» 14.09.2010, 11:28

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Cliffhanger-Effekt: Warum wir beim Telefonat des Kollegen nicht weghören können

Interessanterweise verhält sich das mit dem Weghören nahezu genauso. Haben Sie schon einmal versucht in einem Bahnabteil nicht hinzuhören, wenn ein Mitreisender laut telefoniert? Oder in einem Großraumbüro nicht den Kollegen zu belauschen, der gerade in sein Handy quasselt? Es geht nicht. Mehr noch: Wie Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben, ist es sogar schwerer ein solches Telefongespräch nicht zu belauschen als eine Konversation zwischen zwei Kollegen im selben Raum bewusst zu ignorieren. Und das, obwohl das Telefonat deutlich weniger Informationen enthält: Sie hören ja nur die eine Hälfte des Gesprächs und manchmal auch bloß stimmhafte Zustimmung.

Doch eigentlich ist das genau falsch herum gedacht. Denn gerade weil wir nur ein unvollständiges Gespräch hören, wird es auf einmal so interessant und unmöglich zu überhören. Fachleute kennen dieses Phänomen unter anderem auch als Zeigarnik-Effekt. Er geht zurück auf die die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik, die Anfang 1927 für einen Forschungsaufenthalt nach Berlin reiste und das Phänomen dort in einem Café entdeckte: Ein Kellner hatte mehrfach hintereinander eine große Zahl von Bestellungen aufgenommen, an die er sich problemlos erinnern konnte – bis er sie abgearbeitet hatte. Danach wusste er nicht mal mehr, ob er jemandem einen Kaffee oder ein Stück Kuchen serviert hatte.

Also entwickelte Bljuma Zeigarnik an der Universität Berlin ein Experiment, bei dem sie 164 Probanden verschiedene Aufgaben lösen ließ. Die sollten etwa ein beliebiges Tier nachkneten, eine Blume zeichnen, Perlen auf einen Faden ziehen oder häkeln. Einige dieser Aufgaben durften die Teilnehmer vollenden, bei anderen unterbrach Zeigarnik sie mittendrin. Im Anschluss prüfte die Psychologin, an wie viele ihrer Aufgaben sich die Freiwilligen noch erinnerten. Und tatsächlich: Auch hier memorierten die Teilnehmer jene Aufgaben besser, die sie nicht vollendet hatten – und zwar erheblich: Die unerledigten Dinge blieben bis zu 90 Prozent besser im Gedächtnis haften.

Vereinfacht gesagt funktioniert das jedes Mal so: Wenn wir eine Herausforderung vor uns haben (und sei es nur, dass ein paar Gesprächsfetzen unsere Neugier geweckt haben), bauen wir eine geistige Spannung auf – und diese löst sich erst dann, wenn wir die Aufgabe gemeistert haben (oder der Inhalt des Gesprächs entschlüsselt ist). Andernfalls bleibt diese Spannung bestehen und sorgt dafür, dass uns die lästige Aufgabe weiter und weiter im Gedächtnis herumspukt.

In der Film- und Werbeindustrie ist dies auch als „Cliffhänger-Effekt“ bekannt und wird – eben weil er so zuverlässig funktioniert – reichlich üppig eingesetzt. Oder haben Sie sich noch nie gefragt, wieso die Werbepause im Fernsehen immer dann kommt, wenn es am spannendsten ist? Darum. Es ist wie beim sogenannten Fortschrittsbalken am Computer: Irgendwie ist es ziemlich dämlich die ganze Zeit gebannt auf so einen animierten Balken zu starren und zuzusehen, wie der allmählich auf 100 Prozent anschwillt. In der Zeit ließe sich wahrlich Besseres erledigen. Und doch glotzt jeder drauf, weil es Spannung erzeugt: 57 Prozent … 73 Prozent … Wow, schon 80 Prozent! Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: Auch 90 Prozent sind noch nicht das Ende der Fahnenstange!

» 14.09.2010, 11:28

    3 Kommentare zu “Cliffhanger-Effekt: Warum wir beim Telefonat des Kollegen nicht weghören können”


  1. Hägar Schmidt sagt:

    … was ein Grund dafür ist, dass man seine Aufgaben sauber organisieren sollte. Da das Gehirn ca. 7 Dinge gleichzeitig bewusst behandeln kann, sind unvollständige Aufgaben (muss noch die Autowerkstatt anrufen… Was kaufe ich meiner Frau zum Geburtstag… Brauche einen neuen Computer… Dieser Fleck auf der Krawatte!!!!) ein Horrortrip.

    Abhaken, abhaken, abhaken – das ist das Prinzip eines erfolgreichen Menschen.

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