Gastbeitrag vom Autor Lars Reppesgaard: Wenn nur Ingenieure Google führen – und mit strenger Denke schon mal die Realität übersehen

Der Google-Chefentwickler Don Dodge gewährt kürzlich einen interessanten Einblick in das Arbeitsleben und das Selbstverständnis von Google. Sein Fazit: Die Ingenieure regieren – und das ist auch gut so.  Dabei weist Googles Führungs- und Managementmodell eklatante Schwächen auf.Obwohl Verleger, Werbeagenturen, Handelsunternehmen und Navigationsgerätehersteller miterleben, wie Google ihre Geschäfte durcheinander wirbelt und viele andere Branchen davor zittern, dass sie ins Visier der Entscheider in Mountain View gelangen, ist deutlich: Google gelingt nicht alles, wie in paar Beispiele zeigen.
1. Google baut mit Buzz einen Kommunikationsdienst auf, der per Grundeinstellung eigenen Google Mail-Kontakte sichtbar für Dritte waren und den selbst ein keineswegs technologie-skeptischer Beobachter wie Robert Basic als „Ingenieursbrei“ bezeichnete.
2. Google startete vollmundig den Verkauf eines eigenen Smartphones über einen eigenen Online-Shop, das nur wenige Kunden fand und gnadenlos Googles Defizite im Bereich von Kundendienst und Vertrieb aufzeigte. Sang- und klanglos verabschiedete sich Google von diesem Experiment.
3. Google stieß Politik und Öffentlichkeit in Deutschland vor den Kopf, weil das Unternehmen ihnen nicht zum richtigen Zeitpunkt die zuständigen Datenschützer in angemessener Form darüber informierte, dass man bei Street View nicht nur Fotos schießt, sondern auch WLAN-Daten einsammelt. Schlimmer noch: Google sammelte aufgrund von technischen Fehlern bei seinen Street View-Fahrten Passwörter, E-Mails und anderen persönliche Daten  ein und entdeckte dies aufgrund von lausigen internen Revisionsprozessen nicht.
Drei Fehler – eine Ursache: Dodges Blog-Eintrag zeigt anschaulich, warum Google aufgrund seines Führungs- und Managementmodells geradezu dazu verdammt ist, Fehler zu machen und sie immer wieder zu wiederholen.
„Die Atmosphäre bei Google stahlt Selbstvertrauen, Erfolg, Optimismus, Hingabe, harte Arbeit und Gewinnen aus. Es ist das Äquivalent des Arbeitsleben zum Mitspielen bei den New England Patriots* und zum Gewinnen des Super Bowls. Diese Atmosphäre des Gewinnens sorgt dafür, dass jeder noch härter arbeitet und mehr erreicht, als er das anderswo tun könnte“, schreibt er.
Über die Führungskultur beim Onlineriesen sagt er: „Die Ingenieure regieren!“, wobei vor allem Programmierer – Software Engenieers – gemeint sind. „Ingenieure findet man auf allen Ebenen bei Google, das fängt an der Spitze an. Fast alle im Top-Management bei Google haben einen Ingenieurs-Hintergrund.“ Das gelte auch für Bereiche wie Marketing, Vertrieb, Geschäftsentwicklung und Produktmanagement, bei denen ein Informatikabschluss ja eigentlich nicht zwingend die Vorrausetzung dafür ist, in diesem Bereich qualifiziert zu sein.
„Der Ingenieurs-Hintergrund bringt eine Strenge in die Prozesse, die Annahmen hinterfragt und genaue Daten für den Entscheidungsprozess verlangt. Das heißt nicht, dass jede Entscheidung perfekt sein wird, aber sie wird auf Grundlage von Daten getroffen … nicht Meinungen.“
Nun ist es eine Sache, Dinge aufgrund einer möglichst guten Informationsgrundlage zu entscheiden. Was aber, wenn aber in einem Umfeld, das ohnehin von Technologieeuphorie und der Auffassung, dass alles machbar (und beherrschbar) ist, Zahlen grundsätzlich eine größere Bedeutung beigemessen wird als Bauchgefühl, Empathie oder Argumente, die auf philosophischen, sozialen oder politischen Überlegungen fußen?
Dann sehen Entscheider mitunter den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil nur eine Art des Diskurses erlaubt ist und der gesunde Menschenverstand und das Bauchgefühl wenig Platz haben.
Der US-Werbeprofi Chris Matyszczyk führte als Beispiel den Besuch eines Google-Manager in einer Pariser Bäckerei an.
