Die zweite Karriere: „Sieg der Silberrücken“ – Buchauszug

Mein WiWo-Kollege Manfred Engeser ist mit der Autorin und PR-Beraterin Katharina Daniels und dem Busines–Coach Jens Hollmann der Frage nachgegangen, ob und wie berufliche Richtungswechsel in der Lebensmitte funktionieren http://www.sieg-der-silberruecken.de/ :

"Sieg der Silberrücken", Linde Verlag, 19,90 Euro, http://www.wiwo-shop.de/buecher-eigener-autoren/sieg-der-silberruecken-p5930.html

„Sieg der Silberrücken“, Linde Verlag, 19,90 Euro, http://www.wiwo-shop.de/buecher-eigener-autoren/sieg-der-silberruecken-p5930.html

 

In der Lebensmitte: Mit Mut und Plan zum Neuanfang

Kann und wird uns das, was wir heute beruflich tun, noch bis zum Ruhe­stand und darüber hinaus mit Freude erfüllen? Fragen, die sich uns in der Lebensmitte mit besonderer Intensität stellen. Grund genug, sich Perspektiven für die nächsten Lebensjahrzehnte zu eröffnen. Zumal in der Mitte des Lebens die Chancen besser denn je sind, einen Neu­start nicht nur als großen Funken­regen zu inszenieren, sondern ein dauerhaft loderndes Feuer zu entfachen. Das ist in der Hirnforschung nachgewiesen.

 

Die Formel SISCA umfasst alle wichtigen Schritte vom ersten Check, „wo stehe ich jetzt in meinem Leben“  bis zur Umsetzung lang gehegter oder neu entdeckter Wünsche. Im Buch „Sieg der Silberrücken“ wird dieser Willensbildungsprozess erläutert und zehn Menschen portraitiert, die den Neustart geschafft haben.

 

Manfred Engeser, WirtschaftsWoche

Manfred Engeser, WirtschaftsWoche

 

Hier ein Buchauszug:

 

Wann überschreiten Sie den Rubikon? Ein Check Ihrer Willensbildung

Unser Wille richtet sich letztendlich auf ein bestimmtes, nun gültiges und nicht mehr revidierbares Tun. Erst vor gar nicht allzu langer Zeit sprach Altpräsident Christian Wulff davon, dass eine große deutsche Tageszeitung mit einem bestimmten Verhalten nun den Rubikon überschritten habe. Der Ausspruch geht auf den Imperator Cäsar zurück, der 49 v. Chr. mit seinen Truppen den Fluss Rubikon überschritt und damit eine Kriegserklärung abgab. Bis zu dieser Handlung aber hatte Cäsar das Für und Wider seines Tuns sorgfältig abgewogen. In der Psychologie firmiert dieser Prozess unter Rubikon-Modell.

 

 

Katharina Daniels, Autorin

Katharina Daniels, Autorin

 

Die Karriere der Wünsche: Wie komme ich als Sieger ans Ziel?

„Welche Karriere müssen Wünsche durchlaufen, damit sie effektiv in relevante Handlungen umgesetzt werden können?“, heißt es in einem Beitrag zum Zürcher Ressourcen Modell, einem auf dem Rubikon-Modell beruhenden Selbstmanagementtraining (Krause/Storch 2006): „Einmal im Bewusstsein aufgetaucht, durchläuft der Wunsch gewisse Reifestadien, bis der betreffende Mensch soweit mobilisiert, motiviert und aktiviert ist, dass der Wunsch zum Ziel wird, mit Willenskraft verfolgt und aktiv umgesetzt wird.“

 

Zuerst ist der Wunsch bei Ihnen aufgetaucht, etwas zu verändern – sonst hielten Sie jetzt wohl kaum dieses Buch in Händen. Der Reifeprozess, um aus diesem ersten Wünschen heraus eines nicht fernen Tages ein neues Lebensmodell kultiviert zu haben, beginnt bereits mit Ihrer Bereitschaft, sich grundlegend mit Ihrer aktuellen Situation auseinanderzusetzen. Diese in der SISCA-Formel als „Scan“ bezeichnete Phase ist der erste zarte Keimling in Ihrem Willensprozess. Sie sind uns durch die weiteren Reifestadien der Introspektion (Insight), der Zielbildung (Select) und der Handlungen zur Konkretisierung (Create) gefolgt. Nun steht die Umsetzung ins Haus.

