Der amerikanische Psychologie-Professor Steven Reiss hat genau diese heimlichen Lebensmotive genauer unter Lupe genommen und darüber ein ebenso spannendes wie lesenswertes Buch geschrieben: „Wer bin ich und was will ich wirklich?“ (Redline 2009, 384 Seiten, 24,90 Euro). Seine Studien stützen sich dabei wesentlich auf eine Befragung von 6000 Menschen in verschiedenen Lebensstadien, bei der Reiss und sein Team insgesamt 16 Motive und Werte ausmachen konnten, die, so Reiss’ These, fast alle unsere Handlungen steuern. Sie zu kennen bilde ein wirksames Instrumentarium, um eigene Reaktionen auf andere Menschen und deren Reaktion besser zu verstehen. Und es liefere neue Erkenntnisse über Liebesbeziehungen, berufliche Entwicklungen und Spiritualität.
Mit freundlicher Genehmigung des Redline-Verlages kann ich Ihnen, liebe Leser, heute ein ganzes Kapitel als Buchauszug und Leseprobe präsentieren – soweit ich weiß, ein Novum in der Blogosphäre, definitiv aber eines in diesem Blog. Dabei handelt es sich – wie sollte es anders sein – um jenes Kapitel, das sich speziell mit der Berufswahl und den Konflikten im Job beschäftigt. Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre ebenso viel Vergnügen wie ich es bei der Auswahl hatte…
Wie Arbeit zum Vergnügen wird
Bei der Arbeit können wir unsere Bedürfnisse auf zwei unterschiedlichen Wegen befriedigen. Erstens können wir unsere Beziehungen zu den Menschen, mit denen wir im Beruf zu tun haben – zum Beispiel Vorgesetzte, Kollegen oder Mitarbeiter – nutzen. Zweitens können wir die Arbeit selbst nutzen. Lassen Sie uns einen Blick darauf werfen, wie das funktioniert:
Ihr Motivprofil beeinflusst Ihren Umgang mit den Menschen, mit denen Sie beruflich zu tun haben. Wenn Sie zum Beispiel ein völlig anderes Motivprofil haben als Ihr Chef, dann kann das zwischen Ihnen zu Missverständnissen führen. Dagegen wird Ihr Chef Sie wahrscheinlich sehr wertschätzen, wenn Ihr Motivprofil dem seinem ähnelt. Die allgemeinen Prinzipien, die für die Analyse Ihrer privaten Beziehung gelten, finden auch auf die Beziehung zu Ihrem Vorgesetzten Anwendung, nämlich dass Gleiches sich anzieht und Gegensätze sich abstoßen. Je länger die Beziehung andauert, desto größer ist der Einfluss der Kompatibilität Ihrer beider Motivprofile.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Missverständnis, das zwischen einer hoch organisierten Assistentin und ihrem chaotischen Chef entstehen kann. Die Assistentin kann Chaos nicht ausstehen, wohingegen ihr Chef pedantische Ordnung nicht leiden kann. Als organisierte Mitarbeiterin ist die Assistentin stolz auf ihre Fähigkeit, Ordnung in sein Chaos zu bringen, und sie erwartet, dass ihr Chef die effiziente Zeitplanung, das aufgeräumte Büro und die gesamte Ordnung, die sie in seine Unterlagen gebracht hat, würdigt. Bis zu einem gewissen Punkt wird er ihre Anstrengungen wahrscheinlich tatsächlich wertschätzen, weil er möglicherweise erkennt, dass er ordentlicher sein müsste. Allerdings kann es passieren, dass seine Assistentin versucht, ein Maß an Ordnung durchzusetzen, das er für völlig übertrieben hält und das ihn stört. Wenn das geschieht, wird der Chef die Anstrengungen seiner Assistentin als inflexibel, kontrollsüchtig und überflüssig betrachten. Die Assistentin ihrerseits könnte sich irritiert fragen, warum er ihre Mühe nicht würdigt. Hier muss ein Kompromiss gefunden werden oder die Assistentin sollte besser für einen Vorgesetzten arbeiten der ihre Anstrengungen besser zu schätzen weiß.
Eine weitere Quelle für Missverständnisse zwischen Vorgesetzten und ihren Mitarbeitern kann aus einem unterschiedlichen Statusbedürfnis entstehen. Judy, Leiterin eines universitären Forschungszentrums, ist wesentlich statusbewusster als der Durchschnittsmensch. Sie erkennt nicht, dass ihre Mitarbeiter sie als anmaßend erleben. Als sie vor Kurzem bei der Pensionsfeier eines Angestellten eine Rede hielt, begann sie mit der Frage, ob es für eine Autorität in ihrer Position angemessen sei, bei einer solchen Festlichkeit eine Rede zu halten. Judy fürchtete, ihre Anwesenheit könnte den falschen Eindruck erwecken, nämlich dass die anderen Mitarbeiter sie als »eine von ihnen« betrachten könnten. Das Publikum murrte, wobei Judy keine Ahnung hatte, warum ihre Bemerkungen auf Ablehnung stießen.
Auf der anderen Seite ist da zum Beispiel André. Er kümmert sich so wenig um sozialen Status, dass er weder die Namen von Haute-Couture-Designern noch die »angesagten« High-Society-Feriendomizile kennt. Wenn er Briefe schreibt, lässt er häufig die akademischen Titel der Adressaten weg, weil er findet, Titel seien eine unwichtige Bagatelle. Andrés Kollegen sind oft über sein Verhalten irritiert, das sie es als Mangel an Respekt interpretieren. André weiß, dass sich manche Leute gelegentlich über ihn aufregen, er hat aber keine Ahnung, was er getan hat, um derartige Reaktionen zu rechtfertigen. Da sozialer Status für ihn wesentlich unwichtiger ist als für den Durchschnittsmenschen, erkennt er nicht, wie sehr es andere Menschen verärgert, wenn er ihnen nicht den Respekt entgegenbringt, der ihrem Status angemessenen ist.
Wie diese Beispiele zeigen, neigen wir dazu, uns im Beruf gut mit Menschen zu verstehen, die ähnliche Motivprofile haben, Menschen mit anderen Profilen aber häufig misszuverstehen. Es kann sogar sein, dass sich einige der Probleme, die wir im Beruf mit anderen Menschen haben, auf unterschiedlich ausgeprägte Bedürfnisse zurückführen lassen. Sie können also Ihr Verständnis für die Menschen in Ihrem beruflichen Umfeld erheblich verbessern, wenn Sie Ihr Motivprofil mit deren Profil vergleichen.
