Microsoft räumt ein: Eigener Tablet-Rechner könnte Hardware-Partner verprellen

Dem Softwaregigant aus Redmond ist durchaus bewusst, wie risikoreich die Veröffentlichung des eigenen Surface-Tablets ist. Ein entsprechendes Eingeständnis findet sich im jüngsten Geschäftsbericht.

Als Mitte Juni erstmals Gerüchte aufkamen, Microsoft könne einen eigenen Tablet-Rechner auf den Markt werfen, hatte ich das hier im Blog zunächst für „eine Schnapsidee“ gehalten. Grund: Microsoft verlässt so seinen jahrzehntelangen Pfad und macht damit erstmals seinen Hardware-Partnern mit einem eigenen Computer Konkurrenz – ein risikoreicher Schritt.

Microsoft will mit Surface-Tablet Apple angreifen (Quelle: Microsoft)

Genau das hat auch Microsoft bereits öffentlich eingestanden – wenn auch irgendwo in den Fußnoten des jüngsten Jahresberichts versteckt. Vergangene Woche berichtet das US-Magazin „FastCompany“ über die „schwierigen Beziehungen“ zwischen Microsoft und seinen Hardware-Partnern. Darin findet sich ein Verweis auf das jüngste, Ende Juli veröffentliche SEC-Filing von Microsoft, der so genannten „Form 10-K“ – was nichts anderes ist als der Jahresbericht  für das Ende Juni abgelaufene Geschäftsjahr 2012.

Ab Seite 14 berichtet Microsoft dort ausführlich über mögliche Risiken fürs künftige Geschäft. Direkt auf der ersten Seite findet sich hinter dem zweiten Aufzählungspunkt folgender Absatz (Übersetzung und Fettung von mir):

Wir erzielen substanzielle Umsätze mit Lizenzen unseres Windows-Betriebssystems auf Personal Computern. Die Ausbreitung von alternativen Geräten und Formfaktoren, insbesondere Mobilgeräte wie Smartphones und Tablet-Computern, erzeugt Herausforderungen durch konkurrierende Software-Plattformen. Diese Geräte konkurrieren auf vielen Ebenen, inklusive Preis und der wahrgenommenen Benutzbarkeit des Gerätes und seiner Plattform. Nutzer könnten sich im wachsenden Maße jenen Geräten zuwenden, um damit Arbeitsschritte zu verrichten, die sie früher mit einem Personal Computer durchgeführt hätten. Auch wenn viele Nutzer diese Geräte als ergänzend zu einem Personal Computer betrachten, könnte es die Verbreitung jener Geräte schwieriger gestalten, Anwendungsentwickler für unsere Plattformen zu überzeugen. Darüber hinaus werden unsere Surface-Geräte mit den Produkten unserer OEM-Partner konkurrieren, was deren Engagement bezüglich unserer Plattform beeinflussen könnte.

Im Klartext: Die OEM-Partner (OEM = Original Equipment Manufacturer oder Erstausrüster), also IT-Giganten wie Hewlett-Packard, Dell oder Acer könnten sich durch den Einstieg von Microsoft in die Rechnerfertigung gezwungen sehen, nach Alternativen zu Windows umzusehen. Und die gibt es mit Android im Tablet-Geschäft sowie Chrome OS bei PCs inzwischen ja durchaus.

Kurz nach der Ankündigung des Surface-Tablets hat sich bereits Oliver Ahrens, langjähriger Acer-Deutschlandchef und heute deren Manager für die Region Europa, Afrika und Naher Osten (EMEA), gegenüber der Nachrichtenagentur „Reuters“ kritisch zu dem Microsoft-Vorhaben geäußert: „Anstatt die Nutzer-Erfahrung für Windows 8 zu verbessern, eröffnen sie ein neues Schlachtfeld.“

Es bleibt also spannend, wie sich das lange Jahre scheinbar unantastbare Verhältnis zwischen Microsoft und seinen Hardware-Partnern weiter entwickelt. Einstweilen warten alle bis Ende Oktober: Da soll das Surface-Tablet auf den Markt kommen, zeitgleich mit der Veröffentlichung von Windows 8. Die Hintergründe zum neuen Microsoft-Betriebssystem haben wir erst kürzlich in einer großen WiWo-Geschichte analysiert.

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