 

Jens Hollmann

Jens Hollmann, Business-Coach

 

Volition: Das Losungswort für Erfolgreiche

Die SISCA-Formel wird durch Erkenntnisse in der Wirtschafts- und Managementforschung bestätigt. Hier spricht man von Volition, als einer „Anordnung selbst-regulativer Strategien, in der explizite Handlungstendenzen gegenüber Verhaltensimpulsen dominieren“ (Kehr 2004): Der Sieg des Willens beispielsweise über die Angst, die einen Menschen in letzter Sekunde vom geplanten Vorhaben zurückzucken lässt oder auch –umgekehrt betrachtet – der Sieg des Willens über ein unvorsichtiges Vorpreschen durch die Freude auf das nahende Ziel.

 

In einer Managementstudie der Technischen Hochschule Mittelhessen (Pelz 2012) zeigt sich, dass selbst Manager, bei denen wir gemeinhin zielorientiertes, stringentes Handeln erwarten, zu 90 Prozent zu einem volitionalen Tun nicht fähig waren. In der Studie wurden die Phasen der Willensbildung in Gestalt von Gedanken, Gefühlen und Wissen zum avisierten Vorhaben überprüft und ausgewertet: Nur zehn Prozent der Manager-Kohorte wies die ideale Energie und Fokussierung auf, um ihr Ziel auch zu erreichen. Die restlichen 90 Prozent waren entweder hyperaktiv, aber  erfolglos oder distanziert und zögerlich und somit unwirksam. Sie waren „willenlos“ einem individuell spezifischen Verhaltensmuster gefolgt, ohne dies dem situativen Erfordernis anzupassen.

 

Und jetzt setze ich mein Vorhaben um: Die Macht der Neurotransmitter

Das wird und braucht Ihnen nicht passieren. Volition ist in unserer Definition die Kunst, gegensätzliche Handlungstendenzen situationsgerecht einzubinden und sich im gesamten Reifeprozess immer wieder zu gegenwärtigen: Auf welchen Punkt muss ich meine Aufmerksamkeit legen, auf welchen nicht? Mit diesem Buch möchten wir Ihnen zur Seite stehen, damit Sie auch nach (vollkommen normalen) Rückschlägen oder Störfeuern immer wieder auf Ihren Kurs zurückfinden. Vielleicht werfen Sie jetzt noch einmal einen Blick zurück? Etwa auf Ihre Motiv-Lage? In den Kapiteln „Scan/Wenn die Unlust überwiegt“ und „Insight/Ihre Lebenswerte“ haben wir einige Aspekte aus der Motivationsforschung gestreift. „Warum tue ich eigentlich das, was ich gerade tue?“ Gefühle spielen hier eine entscheidende Rolle – und wieder einmal die Neurobiologie.

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Das Porträt: Von der Juristin zur Biostoffhändlerin

Maren Bartz betreibt Deutschlands einzigen zertifizierten Laden für Biostoffe

Maren Bartz

Maren Bartz

Rechts ein Kleid aus weißem Leinen mit dunkelblauem Kragen, links eine Kombination aus wiesengrünem Rock und himmelblauem Shirt: Sehr adrett sieht die Kinderkleidung aus, die auf den beiden kleinen Puppen im Schaufenster drapiert ist. Eine dritte Schneiderpuppe steht in der

hinteren Ecke des gut 70 Quadratmeter großen Ladens am Prenzlauer Berg. Sie ist umschlungen von Stoffen in gedeckten Farben von zeitloser Schönheit. Und so aufeinander abgestimmt, dass sie sich gut kombinieren lassen: mal in rosenquarz, mal in schiefergrau, mal in grauviolett.

