Der Sybase-Kauf – Beginn einer Übernahmewelle durch SAP?

Am Ende ging es vergleichsweise schnell für eine Entscheidung derartigen Ausmaßes: Mittwochabend um 18 Uhr finden sich die 16 Mitglieder des SAP-Aufsichtsrates im sechsten Stock der Konzernzentrale in der Dietmar-Hopp-Allee ein. Einziger Tagesordnungspunkt der kurzfristig von Chefkontrolleur Hasso Plattner anberaumten außerordentlichen Aufsichtsratssitzung: Die Übernahme des US-Softwarekonzerns Sybase durch SAP. Keine fünf Stunden später winken die Aufsichtsräte den Kauf durch, für den SAP immerhin rund 5,8 Milliarden Dollar locker machen muss. Gegen 23:15 informieren die Walldorfer Börse und Presse über den Deal.

Das dürfte unter anderem an der peniblen Vorbereitung vom Team um SAP-Mitgründer und Übervater Plattner gelegen haben. Der hatte die Mitglieder des Kontrollgremiums schon in den Tagen vor der eigentlichen Abstimmung nach Walldorf geholt, Einblicke in Unterlagen gewährt und ausgiebige Gespräche geführt. Irgendwann am Dienstag wabert das diffuse Gerücht über die SAP-Flure, dass etwas Großes in der Luft liege.

Das ist der Kauf des amerikanischen Spezialisten für Datenbank- und Analysesysteme tatsächlich: Nicht nur, dass die rund 5,8 Milliarden Dollar schwere Akquisition der zweitgrößte Deal überhaupt in der SAP-Geschichte seit der Gründung im Jahre 1972 ist. Nur der Ende 2007 geschluckte französische Softwareanbieter Business Objects war mit rund 6,8 Milliarden Dollar noch größer. Mehr noch: Wie es scheint, markiert der jetzige Schritt des erst seit Februar amtierenden Vorstandsduos um den 48-jährigen Amerikaner Bill McDermott und den 44-jährigen Dänen Jim Hagemann Snabe eine Abkehr von der bisherigen SAP-Strategie.

Offiziell hatten die Walldorfer zwar auch in der Vergangenheit betont, grundsätzlich offen für Zukäufe zu sein. Diese müssten aber ins Portfolio passen, Marktanteile wolle man nicht kaufen. Dies galt als Seitenhieb auf den Erzrivalen Oracle, der in den vergangenen Jahren deutlich mehr als 40 Milliarden Dollar für mehr als 60 Unternehmen ausgegeben hat. Allein für seine fünf größten Käufe – Unternehmenssoftware-Anbieter Peoplesoft im Dezember 2004, Kundensoftware-Hersteller Siebel im Januar 2006, Finanzsoftware-Experte Hyperion im März 2007, Integrationssoftware-Anbieter Bea im Januar 2008 und Server-Produzent Sun Microsystems im April 2009 – legte Oracle-Boss Larry Ellison insgesamt stolze 35 Milliarden Dollar auf den Tisch. SAP dagegen hat sich, abgesehen vom Business-Objects-Erwerb, weitgehend auf organisches Wachstum fokussiert.

Erzrivale Oracle ist  besser durch die Krise gekommen

Mit der Zurückhaltung dürfte es jetzt vorbei sein – vor allem auch deshalb, weil Oracle deutlich besser durch die Wirtschaftskrise gekommen ist als SAP: Während die Lizenzumsätze der Walldorfer im vergangenen Jahr einbrachen, wuchsen die Amerikaner und nahmen SAP Marktanteile ab. Grund: Ellison hat beispielhaftes Cross-Selling vorexerziert – also den Kunden des einen übernommenen Anbieters die Produkte des anderen Softwarehauses verkauft. Damit SAP wieder dauerhaft zurück auf einen Wachstumskurs einschwenkt, bleibt ihnen wenig anderes übrig, als auf die Strategie von Oracle einzuschwenken. „SAP ist und bleibt ein Wachstumsunternehmen – wir werden zu zweistelligen Wachstumsraten zurückkehren, glauben Sie mir“, beteuerte Co-Chef McDermott schon bei seinem ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt mit Hagemann Snabe im März auf der CeBIT.

Der Kauf von Sybase markiert einen wichtigen Schritt hin in diese Richtung; und er wird möglicherweise nicht der letzte bleiben: „Dem dürften in den kommenden 18 Monaten noch weitere Deals folgen“, sagt ein hochrangiger SAP-Insider aus dem Umfeld des Aufsichtsrates, der eine regelrechte Übernahmewelle erwartet. Schließlich gebe es noch ausreichend Technologiefelder, die die Walldorfer bisher weitgehend unbeackert lassen, die aber als wichtige Wachstumsmärkte in Sachen Unternehmenssoftware gelten, etwa bei Cloud und Mobile Computing oder im Bereich Social Networks. Angeblich soll in Walldorf sogar bereits eine Liste existieren, auf dem potenzielle weitere Ziele notiert sind.

Erst einmal müssen McDermott und Hagemann Snabe freilich die Integration von Sybase schnell und reibungslos über die Bühne bringen. Immerhin, was die industrielle Logik des Deals betrifft, ist die Mehrzahl der Marktbeobachter positiv gestimmt, weil sich die Porfolios von SAP und Sybase gut ergänzen. Dieses Potenzial schnell in geschäftlichen Mehrwert umzumünzen, ist die Hauptaufgabe der SAP-Doppelspitze in den kommenden Monaten. Denn Erzrivale Oracle hat in den vergangenen Jahren vor allem eines bewiesen: Das Management-Team um Ellison kann selbst dicke Brocken stemmen und effizient verdauen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Plattner & Co. die nächsten Ziele ins Visier nehmen – wie auch immer sie dann heißen werden.

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Alle Kommentare [3]

  1. Es ist für mich unerklärlich, was das SAP bringen soll. SAP ist kein Datenbankhersteller, richtig? Es ist vermutlich wieder so ein „Verlegenheitskauf“ – das Management hat wohl sonst eben keine anderen Ideen.

  2. 1. Der Sybase Kauf ist genau das was SAP im mobilen Umfeld benötigt, den vorallem im mobilen offline Sektor ist die SAP sehr schwach.

    2. Die Möglichkeit auch Datenbanken incl. SAP System zu verkaufen (Package) eröffnen weitere Möglichkeiten und würden bei Erfolg Oracle stark unter Druck setzen.

  3. Hmm, zu 1. weiss ich nicht, was Sybase hat, was SAP nicht auch bauen könnte. zu 2.: Es hat ja jeder eine Datenbank heutzutage. Und das ist in großen Unternehmen zumeist Oracle, manchmal DB/2. Unternehmen sind stark abgeneigt, heterogene DB-Landschaften zu betreiben. Daher glaube ich, dass das Potential für Paketverkäufe allenfalls minimal ist. Im übrigen halte ich den Preis für das kränkelnde, nicht sonderlich gut geführte Unternehmen Sybase für stark überhöht.