Lassen Sie uns nun einen Blick darauf werfen, wie Menschen ihren Beruf nutzen, um ihre Lebensmotive zu befriedigen. Auch hierbei will ich mich an den 16 Lebensmotiven orientieren, die die Persönlichkeit eines jeden Menschen entscheidend prägen:
Macht
Wenn wir in unserem Beruf etwas leisten, befriedigen wir das Bedürfnis nach Macht (Einfluss). Typischerweise sind Menschen mit einem starken Machtbedürfnis ehrgeizig und setzen sich anspruchsvolle Ziele. Eine junge Balletttänzerin träumt vielleicht davon, eine berühmte Solotänzerin zu werden, ein junger Unternehmer träumt davon, mit 40 Millionär zu sein, und ein junger Landwirt träumt davon, eine innovative Erntetechnik zu entwickeln. Allein schon die Tatsache, sich über das jeweilige berufliche Ziel Gedanken zu machen und sich dafür zu engagieren, kann das Machtbedürfnis einer Person vorübergehend befriedigen. Die tatsächliche Erreichung des Ziels erzeugt selbstverständlich eine wesentlich längerfristige Zufriedenheit.
Dagegen haben Menschen mit einem geringen Machtbedürfnis keinen Wunsch nach Einfluss. Sie sind mit weniger anspruchsvollen Tätigkeiten zufrieden und folgen lieber anderen, als selbst eine Führungsposition anzustreben. Sie suchen auch keinerlei Ruhm. Zum Beispiel könnte ein Kellner das begrenzte Ziel haben, einfach seinen derzeitigen Job zu behalten und weiterhin zufriedene Kunden zu haben – keine Träume von einem eigenen Restaurant. Ein Lkw-Fahrer mit einem geringen Machtbedürfnis möchte vielleicht so viel Einkommen erzielen, um seine Familie ernähren zu können, und hat sonst keine weiteren Ambitionen, und ein Schauspieler mit einem geringen Machtbedürfnis ist unter Umständen mit kleineren Rollen am Theater zufrieden. Ein erheblich größerer Erfolg würde möglicherweise als belastend empfunden werden und sogar zu Unzufriedenheit führen.
Eine weitere häufig genutzte Methode, mit der sich der Beruf zur Erfüllung der Lebensmotive nutzen lässt, ist die Überwachung der Arbeit anderer Menschen. Menschen mit einem ausgeprägten Machtbedürfnis übernehmen gern eine Rolle als Vorgesetzter, sind aber ungern selbst einem anderen Menschen unterstellt und empfinden das vielleicht sogar als belastend. Im Gegensatz dazu verhalten sich Menschen mit einem geringen Bedürfnis nach Macht genau umgekehrt – sie sind mit ihrer untergeordneten Stellung vollauf zufrieden und würden unter Stress geraten, wenn sie Mitarbeiterverantwortung übernehmen müssten.
Unabhängigkeit
Menschen haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse, was ihre berufliche Unabhängigkeit beziehungsweise ihren Wunsch nach Unterstützung angeht. Wenn eine Tätigkeit genau das richtige Maß an Unterstützung bietet – nicht so viel, dass Sie sich entmündigt, und nicht so wenig, dass Sie sich allein gelassen fühlen –, ist Ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit vorübergehend erfüllt. In einer solchen Tätigkeit werden Sie eine befriedigende Balance zwischen Unterstützung und Freiheit empfinden.
Unabhängige Menschen arbeiten gern ohne Unterstützung durch Dritte. Dagegen nehmen abhängige Menschen gern die Unterstützung anderer an. Sie arbeiten lieber in Teams oder mit Kollegen, die ihnen viel Hilfestellung leisten. Unabhängige Menschen sind in Unternehmerorientierten Jobs gut aufgehoben, eignen sich gut als Kleinunternehmer und für einige professionelle Dienstleistungsberufe, aber sie sind keine gute Besetzung für Positionen im öffentlichen Dienst, in großen Konzernen oder beim Militär. Dagegen sind abhängige Menschen gut für eine kirchliche Laufbahn oder für Teampositionen in großen Unternehmen, nicht aber für unternehmerorientierte Positionen geeignet.
Unternehmer sind Menschen mit einem hohen inneren Antrieb, die von den Lebensmotiven Unabhängigkeit und Macht getrieben werden. Sie treffen gern ihre eigenen Entscheidungen, gehen ihren eigenen Weg und ignorieren konventionelle Auffassungen. Sie hassen es, wenn jemand ihre Freiheit beschneidet, und aus diesem Grund mögen sie keine Bürokraten. Dieser Unternehmergeist kann zu großem Erfolg führen, wenn die Fähigkeiten eines Menschen seinen Ambitionen entsprechen.
Sally, die extrem unabhängig ist, geht seit Langem ihren eigenen Weg. Als sie jung war, arbeitete sie gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten einen Plan aus, aber dann ignorierte sie diesen und tat, was sie wollte. Selbst nach eingehenden Gesprächen, in denen Sally versprach, eine stärkere Kontrolle zu akzeptieren, änderte sich eigentlich nichts. Sally mag andere Menschen und hat ein starkes Bedürfnis nach Beziehungen, aber sie braucht die Freiheit, im Beruf ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.Sally ist eine sehr clevere Person, die beschlossen hatte, reich zu werden. Sie spielte ein wenig mit Aktienoptionen und büßte dabei ihr ganzes Geld ein. Als sie professionelle Börsenhändlerin wurde, verlor sie innerhalb weniger Wochen ihre gesamten Mittel. Ohne mit der Wimper zu zucken, lieh sie sich Geld und versuchte ihr Glück erneut. Wieder verlor sie alles. Erst beim dritten Versuch fand sie schließlich heraus, wie das Börsenspiel funktioniert. Inzwischen ist sie eine ziemlich vermögende Frau, die jedes Jahr eine ordentliche Summe Geld mit Aktienhandel verdient.
Börsenhändler gehören zu den unabhängigsten Menschen der Welt. Sie spielen mit ihrem eigenen Geld und sind ihr eigener Chef. Die Gründe für Sallys Erfolg lagen in ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Macht, gepaart mit ihrer Intelligenz. Ihre Unabhängigkeit veranlasste sie dazu, Börsenhändlerin zu werden, und ihre Leistungsorientierung (Machtbedürfnis) motivierte sie, am Aktienhandel festzuhalten, bis sie schließlich dessen Funktionsmechanismen begriffen hatte. Ihre Intelligenz befähigte sie dazu, sich die Kenntnisse anzueignen, die für den Erfolg notwendig waren.
Im Gegensatz dazu ist Mike ein unabhängiger Mensch, der weit davon entfernt ist, seine Karriereziele zu erreichen – ein Umstand, der ihn wütend macht und der für alle eine Überraschung ist, die ihn kennen. Mike ist ein bemerkenswert kreativer Mensch, der zahlreiche wichtige Geschäftsideen entwickelt hat. Ihm mangelt es jedoch an wichtigen Fähigkeiten, um ein Geschäft aufzubauen oder zu führen. Er sollte sich mit anderen zusammentun, die über Fähigkeiten verfügen, die seine eigenen ergänzen. Dennoch versucht Mike Jahr für Jahr, sich ganz allein durchzubeißen. Zwar weiß Mike, dass ihm andere Menschen helfen können, aber da er ein extremes Bedürfnis nach Unabhängigkeit hat, hasst er es, Hilfe von Dritten anzunehmen. Ihm ist es wichtiger, sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit zu befriedigen, als erfolgreich zu sein (Letzteres würde sein Machtbedürfnis befriedigen). Aufgrund seines Unabhängigkeitstriebs würde er lieber beruflich scheitern, als ein erfolgreicher Ideengeber zu sein, der von einem Team abhängig ist, um seine Ideen geschäftlich umzusetzen zu können.