 

Der leichte Stoff, geeignet für locker fallende Sommerblusen oder als Mantelfutter, ist ein Bio-Batist, gefärbt in einer bio-zertifizierten Färberei auf der Schwäbischen Alb. „Mehr verrate ich nicht. Das ist mein Betriebsgeheimnis, mein Wettbewerbsvorteil, Coca-Cola verrät sein Rezept auch nicht“, sagt Maren Bartz, Gründerin und Inhaberin von Siebenblau, Deutschlands einzigem bio-zertifizierten Stoffladen, nach kurzem Überlegen. „Diese Stoffe haben eine tolle Qualität, das gibt es nur bei mir, das merken und schätzen meine Kunden.“

 

Lust aufs Selbermachen – und Bewusstsein für Kreisläufe

Bartz’ Kunden, das sind in der Regel Frauen zwischen Ende 20 und Anfang 60, die vor allem zwei Interessen verbinden: Zum einen haben sie die Lust am Selbernähen wieder für sich entdeckt. Denn Bartz hat keine fertigen Röcke, Blusen oder Hosen im Angebot, sie verkauft nur lose Stoffe – und ausgewählte Schnittmuster. Sie nähen für ihre Babys, Kinder, Enkelkinder – oder eben etwas Schickes, Zeitloses für sich selbst. Mit Schnitten, Farben, Stoffen, die sie in keiner Boutique finden würden. „Diese Frauen haben früher genäht und nehmen sich dafür jetzt wieder die Zeit“, so Bartz Erfahrung. „Sie haben einfach Lust aufs Selbermachen, wollen das Ergebnis ihres Tuns sehen und fühlen.“ Und haben eine große Öko-Affinität.

 

Für diese Frauen ist es seit Langem selbstverständlich, ihre Lebensmittel im Bio-Supermarkt zu kaufen. Sich aber nicht nur zu fragen: Was hab ich im Kühlschrank, was kommt auf meinen Teller? Sondern auch: Welche Kleidung hängt in meinem Schrank, was lasse ich an meine Haut? Frauen, die wissen wollen, wo die Baumwolle oder der Hanf angebaut werden, aus denen Bartz’ Stoffe gefertigt werden. Wie der Acker behandelt wird, auf dem die Rohstoffe für ihre späteren Kleidungsstücke wachsen. Unter welchen Bedingungen die Arbeiter die Pflanzen ernten und verarbeiten, bis hin zur Art des Farbstoffs, der zur Colorierung benutzt wird. Besonders, wenn gerade wieder Horrorbilder von geknechteten Arbeiterinnen in den Nähfabriken in Bangladesch die Runde machen.

 

Weg von billig, hin zum Biostoff: Ohne Kompromisse

„Das Bewusstsein der Verbraucher wird immer kritischer, die Menschen hinterfragen zunehmend ihren eigenen Konsum“, sagt Bartz. „Keiner will mehr, dass andere ihre Gesundheit riskieren oder Kinder aufs Feld schicken, damit sie selbst sich billig kleiden können.“ Oder weil sie, ganz banal, auf konventionell produzierte Stoffe allergisch reagieren – so wie auch Bartz selbst, die unter einer Duftstoffallergie leidet. „In einem normalen Kaufhaus könnte ich nie arbeiten“, sagt sie. „Aber hier in meinem Laden riecht es nicht.“ Welche dieser Gründe beim Kauf auch immer im Vordergrund stehen mögen: „Biostoffe“, so Bartz’ Prognose, „werden bald eine Nachfrage erleben wie Bio Lebensmittel.“

 

Die 53-Jährige ist dafür längst gewappnet: Rund 250 verschiedene Stoffe hat sie im Angebot, von der gestreiften Baumwolle über Leinen bis zum Hanf – für Bartz der Rohstoff der Zukunft, weil er beim Anbau wenig Wasser braucht und gleichzeitig den Boden entgiftet. Musste sie vor wenigen Jahren mangels Masse „alles nehmen, was ich kriegen konnte“, kann sie heute auf Messen Biostoffe unter vielen Angeboten auswählen – fünf Prozent des Angebots sind reine Biostoffe, fünfmal mehr als noch vor einigen Jahren. Findet sie doch nicht das Richtige, entwickelt sie selbst Ideen – das Design vieler Stoffballen in ihrem Angebot hat Bartz mittlerweile selbst entworfen. „Ich arbeite nur noch mit biozertifizierten Herstellern zusammen“, sagt Bartz. „Da mache ich keine Kompromisse mehr.“

 

