte mich treffen. Er war zuvor Chefredakteur der Rheinischen Post gewesen, die ich aus Washington zusammen mit der Süddeutschen belieferte, und hatte mich beschworen, in Washington zu bleiben. Sein Angebot diesmal: Werden Sie Diplomatischer Korrespondent in Bonn, als Nachfolger des Hans-Werner Graf Finck von Finckenstein: Zweitwohnung in der Hauptstadt, Schreibauftrag für dort und für alle interessante Politik auf Erden.

Ein Traumjob. Finckenstein genoss hohes Ansehen, den Ruf der Welt hatte Kremp noch nicht ruiniert, und der Stern war ja mehr ein Schlachtfeld als ein Forum für anspruchsvollen Journalismus. Nannen nahm meine Kündigung eher beiläufig entgegen; böse war er offensichtlich nicht: Dass da einer an seiner Allmacht kratzte, konnte ihn nicht freuen.

Am 19. Dezember stand im Branchendienst Kress-ReportSchneider wird Diplomatischer Korrespondent der Welt. Am 29. Dezember unterschrieb ich den Vertrag, mit dem Zusatz: ≪Ich danke für die honorige Art, in der Sie auf meine Änderungswünsche eingegangen sind, und sehe meiner neuen Aufgabe mit freudiger Ungeduld entgegen.≫

Ehe ich den Brief auf die Post gab, erreichte mich ein Anruf von Richard Gruner, dem Wortführer der drei Verleger: Bleiben Sie! Wir haben was viel Besseres für Sie! Am 4. Januar wurde ich im firmeneigenen Jet nach Ascona eingeflogen, wo Gruner und Gerd Bucerius ihre Zweit- oder Drittvillen unterhielten – und auf einer Terrasse hoch über dem Lago Maggiore beschworen sie mich: Sie sind der Einzige, den dieser Henri Nannen als Partner akzeptiert! (Er schaufelte den Verlegern zwar Milliarden in die Taschen, warf aber dabei, ihrer Meinung nach, zu viele Millionen aus dem Fenster.) Also: Werden Sie Stern-Verlagsleiter! Wir zahlen gut.

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Beliebt zu sein, das war mir noch nie widerfahren

Zwei solche Angebote! Da erlitt ich die Qual der Wahl auf höchstem Niveau. Champagner! Nein, nie hatte ich auf diesen klassischen Journalistenposten bei der Welt verzichtet – wäre da nicht etwas Verblüffendes, ja Erhebendes geschehen: Einzeln und in Gruppen besuchten mich an die zwei Dutzend Stern-Redakteure, um mich zum Bleiben zu bewegen – darunter, und das war wirklich erstaunlich, auch mehrere Mitglieder jener linken Wortführer, mit denen ich fast in jeder Konferenz der letzten Monate im Clinch gelegen hatte; ich provozierte sie ja mit Sprüchen wie: ≪1968 ist überhaupt das Dümmste, was nach 1945 in Deutschland geschehen ist.≫

Beliebt zu sein, das war mir noch nie widerfahren. Nannen auf Augenhöhe zu begegnen (ohne mich keine Neueinstellung, keine Gehaltserhöhung, keine Umfangserweiterung): das würde eine Genugtuung sein. Und in diesem Hochdruckkessel weiter mitzukochen – eine Lust! War das nicht grandios, wie dieser Henri Nannen auf der Hohe seines Welterfolgs die Stimmung zu verbreiten verstand: Dass wir die Größten, die Besten, die Erfolgreichsten sind: das ist uns selbstverständlich viel zu wenig! Leute, krempelt die Ärmel auf!

.Das Buch erscheint im Rowohlt Verlag, 2015, 448 Seiten, 19,95 Euro: http://www.rowohlt.de/buch/Wolf_Schneider_Hottentottenstottertrottel.3182140.html

 

Mehr zu Wolf Schneider: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Schneider

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