Mike ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass ein sehr starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit beruflichen Erfolg verhindern kann.
Neugier
Dieses Lebensmotiv erzeugt den regelmäßig wiederkehrenden Wunsch, sich neues Wissen anzueignen. Zu den geläufigen Methoden, den eigenen Beruf zu nutzen, um neue Dinge zu lernen, gehören Reisen an neue Orte, der Erwerb neuer Fertigkeiten und die Sammlung und Analyse von Informationen.
Zeitungsreporter müssen sich zum Beispiel ständig mit neuen Themen, Orten oder Ereignissen vertraut machen. An einem Tag schreiben sie einen Artikel über einen örtlichen Brand, am nächsten Tag über einen Skandal im Rathaus. Nur eine sehr neugierige Person kann in einem solchen Beruf gut sein, weil dieser voraussetzt, dass man jeden Tag etwas Neues lernt.
Zu den weiteren Berufsbereichen, die eine geprägte Neugier befriedigen, gehören Bildung, Erziehung und Lehre sowie Zahnmedizin, Jura, Medizin, Computerwissenschaften und Krankenpflege. In all diesen Berufen müssen Menschen mit dem rasanten Entwicklungstempo auf ihrem Fachgebiet Schritt halten.
Nicht neugierige Menschen sind am glücklichsten in Berufen, die geringe Lernanforderungen stellen, wie zum Beispiel bei sich ständig wiederholenden Tätigkeiten. Zu den klassischen Beispielen gehören Fließbandarbeiter, Sportler und Mitarbeiter im Sicherheitsdienst. Bevor Sie eine neue Tätigkeit beginnen, sollten Sie sich fragen, ob sie Ihnen das richtige Maß an intellektueller Herausforderung bietet. Wenn sie intellektuell anspruchsvoller ist, als Sie sich wünschen, dann werden Sie es nicht lange mit dieser Arbeit aushalten.
Colette hasst ihren Job als Sekretärin. Zwar ist sie eine intelligente Frau, die gern Bücher liest, aber ihr Job besteht hauptsächlich darin, Telefonanrufe zu beantworten, Diktate aufzunehmen und Briefe zu tippen. Ihre Tätigkeit verlangt ihr wenig eigenständiges Denken ab und gibt ihr selten die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen. Colette hat Angst, den Beruf zu wechseln, weil sie einen sicheren Arbeitsplatz hat und es sich nicht leisten kann, einen neuen Job mit geringerem Gehalt zu beginnen. Ihr Geist verkümmert und ihr Leben verstreicht, während sie jeden Tag darauf wartet, dass es 16.30 Uhr wird, damit sie nach Hause gehen kann, nur um am nächsten Morgen wieder ins Büro zu kommen und erneut auf das Ende ihrer Arbeitszeit zu warten. Sie muss ihr Leben in die Hand nehmen und eine anregendere Arbeit finden, selbst um den Preis, dass sie weniger Geld verdient. Möglicherweise wird sie dafür aber mit einer anderen Arbeit wesentlich glücklicher.
Anerkennung
Wir allen brauchen das Gefühl, dass wir grundsätzlich von anderen Menschen angenommen werden. Dieses Bedürfnis können wir im Beruf befriedigen, indem wir uns den Respekt unserer Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeiter verdienen. Von der Stärke unseres Bedürfnisses nach Anerkennung hängt ab, wie viel Kritik wir im Beruf vertragen können, ohne missmutig zu werden oder uns als Versager zu fühlen.
Menschen mit einem starken Anerkennungsbedürfnis neigen dazu, selbst noch so konstruktive Kritik abzulehnen, wohingegen Menschen mit einem geringen Bedürfnis nach Anerkennung viel Kritik vertragen können, ohne deswegen übermäßig nervös oder unglücklich zu sein. Damit wir im Beruf zufrieden sind, ist es wichtig, dass das Ausmaß an Kritik, die wir erhalten, mit unserem Bedürfnis nach Anerkennung vereinbar ist.
Mit einigen Tätigkeiten beziehungsweise Berufen ist eine Menge Kritik verbunden. Kreative Bereiche, zum Beispiel Literatur, Kunst und Wissenschaft, sowie alle Berufe, die vor Publikum oder in aller Öffentlichkeit ausgeübt werden, so wie Schauspielkunst, Musik und Politik, sind besonders viel Kritik ausgesetzt.
Stellen Sie sich vor, Sie schreiben ein Theaterstück, erleben seine Uraufführung am Broadway und lesen am nächsten Tag in der Zeitung, wie das Stück verrissen wird. Viele Menschen würden eine derart öffentliche Kritik als so verheerend empfinden, dass sie vielleicht nie wieder ein Theaterstück schreiben würden. Um als Theaterschriftsteller erfolgreich zu sein, müssen Sie harsche Kritik und häufige Ablehnung aushalten können.
Wolfgang Amadeus Mozart ist ein gutes Beispiel für eine Person, deren Bedürfnis nach Anerkennung nicht mit seinem Beruf als Komponist im Einklang stand. Mozart hatte ein sehr großes Bedürfnis, als das Musikgenie akzeptiert zu werden, das er war. Als ein Herzog die Anregung vortrug, ein bestimmtes Werk noch zu verbessern, war Mozart in seinem Anerkennungsbedürfnis gekränkt und wurde arrogant und unausstehlich.1 Wie konnte ein Genie wie Mozart ein so schlechtes Urteilsvermögen haben und ausgerechnet seinen Auftraggeber und Mäzen angreifen, der sein Werk finanziell unterstützte? Weil seine Arroganz sein Anerkennungsbedürfnis stärker befriedigte als frustrierte – denn obwohl Mozarts Verhalten die Menschen in seiner Umgebung verärgerte, bewirkte es, dass sie seine Musik nur sehr zurückhaltend kritisierten. Mozarts Arroganz war nicht der Ausdruck mangelnder »sozialer Intelligenz«, sondern sie war die beste Strategie, Kritik auf ein Minimum zu reduzieren und gleichzeitig die Chance auf späteren Ruhm zu wahren. Wenn ein Vorgesetzter ein ausgeprägtes Anerkennungsbedürfnis zeigt, können seine Anstrengungen, dieses zu befriedigen, für Mitarbeiter sehr unangenehm sein.
