Digitalisierung der Musikindustrie: Turnaround durch Streaming – nach Schwund um zwei Drittel

Nach 15-jähriger Rosskur ist die Musikindustrie in den USA erstmals seit der Jahrtausendwende wieder gewachsen – getrieben von Spotify & Co.

Die Musikindustrie eignet sich besser als jede andere Branche, die Auswirkungen der Digitalisierung im zeitlichen Verlauf zu studieren – und daraus auch Rückschlüsse auf mögliche Folgen für andere Industrien zu ziehen.

Grund: Die Musikindustrie hat durch die Digitalisierung gleich mehrere dramatische Transformationen erlebt: Zunächst hat der Übergang von analogen zu digitalen Tonträgern – also von Vinyl und Kassette hin zur CD – der Branche einen gigantischen Nachfrageschub beschert.

Denn viele Liebhaber haben sich ihre Sammlung auf den kleinen silbernen – und zunächst sehr teuren – Scheiben noch einmal komplett neu gekauft. Dadurch sind die US-Branchenumsätze zur Jahrtausendwende in der Spitze auf mehr als 21 Milliarden Dollar angeschwollen:

 

Quelle: Visual Capitalist

Quasi wie ein trojanisches Pferd trug dieser Boom aber auch bereits den Kein des eigenen Niedergangs in sich: Denn durch die CD lagen die Songs erstmals in digitaler Form vor – beste Voraussetzung zum einfachen Kopieren und Teilen via Internet.

Genau das zeigte sich mit der Erfindung des MP3-Komprimierungsverfahren für digitale Musikdateien und dem Start der ersten Musik-Tauschbörse Napster im Jahr 2000 – wodurch die Umsätze physikalischer Tonträger in den Folgejahren zum rasanten Sturzflug ansetzten.

Getrieben zuerst durch MP3-Käufe in legalen Shops wie dem iTunes Music Store seit 2004, später vor allem durch Streaming-Dienste gewannen rein digitale Musikverkäufe gegenüber physikalischen Medien langsam, aber sich die Oberhand – wobei die Gesamterlöse weiterhin sanken:

Quelle: Visual Capitalist

Die Bodenbildung setzte erst Ende 2015 ein: Bis dahin waren die Umsätze der Musikbranche auf nur noch knapp sieben Milliarden Dollar geschrumpft – ein 15 Jahre andauernder Umsatzrückgang von insgesamt zwei Dritteln gegenüber dem Allzeithoch im Jahr 2000.

Immerhin – das, was ich bei einer Analyse Mitte 2017 noch als Frage äußerte, gilt inzwischen als gesichert: Musik-Streaming-Dienste – allen voran der am 7. Oktober 2008, also ziemlich genau vor zehn Jahren gestartete Marktführer Spotify – haben der Branche nun einen erfolgreichen Turnaround beschert: Zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende wächst die Musikindustrie wieder.

Was andere Branchen von der Digitalisierung der Musikindustrie lernen können? Der Einbruch erfolgt oft heftiger und langwieriger als zunächst gedacht – sie entpuppt sich vielfach als regelrechte Rosskur. Und die Kehrtwende wird in der Regel nicht von den einstmals etablierten Playern eingeleitet, sondern – siehe Spotify – einem Newcomer.

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