Thomas Klindt über geplante Obsoleszenz – für ihn eine moderne Verschwörungstheorie

Geplante Obsoleszenz ist eins der neuen, modernen Märchen unserer Zeit, findet Thomas Klindt, Partner bei Noerr, Professor und Experte für Produkthaftung (Gastbeitrag).

Mit den jüngsten, dem Klischee indes zuwiderlaufenden Untersuchungen der Stiftung Warentest ist – endlich – einmal ein versachlichender Ton in die Debatte um die geplante Obsoleszenz gekommen. Mit diesem zungenbrecherischen Fremdwort wird die kühne These bezeichnet, dass Industrieunternehmen ihre Produkte  – insbesondere im Konsumgüterbereich – gezielt so designen oder fertigen, dass diese just nach Ablauf der Gewährleistungsfrist nicht mehr funktionieren – und der Kunde deshalb ein neues Gerät kaufen muss.

Moderne Verschwörungstheorien

Insbesondere in Online-Foren und Social-Media-Blogs schwappt eine herrlich empörte Welle über dieses als sicher identifizierte, fiese Vorgehen der Industrie hinweg. Die industriellen Herstellervereinigungen haben zwar immer wieder bestritten, dass es eine solche Soll-Verfallszeit in b2c-Produkten gibt – werden aber nicht gehört. Oder noch schlimmer: Ihnen wird gezielte Desinformation vorgeworfen. Aber so ist es ja mit modernen Verschwörungstheorien: Nichts stört diese mehr als simple Fakten.

 

Thomas Klindt, Partner bei Noerr, Professor und Experte für Produkthaftung

Thomas Klindt, Partner bei Noerr, Professor und Experte für Produkthaftung

Schauen wir uns doch einmal verschiedene dieser Fakten an:

Um als Jurist mit juristischen Überlegungen zu beginnen: Der Vorwurf gezielten Funktionsversagens nach Ablauf der Gewährleistungsfrist ist schon deshalb putzig, weil diese Gewährleistungsfrist in den unterschiedlichsten Ländern unterschiedlich lange dauert. Zwar ist im europäischen Recht die Mindest(!) – Gewährleistung harmonisiert, was aber nichts an sonstigen Besonderheiten des nationalen Kaufrechts (etwa in Frankreich) über die Fortführung, Weitergabe oder Verlängerung von Gewährleistungsverpflichtungen ändert.

Gewährleistungsfristen sind nicht überall dieselben

Es ändert auch nichts an der Tatsache, dass außerhalb der EU jedes industrielle Vertriebsland eine eigene Rechtsinsel mit eigenen Gewährleistungsanfängen und -enden ist. Es ändert schliesslich auch nichts daran, dass vor der Schuldrechtsreform die Gewährleistungsfrist nur 25 Prozent der heutigen betrug, viele der vom Vorwurf erfassten Produkte von der wahrscheinlichen Lebensdauer frappanterwiese aber älter sind.

….aber die hergestellten Produkte schon

Und natürlich ist der Blick außerhalb der EU der besonders spannend: Denn industrielle Wertschöpfung funktioniert bei seriell hergestellten Gütern ja gerade über eine möglichst kosteneffiziente, skalen-optimierte Produktfertigung mit weltweiten Absatzchancen. Das erklärte den Erfolg international harmonisierter technischer Standards wie ISO-Normen. Würde nämlich die Industrie kleinteilig und von Land zu Land unterschiedlich fertigen müssen, sind Margeneffekte schnell verbraucht und selbst die beste Verschwörungstheorie wird nicht so weit gehen wollen, der Industrie das Desinteresse an Margenstärke zu unterstellen. Von juristischer Verschwörungssicht aus würde also jedes Bauteil auf die Gewährleistungsfrist des geplanten Vertriebslandes in der Sollbruchstelle abzustimmen sein – das ist eine erschöpfend mühevolle Vorstellung.

 

Aber auch betriebswirtschaftlich schaut es nicht besser aus, und das habe ich ja bereits angedeutet. Unternehmen wollen skaleneffizient fertigen, nicht kleinteilig, ja für homöopathische Märkte. Viel offensichtlicher aber ist: Die meisten der Haushaltsartikel, insbesondere aus dem Elektrogerätebereich, für die dieser Obsoleszenz-Vorwurf munter erhoben wird, verfügen über immense Reparaturplanungen in den Unternehmens-Budgets: Es gibt dazu eigene Servicelinien, Hotlines und elektrotechnisch geschultes Personal im Wartungsbereich.

Und es gibt ungeheuer große Bewirtschaftungszentren für eine umfassende Ersatzteilversorgung auch längst ausgelisteter Produkte. Die verschlingen enorme EDV- und Logistikkosten, um ein diffiziles Produktportfolio in seine potentiell wartungsrelevanten Einzelgegenstände zu zerlegen. Hinter all dieser Bevorratung steckt – selbstredend – ebenfalls ein unternehmensinterner Margendruck. In der Instrie werden dabei bestimmt keine Potemkinschen Dörfer aufgebaut, sondern handfeste Wertschöpfungserwartungen in der Zweitberechnung gegenüber dem Erstkunden sichtbar.

Ein Obsoleszenz-Wunder

Wer je bei einem beliebigen namhaften Industrieunternehmen eine solche Ersatzteil-Bewirtschaftung gesehen hat, kann nur über die Idee schmunzeln, dem Hersteller sei ausschließlich am schnellen Neuverkauf des planmäßig kaputten Geräts gelegen. Und dass gerade der derart planmässig frustrierte Kunde in der Neuanschaffung mühsam markentreu akquiriert und wiedergewonnen werden muss, zählt noch zu den eher marginalen Sonderheiten des Obsoleszenz-Wunders.

 

Ein guter Freund aus der Industrie hat letztens beim Wein die Gegenthese aufgestellt, dass moderne Partnerschaften und auch Ehen unter dem Obsoleszensvorbehalt eingegangen werden. Leider nicht Tätigkeitsbereich der Stiftung Warentest

Stiftung Warentest zu geplanter Obsoleszenz: http://www.test.de/Geplante-Obsoleszenz-Gerade-gekauft-und-schon-wieder-hin-4596260-0/

Obsoleszenz Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenz

 

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Alle Kommentare [2]

  1. In Ihrem Artikel zeigen Sie gute Argumente für eine internationale Angleichung der Gewährleistungszeiten noch oben auf. Da die Hersteller Ihrer Meinung nach, ihre Produktqualität am Land mit der längsten Gewährleistung orientieren, dürfte nichts dagegen sprechen, die Gewährleistungszeit z.B. auch in Europa auf einheitlich fünf Jahre anzupassen.

  2. Ein Akku hat bekannterweise nur eine Lebensdauer von ca. 2 bis 3 Jahre! Und damit auch die Geräte in denen diese fest verbaut sind. Also eine geplante Obsoleszenz! Also was soll die VerAPPLEung mit der Verschwörungstheorie????
    Übrigens warum kostet so ein Wegwerf-Produkt von Apple bereits einen Monatslohn ????