Ein gutes Beispiel war ein Professor namens Randall, der als Dekan an einer großen Universität an der Westküste tätig war. Er fürchtete sich so sehr davor, dass seine Publikationen kritisiert werden könnten, dass er im Alter von 35 Jahren ganz aufhörte, wissenschaftliche Beiträge zu verfassen. Aus Scham vor seinem eigenen Mangel an wissenschaftlicher Produktivität begann Randall, seine Mitarbeiter dafür zu kritisieren, dass sie nicht genügend publizierten. Die Mitarbeiter waren davon so eingeschüchtert, dass sie gar nicht wagten, seine eigene publizistische Leistung eingehender zu betrachten. Wie der Zauberer von Oz, der sich hinter dem Vorhang versteckt und gleichzeitig ein furchteinflößendes Bild von sich auf die Leinwand projiziert, war Professor Randall ein Mann, der unter einer massiven Schreibblockade litt und seine Mitarbeiter gleichzeitig so terrorisierte, dass sie selbst glaubten, sie würden nie genug schreiben und publizieren, um seinen Ansprüchen genügen zu können. Er gab vor, jemand zu sein, der er nicht war, weil er fürchtete, für das kritisiert zu werden, was er war.
Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Anerkennung brauchen einen Beruf, in dem sie selten bewertet werden und wenig Kritik ausgesetzt sind. Dazu gehören selbstständige Berufe (zum Beispiel ein eigenes Geschäft), Mitarbeiter in einer unterstützenden Gruppe mit gutem Teamgeist (zum Beispiel in einer Kirchengemeinde, bei der Polizei oder bei der Feuerwehr) oder Ein-Mann-Tätigkeiten wie Nachtwächter oder Filmvorführer.
Ordnung
Dieses Motiv erzeugt den wiederkehrenden Wunsch nach Vorhersagbarkeit und dem Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Das Ordnungsbedürfnis lässt sich durch Arbeit befriedigen, die Organisation, Planung, Zeitplanung, Detailgenauigkeit, Durchsetzung von Regeln und ritualisiertes Verhalten beinhaltet.
Ein Mitarbeiter eines großen Unternehmens kann dieses Bedürfnis zum Beispiel durch die Entwicklung von Organisationsplänen und Verfahrenshandbüchern befriedigen. Ein Redakteur kann dieses Bedürfnis befriedigen, indem er den Artikel oder das Buch eines Autors strukturiert. Da Ordnung und Sauberkeit unter dieses Bedürfnis fallen, kann auch die Arbeit in einem sauberen, aufgeräumten Büro das Gefühl von Ordnung und Berechenbarkeit erzeugen. Menschen mit einem starken Ordnungsbedürfnis sind gut für Tätigkeiten geeignet, bei denen der Schwerpunkt auf organisatorischen Fähigkeiten liegt, zum Beispiel Sekretariatstätigkeiten und Tätigkeiten im öffentlichen Dienst; für Tätigkeiten, die im hohen Maße unberechenbar sind, sind sie dagegen ungeeignet. Das Umgekehrte gilt für Menschen mit einem geringen Bedürfnis nach Ordnung.
Blair, Finanzvorstand eines mittleren Unternehmens, hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ordnung. Er befriedigt es in seiner Arbeit, indem er die Ausgaben den entsprechenden Konten zuordnet, auf eine ordentliche Finanzbuchhaltung achtet und die Zahlungsströme überwacht. Er hat einen guten Blick für Details, sodass keine Rechnung ohne alle notwendigen Begleitdokumente abgelegt wird. Blairs Bedürfnis nach Ordnung ist so ausgeprägt, dass er gelegentlich bis spätabends arbeitet, nur um sicherzugehen, dass die Bücher des Unternehmens tipptopp sind. Sein Vorgesetzter und seine Mitarbeiter schätzen seine penible Art, auch wenn sie sich manchmal beklagen, er sei zu unflexibel, und sie den Eindruck haben, als verbringe er mehr Zeit mit der Ordnung der Finanzen als notwendig. Im Allgemeinen macht Blair seine Arbeit gern, was zum Teil daran liegt, dass sie ihm die Gelegenheit bietet, sein Bedürfnis nach Ordnung zu befriedigen.
Sparen/Sammeln
Dieses Motiv löst den Wunsch aus, zu sammeln, zu horten und zu besitzen. Nur sehr wenige Tätigkeiten erscheinen geeignet, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Dazu gehören zum Beispiel Fondsmanager, Museumsdirektor, Bibliothekar, Manager von Fort Knox oder anderen Schatzkammern und Betreiber eines Unternehmens, das Briefmarken an Sammler verkauft. Alle Tätigkeiten, bei denen große Geldmengen ausgegeben werden, sind dagegen sehr schlecht geeignet, dieses Bedürfnis zu erfüllen.
Die Figur des Scrooge aus Charles Dickens’ Roman Eine Weihnachtsgeschichte nutzte seine Arbeit, um sein Sparbedürfnis zu erfüllen. Besonders genoss er es, jeden Abend sein Geld zu zählen, und er war so geizig, dass er seinen Mitarbeitern nicht einmal einen unbezahlten Urlaubstag gewährte, um Weihnachten feiern zu können. All das veränderte sich natürlich, als er von den weihnachtlichen Geistern besucht wurde. Wenn Ihr Chef ein Geizkragen ist, müssen Sie ihm vielleicht ein oder zwei Geister auf den Hals hetzen, um eine Gehaltserhöhung durchzusetzen.
Dagegen war Patrick ein Unternehmensberater, der gern Geld ausgab (ein Indikator für ein geringes Sparbedürfnis). Patricks Philosophie lautete, von allem immer nur das Teuerste zu wählen, das er sich leisten konnte. Einmal quartierte er sich in einem Hotel in San Francisco in der Präsidentensuite ein, in der Richard Nixon einst genächtigt hatte – für den Preis von 2000 Dollar pro Nacht. Die Rechnung ließ er an einen Verleger senden. Als er zum Flughafen musste, ging Patrick an seinen Kollegen vorbei, die an der Haltestelle an der nächsten Straßenecke auf den Bus warteten, der sie für 5 Dollar an den Flughafen brachte, und nahm sich stattdessen für 40 Dollar ein Taxi. Er flog First Class, statt mit einem Business- oder Tourist-Class-Ticket Geld zu sparen. Kunden, die Patricks Dienste in Anspruch nehmen wollten, hatten praktisch keine andere Chance, als seine Spesenrechnungen zu bezahlen.
Ehre
Dieses Motiv, das den wiederkehrenden Wunsch nach Loyalitätsgefühlen erzeugt, lässt sich ebenfalls durch Arbeit befriedigen. Die vielleicht häufigsten Beispiele sind langjährige, loyale Unternehmensmitarbeiter.