„Wenn ich die Stoffe anfasse, geht mir das Herz auf“

Leinen bezieht sie aus Portugal, Baumwolle kauft sie nicht aus China oder Indien, sondern bevorzugt aus der Türkei, wo die Stoffe auch gewebt, verstrickt und gefärbt werden. „Bio“, sagt Bartz, „das heißt für mich auch kurze Wege.“ Und bezahlbare Preise. Bartz’ Anspruch: Ihre Biostoffe sollen nicht teurer sein als das Angebot in konventionellen Stoffläden. „Lieber verzichte ich auf einen Teil der möglichen Marge“, sagt Bartz. „Ich möchte schließlich, dass die Leute kaufen und mit meinen Biostoffen arbeiten.“ Und sich dabei so fühlen wie Bartz selbst: „Manchmal gehe ich mit geschlossenen Augen durch meinen Laden, nur um diese tolle Haptik zu spüren“, sagt sie. „Wenn ich die Stoffe anfasse, geht mir das Herz auf.“

 

  „Leben und Arbeiten sind für mich eins“

Weshalb auch ihre Wohnung voll ist mit Stoffen aller Art – aufräumen zwecklos. „Ich mag es, wenn die Stoffe rumliegen und mich inspirieren“, sagt Bartz. „Jeder Ballen Stoff ist wie ein Freund, er gehört zu meinem Leben.“ Die Tür zu schließen, um die Arbeit hinter sich zu lassen und den Feierabend zu genießen? Dieses Bedürfnis kennt Bartz gar nicht mehr. Bis zwei Uhr nachts sitzt sie manchmal da, beantwortet Mails, verschickt Bestellungen, bastelt an ihrem Onlineshop herum. „Leben und arbeiten“, sagt sie, „sind für mich eins.“

 

Das heißt für sie auch, zwischendurch einfach mal eine halbe Stunde in den Park zu gehen oder sich was zu kochen, ohne anderen Rechenschaft ablegen zu müssen. „Frei sein, nicht beäugt werden“, sagt Bartz, „diese Lebensqualität möchte ich nicht mehr missen.“ Dass das vor nicht allzu langer Zeit ganz anders war, bezeichnet Bartz denn auch als „Hauptgrund, warum ich mein Leben geändert habe“.

 

Nicht auszuschließen, dass der Webfehler ihres Lebens schon in jungen Jahren zu finden ist: Bartz, aufgewachsen im Ostberliner Stadtteil Pankow, Einser-Abitur, schreibt sich 1975 in Halle im Fach Wirtschaftsrecht ein. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus einem ganz pragmatischen Grund: „Ich wollte Mathematik und Chemie aus dem Weg gehen.“ Mit 23 schließt sie das Studium ab, bleibt in der Stadt hängen, beginnt als Justiziarin in Kombinatsbetrieben in Halle zu arbeiten.

 

Das schiere Pflichtbewusstsein: „Hamster im Laufrad“

Aus schierem Pflichtbewusstsein erledigt sie ihre Aufgaben stets gut, „aber diese Akten waren nie mein Ding“. 1979 kommt das erste Kind, 1984 das zweite – und die Erkenntnis: Du musst etwas ändern. Mit großem Aufwand setzt Bartz durch, was damals für Frauen in der DDR völlig unüblich ist: Sie bleibt nach der Geburt des zweiten Kindes zuhause, kehrt erst nach drei Jahren wieder zurück, wechselt kurz darauf als Assistentin des Prorektors an die Universität. 32 Jahre ist sie da alt, kurz darauf fällt die Mauer, die Wende ist da – auch ihre persönliche: Sie lässt sich scheiden, geht zurück nach Berlin, zieht vorübergehend zu ihren Eltern, ergattert einen Job in der Rechtsabteilung der Stadtverwaltung von Berlin-Hohenschönhausen. Sie baut das Büro des Stadteilbürgermeisters auf, wechselt immer mal wieder den Bezirk, wird im Lauf der Jahre als Assistentin für sechs verschiedene Bezirksbürgermeister arbeiten. Das bedeutet: Sitzungsprotokolle schreiben, Reden vorbereiten. Und darauf achten, dass die Sockenfarbe des Chefs zum Muster seiner Krawatte passt. Bis sie sich wieder fragt: Was mach ich hier eigentlich? „Ich fühlte eine innere Leere, wie ein Hamster im Laufrad.“

