Groupon nach dem Urknall

Im November ging das Rabattgutschein-Portal Groupon mit viel Lärm an die Börse, nur die ersten Investoren mussten lange schweigen. Der Risikokapitalgeber eVenture ist einer von ihnen – im Interview erklärt eVenture-Partner Christian Leybold, wie Groupon sein Geschäftsmodell ausweiten sollte, welchen Anteil die Samwer-Brüder am Erfolg haben, und ob eine neue Spekulationsblase rund um Internet-Aktien zu befürchten ist.

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Es war der größte Börsengang seit Googles IPO: Als das US-amerikanische Gutscheinportal Groupon am 4. November an die Börse ging spülte das rund 700 Millionen Dollar in die Kassen des jungen Unternehmens. Auch vor einem Fernseher in Hamburg knallten beim Handelstart die Korken: Mit einem Glas Schampus feierten die Partner von eVenture Capital Partners Groupons Gang aufs Parkett.

Mit gutem Grund: Der Risikokapitalgeber hatte 2010 einen einstelligen Millionenbetrag in den deutschen Groupon-Klon Citydeal investiert, bevor der im Mai von seinem Vorbild aufgekauft wurde. Einige Anteile verkaufte es später und strich damit einen satten Gewinn ein. Heute hält eVenture noch etwa ein Prozent an Groupon. Bei einem aktuellen Firmenwert von rund zwölf Milliarden Dollar entspricht das 120 Millionen Dollar – einem Vielfachen des ursprünglichen Investments.

Bis vor wenigen Wochen galt für Investoren wie eVenture eine Schweigepflicht, die sogenannte “Quiet Period“. Diese Schutzregelung soll bewirken, dass Insider die Kurse unmittelbar nach dem Börsengang nicht künstlich hochtreiben. Erst seit Kurzem dürfen die Investoren über den Groupon-Börsengang sprechen. Im Interview erklärt Christian Leybold von eVenture, warum er Groupon noch viel zutraut, weshalb er nicht an eine neue Dotcom-Blase glaubt und was er von der Copycat-Debatte hält.

Christian Leybold

ist seit 2003 Partner beim Risikokapitalgeber BV Capital / eVenture Capital Partners, der als einer erfolgreichsten europäischen Wagnisfinanzierer gilt. Leybold kümmert sich besonders um Investments in Internet-, Medien- und Software-Startups. Bevor er bei eVenture einstieg studierte Leybold Electrical Engineering in den USA und arbeitete als Technologieexperte für Konzerne wie Daimler Chrysler.

“Groupon wird sein Geschäft differenzieren”

Der Aktienkurs von Groupon ist nach dem IPO deutlich angestiegen, dann aber ziemlich eingebrochen. Jetzt pendelt er knapp unterhalb des Emissionspreises von 20 Dollar. Haben Sie bei eVenture schon erwogen, sich von Ihren Groupon-Anteilen zu trennen?
Christian Leybold: Nein. Erstens dürfen wir das nicht, da wir Insider eine Sperrfrist beachten müssen. Zweitens sind an den Kursschwankungen sicher auch makroökonomische Faktoren schuld: Die Eurokrise und die amerikanische Schuldenkrise wirken sich auch auf Groupon aus. Drittens: Groupon hat eine Menge Potenzial, auch wenn das Unternehmen zuletzt viel Häme einstecken musste.

Was meinen Sie damit?
Groupon wurde extrem hoch geschrieben, hat also auch eine große Fallhöhe…

…zumal es sein Wachstum bisher nur erzielen konnte, indem es viel Geld ausgab und hohe Verluste erwirtschaftete.
Solche Analysen bewerten nur das bestehende Geschäftsmodell, aber nicht das Potenzial, das in Groupon steckt. Das vermisse ich in der aktuellen Diskussion. Denn natürlich entwickelt sich die Plattform weiter.

Also trägt das aktuelle Geschäftsmodell alleine langfristig nicht?
Im Gegenteil. Das aktuelle Geschäftsmodell ist nicht überbewertet, aber die Möglichkeiten, die in Groupon stecken, haben viele noch nicht erkannt. Das Geschäft mit den Gutscheinen war sozusagen der Urknall, jetzt muss sich das Geschäft differenzieren, um sich weiter ausbreiten zu können.

Kritiker sehen die Möglichkeiten eher schwinden. Worin liegen aus Ihrer Sicht die Chancen?
Groupon profitiert davon, dass es auf beiden Seiten eine kritische Masse hat: Sowohl eine große Zahl von Händlern, als auch eine große Zahl von Konsumenten. Das hat Groupon vielen anderen großen Internetfirmen voraus. Außerdem hat es das Unternehmen wie kein anderes geschafft, den lokalen Handel, der sonst außerhalb des Netzes stattfindet, ins Netz zu ziehen. Auf diesem Fundament kann noch unheimlich viel entstehen.

Was erwarten Sie konkret?
Ich gehe davon aus, dass neue Produkte wie zuletzt „Groupon Rewards“ ausgerollt werden. Damit kann jeder Händler, egal welcher Größe, sofort ein Kundenbindungsprogramm anbieten. Es wird einen ganze Reihe solcher Angebote geben, die lokalen Händlern innovative Vermarktungsmaßnahmen erlauben oder den Konsumenten neue Wege eröffnen, günstige Angebote zu finden wie neuerdings zum Beispiel im Reisebereich. Und zuletzt wird es spannende Partnerschaften geben, die Groupon noch bekannter machen, man denke nur an die aktuelle Ankündigung, mit der Telekom und T-Mobile zusammenzuarbeiten.