Ehrliche und hart arbeitende Polizisten, die ihr Leben riskieren, um andere Menschen zu schützen, machen ihrer Einheit, ihren Eltern und ihrem Erbe beziehungsweise ihrer Herkunft Ehre. Berufssoldaten können dieses Bedürfnis durch Patriotismus und die Einhaltung des militärischen Ehrenkodexes befriedigen. Auch Geschäftsleute, die sich an einen Ehrenkodex halten, befriedigen ihr Bedürfnis nach Ehre.
Steven Spielberg hat seine besonderen Fähigkeiten als Filmregisseur dazu genutzt, seinem jüdischen und amerikanischen Erbe Ehre zu erweisen. Sein international berühmter Film Schindlers Liste erzählt die Geschichte des Holocausts auf ganz neue Weise und Der Soldat James Ryan ist eine Hommage an die Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die sich am sogenannten D-Day an den Stränden der Normandie tapfer durch die feindlichen Reihen schlugen. Beide Filme boten Spielberg die Chance, seine Loyalitätsgefühle gegenüber seinem Erbe Ausdruck zu verleihen, und sie sind ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sich die eigene Arbeit zur Befriedigung des Lebensmotivs Ehre nutzen lässt.
Idealismus
Dieses Motiv, das den wiederkehrenden Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit auslöst, lässt sich durch Berufe erfüllen, die zum öffentlichen Wohlergehen beitragen. Zu den Beispielen für solche Tätigkeiten gehören karitative Arbeit, eine Kirchenlaufbahn, medizinische Forschung, Gesundheit, Recht, Bildung und Lehre, Zeitungsjournalismus und Sozialarbeit. Da Altruismus unter das Bedürfnis nach Idealismus fällt, kann jede Tätigkeit, von der andere Menschen profitieren, dieses Bedürfnis befriedigen. Zu den Beispielen gehören Krankenschwestern, Anwälte, die arme Leute vertreten, oder Mitarbeiter in Verwaltungsbehörden, die wirklich hilfsbereit sind.
Joe arbeitete beispielsweise als Psychologe und betreute geistig behinderte Menschen. Er nahm solchen Anteil an seinen Patienten, dass er viele von ihnen als persönliche Freunde betrachtete. Ein ehemaliger Therapiepatient besuchte ihn jedes Jahr im April, weil er Hilfe bei seiner Steuererklärung brauchte. Ein anderer ehemaliger Patient, der nicht in eine neue therapeutische Wohngemeinschaft ziehen wollte, stand eines Tages mit seinem gesamten Hab und Gut vor der Universität und fragte seinen Freund/Psychologen, ob er bei ihm wohnen könne. Der Psychologe half ihm dabei, einen geeigneten Platz zum Leben zu finden. Weil Joe aus Selbstlosigkeit handelte, befriedigte er damit sein Bedürfnis nach Idealismus.
Beziehungen
Da der Beruf die Chance bietet, Kollegen kennenzulernen, kann er das Lebensmotiv nach Beziehungen befriedigen. Menschen mit einem ausgeprägten Kontaktbedürfnis eignen sich am besten für Tätigkeiten, in denen sie viel mit anderen Menschen zu tun haben. Verkauf, verschiedene Positionen in einem Großunternehmen, Rezeption, Friseur und Lehrer sind Berufsbereiche, die für Menschen mit einem starken Kontaktbedürfnis geeignet sind. Zu den ungeeigneten Berufen gehören dagegen die Tätigkeit als Nachtwächter oder Ingenieure, die in entlegenen Regionen arbeiten (zum Beispiel auf einer Forschungsstation in der Antarktis).
Kontaktfreudige Menschen, die im Home Office arbeiten, finden ihre Arbeit nach einer Weile oft weniger befriedigend, als sie angenommen hatten. Zwar erspart ihnen die Arbeit im heimischen Büro das tägliche Pendeln zur Arbeitsstelle, aber dafür haben sie kaum Gelegenheit, Kontakt zu Kollegen zu pflegen.
Das Bedürfnis nach Beziehungen kann einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsleistung haben. Sehr kontaktfreudige Menschen neigen dazu, sich öfter und länger mit anderen zu unterhalten, als es ihre Vorgesetzten für angemessen halten. Möglicherweise führen sie ausgedehnte Telefonate und verlassen ihren Schreibtisch, um mit Kollegen zu plaudern. Auf der anderen Seite kann es passieren, dass Menschen mit einem geringen Kontaktbedürfnis unfreundlich wirken, weil sie Kontakten eher aus dem Weg gehen. Sie können gegenüber Kunden, Kollegen und Mitarbeitern schroff erscheinen und oft wird ihr Bedürfnis nach Alleinsein als mangelndes Interesse an anderen Menschen fehlinterpretiert.
Zwar sind das Bedürfnis nach Beziehungen und die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, nicht dasselbe, aber sie hängen meistens zusammen. Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Beziehungen sind motiviert, gut mit Menschen umzugehen, damit sie von anderen gemocht werden. Das wiederum ist wichtig für die Erfüllung ihres Bedürfnisses nach einem aktiven Sozialleben.
Dagegen fehlt eher reservierten Menschen oft die Motivation, ihren Umgang mit anderen Menschen zu verbessern, da sie nicht viele Menschen brauchen, die sie mögen. Es ist wichtig, eine Arbeit zu finden, die Ihrem Kontaktbedürfnis und Ihren sozialen Kompetenzen entspricht. Wenn Menschen ihre Arbeit verlieren oder bei einer Beförderung übergangen werden, liegt das gelegentlich daran, dass sie nicht gut mit anderen Menschen umgehen können oder sich nicht genügend für andere interessieren. Vielleicht hat der Betroffene seinen Vorgesetzten vor den Kopf gestoßen, oder es fällt ihm schwer, Kontakt zu seinen Kollegen zu pflegen.
Mary genießt den Kontakt zu anderen Menschen. Sie eröffnete ihren eigenen Friseursalon und liebt es, mit ihren Kunden zu plaudern, die sie schnell ins Herz schließen. Ihr Salon ist sehr erfolgreich. Tom, der eine kirchliche Laufbahn anstrebte, bewährte sich im Priesterseminar gut. Allerdings war er viel zu reserviert, um als Pfarrer erfolgreich zu sein und Erfüllung zu finden. Tom hatte von Natur aus das Bedürfnis, viel Zeit allein zu verbringen. Er hielt sich nicht gern in der Gesellschaft anderer Menschen auf und das zeigte sich, als er versuchte, sich um andere zu kümmern. Nach Abschluss des Priesterseminars beschloss er umzuschulen und wurde Buchhalter.
Familie
Dieses Motiv erzeugt den wiederkehrenden Wunsch, ein liebevoller Vater oder eine liebevolle Mutter zu sein. Im Allgemeinen steht die Arbeit unserer Chance im Wege, dieses Bedürfnis zu befriedigen, sodass Menschen sich entscheiden müssen, wie viel Zeit sie jeweils ihrer Familie und ihrer beruflichen Karriere widmen wollen. Der Beruf des Lehrers ist zum Teil deswegen beliebt, weil es sich dabei um eine familienfreundliche Tätigkeit handelt, die lange Ferien bietet, in denen Lehrer Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Teilzeit ist eine weitere Alternative für familienorientierte Menschen.