http://news.cnet.com/8301-17852_3-20008253-71.html
Er fragte sich, was passieren würde, wenn ein Google-Manager herausfinden würde, dass der Bäcker der köstlichen Pastete, die er gerade verzehrt, nur einen Abschluss in Archäologie hätte. „ Ein echter Googler würde dann natürlich die Paste weglegen und aus der Bäckerei gehen. Das zumindest ist doch, was die Daten ihm raten würden, oder?“
Google stellt die Objektivität über alles. Aber in der Praxis gibt es keine totale Objektivität, und Google sucht sie auch nicht, sondern blendet bestimmte Wissenssphären, etwa die Geisteswissenschaften, gezielt aus. Nicht umsonst weist der Managementberater Carsten Deckert http://www.carsten-deckert.de/2009/10/28/knowledge-watch-gef%C3%A4hrliches-halbwissen/
darauf hin, dass man „Wissen, das nicht über alle Wissensarten ausgeprägt ist“,  gemeinhin als Halbwissen bezeichnet.
Die Entscheidungen bei Google können außerdem falsch sein, weil die Datenbasis fehlerhaft ist. Um etwa die Kosten von Googles Buchsuche zu kalkulieren, scannten etwa Gründer Larry Page und Topmanagering Marissa Mayer per Hand Bücher ein und versuchten anhand des Aufwands zu errechnen, was der Scan von 10 Millionen Büchern kosten würde. Mit realen Kalkulationen hat so ein Verfahren natürlich nichts zu tun. Aber irgendeine Zahl steht wenigstens am dem Bildschirm, wenn das Projekt präsentiert wird.
Die Ergebnisse des Google-Halbwissens, dieses zu kurzen Denkens, zeigen sich in der bereits umfangreichen Diskussion rund um Street View, oder Form der gefloppten Google-Produkte. Auch dass technische Brillanz nicht ausreicht, um ein Telefon zu vermarkten, dass auch Marketing, ein guter Vertrieb und ein zuverlässiger Kundenservice, der sich auf mehr als nur auf ein paar FAQs beschränkt, hätte man ebenfalls vorher wissen können.
Wenn Googles Ingenieurskult nur die Folge hätte, dass das Unternehmen bei ein paar Produkten daneben liegt, wäre es ein internes Unternehmensproblem. Doch das, was Google tut, hat Folgen für viele ganz reale Menschen, etwa die, die Google Informationen über sich anvertraut haben.
Google bedachte beispielsweise nicht, dass nicht alle Menschen davon profitieren, wenn ihre Mailkontakte ohne Vorankündigung per Default für alle Buzz-Nutzer sichtbar sind –   etwa wenn gewalttätige Ehemännern ein Interesse daran haben ihre entflohnen Ehefrauen aufzuspüren. Solche Szenarien sind sicher nicht bei vielen Googlern im Lebensalltag präsent. Also kommt man auch nicht darauf, diese Konstellationen mitzubedenken, wenn man einen Dienst implementiert. Aber man müsste es, wenn man verantwortungsvoll Technologie entwickeln will.
Was Google tut, ist bedeutsamer für die Welt als das, was zum Beispiel in einer Giesskannenfabrik geschieht. Deswegen muss die Frage erlaubt sein, ob Google von der Führungs- und der Firmenkultur her die Mittel hat, Fehler zu erkennen und bei Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Dons Blog-Eintrag ist für diese Diskussion eine interessante Quelle.

Lars Reppesgaard


http://googlereport.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/04/Cover-Google-Imperium.jpg

Im August erscheint die Neuauflage „Das Google-Imperium“ von Lars Reppesgaard.

read: www.googlereport.de
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Alle Kommentare [1]

  1. Reist die Kanzlerin zu viel wird kritisiert und ebenso wenn sie nicht reist. Ein/e Kanzler /in vertritt unseren Staat im Ausland neben anderen politischen Persönlichkeiten. Ich bin gegen jegliche Einschränkung und Diskussion in dieser Hinsicht. Oder wollten Sie den Job übernehmen – dazu auch noch relativ schlecht bezahlt?
    Es bringt auf der Non Profit Ebene nun einmal Vorteile wenn man Kontakte pflegt. Oder weiss jemand genau, dass die Kanzlerin nur für das Spiel soweit gereist ist? Also, lassen Sie sie in dieser Hinsicht in Ruhe.
    Für genug kritische Schlagzeigen ist gesorgt.