Ist es also ein guter Zeitpunkt, jetzt Groupon-Aktien zu kaufen?
Wie gesagt: Wie die Aktie sich entwickelt hängt aktuell auch von makroökonomischen Faktoren ab. Wer langfristig orientiert ist, sollte sich nicht zu stark von der Kritik lenken lassen.

“Nur in Deutschland zu investieren ist wenig spannend”

Mit eVenture sind Sie vor nicht einmal zwei Jahren mit einem einstelligen Millionenbetrag bei Citydeal eingestiegen – inzwischen hat sich der Wert Ihrer Anteile mehr als verfünfzigfacht. Ist Ihnen solch ein Coup schon einmal vorher gelungen?
Es ist beeindruckend zu sehen, wie ein Unternehmen, in das man so früh investiert, so schnell wächst und an die Börse geht. Aber solche Investments sind sehr selten. Wir steigen immer unter der Annahme ein, dass wir die Hälfte unserer Investments abschreiben müssen. Eine ähnliche Vervielfachung wie bei Citydeal haben wir mit anderen Beteiligungen zwar auch schon erzielt, aber normalerweise erfordert eine solche Entwicklung deutlich mehr Zeit. Groupon war da ein außergewöhnlich schneller Erfolg.

Zumal Sie vom Gutscheinboom rund um Groupon gleich mehrfach profitieren konnten…
Stimmt, in Japan haben wir mit einem unserem Partner-Fonds in eine Firma investiert, die auch an Groupon ging. Und wir waren an Darberry beteiligt, einem russischem Couponing-Anbieter, den Groupon im Jahr 2010 ebenfalls gekauft hat. Wir sind überzeugt, dass in dieser globalen Investitionsmethode die Zukunft liegt – nur in Deutschland zu investieren ist weit weniger spannend.

“Man muss den Samwers Respekt zollen”

Von den Samwer-Brüdern heißt es, sie regierten bei Groupon mit „eiserner Faust“. Konnten Sie als einstige Citydeal-Investoren das auch beobachten?
Zugegeben, Citydeal ist rasant gewachsen bevor es an Groupon verkauft wurde und auf der menschlichen Ebene ist manches vielleicht nicht so gut gelaufen. Aber wenn man sich das Ergebnis anschaut und sieht, dass Groupon schon heute beim Börsengang über 50 Prozent seines Umsatzes außerhalb der USA erzielte, dann muss man den Samwers Respekt zollen.

Kurz nach Groupon wagte auch Onlinespiele-Hersteller Zynga den Börsengang – sein Kurs ist seitdem um rund 20 Prozent eingebrochen. Gibt es möglicherweise eine Spekulationsblase wie im Jahr 2000?
Der Vergleich hinkt: Im Jahr 2000 sind reihenweise Unternehmen an die Börse gegangen, die weder Geschäftsmodell noch Umsätze vorweisen konnten. Als die Dotcom-Bubble platzte, verloren ihre Aktien zu Recht rasant an Wert, viele gingen Pleite. Das ist jetzt anders. Die Bewertungen, die Groupon und Co. an der Börse erzielen, sind zwar hoch, aber dahinter stecken weder wahnsinnige Manager noch leichtsinnige Anleger, sondern solide Geschäftsmodelle und realistische Erwartungen.

“Facebook-Aktien könnten ein guter Fang sein”

Auch Facebook plant den Schritt an die Börse. Hat es den besten Zeitpunkt dafür schon verpasst?
Das ist schwer zu sagen, weil keiner weiß, wie die nächsten sechs Monate laufen werden. Insgesamt ist die Stimmung an den Börsen aber doch deutlich eingetrübt, das erzeugt eine psychologische Unterbewertung. Das heißt aber auch: Wer langfristig denkt, kann womöglich einen guten Fang machen, wenn es soweit ist.

In der deutschen Gründerszene wurde kürzlich heftig über einen Aufruf debattiert, in dem sich mehrere Gründer gegen Copycats ausgesprochen haben, also jene Startups, die innovative Geschäftsmodelle nachahmen, anstatt sich selbst welche auszudenken. Sie haben erst in den Groupon-Klon Citydeal investiert, danach auch in die Online-Zimmerbörse 9flats.com, das sehr dem US-Vorbild AirBnB ähnelt. Stört Sie die Copycat-Debatte?
Nein. Zunächst einmal investieren wir auch in Unternehmen, die mit völlig neuen Produkten an den Start gehen – zum Beispiel das russische Startup NGINX, das eine innovative Serversoftware entwickelt. Aber wir haben auch kein Problem damit, in Unternehmen zu investieren, die ein gutes Geschäftsmodell adaptieren und an neue Märkte bringen. Dabei geht es uns nicht darum, ein Unternehmen schnell groß zu machen und wie Citydeal an das US-Vorbild zu verkaufen. Beispiel 9flats: Es wird sicher einige Jahre dauern, bis sich die Gewohnheiten der Menschen geändert haben und die breite Masse solche Online-Zimmervermittlungen als gute Alternative zu teuren Hotels erkennt. Diesen Weg gehen wir natürlich mit.

Im Facebook-Fieber

2012 stehen die Aktienmärkte im Bann eines der größten Börsengänge aller Zeiten: Facebook wagt sich aufs Parkett. Das soziale Netzwerk hat schon jetzt einen neuen Internet-Aktienwahn ausgelöst. Welche Papiere wirklich etwas taugen, was Facebook tatsächlich wert sein könnte, warum Google und Amazon lukrativ sind, erfahren Sie in der aktuellen WirtschaftsWoche.


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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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