Obwohl durch die berufliche Tätigkeit die Zeit verringert wird, die Menschen mit ihrer Familie verbringen können, gibt es einige Berufe, die sich auf die Bedürfnisse der Familien anderer Menschen konzentrieren. Zu den häufigsten Beispielen gehören Sozialarbeit, Sozialforschung, kirchliche Arbeit, die Tätigkeit als Familien-Hausarzt und zu einem geringen Grad alle Tätigkeiten, die einen häufigen Kontakt zu Kindern beinhalten, zum Beispiel Grundschullehrer, Freizeitbetreuer für Jugendliche und die Tätigkeit als Kinderarzt. Diese Berufe können das Bedürfnis nach Familie bis zu einem gewissen Grad befriedigen.
Es kommt vor, dass Menschen, die ein geringes Bedürfnis nach Familie haben, einfach nicht gern Kinder um sich haben. Jeder sollte sich selbst so gut kennen, dass er keine Arbeit annimmt, bei der er oft mit Kindern zu tun hat – zum Beispiel eine Stelle als Kindergärtnerin –, wenn er oder sie keine Freude am Umgang mit Kindern hat. Intensiver Kontakt mit Kindern kann für diese Menschen Stress und Frustration bedeuten.
Status
Dieses Motiv löst den wiederkehrenden Wunsch aus, das Gefühl der eigenen Bedeutung zu verspüren. Da der Beruf eines Menschen das Potenzial birgt, dieses Bedürfnis zu befriedigen, wird er häufig für diesen Zweck eingesetzt. Wir brauchen eine Karriere, eine Tätigkeit und eine Positionsbezeichnung, die das Maß an Prestige widerspiegeln, das wir anstreben.
Der Prestigefaktor der Positionsbezeichnung »IBM Senior Vice President für Public Responsibility« ist zum Beispiel extrem hoch – erstens, weil die Computerbranche einen gewissen Glanz ausstrahlt, zweitens, weil IBM ein hoch angesehener Konzern ist, und drittens, weil »Senior Vice President« überaus wichtig klingt. Der hohe Prestigefaktor dieser Position ist dazu angetan, das Statusbedürfnis ihres Inhabers zu befriedigen. Dieser muss nur daran denken, wie beeindruckend seine Positionsbezeichnung klingt, um sich wichtig zu fühlen.
Generell gehören zu den prestigeträchtigen Positionen zum Beispiel Tätigkeiten als Arzt, Rechtsanwalt, Zahnarzt, Führungskraft, Positionen in der High-Tech-Industrie, erfolgreicher Geschäftsinhaber und jeder andere Beruf, der großen Wohlstand beziehungsweise ein sehr hohes Gehalt suggeriert. Das Bankwesen ist zum Beispiel eine Branche, in der Status eine so große Rolle spielt, dass er Teil des Gesamtvergütungspakets ist. Die Position eines Vizepräsidenten einer Bank klingt viel beeindruckender, als sie tatsächlich ist. Große US-Banken haben eine ganze Reihe von Vizepräsidenten, von denen die meisten eine Position im mittleren Management bekleiden und nicht sehr viel formale Autorität besitzen.
Rache/Wettbewerb
Dieses Bedürfnis erzeugt den wiederkehrenden Wunsch, Wettbewerb oder Vergeltung zu erleben. Rechtsanwalt und Staatsanwalt sind ideale Berufe, um dieses Bedürfnis zu befriedigen. Menschen in diesen Berufen helfen einerseits ihren Mandanten – Prozessanwälte beziehungsweise Verteidiger helfen Menschen, der Staatsanwalt dem Staat –, Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, die anderen Menschen oder der Gesellschaft einen Schaden zugefügt haben. Genau genommen sind es die Mandanten, die ausgleichende Gerechtigkeit suchen, aber die jeweiligen Anwälte sind so in den Prozess involviert, dass sie ebenfalls aggressive oder wettbewerbsgesteuerte Gefühle entwickeln.
Da das Bedürfnis nach Wettbewerb unter das Bedürfnis nach Rache fällt, lässt sich dieses mit jeder wettbewerbsorientierten Tätigkeit befriedigen. Zu den häufigen Beispielen gehören unternehmerische Tätigkeiten, einige Verkaufstätigkeiten und Profisport. Auch Berufe, die eine Gelegenheit zur körperlichen Aggression bieten, befriedigen das Bedürfnis nach Rache. Dazu gehören Militär, Polizei, Tätigkeiten als Türsteher beziehungsweise Rausschmeißer und Boxer. Auf der anderen Seite gibt es Tätigkeiten, bei denen das Bedürfnis nach Aggressivität zu Schwierigkeiten führt, nämlich all jene, die Kontakt mit Kindern beinhalten (zum Beispiel Vorschullehrer, Kinderkrankenschwester), und alle Tätigkeiten, bei denen es darauf ankommt, dass man andere Menschen für sich einnehmen kann (zum Beispiel Dienstleistungen, Verhandlung). Diese Berufe sind am besten für Menschen mit einem geringen Bedürfnis nach Rache und Wettbewerb geeignet.
Sinnlichkeit
Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Sinnlichkeit sind gut für Tätigkeiten geeignet, bei denen der Schwerpunkt auf dem ästhetischen Empfinden liegt, zum Beispiel Schauspieler, Künstler, Tätigkeiten in der kommerziellen Kunst, Tänzer, Dekorateur, Grafikdesigner und Musiker.
Essen
Tätigkeiten in der Gastronomie, zum Beispiel als Koch oder Kellner, bieten zahlreiche Gelegenheiten, zu essen und den Umgang mit Lebensmitteln und Speisen zu genießen. Da Übergewicht eines der potenziellen Risiken einer Tätigkeit in der Gastronomie ist, sollten sich Menschen mit Gewichtsproblemen unter Umständen einen anderen Job suchen.
Körperliche Aktivität
Es gibt viele Tätigkeiten, mit denen sich dieses Bedürfnis befriedigen lässt, darunter Profisport, Bauindustrie, Landwirtschaft, Spedition/Umzüge, Militärdienst, Polizei, Transport sowie Restaurantbedienung. Fühlen Sie sich mit dem Maß an körperlicher Aktivität wohl, das in Ihrer beruflichen Tätigkeit von Ihnen erwartet wird? Ist Ihnen Ihre Tätigkeit zu anstrengend? Oder leiden Sie darunter, dass Ihnen Ihr Schreibtischjob zu wenig körperliche Aktivität verschafft?