 

Die ersten Alarmsignale: Der Körper rebelliert

Sie wechselt in den Umweltbereich, spezialisiert sich auf das Thema EU-Förderung, beginnt 2001 gar neben dem Job ein Masterstudium für europäisches Verwaltungsmanagement. Als ihr nach dem erfolgreichen Studienabschluss 2004 beruflich alle Türen offen stehen, sendet der Körper erste Warnsignale: steifer Hals, Gastritis, überfallartige Heulkrämpfe. Spritzen, Schlaftabletten, Alkohol – nichts hilft. Es folgen Infektanfälle, die Leber rebelliert – egal, Bartz ignoriert alle Alarmzeichen, macht sich Druck. „Du hast nochmal studiert, da muss es doch auch im Job klappen“, erinnert sie sich. „Da war sie nochmal, die pflichtbewusste Frau Bartz.“

 

Doch die Quittung lässt nicht mehr lange auf sich warten: Als sie an einem Sommertag 2006 von der Arbeit nach Hause kommt, ist sie, von einem Moment auf den nächsten, wie paralysiert. Selbst der Gang zum Bäcker überfordert sie. Bartz öffnet die Wohnungstür nicht mehr, geht nicht mehr ans Telefon, liest weder Post noch die E-Mails der Kollegen. Selbst Fernsehen ist ihr zuviel. „Ich habe nur noch Löcher in die Luft gestarrt.“ An die Rückkehr an den Arbeitsplatz ist nicht zu denken. Sie wird für mehrere Monate krank geschrieben, macht eine Therapie in einer Reha-Klinik. Und merkt schnell: „In den alten Job will ich auf keinen Fall wieder zurück.“

 

Abschied vom Alten, ohne zu wissen, wie es weitergeht.

Sie verabschiedet sich von ihrem alten Leben, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Weil es ihr sehr schwerfällt, mit anderen über ihren Zustand zu sprechen, sie ihre Krise weitestgehend mit sich alleine abmacht, wenden sich fast alle ab – Bekannte, Freunde, Kollegen. „Das war ein sehr schweres Jahr“, erinnert sich Bartz, „aber eines der wichtigsten in meinem Leben.“ 2007 unterschreibt sie einen Aufhebungsvertrag, bekommt eine Abfindung – ein goldener Handschlag in Höhe von knapp 80 000 Euro. „Sehr viel Geld“, weiß Bartz. Was sie damit machen soll, weiß sie nicht.

 

Bei einem Spaziergang durch Berlin landet sie zufällig in einem Stoffladen – und ist elektrisiert. „Ich wollte gar nicht mehr rausgehen“, erinnert sich Bartz. Und wird sich bewusst, dass ihre Liebe zu den Stoffen aus frühester Kindheit herrührt – als sie als kleines Mädchen in den Sommerferien bei der Oma an der Ostsee nicht nur barfuß über den Strand rennt, sondern auch mit beiden Händen in Omas Stofftruhe wühlt. Die Stoffe auseinander faltet, sich damit mit Wonne umhüllt, sich vor dem großen Spiegel betrachtet und alles zusammengefaltet zurücklegt.

 

Mit 14 die erste Nähmaschine aus Selbsterspartem

Während ihre gleichaltrigen Freundinnen von West-Platten träumen, macht Bartz mit 14 einen Nähkurs, steckt das Geld, das sie sich durch Ferienjobs in Brauereien, chemischen Reinigungen und Großküchen mühsam zusammengespart hat, in eine Nähmaschine. Jahrelang beglückt sie die gesamte Familie mit Selbstgenähtem, doch als die Kinder größer werden und die berufliche Belastung zunimmt, gerät die Nähmaschine in Vergessenheit. „Meine Naumann, die hab ich heute noch“, schwärmt Bartz. „Die kann ich selbst reparieren, die geb ich nicht mehr her.“

 

Angefixt durch ihr wiedererwachtes Interesse an der Handarbeit entschließt sich Bartz, eine Stickmaschine zu kaufen. Sie recherchiert tagelang im Internet, entscheidet sich für die gebrauchte Version des damals besten Modells – für 5000 Euro. „Dafür kriegst Du ja einen Gebrauchtwagen“, sagen Freunde entgeistert – nur ihre Söhne halten zu ihr („wenn es Dir gut tut“). Wochenlang sitzt sie an der neuen Errungenschaft, arbeitet sich ein in die Funktionsweisen. Und merkt, wie ihre Lebensgeister zurückkommen. Bartz fängt an, Kissen zu nähen, zu besticken – und zu verkaufen, in einem eigenen Onlineshop, für rund 20 Euro pro Stück.

