Telekom-Dienstanweisungen versus Zivilcourage

Blind Dienstanweisungen zu befolgen, mag vielleicht der eigenen Karriere dienen, aber es schützt nicht vor dem Staatsanwalt oder gar einer Verurteilung durchs Strafgericht. Das sollte sich jeder Angestellte klar machen. Und die Strafe, die kann einem kein Arbeitgeber abnehmen, weder eine Vorstrafe noch eine Gefängnisstrafe. Bei Geldstrafen mags de facto anders aussehen, vielleicht. Gestern rückten Mitarbeiter der Deutschen Telekom weder der Polizei noch dem LKA die Adresse eines konkret Suizidgefährdeten heraus. Dieser junge Mann hatte nicht nur seinen Selbstmord in einem Online-Forum angekündigt, sondern auch die einsetzende Wirkung von 100 Schlaftabletten geschildert. Weil sich die gnadenlosen Telekom-Mitarbeiter weigerten, dessen Adresse (die Wohnanschrift lässt sich über die IP-Adresse herausfinden) zu verraten, wurde der 18-Jährige deshalb erst zwei Stunden später – zu spät also – entdeckt. Er war schon tot. Und entdeckt wurde er auch nur deshalb, weil ein anderer Internetanbieter eingesprungen war. Gegen die beiden Telekom-Angestellten hat die Polizei inNRW Strafanzeige erstattet – wegen unterlassener Hilfeleistung. Schlimm genug, wenn Mitarbeiter so wenig Zivilcourage haben, sich in solch einem Notfall über Dienstvorschriften hinwegzusetzen. Wenigstens, wenn es um Leben oder Tod geht.

Aber noch schlimmer, nämlich obendrein zynisch klingt zu allem Überfluss die Rechtfertigung der Telekom:

Ihre Mitarbeiter müssten in solchen Fällen genau abwägen, ob das Fernmeldegeheimnis zu wahren oder Gefahr in Verzug sei. „Wenn wir Daten unrechtmäßig herausgeben, ist das Entsetzen groß“, kommentierte ein Telekom-Sprecher. http://www.telespiegel.de/news/10/0103-telekom-selbstmord-forum.html Wie das klingt? Nach beleidigter Leberwurst. Danach, dass man sich offenbar immer noch nicht schämt, fremde Menschen abgehört zu haben, als man eigene Ziele im Sinn hatte. Dass man die öffentliche Reaktion über die Abhör-Skandale bis heute nicht nachvollziehen kann. Dass man nicht aus den vergangenen Jahren gelernt hat, sondern im Gegenteil: Wenn es wirklich um etwas geht, das höchste Gut, das menschliche Leben, im falschen Moment ganz plötzlich den Überkorrekten mimt. Aus Trotz und überhaupt.

Wäre ernsthaftes Bedauern nicht die bessere PR-Strategie gewesen? Oder herrscht so ein Schreckensregime bei der Deutschen Telekom intern, dass die Mitarbeiter so viel Angst haben, dass sie selbst in einer so dramatischen Situation lieber an den Buchstaben ihrer Dienstanordnung kleben, als zu helfen, ein Menschen – und  nicht zuletzt ein Kundenleben zu retten?

Ihr Kunde war der junge Mann nämlich offenbar auch noch. Und allein deshalb hätte man ja auch an seinem Überleben interessiert sein können, oder?

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