Innere Ruhe
Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach innerer Ruhe brauchen eine relativ stressfreie Tätigkeit. Diese Menschen sind schlecht geeignet für Tätigkeiten mit einem hohen Stressfaktor, zum Beispiel Profisportler, Topmanager, Aktien- oder Rohstoffhändler, Chirurg, Fluglotse, Taxifahrer oder PR-Spezialist. Zu den weiteren stressigen Tätigkeiten gehören solche, in denen enge Termine eingehalten werden müssen, zum Beispiel Zeitungsjournalist, und solche mit ungewissem Ausgang, zum Beispiel Immobilienmakler, Finanzhändler.
Menschen mit einer geringen Stresstoleranz werden zudem Positionen vermeiden, die mit Gefahren verbunden sind, wie zum Beispiel Testpilot, Soldat, Feuerwehrmann, Sicherheitspersonal oder Polizist. Zu den relativ stressfreien Tätigkeiten gehören solche, die gefahrlos und ohne Termindruck sind, zum Beispiel Florist, Büroangestellter, Bibliothekar, Hausmeister, Pförtner und Zahnarzthelferin.
Grace ist Kinderärztin an der amerikanischen Westküste und hat ein extrem starkes Bedürfnis nach innerer Ruhe. Sie kann den Stress, der mit der Einhaltung von Fristen verbunden ist, nur schwer aushalten; das geht so weit, dass sie es nicht schafft, ihre Krankenberichte rechtzeitig zu schreiben. Zwar ist sie eine sehr gute Ärztin, was Untersuchung und Diagnose betrifft, aber in dem Moment, in dem sie einen Krankenbericht schreiben soll, leidet sie unter einer Schreibblockade. Die Eltern ihrer kleinen Patienten werden ärgerlich, wenn der schriftliche Untersuchungsbefund nicht pünktlich fertig ist. Mit der Zeit hat sich das Problem verschlimmert. Grace hat aufgrund ihrer Unfähigkeit, ihre Panikattacken in den Griff zu bekommen, die sie jedes Mal überfallen, wenn sie unter Zeitdruck gerät, eine Reihe von Arbeitsstellen verloren.
Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einem geringen Bedürfnis nach innerer Ruhe dagegen eher angstlos sind. Diese Menschen sind psychologisch für gefährliche Tätigkeiten wie Feuerwehrmann oder für militärische Positionen geeignet. Militäroffiziere zeigen dabei ein besonders schwach ausgeprägtes Bedürfnis nach innerer Ruhe. Ein geringes Bedürfnis nach innerer Ruhe (als Indikator für ein hohes Mutpotenzial) lässt sich durch eine militärische Laufbahn erfüllen.
Ist ein Stellenwechsel das Risiko wert?
Wenn Sie eine berufliche Tätigkeit ausüben, die Ihren Bedürfnissen widerspricht, sind die Möglichkeiten begrenzt, diese Situation ohne einen Stellenwechsel zu verbessern. Vielleicht können Sie Ihre Aufgaben bis zu einem gewissen Grad verändern, aber nur wenige Arbeitgeber erlauben ihren Mitarbeitern, ihren Aufgabenbereich so zu verändern, dass er besser zu ihrem persönlichen Motivprofil passt. Aus diesem Grund sollten Sie sich ernsthaft überlegen, ob Sie nicht Ihre Arbeitsstelle oder sogar Ihren Beruf wechseln wollen.
Ein Jobwechsel kann Ängste auslösen, vor allem wenn Sie das Gehalt brauchen und nicht sicher sind, ob Sie in einer anderen Tätigkeit oder einem anderen Beruf dasselbe verdienen können. Gelegentlich ist jedoch Mut gefragt, weil die persönliche Zufriedenheit das Risiko eines Stellen- oder Berufswechsels wert ist.
Vielen Menschen widerstrebt es, den Job zu wechseln, um eine erfreulichere Arbeit zu finden. Sie denken, dass Arbeit grundsätzlich unerfreulich ist und ihnen deshalb eine neue Arbeit ebenso wenig Spaß machen wird wie die alte. Schließlich werden wir doch dafür bezahlt, einfach das zu tun, was von uns verlangt wird, oder? Da unsere Arbeitgeber im Gegenzug für das Gehalt, das sie uns zahlen, von uns die Erledigung bestimmter Aufgaben verlangen, erwarten wir, dass Arbeit grundsätzlich unerfreulich oder langweilig ist. Üblicherweise betrachten wir den Beruf nicht als Gelegenheit zur Erfüllung unserer Lebensmotive und zur Entwicklung wertebasierter Glücksgefühle.
Viele Menschen arbeiten 40 Stunden oder mehr pro Woche, und das rund 46 Wochen im Jahr. Aus den Wochen werden Monate, aus den Monaten Jahre und die Jahre machen schließlich unser Leben aus. Sie sollten schon Spaß an den Dingen haben, mit denen Sie einen Großteil Ihrer Lebenszeit verbringen. Andernfalls verbringen Sie nämlich einen Großteil Ihres Lebens mit Dingen, die Sie nicht mögen. Das Leben ist zu kurz, um es auf einen Beruf oder eine Tätigkeit zu verschwenden, an der Sie keine Freude haben.
Bei der Entscheidung über einen möglichen Jobwechsel müssen Sie auch bedenken, dass sich die wachsende Unzufriedenheit mit Ihrer derzeitigen Arbeit schließlich auf Ihre Leistung und damit auf zukünftige Gehaltserhöhungen auswirken kann. Wenn Menschen an Jobs festhalten, die nicht zu ihren Motivprofilen passen, wird ihre Leistung früher oder später darunter leiden.
Das Problem ist, dass ihre Bedürfnisse sie dazu bringen, Dinge zu tun, die mit ihren Arbeitsaufgaben kollidieren. Vielleicht unterhalten sie sich zu viel oder sie langweilen sich, weil sie intellektuell unterfordert sind.
Ich hoffe, diese Überlegungen spornen einige Leser dazu an, das Risiko zu einzugehen und ihre Arbeitsstelle zu wechseln, wenn sie mit ihrer derzeitigen Arbeit unzufrieden sind. Wenn Sie zu den Lesern gehören, die über einen Stellenwechsel nachdenken, oder wenn Sie Berufseinsteiger sind und Ihre Karriere planen, dann können Sie dieses Wissen über Ihr Motivprofil nutzen, um einen Beruf zu ergreifen, den Sie wahrscheinlich als erfüllend erleben werden.
Im Folgenden erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen können. Wie Sie einen Beruf finden, der Ihnen Erfüllung verspricht Generell fühlen wir uns von unserer Arbeit erfüllt, wenn wir eine Tätigkeit ausüben, die unsere wichtigsten Lebensmotive befriedigt. Natürlich müssen wir in der Lage sein, gute Arbeit zu leisten, aber allein durch Leistung findet man wahrscheinlich keine Erfüllung. Auch die Entscheidung, eine bestimmte Stelle anzunehmen, weil sie gut bezahlt ist, führt nicht zu innerer Erfüllung. Hier meine Empfehlungen, wie Sie in mehreren Schritten einen Beruf oder eine Tätigkeit auswählen, der oder die Ihre Lebensmotive erfüllt:
- Schritt 1: Bestimmen Sie, falls Sie es noch nicht gemacht haben, welche der 16 Lebensmotive für Sie die größte und welche die geringste Bedeutung haben.