 

„Nie wieder angestellt arbeiten“

„Das war der Start meiner Selbstständigkeit“, sagt Bartz. Beantragt einen Gründungszuschuss, besucht eine Existenzgründungsberatung, lässt sich einen Businessplan schreiben. Und merkt schnell: „Davon kann ich niemals leben.“ Erkennt auf diesem Wege aber nicht nur, dass sie „nie wieder angestellt arbeiten will“, sondern auch ihre Affinität zu Biostoffen. Weil sie im Internet nicht wirklich fündig wird, entscheidet sie schnell, selbst in diese Lücke zu springen. Denn „was ich suche, suchen andere auch“.

 

Unter dem Label Siebenblau – der Name kombiniert die für Bartz magische Zahl mit der Farbe der Kleidung, die eine für sie prägende literarische Figur trägt – startet Bartz ab 2009 einen Onlinehandel für Biostoffe. Gemäß ihrer Lebensdevise „immer wieder was Neues lernen“ legt sie einfach los, bringt sich unterwegs alles selbst bei: Wo es die besten Stoffe gibt. Wie man Preise festlegt. Wie man einen Onlineshop aufbaut. Oder wie man im Internet überhaupt gefunden wird.

 

„Wie schön es ist, mit der Arbeit eins zu sein“

Weil sie finanziell unabhängig bleiben will, verzichtet sie auf Kredite, greift immer wieder auf ihre Abfindung zurück, reduziert ihre Lebenshaltungskosten radikal: verkauft ihr Auto, verzichtet drei Jahre auf Urlaub, trägt nur noch selbst genähte Kleidung. Bartz’ einziger Luxus in den Anfangsjahren als Unternehmerin: Lebensmittel aus dem Bioladen. Anfangs stapelt sie die Stoffe einfach in ihrer Wohnung in einem ausgebauten Dachgeschoß in Pankow und verschickt sie auch von dort. „Da habe ich nach langer Zeit wieder gemerkt, wie schön es ist, eins mit seiner Arbeit zu sein, zu machen, wann und wie ich will.“ Und mietet, aus Platzgründen, nach einiger Zeit eine zweite Wohnung im Souterrain. Nutzt sie erst als Lager, bald auch als Verkaufsraum. Weil Kunden, die online bestellen, immer öfter fragen: „Kann man die Stoffe auch mal anfassen?“

 

Bartz merkt: Der Kontakt mit den Kunden, die teils bis aus Hamburg oder München anreisen, macht ihr Spaß. Ein weiteres Jahr später zieht sie in den Laden in die Pappelallee, hat inzwischen vier Mitarbeiterinnen, kann sich ein „ausreichend hohes Gehalt“ zahlen. „Es läuft“, sagt Bartz, „ich habe manchmal ein richtiges Glückskribbeln.“

 

Und viele gute Ideen, dass das so bleibt: Bartz verschickt auf Wunsch kostenlose Proben ihrer Stoffe, „wir werden zugeschüttet mit Anfragen“. Kooperiert mit Nähkurs-Veranstaltern in der Umgebung. Und will für die Winterkollektion einen leichten Wolljersey-Stoff in weitestgehend zeitlosen Farben wie anthrazit oder hellem Petrol produzieren lassen. „Das bleibt tragbar jenseits wechselnder Moden und ist auch eine Form von Nachhaltigkeit“, sagt Bartz und befühlt ein Stück Stoff aus Merinowolle von argentinischen Schafen mit ihren Fingern. „Das ist was ganz Feines, das mag ich gar nicht loslassen.“

 

Die Webseite zum Buch:

http://www.sieg-der-silberruecken.de/

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