Debatte: Schlaraffenland für Investoren?

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Herr Brandis, wie viele Businesspläne bekommen Sie bei Earlybird pro Jahr auf den Tisch?
Insgesamt erhalten wir pro Jahr rund 1800 qualifizierte Businesspläne, davon lese ich persönlich etwa 300.

Da fällt die Auswahl schwer…
Ja, denn pro Jahr investieren wir nur in sechs bis acht Unternehmen. Insgesamt hat die Anzahl potenzieller Unternehmer hierzulande stark zugenommen. Das zeigen auch Studien, etwa der Global Entrepreneurship Monito Reportr Report. Während es vor einigen Jahren in den USA noch dreimal so viele latente Unternehmer gab, hat sich Deutschland inzwischen deutlich dem US-amerikanischen Niveau angenähert.

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Hendrik Brandis: “Herausragende Situation”

Hendrik Brandis ist Mitgründer und Managing Partner beim Wagniskapitalgeber Earlybird und investiert seit 14 Jahren in junge Technologieunternehmen.

Rezessionszeiten sind immer Gründerzeiten, weil feste Jobs kaum mehr Sicherheit versprechen als die Selbstständigkeit. Aber wird Deutschland tatsächlich ein Gründerland?
Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber um zu gründen, brauchen Sie drei Zutaten: Erstens eine unternehmerische Idee, also eine innovative Technologie oder ein neuartiges Geschäftsmodell. Zweitens einen Gründer, der ein Unternehmen daraus macht. Und drittens einen Geldgeber, der die Gründungsphase finanziert, denn die meisten Gründer bringen selbst nicht genug Kapital mit. Und genau an diesen Geldgebern mangelt es in Deutschland: Wagniskapital ist hierzulande der limitierende Faktor, der Flaschenhals, durch den viele Startups nicht durchkommen.

Und in den USA ist Geld kein Problem?
Zumindest nicht so ein großes wie bei uns. In den USA gibt es über 800 Venture-Fonds, von denen mehr als 300 über mindestens 150 Millionen Dollar verfügen. In Deutschland haben von gerade mal 30 Fonds nur fünf eine solch hohe Summe zur Verfügung. Und weil es so wenige Wagnisfinanzierer gibt, ist Deutschland eine regelrechte Wüste, was Gründungs- oder Wagniskapital anbelangt.

Wir wirkt sich das aus?
In guten Jahren werden in den USA rund 30 Milliarden Dollar in junge Unternehmen investiert. Selbst in Krisenjahren wie 2009 waren es noch 16 Milliarden. In Deutschland werden sogar in guten Jahren nur um die 350 Millionen Euro investiert. Obwohl die amerikanische Volkswirtschaft nur etwa vier Mal so groß ist wie die deutsche, wird dort also bis zu fünfzig Mal so viel Geld in junge Unternehmen investiert wie hier. Die Folge ist, dass hier vergleichsweise wenige Unternehmen wachsen – obwohl es genügend Innovationen gibt.

Dann müssten die Gründer Ihnen ja die Türen einrennen. Leben Sie im Schlaraffenland?
Das Wort würde ich nicht benutzen, aber tatsächlich ist die Situation für uns herausragend. Solche Rahmenbedingungen für Wagnisfinanzierer wie Earlybird hat es in den 14 Jahren, die ich im Geschäft bin, noch nicht gegeben.

Trotz Krise?
Ja, trotz Krise ist das Investitionsumfeld sensationell. Die Zahl der qualifizierten Businesspläne, die bei uns eingehen, ist in den vergangenen zwei Jahren um 50 Prozent gewachsen. Während des Internetbooms zur Jahrtausendwende gab es zwar auch viele Projekte, diese waren aber in der Regel weniger ausgereift und dennoch heiß umkämpft. Heute ist das anders: Für uns bieten sich unglaublich viele attraktive Möglichkeiten und es gibt kaum noch Wettbewerb.

Also können Sie den Gründern die Konditionen diktieren?
Im Prinzip könnten wir das. Wir investieren immer Eigenkapital in Form einer Kapitalerhöhung. Das heißt: Wir bringen Geld ins Unternehmen ein und bekommen dafür Anteile. Dieses Verhältnis hat sich in den vergangenen Jahren zu unseren Gunsten verbessert. Die durchschnittliche Einstiegsbewertung ist vom vorletzten auf den letzten Fonds im Schnitt um 60 Prozent gefallen. Nach den Übertreibungen der Dotcom-Blase neigt sich das Pendel nun etwas zur anderen Seite.

Welche Rendite erwarten Sie denn konkret mit Ihren Investments?
Wir nennen keine Zahlen. Aber wir erwarten, dass die aktuellen Fonds sehr positive Ergebnisse zeigen werden.

Wenn Sie die Bedingungen so stark diktieren können, verprellen Sie dann nicht viele Gründer?
Ich denke nicht. Auch wir können und wollen die Bewertungen nur begrenzt zu Lasten der Gründer drücken. Denn letztendlich sitzen sie am längeren Hebel: Wenn die Gründer kaum noch Anteile an ihrem Unternehmen besitzen, dann ist das so, als wären sie angestellt, obwohl sie das Risiko tragen müssen – das bremst ihre Motivation. Und das wäre für ein Startup und damit auch für unser Investment der Todesstoß.

Trotzdem zahlen Sie für die Anteile nur noch halb so viel wie vor einigen Jahren. Sind die Unternehmen, in die Sie investieren, denn auch gleich gut geblieben?
Sie sind sogar besser geworden. Im letzten Fonds haben wir rund 60 Prozent des Geldes in Frühphasen-Investments gesteckt, also in ganz junge Unternehmen. Die Unternehmen, in die wir derzeit investieren, sind dagegen in der Regel deutlich reifer, das Risiko ist also bei gleichem Gewinnpotenzial geringer.

Nehmen wir an, andere Investoren denken genau wie Sie und investieren nur noch in reifere Unternehmen. Dann schneiden Sie sich doch selbst die Luftzufuhr ab: Irgendwann kommt nichts mehr nach…
Wir haben in Deutschland zwei sehr erfreuliche Entwicklungen, die für Luftzufuhr sorgen. Zum einen trägt der halb-staatliche High-Tech-Gründerfonds Früchte, der mindestens 50 Frühphasen-Investments pro Jahr vornimmt. Das reicht, um uns und die wenigen anderen Wagniskapital-Fonds mit guten Startups zu versorgen. Zum anderen gibt es heute viel mehr aktive Business Angels, die in den vergangenen Jahren mit eigenen Startups reich geworden sind und ihr Geld heute in andere, meist sehr junge Unternehmen investieren. Manchmal mischen sie als Seriengründer selbst mit und setzen eigene Ideen gemeinsam mit jungen Gründern um.

Haben solche Teams, unabhängig von der Geschäftsidee, bessere Chancen von Ihnen später Kapital zu bekommen?
Ich würde sagen ja. Serienunternehmer bringen neben ihrer unternehmerischen Erfahrung und ihres Knowhows häufig auch Geld und ein großes Netzwerk mit. Gemeinsam mit Erstgründern bilden Sie Teams mit meist ausgezeichneten Erfolgsaussichten.

Herr Brandis, Vielen Dank für das Gespräch!

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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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