- Schritt 2: Erstellen Sie eine Liste möglicher Berufe, die für Sie infrage kommen. In Ihrer öffentlichen Bibliothek finden Sie mit Sicherheit ein Buch, in dem die verschiedensten Berufe aufgeführt werden. Auch in Schul- oder Universitätsbibliotheken finden Sie entsprechende Literatur. Es gibt sehr viele unterschiedliche Berufe, also lohnt es sich, zunächst eine sehr lange Liste zu erstellen, damit Sie wirklich herausfinden können, welcher für Sie am besten geeignet ist.
- Schritt 3: Stellen Sie sich nun zu jeder beruflichen Option folgende Fragen:
- Bietet dieser Beruf oder diese Tätigkeit das Potenzial zur Befriedigung Ihrer Ambitionen? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Macht haben.)
- Fühlen Sie sich mit dem Maß an Autonomie beziehungsweise der Kontrolle durch Vorgesetzte wohl, das mit dieser Stelle verbunden ist? (Nur relevant, wenn Sie ein sehr starkes oder sehr geringes Bedürfnis nach Macht haben.)
- Fühlen Sie sich mit der Anzahl an Wochenarbeitsstunden wohl, die von Ihnen erwartet wird?
- Fühlen Sie sich mit dem Verhältnis zwischen unabhängiger Arbeit und Teamarbeit wohl? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Unabhängigkeit haben.)
- Sind Sie mit dem intellektuellen Niveau der Arbeit zufrieden? (Nur relevant, wenn Sie eine ausgeprägte oder eine geringe Neugier haben.)
- Fühlen Sie sich mit dem Grad an Flexibilität wohl, die diese Stelle in Bezug auf Arbeitszeiten und Regeln bietet? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Ordnung haben.)
- Fühlen Sie sich mit dem Maß an Loyalität wohl, das von Ihnen gegenüber Ihrem Unternehmen und dessen Produkt erwartet wird? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Ehre haben.)
- Sind Sie mit den ethischen Aspekten Ihrer Arbeit zufrieden? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Ehre haben.)
- Sind Sie mit dem Beitrag Ihrer Arbeit zur Verbesserung der Gesellschaft zufrieden? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Idealismus haben.)
- Sind Sie mit den Gelegenheiten zum zwischenmenschlichen Austausch und zur Kontaktpflege mit Ihren Kollegen zufrieden? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Beziehungen haben.)
- Steht Ihr Beruf beziehungsweise Ihre Tätigkeit mit Ihrer Familienplanung im Einklang? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Familie haben.)
- Sind Sie mit dem Prestige Ihrer Stellung, Ihrer Positionsbezeichnung und Ihres Unternehmens zufrieden? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Statusbedürfnis haben.)
- Fühlen Sie sich mit der Wettbewerbsintensität und dem Grad an Aggressivität wohl, die von Ihnen erwartet werden? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach Rache haben.)
- Fühlen Sie sich mit dem Umfang an körperlicher Arbeit wohl, der von Ihnen erwartet wird? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach körperlicher Aktivität haben.)
- Können Sie gut mit dem Stress umgehen, der mit Ihrer Tätigkeit verbunden ist? (Nur relevant, wenn Sie ein ausgeprägtes oder geringes Bedürfnis nach innerer Ruhe haben.)
Nach der Beantwortung dieser Fragen zu jedem Beruf beziehungsweise jeder neuen Arbeitsstelle, die Sie erwägen, können Sie eine Liste mit Berufen und Tätigkeiten erstellen, die Ihre wichtigsten Lebensmotive am besten befriedigen. Vergewissern Sie sich, dass jeder Beruf, über den Sie ernsthaft nachdenken, nicht nur eines Ihrer wichtigsten Lebensmotive befriedigt, sondern alle – oder zumindest alle außer einem.
- Schritt 4: Werfen Sie einen erneuten Blick auf die Liste und konzentrieren Sie sich dabei vor allem auf Ihr Bedürfnis nach Anerkennung. Streichen Sie alle Berufe und Tätigkeiten, bei denen Sie mehr Kritik ausgesetzt wären, als Sie vertragen können. Dazu können Tätigkeiten gehören, die oft einer öffentlichen Bewertung unterliegen oder Auftritte vor Publikum beinhalten. Rechtsanwälte können viele Prozesse verlieren, Profisportler viele Wettkämpfe, Politiker viele Wahlen und Autoren erleben häufig, dass ihre Manuskripte abgelehnt werden. Wenn Sie das Gefühl haben, keine Zurückweisung vertragen zu können, dann nehmen Sie von solchen Tätigkeiten oder Berufen Abstand. Wenn Sie ein durchschnittliches bis geringes Anerkennungsbedürfnis haben, können Sie diese Tätigkeiten auf Ihrer Liste stehen lassen.
- Schritt 5: Streichen Sie alle Berufe oder Tätigkeiten, für die Ihnen die notwendigen Fähigkeiten fehlen. Wenn das Problem darin besteht, dass Sie nicht die notwendigen Qualifikationen besitzen oder Ihnen die erforderliche Ausbildung fehlt, dann können Sie überlegen, ob Sie diese nachholen wollen. Langfristig sind Sie möglicherweise wesentlich besser dran, wenn Sie sich für eine zweite Ausbildung entscheiden, als an einem Beruf festzuhalten, der Sie nicht erfüllt.
- Schritt 6: Betrachten Sie nun Ihre Liste und konzentrieren Sie sich auf Ihr Bedürfnis nach Beziehungen. Streichen Sie alle Berufe oder Tätigkeiten, mit denen ein erheblich höheres oder geringeres Maß an Beziehungen verbunden ist, als es Ihren Bedürfnissen oder sozialen Fähigkeiten entspricht.
- Schritt 7: Wählen Sie eine der Tätigkeiten aus, die jetzt noch auf der Liste verbleiben. Da sie voraussichtlich alle für Sie erfüllend sind, können Sie nun auch die Gehaltsaussichten als Auswahlkriterium in Betracht ziehen.
Über den Autor
Steven Reiss ist Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Ohio State University und Direktor des Nisonger Center for Mental Retardation. Seine Forschungsarbeit wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und beeinflusste viele Fachkollegen. Unternehmen wie die Metro, REWE und Douglas schwören ebenso auf Reiss’ Methode wie die deutsche Handball-Nationalmannschaft.










9 Kommentare zu “16 Motive für mehr Erfolg im Job”
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